ANTIDISCH
Das "Disch"
Jegliche Erfahrung von Leiden
kann man in Anlehnung an die Comic-Sprache lautmalerisch mit "DISCH"
umschreiben. Wenn man aus einem bestimmten Gesichtspunkt heraus, sich
die Welt in ihren Abläufen und geschaffenen Wirklichkeiten anschaut,
stellt man nur noch "DISCH"-Effekte fest, die bei einem selbst
verursacht werden. Die Betrachtung erzeugt einen gewissen Schauder, ja
ein Grauen. Und ich kam bald - natürlich als jugendliche Laune - zu der
Vorstellung, mich in einem apokalyptischen Gemälde zu befinden. Zu
dieser Idee gehörte es auch, dass meine Musik einen gewissen Anspruch
hatte, aber die technischen und kompositionellen Mittel dem gewiss
nicht genügten. Mir war der Mkel bewusst und dennoch wollte ich etwas
"schöpferisches tun". Es war der Gedanke: Einen Anspruch zu
verfolgen heisst nicht, dass man mit bestimmten massgeblichen
Bedingungen rechnet, sondern maan rechnet einfach das um, was einem
selbst die Musik bedeutet. Wenn die Musik "Seele" hat, so ist es egal,
ob der technische Aspekt perfekt ist oder mangelhaft.
Entweder annähernd
perfekte Technik, und das mag zufrieden stellen oder ein innerer
Gehalt, der mag ebenso zufrieden stellen. Ich bemerkte, dass aber in
dieser Ansicht auch viel Zivilisationskritik enthalten ist: denn
was bedeutet Luxus und Konsum meistens: Dass eben nur gewisse Dinge
berücksichtigt werden, aber der innere Gehalt fehlen mag.
Das Album mit dem Titel "Badlands"(zu deutsch: Ödland) ist schliesslich das Resultat dieser anfänglichen Apokalyptik-Idee (die mittelalterlichen Bilder, die die Apokalyptik als Thema hatten, trugen den aufklärerischen Gedanken in sich, die Menschen aufzurütteln). Eine Apokalypte war immer als ethische Mahnung gedacht.
Das Thema dieses Albums "Badlands" war eine letzte Pflanze auf der Erde; es gab nur noch diese eine, und der Protagonist war der einzige, der sich um diese Pflanze kümmern wollte. Aber die Planierraupen rückten unaufhörlich an und der Protagonist konnte nicht verhindern, dass die letzte Blume auf Erden vernichtet wurde - schliesslich musste der Exodus vom Planeten Erde geplant werden, die Erde war tot. Auf einem anderen Planeten wiederholte sich dann die gesamte Geschichte.
Diese letzte Blume setzte ich auch analog zur Seele. Verkümmert die Seele, stirbt sie schliesslich. Und wenn alle Seelen sterben, was für einen Sinn hätte es dann noch, einen Planeten zu bewohnen, auf dem nur noch Maschinen und automatisierte Menschen (Roboter) existieren?
Eine erste gross angelegte Suite, also ein Thema für eine Anzahl von Variationen war gefunden, aber es galt immer noch einen Projektnamen zu finden.
Die
Inhalte der Musik und ihre Themen sind stets frei von einem jedem
Idealismus oder
Rebellion. Musik drückt bloß Inhalte aus, die zum grossen Teil auf
Träumen bzw. den musikalisch entworfenen Landschaften gründen. Selbst
die oben beschriebene apokalyptische Idee beruhte doch nur auf der
Inspiration durch
das Leben.
Die Projektbezeichnung ist und bleibt nur
Beiwerk, so wie ein Nick im Internet. Aber ich
wollte trotzdem etwas erfinden, was von Gewicht war, und was vor allem
mit mir
selbst zu tun hatte, mit einem gewichtigen Thema, das für mich von
Bedeutung war - denn eine Bezeichnung, die als übergeordneter Begriff
dienen soll, macht nur in dieser Weise einen Sinn.
Die erste
übergeordnete
Bezeichnung meiner Musik lautete "Kali Yuga", und das stellte den Bezug
auf die indische Vorstellung des gegenwärtigen Zeitalters auf, das
als ein Zeitalter des Krieges, Streites, des Missgunst, Hasses und
Neides beherrscht ist.
Doch der Name vermittelte nichts eigenes.
Und
ausserdem drückte sich darin eine ethische Empörung aus, die ich
als - weil dermaßen deutlich formuliert - als nicht ganz passend für
meine Ansprüche empfand. Aber stets dachte ich, dass irgendeine
Art von Mahnung in dem Projektnamen enthalten sein sollte, eben etwas
indirekter, aber scharf konnte es ruhig sein.
Später versammelte
ich einfach die ersten Stücke, die ich in der
Musik schuf, auf einem Album mit dem Titel "Kali Yuga". Dieses
erste
Album war stilistisch sehr verspielt, und grob oder archaisch im
Vergleich mit späteren Musikstücken.
Das Antidisch
Ich
kam schliesslich zum
"Antidisch" als Projektbezeichnung, weil ich die innere Empörung in mir
satt hatte - und dennoch in der Bezeichnung "Antidisch" die gewisse
Mahnung enthalten war, die mir ja vorschwebte. Es hatte etwas vom Punk.
Aber im "Antidisch" liegen nicht nur eine Bedeutungsebene, sondern
gleich mehrere. Es ist schwer zu vermitteln, obwohl ich genau
weiss, was dahinter steckt. Der gemeinsame Nenner ist auf jeden
Fall im sozialen Kontext und dem Behaviorismus
(Konditionierungslehre) zu finden - die wichtigste Idee dabei
ist, mich selbst als Protagonisten zu definieren, der die
wesentlichste Triebkraft aller "DISCH"-Effekte negiert: nämlich den
Eindruck, ein soziales Wesen zu sein, das konditioniert wurde und sich
nicht mehr ändern könne. Die These des Behaviorismus ist nicht, dass
eine Konditionierung und damit das Leben deterministisch wären, und
vorher bestimmt, sondern man kann auch später noch jeden Reiz so
interpretieren, wie man es möchte - man konditioniert sich also in
gewisser Weise um.
Es spielt keine Rolle mehr, wer
wir sind, sondern es ist nur noch wichtig, wie wir uns selbst
definieren und uns dabei fühlen, und in welche Abhängigkeiten wir uns
sehen wollen. Sind wir ein soziales Resultat oder selbst die
Erschaffer unserer Wirklichkeit?
Aber wie sind wir geprägt worden?
Man hat uns geschlagen, und man schlägt Kinder heute noch an allen
Orten der Welt. Das bedeutet keinen geringen Faktor, weil diese
Maßnahmen im Grunde
völlig schwachsinnig sind, aber große Wirkung zeitigen. Andererseits
wird damit auch das Niveau gezeigt, welches die Kultur im Ganzen
bewirkt hat, weil meiner Meinung nach der einzelne Mensch natürlich
auch Produkt der kulturellen Werte ist.
Man stelle
sich vor, wie man einen erwachsenen Menschen eine Ohrfeige gibt, oder
einen Klapps auf den Hintern, weil er sich in einer Weise verhält, wie
es einem gerade nicht passt? Auch die Bildungssysteme und die Schule
haben uns geschlagen mit einem Lehrplan der von Sinnlosigkeit und Lügen
strotzt. Es sind Lügen, weil sie in einer Weise vorgetragen werden, als
handelte es sich bei dem System der Arbeitsgesellschaft um das
Göttlichste, was der Mensch jemals erfunden hat. Aber das Verhältnis
zwischen Sklaven und Herren, oder Armen und Reichen, oder des
Ausbeutungsverhältnisses zwischen
Zivilisation und der Natur und der Zersörung darin - das alles ist im
Grunde doch sehr schwachsinnig.
Diese uns vermittelte Schwachsinnigkeit lullt uns ein oder sorgt für
Rebellion. Aber die Rebellion wäre ungenügend, wenn sie nur bei der
Äußerung eines Widerwillens bliebe. Und gerade das ist so schwer
zu ändern. Man bleibt unfrei, obwohl man ja gerade die Zivilsation
nicht gerade
als Errungenschaft feiern möchte. Denn indem man die Zivilisation als
halbleeres Glas betrachtet, sorgt man nur weiter für einen inneren
Grund des Unbehagens und in dem Sinne bleibt in einem selbst alles beim
Alten.
Die Vorsilbe "Anti" beinhaltet eine Gegenreaktion zu allem Schwachsinn, den der Mensch, und dazu zähle ich auch, verbreiten kann. Aber natürlich ist mit diesem Ideal noch nichts erreicht, aber ein Anfang gemacht.
Es versetzt mir "DISCH"-Effekte, wenn ich mir überlege, wie sehr wir gewohnt sind, den künstlichen Wirklichkeiten, die wir Zivilisation oder Gesellschaft nennen, solchen Wert beizumessen, aber im gleichen Atemzug zum Beispiel die Wirklichkeit der Träume negieren. Denn beides ist gleichermassen beschaffen: Ein willkürliches Konstrukt. Eigentlich sollte das Individuum einen genügenden Freiraum erhalten. Aber dem ist nicht so. Man hat die Welt nicht nur in Deutschland so eingerichtet, dass das Geld und die Macht die höchsten Werte darstellen.
Im Grunde geht es aber immer nur um das eigene Selbst, das eigene Leben und nicht jeder findet im Reichtum und als Konzernchef seine Bestimmung. Eine Welt so einzurichten, dass man davon ausgeht, dass jeder reich werden soll, ist schwachsinnig, weil nicht jeder reich werden kann - in der Kunst geht es um den Ausdruck dieses Selbst und den Inhalten der lebendigen Erfahrung, und sei es nur die Erfahrung einer mit Vorstellungskraft bedingten Wirklichkeit. Und die Kunst kann kein anderes Ziel haben, sonst wäre sie schwachsinnig.
Für meine damaligen Verhältnisse
ging es
darum, die Oberflächen der
Medaillen neu zu beschriften. Das hiess, die innere Empörung
aufzugeben,
um das zu tun, was ich für richtig hielt und mich nicht mehr mit
erkannten Schwachsinn aufzuhalten - obwohl ich nun eine Sensitivität,
also ein Wissen um das Verhältnis zwischen der Welt und einem jedem
einzelnen "Ich" hatte.
Ich begann die Welt mit anderen
Augen zu sehen. Und jetzt war nicht mehr ich der Verrückte, sondern die
anderen. Wahrscheinlich ist es sogar gesund und normal, das so zu
sehen, solange man sich dabei nicht als besseren Menschen definiert. Es
geht um die Masse, es geht immer um die Masse, deren Teil man niemals
werden sollte, weil die Masse stets leicht verrückt werden kann.
Die "DISCH"-Effekte, die ich
im Angesicht des allgemeinen Unfugs um mir herum wahrnahm, spiegelten
aber nur wieder, dass ich selbst noch nicht bei mir angekommen war.
Würde ich die Welt so sein lassen können, wie sie ist, ohne mich zu
beklagen, dann wäre alles in Ordnung - denn ich empfinde ja die "Disch"-Effekte.
Aber allein die Existenznot vermittelte mir das Bedürfnis mich zu beklagen. Was wollte ich denn? Ich wollte nur Freiheit in der Zeit und Gestaltung dieser Zeit, keinen Luxus und keinen Konsum. Ist das viel, wenn man die Zeit dazu nutzt, das eigene Potential letztendlich auch für das Gemeinwohl zu entfalten versucht? Es blieb also bei dem Eindruck, nicht hinein zu passen. Also begann ich den Kampf, indem ich mit dem "Antidisch" ein Konzept der Heilung formulierte - als Äußerung war es gleichsam eine Art Spiegelung der soziopathischen Tendenzen der Gesellschaft. Ich selbst konnte mich eher heilen als wie die meisten Psychoklempner, die doch nur darauf drängen, sich in die Gesellschaft einzufügen und erst recht krank zu werden, weil man noch weiter von sich selbst entfremdet wird. Als ich um die Jahrhundertwende mit der Musik aufhörte, war ein grosser Teil des Weges geschafft. Nun strebte ich nach einer neuen Gestaltungsmöglichkeit (Malerei), da die Musik mir zu wenig verhiess, es war zu wenig profesionnell und ich erkannte das. Es fehlte die professionelle technische Aussttattung. Nun, eine professionelle Ausstattung würde auf jeden Fall eine Menge Geld verschlingen. Und ich hatte noch andere Dinge vor.
Weitere "Disch"-Effekte
Alles
was "DISCH" macht ist im Grunde etwas, was
stört. Alles was dem Leben entgegen steht, oder auch gerade fehl am
Platze für uns ist, das macht Disch. Es ist egal, ob das Disch zu
vermeiden wäre; Disch bleibt Disch; ein harter Effekt - obwohl es
eigentlich eine grosse Rolle spielt, ob jemand das Disch hätte
vermeiden können und wenn man dann näher schaut, woran das liegt, dass
es nur noch Disch macht, liegt es vielleicht an der grundsätzlichen
Gestaltung des Gesellschaftlichen, das mehr und mehr verkommt zu einem
Instrument der Auslese der besser Gestellten. Egal. Dem Disch muss was
entgegen gesetzt werden. Eine gute Lebensphilosophie nämlich.
Anti-Disch an sich aber ist falsch, weil es das Gegensätzliche enthält.
Man reibt sich dabei noch, was die ANTI-Haltung erforderlich macht.
Indem wir dieser
Wahrnehmungsqualität Nahrung zuführen, weil wir uns auf den inneren
Hund einlassen,
diesen Kläffer, werden wir die "DISCH"-Effekte niemals verhindern
können.
"Antidisch" bedeutet für mich als stinknormalen Menschen, die
Abartigkeit der eigenen Psychologie als solche zu entlarven und endlich
den Stumpfsinn in einem selbst, mit dem Traum des Selbst zu ersetzen.
Was
immer das sein soll, ist es das einzige, was menschenfreundlich zu
nennen wäre. Man muss darin natürlich das Kollektiv einschliessen und
aber aufpassen, den Einfluss zB durch Schule ideologiefrei zu
halten, was momentan ja nicht passiert (sowohl staatliche als auch
kapitalistische Ideen formieren die Schulbildung). Aber dagegen einen
Kampf zu führen oder einen Kampf dafür, es selbst endlich richtig zu
machen, ist ein Heidenunterschied.
Da das "DISCH" noch im
"Antidisch" enthalten ist, wird auch ausgedrückt, dass es so einfach
mit dem Verhindern der "DISCH"-Effekte nicht ist. Denn man wird immer
ein Auge darauf werfen müssen, ein gewisses Gleichgewicht einzunehmen
zwischen Innen und Außen. Es passiert immer etwas und man wird nie alle
Probleme gelöst haben. Aber die Grundeinstellung, die kann viele
Probleme erst gar nicht entstehen lassen.
Aber es bleibt dabei, es besteht kein Grund
mehr, Konventionen und Normalität anzustreben - diese Begriffe sind nur
noch Variablen, die man beachten kann, sofern es nicht den eigenen
Selbstausdruck zu sehr verhindert.
Meine Musik spiegelt diese Überlegungen nicht direkt wieder, die damit zusammenhängen, wie ich zum Projektnamen "Antidisch" kam. Mit obigen wird die Politik der Musik veranschaulicht. Wesentlich ist der innere Kampf geschildert, den ich in meiner Jugendzeit mit mir ausgefochten habe, und der einfach darin bestand, zu mir selbst zu kommen und auch während mancher Verliebtheiten einen Weg zu suchen ....
Jeder Künstler, der ein Werk schafft, hat in diesen gewirkten Augenblicken die Gitterstäbe aufgelöst und entwirft mit den musikalischen oder malerischen Landschaften neue Wirklichkeiten, die den Raum einnehmen, oder erweitern, der vormals durch die Gittterstäbe versperrt wurde. Leider fallen wir immer wieder zurück zu der Betätigung des Projektors, der die Gitterstäbe projiziert und glaubwürdig macht. Als sei unsere Existenz von einem Konsens abhängig, was evtl. die grösste Torheit von uns Menschen ist, uns zu sehr auf das zu verlassen, was die Gemeinheit zu denken und sagen wagt...
Zusammenfassung
Ich glaube, diese Auseinandersetzung um den freien Ausdruck, ist im Grunde ein solche gewesen, die wir alle in irgendeiner Weise führen.
Wir wollen zu uns
selbst kommen
und erkennen so manche Abgründe in der Welt oder in sozialen
Wirklichkeiten, oder in uns selbst; all dies mag in uns selbst
irgendetwas stimulieren - und kann
entweder zu Rebellionen führen oder sogar zu irgendwelchen Anpassungen.
Beides halte ich übrigens für schwachsinnig, weil es keine
eigene
Wirklichkeit bedeutet, für die wir uns frei entscheiden. Die einzig
sinnvolle Reaktion ist es, sich vorzustellen, man würde nur noch eine
einzige Sekunde zu leben haben - und wäre dann eine Rebellion oder
Anpassung irgendwie noch besonders wertvoll für diesen letzten
Augenblick? Es ist egal, ob wir uns augenscheinlich anpassen oder
rebellieren, wenn ein bestimmtes Verhalten von uns selbst entschieden wurde!
Meiner Meinung nach wird dieser Kampf am deutlichsten vielleicht in der klassischen Romantik geschildert. Es ging um die Sehnsucht, um den Idealismus, nämlich irgendetwas Bestimmtes oder Unbestimmtes für sich greifbar zu machen, und sei es eine Liebe, an die man sich gebunden fühlt oder eine Art zu sein. Jede Art von Widerständen bildet den Ton eines seelischen Schmerzes, die Reibung, die auf dem Weg entsteht.
Meine Musik beinhaltet gemalte und erfundene Wirklichkeiten eines Protagonisten, den es so nie gegeben hat. Dennoch ist es nicht von der Hand zu weisen, dass gewisse Stimmungsbilder, die ein Musiker oder Künstler entwirft, auch mit ihm selbst zu tun haben. Diese Stimmungsbilder korrespondieren mit seiner Art Erfahrung zu machen - denn diese individuelle Art setzt sich im Grunde in jedem Traum oder den mit Vorstellungskraft gemalten Wirklichkeiten fort. Nur die Eigenschaftt ein Mensch zu sein, macht diesen Selbstausdruck auch für andere nachvollziehbar.