P.D. Ouspensky; der vierte Weg; die ewige Wiederkehr des Gleichen. Ouspensky formuliert eine Theorie, wonach die einzelne Seele nicht in verschiedene Zeiten einer gleichbleibenen voranschreitenden Welt geboren wird, sondern dass die ganze Welt, wie sie existiert, mit allen einzelnen Seelen ebenso ihre Zyklen der Wiederkehr kennt.

Die ewige Wiederkehr des Gleichen

Sich Gedanken über Karma und Reinkarnation zu machen kann bald zu allen möglichen Gedanken oder Ansichten führen, deren massgebliches Kennzeichen meist darin bestehen, dass sie sich an herrschende Leitideen anpassen oder Vereinfachungen bedeuten.

Die wesentliche Aussage der folgenden Theorie besteht in der Ansicht einer (ewigen) Wiederkehr des Gleichen.  

Obwohl diese Theorie fast schon unglaublich klingt, kann sie durchaus, aus einem höheren Gesichtspunkt, wahr sein, während zugleich auf unteren Ebenen der kosmischen Schöpfungsordnung andere Zyklen bestimmend sein können.
Ein geringfügiger Nutzen in dieser rigorosen Theorie kann in dem Schock liegen, der uns mahnt, dass wir uns wirklich anstrengen müssen, um jemals aus dem tiefen Gräben unserer Neigungen zu entkommen.

Theorie der ewigen Wiederkehr des Gleichen

Die Idee, dass ein Mensch nach dem Tod sogleich und womöglich ohne grössere zeitliche Unterbrechung in ein nächstes Leben übergeht, ist wohl nur eine Vereinfachung der Idee der Wiedergeburt. Verhältnismässig einfach ist auch folgende Theorie, die man am besten konkretisiert, indem man sich den (hypothetischen) Urknall als Beginn einer Expansion des Universums vorstellt. Nach langer Zeit zieht sich das Universum wieder zusammen und schrmupft auf den ursprünglichen Punkt zusammen, aus dem es dann erneut expansiv hervorgeht. So wiederholt sich ein gigantischer Zyklus, wie die Nacht auf den Tag folgt, mit dem daran anknüpfenden Beginn eines neuen Tages. So kehrt - gemäß dieser Theorie der ewigen Wiederkehr - alles erneut wieder und es gibt mit jeder Wiederkehr dieselbe Schwierigkeit oder Leichtigkeit für uns, dieselben Umstände sogar, mit denen wir entweder für eine Richtung in unserem Leben sorgen, oder aber eine Neigung des Wiederkehrenden weiter nähren. Im Grunde haben wir ein Leben, einen kleinen Zyklus Zeit, um eine völlig neue Richtung einzuschlagen, und im Grunde geht es immer darum, das Beste aus dem zu machen, was wir sind, tun oder erkennen können.

Der Wesenskern ist entweder ein anderes Wort für Seele oder ein bestimmter Teil der Seele. Der Bewusstseinsforscher und -lehrer P.D. Ouspensky meint, dass der Wesenskern sich an die verschiedenen Leben erinnern kann, aber dass der gewöhnliche Mensch ohne besondere Schulung bzw. Selbst-Läuterung über einen "unorganisierten Wesenskern" verfügt; und es ist offensichtlich, dass die Persönlichkeit, die wir im Leben bilden, den Zugang zur Erinnerung verhindert. Aber manchmal schimmert etwas aus unseren Urgründen (Unbewusstes) auf. Es gibt Berichte, wonach ein Mensch an einen Ort kommt, der ihm seltsam vertraut war, als wäre er schon dort gewesen, obwohl das innerhalb seines hiesigen Lebens nie der Fall gewesen sein konnte, und man dabei auch einige besondere psychologische Umstände manchmal gut ausschliessen konnte, die zum Beispiel auf besondere Wahrnehmungswechsel, Halluzinationen, Deja Vues oder "Bewusstseinsbrüche" basieren.

Manchmal kann durchaus auch ein Medium einem helfen, sich zu erinnern. Meine Erfahrung ist, dass die besten Ergebnisse immer spontan auftreten, also es mag schwieriger sein, wenn man ein Medium direkt aufsuchen würde, um es zu fragen.

Allerdings schweigt Ouspensky beharrlich darüber, wie man sich die Wiederkehr der Seele konkret vorzustellen hat. Vielleicht wusste er es selbst nicht, vielleicht fand er für das Publikum nicht die richtigen Worte und wollte sich und andere nicht in diese Verlegenheit bringen, dass seine Ansichten missverstanden würden. Er spricht lediglich davon, dass "Etwas" wiederkehrt, worin Spuren aller Neigungen enthalten sind. Die Persönlichkeit, der physische Körper und der Wesenskern wird aus bestimmten Ursachen geschaffen. Wenn die Ursachen weiterhin gleich bleiben, werden dieselben Wirkungen hervorgebracht. Übertragen auf die Kette von Wiedergeburten, kann das so weit gehen, dass man in dasselbe Haus, mit denselben Eltern und Umständen geboren wird. Und vielleicht sogar dieselbe Jugendfreundin oder Freunde hat.

Hier und aus anderen Andeutungen in seinem Buch wird offensichtlich, dass Ouspenky eine solche These vertritt, in der man sich die Wiederkehr der Seele kaum so vorstellen kann, dass eine Seele im Verlauf unserer chronologischen Geschichte an verschiedenen Zeitpunkten wiederkehrt, nach dem Motto: Die Seele stirbt anno 1888 und wird 15 Jahre später also 1903, oder nach einer ähnlich grossen Zeitspanne wiedergeboren.

Das heisst, Ouspensky konstruiert eine Theorie, wonach die einzelne Seele nicht in verschiedene Zeiten einer gleichbleibenen voranschreitenden Welt geboren wird, sondern dass die ganze Welt, wie sie existiert, mit allen einzelnen Seelen ebenso ihre Zyklen der Wiederkehr kennt. Ein grosses Rad, mit vielen kleinen Rädern. Und immer wieder wird dasselbe grosse Rad gemacht, und die Seelen sind größtenteils alle dieselben kleinen Räder in dem grossen Rad. Es geht hier noch nciht mal um Gut oder Böse, weil auch das Gute auf ewig wiederkehren kann. Befreiung aus diesen Rädern kann nur geschehen, indem wir neue Ursachen setzen. Zum Beispiel kann Selbstgewahrsein oder Erleuchtung stets relativ einfach neue Ursachen setzen, oder günstige Impulse, die wir in vergangenen Leben gesetzt haben, weiter führen. Wir können auch Impulse setzen, um überhaupt einige Schritte auf dem Weg zur Erleuchtung weiter zu kommen, nur dürfen das keine einfältigen intellektuellen Überlegungen bleiben. Zum Beispiel kann ein Aufenthalt in der Natur oder ein langes Wandern schon sehr viel bewirken, um Energie und Kraft zu stimulieren, die wir hinsichtlich der Arbeit am Selbstgewahrsein einsetzen können, denn es geht oft auch um die Erkenntnis des Augenblicks, der sich im Fluß der Zeit befindet (kein Augenblick ist wie der vorherige, und doch bilden wir selbst mit unserem Zentrum und Mitte ein Gefäß für diesen Augenblick, wodurch wir im Gewahrsein der Erleuchtung nicht verloren gehen, in diesem Fluß der Zeit). Was wir in diesem Leben für uns schon tun können, kann vielleicht eine Ursache haben in einem vergangenem Leben, indem wir dort für einen wichtigen Impuls sorgten. 

An anderer Stelle spricht Ouspensky davon, dass unsere Auffassung von "Zeit" zu beschränkt sei (er schrieb das anno 1940). Es ist also durchaus wahrscheinlich, dass diese und andere Thesen nur ein Gedankenspiel bedeuten könnten, angepasst an die Kapazitäten eines Publikums.

Man kann nun einen Schritt weiterdenken, und es damit der Auffassungsgabe des Verstandes erleichtern, so dass man annimmt, dass der Urknall, der ja allgemein angenommen wird, selbst die Wiedergeburt des Universums darstellt. Nachdem vorher an einem Endpunkt der Zeit, in der das Universum existierte, alles kollabierte, wird der Prozess umgekehrt in eine erneute Expansion, und der Urknall entsteht, und wieder fällt alles zusammen und so weiter bis ad infinitum.
Die Naturwissenschaft formuliert im Grunde folgendes Bild: Aus der "Geburt des Urknalls" wächst das Universum expansiv aus einem einzigen Punkt heraus, und nach einem gewissen mehrere Billionen oder Milliarden Jahre langen Prozess schrumpft es zu diesem Punkt wieder zusammen. 

Die Sterne scheinen diesen Urknall im Kleinen zu wiederholen. Hier begreifen wir, dass es unmöglich ist, dass aus dem Nichts heraus etwas zu existieren beginnen kann. Auf der Ebene der Sterne können wir diesen Prozess beobachten: Gase werden sich zusammen ballen und durch diese Konzentration eine so starke Energie erzeugen, dass ein leuchtender Stern entsteht, der eine gewisse Zeit Bestand hat, bis dass dieser Stern und sein ihm zugeordnetes Planetensystem sich wiederum wandelt (zusammenfällt). Es ist eine interessante Frage, ob es sich um Energien handelt, die in irgendeiner Weise gespeichert werden, wodurch so etwas wie Karma oder Wiedergeburt erst denkbar wird.

Mit den verschiedenen Geburten des Universums (Urknall und Expansion, Sternengeburt und Kollaps etc.) , gibt es also einen wiederkehrenden grossen Zyklus, und wir werden in dieser Theorie stets den Platz einnehmen, den wir im letzten Zyklus verursacht haben

Nach Ouspensky schaffen die Lebewesen Neigungen, die der Entwicklung des Bewusstseins entweder entgegen stehen oder der Entwicklung und Entfaltung des Bewusstseins förderlich sind.
Ein Selbstmord ist völlig sinnlos, weil man im nächsten Zyklus wieder an denselben Punkt gerät; die Seele kennt diese Art von Resignation des persönlichen Willens auch nicht, sie muss und will jene Erfahrungen machen, die für sie bestimmt sind. Wenn die Erfahrungen ausbleiben, müssen ähnliche dennoch irgendwann gemacht werden, weil gewisse Arten von Erfahrungen, für die die Seele bestimmt ist, der Vervollständigung des Erfahrungssbestandes dienen sollen. Letztendlich dienen alle gemachten Erfahrungen der Entscheidungsfindung, die darin besteht, zu wählen, ob man hinauf ans Licht will, oder noch eine Weile in den Verhaftungen weiter existieren möchte.

Gewöhnlich ist ein Leidensdruck immer günstig, um sich zu einer Entscheidung durchzuringen. Das Stoppen der Gewohnhheiten kann nur durch Akzeptanz des Leidens verwirklicht werden, und darum sollten wir gewisse Leiden auf uns nehmen, und sie als Zeichen einer Verheissung betrachten (zB bald von den eigenen Süchten oder Gewohnheiten los gekommen zu sein). Nur sollte es kein Leiden um des Leidens willen werden (Martyrium).

Gurdjieff und Ouspensky erzeugten einen solchen Druck, auch durch die Aussagen die sie machten. Wobei man kaum sagen könnte, dass diese Aussagen Manipulationen darstellen, das sie aber zugleich meist auch der Wahrheit entsprachen.

Jede Anstrengung, sich zB um Erleuchtung oder um eine bewusste Lebensführung zu bemühen, stellt einen riesigen Fortschritt dar, weil im gewöhnlichen Leben die hauptsächliche Neigung aus der Bequemlichkeit und Stagnation besteht, auch durch die Mechanisiertheit des alltäglichen Lebens - wie Ouspensky es ausdrückt - gefördert wird. Das gewöhnliche Leben ist kurzum eine andauernde Wiederholung, aber jede bewusste Anstrengung schafft ein Gegengewicht zu dieser Starrheit. Und nur um diese Neigungen geht es. Sie verursachen den Sog der Wiederholung oder des Fortschritts der bewussten Entfaltung.

Aus Sicht von Ouspensky kann eine Änderung der äußeren Umstände, die Neigungen des Teils des Menschen, der wiedergeboren wird, niemals ändern. Die Anstrengung, die man auf sich bringen muss, kann nur über die Arbeit an sich selbst bzw. durch die Verfeinerung der Persönlichkeit vollbracht werden, und dem Loslassen als überflüssig erachteter Bewusstseinsinhalte (zB Komplexe oder fixe Vorstellungen, Einbildungen etc.). Die Persönlichkeit betrachtet Ouspensky als eine Struktur, die der Entwicklung des Bewusstseins, oder der Erfahrung des Seelischen prinzipiell entgegen steht. Sie beinhaltet all jene Neigungen, die die Mechanisiertheit des Menschen verursacht. Diese Mechanisiertheit, von der Ouspensky sehr oft spricht, ist nichts anderes als das (Un-)Bewusstsein, das im Mond gründet, und zum Beispiel all die Konditionierungen enthält, die man im Leben angenommen hat und die uns hintergründig auf eine gewisse Erlebnisart festlegen. Das Leben wiederholt sich, so wie der Mond symbolisch gesehen, als schnellster Planet - von der Erde aus gesehen-, wie kein anderer Faktor für die Wiederholung eines Zyklus steht. Aber die Persönlichkeit kann sich dafür zu interessieren beginnen, das Bewusstsein zu entfalten - hierbei ist es nur wichtig, dass das Interesse nicht nur aus intellektuellen Überlegungen herrührt. Im Volksmund sagt man: Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.

Wenn man sich unter diesen Maßstäben der ewigen Wiederholung das Karma überlegt, so besteht der ultimative Ausweg darin, Erleuchtung anzustreben. Mit der Erleuchtung kommen wir der Wahrscheinlichkeit sehr viel näher, die für unsere momentane Situation richtigen Wege zu erkennen, hier kommen wir zur Einsicht in unsere Position und die nötige oder mögliche Richtung. Wir können meist den Nebel durchdringen, der um unsere momentanen Aufgaben liegt, und uns die Entscheidung für die Richtung unseres Lebens erschwert. Wege des geringsten Widerstandes müssen immer hinterfragt werden, und in der Erleuchtung erkennen wir aber, welcher Weg des geringsten Widerstandes auch manchmal gerade richtig ist, denn einfache Entscheidungen und einfache Taten müssen nicht immer schlecht sein. Gewöhnlich bringen uns die grössten Anstrengungen aber viel weiter, wenn wir uns also zu ettwas überwinden können, das wir nur sehr ungern täten, zu dem wir aber in der Lage wären.
Allerdings wird in der Erleuchtung uns vielleicht auch klar werden, dass erst jetzt die wirkliche Arbeit am Bewusstsein und am Selbst beginnt, da zum Beispiel diverse Talente uns nun zur Lebensaufgabe werden, sie zu entwickeln. Und vor der Erleuchtung hättten wir vielleicht gar nicht erkannt, dass wir diese Talente haben, oder wie wir sie entwickeln können. Erleuchtung ist nichts anderes als die optimale Funktion von Körper, Geist und Physiologie, woraus ein Wahrnehmungszustand höchster Klarheit resultiert. An dieser Stelle will ich jedoch nicht näher auf die Erleuchtung eingehen.

Ouspensky betont, dass kleine Kinder, bis zum Alter von etwa 6 Monaten, durchaus eigenständige Gedankenbilder haben, die zum Teil nur erklärt werden können, wenn man die Wiederkehr der Seele annimmt. Er empfiehlt, den Gesichtsausdruck kleiner Kinder zu beobachten, die einen anderen Menschen so betrachten, als ob sie in einem anderen Leben bereits diesen Vorgang verinnerlicht hätten, als ob sie also die Geisteshaltung erwachsener Menschen hätten. Diese Fähigkeit aber verschwindet, sobald die Kinder beginnen die Welt um sie herum nachzuahmen, und besonders wenn sie zu sprechen beginnen.

Hinzu kommen Erinnerungen erwachsener Menschen an genau diese frühe Zeit der Kindheit, die darin übereinstimmen, eine Geisteshaltung gehabt zu haben, die keineswegs der kindlichen Geisteshaltung entsprach. Aus alle dem schliesst Ouspenksy, dass dieses Material unmöglich aus dem Nichts kommen kann.

Literatur:
P.D. Ouspensky: Der Vierte Weg; Sphinx Verlag

Weiteres über Karma und Wiedergeburt in einem Artikel über "Astrologie und Karma"

Juni 2007
Stefan Arens