Es fing an, dass im September die beiden
Türme der alten Schmiede qualmten. Aus den Schornsteinen
drang eine Menge dichter schwarzer Qualm. Immer mehr Leute
schauten da hoch. Ahnungsvoll
kam da pechkohlenschwarzer
Rauch, er fand einen Abzug durch die beiden Löcher, und der dichte
Qualm wollte an die Luft.
Als würde im Gebäude etwas verbrennen, was besser
nicht verbrennen sollte.
Es war ein Qualm, der immer bedrohlicher wurde.
Kein verheissungsvoller Anblick. Nein, überhaupt nicht.
Dieser Rauch, der sich wie eine Dunstglocke
und wie ein bedrohlicher Nebel düster unter die sowieso schon graue
Wolkendecke schob und alles noch unheimlicher machte.
Ein schwarzer Wagen kam angefahren und hielt
an. Das Auto stand da.
Es dauerte einen Moment. Eine rauschende Stille lag über den Straßen
und eine frische Brise wehte.
Eine Tür ging auf.
Sirenen begannen gleichzeitig ganz leise aus dem Tal herauf zu klingen. Ein bestialischer Gestank breitete sich aus und liess an verbrennende Chemikalien oder verbrennende Polstersofahaare erinnern.
Giftig!
Nicht gut. Scheisse, das stinkt ja richtig.
Die Sirenen wurden jetzt merklich. Und das Echo wurde lauter.
In Panzerstahleisenhüttenstadt stieg der Kanzlerkandidat der FLUP (freie liberale Universal Partei), Heribert Zachenhuber-Salatohnetopf, aus einem schwarz lackierten Auto und machte einen genervten Eindruck.
Er sah auf seine schwarz lackierten Schuhe, hob die Zehen ein
wenig und
straffte sein perlmutt-indigoblaues Jackett.
Es handelt sich um ein
Jackett, mit gelben aufgenähten Adlersymbol auf Herzhöhe.
Ein
Adler, der in goldenen Fäden eine hervorragende Stickarbeit
auf rechter Brusthöhe erkennen liess - wie sie sonst nur
hohe Würdenträger im Scheichtum Oman, oder wie sie sonst nur
bei
weiss gekleideten Golfspielern auf grünen Golfplätzen in Indien
vorkommen. Aber Zachenhuber-Salatohnetopf hatte ein dunkelblaues
Jackett an und war noch nie in Indien oder Oman.
Das Wappen an seiner Brust glänzte in der Sonne. Somit war zu erkennen, dass diese Fäden Goldfäden sein mussten. Das sah sehr elegant aus. Er strich und klatschte sich kurz über die beiden schwarz-weiss gestreiften Hosenbeine, als wollte er sie abstauben. Der Parteivorsitzende stand da. Die Autotür wurde mit einem gekonnten Schlenzer so zugeklappt, dass die Tür nicht geräuschvoll knallte, aber gleichwohl diese Autotür sicher ins Schloß klappte. Zachenhuber-Salatohnetopf sah auf den Platz, und dann zu den beiden Türmen hoch.
Zachenhuber-Salatohnetopf war mit einer hellblonden Bibliotheksarchivarin verheiratet, die früh ein politisches Buch über "die Freiheit positiv zu denken" schrieb. Sie hiess damals noch Bernadetta Salatohnetopf. Das war ein Name, für den sie auch bekannt war, wegen ihrem Buch. B.S.
Frau Zachenhuber-Salatohnetopf war nicht mitangereist zur Wahlkampfveranstaltung der FLUP.
"Da ist eine Bombe in der Fabrik explodiert", meinte ein Kind.
Es wird so fünf oder sechs gewesen sein.
Der
Vater liess die Hand des
Kindes los und blickte es an.
Die Mutter zischte dem Kind im selben
Moment zu: "Halt die Schnauze!".
Der stämmige
Vater stellte sich vor
dem Kind auf, welches zurückwich, er ging in die Hocke und schlug noch in
derselben Bewegung
seine
Tochter laut ins Gesicht, als Ohrfeige. Aber nicht zu fest klatschend. Dachte er. Um kein Aufsehen zu erregen.
Gleichzeitig
verschüttete sie ihren Becher Kola.
Das alles machte einen
lauten Lärm.
Der Vater wich erschrocken zurück, stöhnte erst. Dieser Stöhnlaut ging über in ein wütendes Kreischen, dem ein genevrtes "Ach Mann" folgte, und er wurde hektisch noch im selben Moment. Seine Glieder wackelten, während er sich sprunghaft aufrichtete, mit schlacksigen Beinen und seinem bunten rot-gelb gemusterten Flannelhemd stand er da. Und mit Sonnenbrille, die sich bei der Aktion als nicht passgenau sitzend erwies und verrutschte, dass er in einer lässigen Weise mit dem ausgestreckten Zeigefinger die Brille flott gerade rückte - und dann zackig die Tasche schüttelte und dummdreist die Polizisten anglotzte, was er aber einstellte, sobald er merkte, wie eine Flüssigkeit innen in der Tasche bewegt wurde. Er breitete nun die Papiere, die sich innen drin befanden, auf der Straße aus, um sie nacheinander mit Taschentüchern trocken zu wischen. Da heute an dieser Stelle kein Verkehr lief, störte er auch nicht den Straßenverkehr.
Der Vater befasste sich mit seiner
Aktentasche
aus dem hochwertigen Naturleder, die nicht geschlossen gewesen war.
Die
Kola war zu ungefähr einem Viertel von dem, was über den Becher quoll,
in der Aktentasche gelandet. Man muss dazu erwähnen, stand später im
Protokoll eines Polizeibeamten, dass der Becher Kola eine Megagröße
hatte und 3/4 Liter fasste. Also ein wenig landete in der
Tasche, genug um wichtige Papiere des Passanten in Mitleidenschaft zu
ziehen.
Der Rest landete auf der Straße.
Ein schmaler dunkler Litz als Öffnung,
an der Oberseite der Acktentasche, machte eine kleine TRragödie
möglich und dem Kind wurde zum Verhängnis, dass sein Vater sich
schämte, für die Leute eine so dumme kleine Tochter zu haben.
Ein
schmaler dunkler Rinnsal, führte vom Ort des Geschehens an die
Bordsteinkante und sammelte sich dort, und verlor sich im Nichts.
Also da passierte etwas, das sahen die Leute. Ein Theater war das, dass man hinschauen wollte.
So dass auch Herr Zachenhuber-Salatohnetopf mitsamt seiner Eskorte von Sicherheitsleuten aufblickten. Sie sahen dorthin. Alle hörten in der Stille Sirenen und ein Getue, und dann ein Gezeter. Man blickte ihn nun an, das wusste er.
Die Polizisten in Grün taten das ebenso und zwar spürbar neugierig und wachsam. Einige Personen der grünen Trachtengruppe hoben die Augenbrauen an.
Alle
schauten gebannt auf die Szene.
Einige Passanten auf der anderen Seite des Platzes drehten ihre Köpfe
erst zu Zachenhuber-Salatohnetopf, der gerade aus dem Auto
stieg.
Wenige
Passanten darunter drehten sich jetzt zu der kleinen Familie um, weil sie
den Blicken von Zachenhuber-Salatohnetopf folgten, und wie nun mehrere
rumstehende Passanten auch noch folgten jenen Blicken der
Sicherheitsleute
und Polizisten zu folgen, war die Bühne bereitet.
Alle schauten auf die drei verdächtig wirkenden Personen.
Alle
sahen nun, wie das Kind da rumstand: begossen wie ein Pudel schaute es
in die Pfütze oder in den Becher, so klar lässt sich das nicht
bestimmen. Und dann aber schaute sie wirklich eindeutig auf die
verschüttete Kola auf dem Boden. Ihr Gesicht machte einen traurigen
Eindruck.
Klatschend mit der flachen Hand schlug der Vater der Tochter
also eine
Ohrfeige ins Gesicht - aber nicht zu knapp.
So dass das Kind im selben
Moment ihren Becher Kola teilweise über die Tasche mit den wichtigen
Papieren ihres
Vaters verschüttete.
Insgesamt
war doch eine viel ansehnlichere Menge der klebrigen Brühe auf
den
Boden gelandet, als der Vater zuerst dachte. "Gott sei dank", denn es kam nicht alles in die Tasche. Dachte
er. Das Kind staunte und
machte nun immer mehr einen verdutzten Eindruck, als es jetzt wieder in
den Becher
schaute. Es spürte, dass die Kola auf dem Boden nur die Hälfte der
Wahrheit war, denn es war nun kaum noch was im Becher.
Doch der Vater machte Anstalten über seine wichtigen
Papiere. Das Kind ignorierte ihn. Er versuchte den zuckerklebrigen Saft
abzuschütteln, oder
wollte er jetzt die Aktentache am Bein abwischen? Die Taschentücher
waren verbraucht, er schien sich kurz umzugucken, ob er jemanden fragen
könnte.
Er
zögerte, weil er bemerkte doch nun die Blicke der vielen Leute, und die
Polizisten. Dass da so viele jetzt gucken, "hätt ich nicht gedacht",
murmelte er.
Die Mutter war aufgebracht und schrie das Kind weiter an, "... ist das schon wieder passiert! Pass doch auf du blöö-ööde Ziegäh. Mann ey!!". Als sie bemerkte, in der Stille, dass man sie hören musste, sprach sie die letzten Worte flüsternd.
Ein Passant, der gerade vorbei kam und sich weder
für den Brand, noch den FLUP-Parteivorsitzenden, den vielen
Polizisten, und auch nicht für die rumstehende Familie interessierte,
zog sich Popel durch die Nase in den Mund.
Er
ging schnell, als hätte
er ein klares Ziel. Und nebensächlich schaute er und bemerkte wo die
Blicke hingingen, quer von ihm ab. Und er schnaubte irgendwie so
komisch mit dem Rachen, als ob er Popel aus der Nase im Mund so
sammelte. Während sein Blick sich wieder dem Geradeaus widmete.
Und der Typ, der da mit raschen Schrittes vorbei ging, spukte
das jetzt aus.
Es landete in der Straße und ergab
einen nassen Fleck mit zwei drei ausufernden Strahlen auf der Straße.
Man könnte sich davor ekeln, wenn man sich vorstellte, daneben zu
stehen, etwa in dem Abstand zu der Familie.
Für sich dachte der Vater, dass da drüben
Polizisten stehen.
"Scheisse,
jetzt kommen die auch noch hierher", dachte
er.
Das Kind fing an zu heulen, als es bemerkte, wie wenig Kola jetzt noch übrig war.
Wie eine Gurke verzog sich das Gesicht des Kindes, und
es heulte immer jämmerlicher. Die Polizisten waren jetzt nahe.
"Was
soll das eigentlich immer mit deinen Witzen? Das ist doch nur ein Feuer
bei der alten Schmiede, wo jetzt ein Theater drin ist." Er dachte
weiter: Gestern abend muss die Erna, so hiess die Tochter, sicher die
Meldung im Fernsehen gehört haben, dass es Bombenwarnung in Bezug zur
Bundestagswahl gibt.
Das könne er dem Polizisten ja gut erklären.
Aber
sowas passiert doch nicht in
Panzerstahleisenhüttenstadt. Das ist doch richtig peinlich, sowas! Dass
mein Kind so dumme Sprüche klopft. Eine Bombe in Grosserhauptstadt, ja
vielleicht, aber bestimmt nicht hier. Mann, wie kann man nur so
bescheuert sein.
Das Kind heulte jämmerlich über ihre vergossene Kola.
Ein Polizist kam an und fragte den Klempner im Flanellhemd, welches aus blauen Kacheln mit grauen Linien bestand, und der da soo rumstand in seinen blauen Latzhosen... - der Polizist fragte also, warum er das Kind geschlagen hätte. Der Vater meinte: "das geht sie nichts an". Und er versuchte die klebrige Kola von einer Klarsichthülle zu entfernen, und nahm dafür seinen Ärmel.
Der
Polizist, der offensichtlich ein Afrikaner war, schaute die
Mutter an, den Vater, das Kind. Er setzte an, um einen Satz zum Vater
zu
sagen, aber suchte erst noch mit halboffenen Mund das richtige Wort.
Bekam dann aber einen Funkspruch, unterbrach sich, um also eine
Meldung raus zu
geben: "Habe verstanden 4-7-9". Er sagte dann schnell: "Also. Na gut,
Du äh - Du lässt jetzt mal locker, locker
angehen,
okay? Du , Sie? Sie machen aus einer Mücke doch keinen
Elefanten,
ja, - und Sie dürfen nicht schlagen
ihr Kind
- Ja. Das geht nicht . Das ist nicht gut." Der Polizist hielt inne und
schien zu schmunzeln, oder war am überlegen, ob er noch was dazu sagen
sollte.
"Nun zeigen Sie mir ihren
Personalausweis, alles klar?!" er sah fragend dem Mann
in blauen Latzhosen an. Insgeheimm hoffte der Afrikaner, dass er das
als Bitte und nicht als Nötigung verstanden hatte.
Der Polizeihauptkomissar rief über Funk die Wache an und fragte nach: "Ja genau. Folgend: Kufellatte Erbussross, aus Panzerstahleisenhüttenstadt."
Es dauerte einen Moment.
Der Polizist wandte sich zu dem Mann: "In Mariablutetamstrandgassenweg 43. Das sind sie?"
"Ja."
"Und das ist doch auch ihre Tochter, ja?"
Der Vater meinte, dass sei seine
Tochter. "Erna"
Es kam eine Meldung aus dem Funkgerät.
"In Ordnung, dann gehen Sie mal bitte weiter, weiter bitte."
Der
Polizist machte eine entsprechende Handbewegung. Sah sich um. Blickte
den Vater an. Der Polizist wandte sich langsam ab, als er merkte, dass
der Typ seine Tochter wieder an die Hand nahm und ihr einen süßen Kuß
gab, und ihr dann über das Haar strich.
Der
Vater machte sogleich weitere Anstalten, mit dem Kind an der Hand einen
ganz langsamen Schritt zu tun, das Kind folgte, dabei die Frau etwas zu
fragen, als wüssten sie nicht, wo sie jetzt hingehen sollen. Sie
blieben kurz stehen. "Aha, hast recht", sagte der Mann, ein weiteres
Gemurmel der Frau und der Mann: "Ja gut, das geht klar." Die Frau
flüsterte ihm noch was ins Ohr. Der Mann lachte. Der Mann sagte zu ihr:
"Weisst Du was? Ich hab auch Hunger auf Hamburger jetzt und da können
die uns jetzt ruhig folgen, das ist mir scheiss egal". Er nahm die
Tochter auf die Schultern.
Ein Blick in die Straße, sie
gingen weg.
Der
Polizist ging nun vehement weg zur Gruppe mit den anderen Polizisten,
die einsatzbereit da rum standen.
Die Tochter wurde von der Mutter weiter getröstet. In sanften süßen Worten sagte sie: "Ich habe dir das doch schon tausend Mal gesagt, dass Du den Papa nicht so dumm anquatschen sollst". Das Kind grinste aber.
Herr Zachenhuber-Salatohnetopf hatte alles mit angesehen und bekam eine bemerkenswerte Idee für die Rede heute Abend.
Aber erst mal musste man sich Klarheit verschaffen über diesen Brand. Musste das jetzt passieren? Er suchte sich einen Polizisten aus, und beauftragte ihn, herauszufinden, ob das eine Bombe war oder nur ein normaler Brand.
Währenddessen sah er den beiden Glatzen nach, die mit ihrer Tochter die Straße weiter entlang gingen, zurück zum Hamburgerladen. Ab und zu sah die Tochter zurück zu den Rauchsälen. Da kam jetzt auch die Feuerwehr, von oben, um runter ins Tal zu fahren, und das Kind musste nach vorne blicken, was es mit offenen Augen und staunend tat, um die Feuerwehrwagen an sich vorbeisausen zu sehen.
Einer, wumm, noch einer, wummm, und... das waren drei Wagen.
Feuerwehrwagen, Notarztwagen, und... - ja noch eine Feuerwehr.
Der Kanzlerkandidat meinte zu seinem Assistenten, na setzen sie mal eine Rede auf, mit dem Thema: "Dass die Bekämpfung der Jugendkriminalität nicht bereits mit sechs beginnen darf". Da schreiben sie noch folgendes wortgenau und schmücken den Rest aus, klar? Hier:
"Dass
es diese Kleinigkeiten nicht mehr gibt, darauf kommt es an. Denn an
diesen zerreibt sich die Gesellschaft.
Deshalb plädieren wir für eine neue
Front der Arbeit."
Und ist er daheim, wird er unglücklich und schlägt seine Kinder - meinte der Assistent.
"So schaffen wir die Probleme aus der Welt, indem wir den Menschen wieder Perspektiven geben und geeignete Beschäftigungsfelder."
Die Familien sind heute sowieso kaputt, das können wir eh nicht mehr ändern, gell?
Sie müssen dann natürlich auch darauf hinweisen, dass unser Programm von keiner anderen Partei gedeckt ist, und es daher wichtig ist, unsere Philosophie der Arbeit zu wählen . Um sicher zu stellen, dass es uns nicht nur um Arbeit geht, die sonst keinen Sinn machen würde, sondern um das, was die Arbeit effektiv leistet auf dat Ganze bezogen.
IllusionsverkäuferDarf ich? Und kann es auch etwas mehr sein?
Ich bringe Dir bei, wie man sich als Erwachsener verhalten muss, wie man fühlen muss, wie man handeln muss, und wonach man streben muss, auch an welche Ideale Du glauben sollst, wovon Du Dich benarren lassen sollst, und natürlich das Wichtigste: worin Du Dir die Narrenkappe überhaupt aufsetzen kannst. Ich gebe Dir alles und immer mehr. Dürfen darfst Du alles, Du darfst es auch versuchen, aber ich unterstütze Dich nicht in allem, das ist der Clou dabei. Es ist schon irgendwie verworren. Aber so bin ich. Eigentlich verweigere ich mich der Trübsal. Das ist das einzige feststehende, worin ich Dich kaum unterstützen werde.
Aber das Wunder ist: auch im tiefsten Tal der Tränen gibt es das Leben. Allein, es ist eine Freude für mich zu sehen, dass man sich reckt und sehnt... - da gucke ich nicht auf das Jammern, sondern dass sich da überhaupt etwas regt und wohin will.
Ich heisse das Leben. Und Dich bringe ich zum Leben, zur Lockerheit und Frohsinn.
Was auch gelebt wird. Das Leben brachte es Dir als Entscheidung. Denn ich sage Dir, wo es lang gehen soll. Und egal wo, da ist das Leben, Dein Leben. Du willst doch leben? Oder? Eben, deshalb bin ich so wichtig für Dich.
Du bist jetzt ein Kind.
Aber bald schon, wirst Du alles glauben. Und alle werden Dir glauben, wenn Du ihnen glaubst.
So man weiterhin nur noch den Anschein von etwas bewirken braucht, damit alle es schlucken. Das nennt sich Lebensentwurf. Ist mir egal, ob Du das nicht weisst, dass Dein Leben im grossen und ganzen eine Kopie der Leben aller ist. Das liegt nicht an mir, dass das so ist. Für mich bist du immer einzigartig genug.
Ich sage Dir: Der Schein wird schon in undeutlichsten Zügen erkannt und zu dem gemacht, was es sein soll: nämlich Realität. Damit Du es schluckst, braucht es nicht viel. Weil alle es in sich haben, eine ganze Welt, eingelegt, eingemacht: Die Utopien der Welt. Die Utopie der Gesellschaftsordnung (ihr nennt es momentan Arbeitsgesellschaft). Die Utopie der Freiheit. Die Utopie des Glücks. Alles Bedeutungen, aber keine wahre Utopie ist darunter, die wirklich die Menschen beglücken würde. Glück heisst nämlich Wohlstand. Und ihr habt verlernt auf das Leben zu hören, denn ich bin dort, wo Dein Herz ist. Wäre doch viel mehr Glück und ein reicher Schatz zu heben.
Ihr habt verlernt, dem bindungssüchtigen Teufel abzuschwören, und arbeitet für ihn statt für mich und dem Augenblick. Vor mehreren tausend Jahren war das anders. So habt Ihr auch vergessen, dass Ihr die Ketten ablegen müsst, bevor Ihr frei sein könnt. Angelegt, um das Zusammenleben zu gewährleisten. Aber es ist nur eine Notlösung. Zu schnell kamen auf einmal die Städte, und es musste Ordnung her. Als Kind nimmt man das irgendwann an, nachdem man noch einige Zeit zögerte und sich noch im Traumland aufhält. Ja: das Träumen kennt für mich kein Unterschied zur Wirklichkeit. Denn im Traum ist es genauso, als ob Du wach wärst. Und erst wenn Du aufwachst, weisst Du, dass Du geträumt hast.
Aber vor allem habt Ihr eine Utopie des Gesellschaftsvertrages. Den Du
niemals unterschrieben hast. Niemand. Denn Ihr habt nicht verstanden,
wo das wahre Leben ist, und glaubt dem Schein, der nur halb so gut ist
wie das Leben. Es spielt keine Rolle für mich, ob Ihr das Leben
innerhalb der Moral anders lebt, als es die Moral vorgibt. Aber Ihr
traut euch nicht, mir nahe zu kommen. Der ununterschriebene Vertrag,
der bindet euch zu sehr. Guckt euch an: Ihr geht doch nicht nackt auf
die Straße? Selbst wenn ihr es wolltet, weil es euch zu heiss ist. Es
wäre euch ein Verhängnis. Denn es hat Konsequenzen.
Die pralle Fülle des Lebens ist es nicht so zu handeln. Ihr guckt euch
an, und fragt euch, was es bedeuten soll. Und dann auch noch die
Scham. Ihr schämt euch, was Ihr seid oder was euch begegnet.
Entweder schämt ihr euch, oder ihr findet einen anderen peinlich.
Anstatt es hinzunehmen als Äusserung des Lebens.
Im Kern führt eure Utopie genau zu dieser Verweigerung.
Eine Utopie an sich, die ist mir eigentlich recht. Weil es Richtung gibt, für meine Strahlen der Freude und Zuversicht und weil eine heile Utopie das Jetzt wärmen kann mit Aufbruchstimmung. Utopie funktioniert auch dank mir, und Du kaufst es ihnen ab, dass sie alles dafür tun, den Glauben zu erhalten und die Utopien zu verbessern. In meinem Namen zwar, aber durchaus schlampig.
Weil ihr die Utopie des Gewollten, was zukünftig ist, als etwas Wirkliches im Jetzt begreift, und das Wirkliche ist aber völlig anders geworden und damit schafft ihr eine verlogene Scheinwirklichkeit. Da ist mir dann zu viel Schatten, als dass ich mich dort gerne aufhalte.
Früher kämpfte die Kirche, ja kämpfte, und zwar mit einer Art Kontrastellung, mit einem Gegensatz zu dieser Verlorenheit in den von euch erfundenen Wirklichkeiten. Vielleicht hat euch Jupiter geholfen oder Mars. Das sind normalerweise meine Gefährten. Mars aber, der geht oft seine eigenen Wege, und stört meine Bahnen. Manchmal verhilft er mir aber zur Wirklichkeit.
Die Kirche hat sich dann Jupiter geschnappt, statt den Mars. Weil Jupiter den grossen Entwurf verbürgt. Und ich habe das zugelassen. Dass Ihr nicht vergisst, etwas für das Gute zu tun - und nicht nur für die Kriege. Heute hat die Kirche nicht vergessen, wofür sie einst da sein sollte. Denn sie steht immer noch für den Frieden. Denn der Friede ist besser geeignet für meine herrliche Vielfalt des Lebens und ich bin der Freund aller Blumen.
Aber Ihr habt es versäumt, die Kirche zum Tempel des Herrn zu machen und der Herr, das bin ich.
Manchmal kommt der brennende Strahl hernieder, der dort Leben einhaucht, wo es zu trocken geworden ist. Und es muss manchmal Kriege und Chaos geben, weil das Leben seine Kräfte unterdrückt. Klar, man schiebt es auf mich - mich, der ich verblende den Kriegsherrn. Es ist aber Mars in Wirklichkeit, der dahinter steckt, und er geht manchmal seine eigene Wege. Sie dienen mir erst später, indem neues Leben in neuen Umständen werden kann. Das kann ich dulden, denn mein Leben ist unerschöpflich.
Ich verdorre das Gras nachdem ich es ans Licht holte. Aber ich sorge auch dafür, dass das Wasser vedunstet und nieder regnet. Damit die neue Saat keimen darf.
Vielleicht bist Du ja dankbar dafür? Dass alles so ist, wie es ist. Ich bin dankbar dafür, dass es Dich gibt - mir ist es eigentlich gleich, wer oder was Du bist. Und was Du tust. Aber dass Du bist, und dass Du etwas tust, das zählt. Selbst als Mönch, abgesperrt vom Lichte, tust Du genug schon für mich.
Ich kann Dir nicht sagen, ob Du ein Sklave bist, das musst Du selbst heraus finden. Ich weiss nur eins, mir ist es egal was Du glaubst.
Und das da drüben, ist ein Illusionsverkäufer, und der tut auch genau das, was ich ihm sage. Und Lügen verkauft der nur, weil ich ihm nicht sage, was sie bedeuten. Denn er hält sie für eine Möglichkeit, durchzukommen. Meine Bedeutungen, die ich den Dingen potentiell beigebe, ist eine Frage der Perspektive - da gibt es von mir keine Verpflichtung. So ähnlich wie ich auf der Erde an einem Ort zu unterschiedlichen Zeiten sichtbar bin am Tage, und ein anderes Mal in der Nacht nur vom Mond gespiegelt werde. Beides ist mir recht. Sogar wenn ich nicht da bin. So hält mein Flimmern und Werden an, auch während meiner vorübergehenden Abwesenheit.
Das Leben zeigte dem Kind das ganze Theater, indem es den Illusionsverkäufer sprechen liess.
Eine schöne heile Welt wurde beschrieben. Und der Illusionsverkäufer mit seinen verkauften Enttäuschungen machte gute Geschäfte für das Leben, das ja immer mehr Bedeutung erhielt, dadurch, dass Bewegung in den Laden kam, weil jetzt die Leute zwei Mal Schlange standen und sich auf der einen Seite freuten voller Hoffnungen, und auf der anderen Seite, also in der zweiten Schlange, lebendig aufregten, und sich beklagten. Dass Ihnen Hoffnungen verkauft wurden, die bald zerschlagen wurden durch meine bittere Pille der Wahrheit eines welchen Tatbestandes auch immer. So bald etwas blendet, weil es wahr ist, ist es für mich das reinste Bad der Gefühle, denn damit strahle ich, das Leben, in alle diese Lebewesen hinein. Mein Gefühl ist eher eine Emotion, eine bewegende Geste an Dein Herz gerichtet. Kein Befehl. Ein Lebensfunke, unter vielen, der als Emotion mein Feuer versprüht. Und sogar noch der Tod, kann meine Wahrheit des Lebens in einem deutlichen Kontrast noch zeigen. Denn der Tod ist ohne mich ja gar nichts.
Und wo das Leben aufhört, schlägt es sich umso grösser und stärker, umso vernichtender und brennender Bahn.
Nämlich als Schock darüber, was ein Lebender am Tod einer Hoffnung so alles sieht. Wenn Wirklichkeit gnadenlos wird, oder Zeit, die anhält und dauert, muss es einen geben, der dies beobachtet und er wird das Leben sehnen.
Und aus dem Schattenreich stieg auf, die Sonne: sich mal zu zeigen. Und wenn es nur ein krankes Verbrechen war, den Schatten abzuwerfen, der einst kam von draussen. So hast Du gelebt doch und Dir wie mir Bedeutung gegeben. Und wenn die Sonne runter gebunden war, von wem auch immer, sie reisst alles Gebundene hinfort wenn es ihr im Weg ist.
Ein Schatten, den man angenommen hatte, wird durch mich allein erkannt als Schatten. Ich bin das Licht, und so kann ich Dich führen. Ich gebe zu, dass ich Angst auf Dich geworfen habe. Aber mir geht es nicht um die Angst, sondern was sie in dir bewegt. Ich bin aber nur hier, um Leben zu machen, nicht Geschichten. Dass das alles einen Sinn hat, ist die Aufgabe eines anderen. Der steht da hinten, Jupiter, und tanzt sich einen ab vor Freude, ob dieser Glückseligkeit im Leben, und der selbst entworfenen Aussichten, was das Leben erwarten lässt. Anders wie Neptun träumt er dabei nicht ganz so tief und fest.
Ich ging auf der Straße und sie hatten Funkgeräte in den Händen.
Sie gingen
an einander vorbei und quatschten in die Funkgeräte. Sie hatten fast
immer Funkgeräte in der Tasche. Und einen Einkaufswagen. Manche zogen
ihn, die meisten schiebten.
Nur eines, dass hatten sie nicht: Diese
Gesellschaft hatte keine Mobilfunkmäste und keine Handys.
Die
Funkgeräte wurden mit Batterien angetrieben, die sie in Einkaufswagen
hinter sich her schoben. Eine grosse Antenne, sie wog fast 10 Kilo, war
am Einkaufswagen befestigt. Zusammen mit der Batterie musste man 25
Kilo hinter sich her ziehen oder vor sich her schieben.
Manche hatten dafür einen Ein Euro Jobber
aus dem Osten.
Ein Demonstrant hielt einen Einkaufswagen an und sagte, "wisst Ihr
nicht, dass die Batterien Blausäurecyanidsäure enthalten?"
Einige
lästerten und jemand sprach: "Klar, Opa, die sind seid fünfzig Jahren
verboten. Wir fahren jetzt Quecksilberplutoniumlauge durch die Gegend."
1. Einleitung (Der Erzähler)
In Herrschaftslingenhausen gab es eine alte Eiche. Die ist da am stehen. Am Rand eines kleinen quadratischen Platzes. Nebenan kreuzen sich zwei Straßen.
Ein
paar neue Leute waren in das Haus eingezogen, an der Ecke der Straße mit
der Eiche. Es sah sehr verfallen aus, das Haus.
Man konnte von dem Backsteinhaus alles sehen, was auf den kleinen Platz mit
der Eiche geschah.
Sie mussten wohl Freunde sein. Sie kannten sich aus Kungerlingenbodenbachstadt und dem Laden von Tante Erkan. Jetzt saßen sie vor der Eiche auf einer Bank und tranken Wodka mit Posaunenschmalz.
2. Ich
Ich komme aus einer der beiden Straßen. Ich gehe da jetzt hin, zu dem Platz.
Sie begrüßten mich. "Hi" (auf gut deutsch: hai! Wie gehts!?).
Hi, wie gehts.
Alles klar?
Ja, Mehmet, ich denke schon. Und wie läufts bei dir?
Geil, Bastian.
Geil, erwiderte ich.
Hast Du mal Feuer, Bastian?
Ja.
Danke. Mehmet zündete sich eine Zigarette an.
Ich nahm das Feuerzeug zurück. Alles klar. Und was macht die Musik?
Ja, super, meinte Mehmet.
3. Der Ausflug
Ich nehme euch alle mit auf eine Reise, nach
Beudobacherlhausen.
Das sagte ich. Und:
Ich habe einen Vollwagen mit aufsetzbaren Fahrgestell. Anti-Kupplung,
also mit Automatik.
Geil, meinte Mehmet. Geil, stimmte Hegelkopfstaukemacher ein.
Ja geil, sagte ich.
4. Unterwegs
Unterwegs nach Beudobacherlhausen kam ich an einer Tankstelle vorbei. Ich fuhr vorbei. Wir waren jetzt eine Stunde unterwegs.
Mehmet meinte, geil, endlich mal zu unserem Platz. Wir können Fritten bei Privatmüllerheininghof futtern, umsonst natürlich wie immer.
Hegelkopfstaukemacher sagte: Und jetzt erst mal unter die grosse Sonne.
Das hat auch was.
Echt geil, meinte Mehmet.
Ja, geil, meinten wir.
Ja, wohl? - meinte Hegelkopfstaukemacher.
Weiter meinte er: Es ist doch endlich so weit, die Sonnenbrillen aus
den Koffer zu holen.
Ich meinte, ja, denn das blendet voll. Da! - siehst Du das schon? Wie das das vorne anfängt schon zu blenden? Ich zeigte nach vorne, wo ein irres weisses Licht deutlich ahnbar wurde.
Ich hielt am Seitenstreifen an, machte den Motor aus, guckte nach vorne, nach hinten, nach vorne, nach gegenüber, und noch mal nach hinten, und stieg dann aus. Mehmet machte das Radio mit der Musik aus.
Hegelkopfstaukemacher
tat es mir nach, und stieg aus, wir stiegen alle
aus.
Wir waren ausgestiegen und gingen zum Kofferraum. Wir schauten uns um,
während Hegelkopfstaukemacher den Kofferraum öffnete, mit
meinem
Schlüßel.
Der Deckel ging knarrend auf, er guckte in den Kofferraum. Er
fing an
ein paar Sachen anzuheben, und guckte darunter. Er suchte die Tasche
mit
seinen Sonnenbrillen.
Er zog sie
unter einer anderen Tasche hervor. Er holte die Sonnenbrillen aus einer
kleinen Kiste.
Wir hatten Sonnenbrillen auf.
Als sei nichts gewesen, gingen wir wieder daran uns in den
Wagen zu setzen. Ich machte den
Motor an, und wollte weiter fahren, nachdem alle eingestiegen waren.
Ich sah in den Rückspiegel.
Ich zündete den Motor an.
Ich
lehnte mich
mal kurz nach hinten, verstellte den Sitz, und fuhr währenddessen an.
Noch einmal zurecht gerückt und dann gab ich mehr Gas.
Hegelkopfstaukemacher
meinte, das sei aber gefährlich.
Ja, aber ich fuhr ja langsam.
Im Schneckentempo. Was sogar der Wahrheit entspricht.
Sitzt du bequem?
Ja.
Geil.
Ja, geil. Ich gab noch mehr Gas und schaltete in den zweiten Gang. Mehmet rauchte eine Zigarette, Hegelkopfstaukemacher trank Bier. Und ich hörte die Musik im Radio.
Wir waren jetzt vier Kilometer gefahren und kamen unter die Atomstrahlenleuchte.
Die Sonne schien vom Himmel herab, aber beglücken tat uns nur die Atomstrahlung mit ihrer leuchtenden frohlockenden Wärme, und brachte uns zu einem Lächeln - und ich sagte mir, die Sonnenbrillen sind geil. Wir kamen an ein paar Schlampen vorbei. Nutten. Die waren ziemlich nackt, bis auf die Unterhöschen.
Bor, geil, meinte Hegelkopfstaukemacher und Mehmet sagte: Halt mal an, halt an. Ich wusste, dass meint er als Scherz, ich meinte: alles klar und wir lachten.
Ich fuhr vorsichtig an ihnen vorbei. Die eine leckte ihren Finger, die Zweite griff sich zwischen die Beine an ihre Fotze, die Dritte an die Titten. Ich schauderte. Mehmet meinte, ach du Scheisse.
Wir fuhren vorbei, Mehmet und Hegelkopfstaukemacher grinsten wie verstohlen und beinahe cool auf die Nutten. Und alle dachten sich, was für ein Film.
Ich sah dann im Rückspiegel, wie die weiter machten, als seien sie Puppen, und wie sie sich mit unserem Auto ein paar Schritte bewegten.
Wir aber hatten die Sonnenbrillen. Wir waren vorbei gefahren an drei Prostituierten am hellichten Tage unter Atomleuchtenlicht.
Ich hatte einen Ständer, und rückte meine Sonnenbrille zurecht. Mehmet meinte, die waren ja scharf.
Wir kriegten uns wieder ein. Die Atomstrahlung blendete.
Wir waren jetzt drei Kilometer gefahren.
5. Riss im Film
Das
Auto hielt mit harten Poltern an und die Sonne verwandelte sich in
einen
Holunder-Blütenstrauch.
Wie in weissem Puder getaucht, stand da jetzt
ein Holunderblütenstrauch in Esselshofersheimenhof.
Aber was war das? Meine Sonnebrille wurde weg gezogen von einem sehr grossen Staubsauger von Bollwahn. Der hatte 8500 Watt, stand da irgendwo. Schwups und weg.
Ich konnte gerade noch verhindern, dass mir das Geld aus den Taschen gesogen wurde.
Der
Mann in roter Arbeitskleidung benutzte den neuen Bollwahn 85m, der auch
mit Batterie betrieben werden konnte.
Mit 8500 Watt.
Er stand da. Am Straßenrand. Und der Staubsauger wollte mir das Geld aus den Taschen saugen. Unglaublich, der Film. Aber was war denn hier passiert?
Ein Unfall. Wir hatten einen Unfall. Die Sonnenbrillen konnten nicht verhindern, dass die Atomstrahlenleuchte da vorne uns blendete. Und Mann, was die blendet. Gar nicht auszuhalten.
Das Auto steht jetzt im Straßengraben. Und der Mann hat da gestanden, und aus Versehen den Staubsauger eingeschaltet. Einen gebrauchten Staubsauger von Bollwahn, den er gerade gekauft hatte in einem Laden in Esselshofersheimerhof. Sagte er jetzt. Vor Schreck stand er jetzt da, machte aber den Staubsauger endlich aus.
Doch der Knopf ging wieder an. Komisch. Sehr merkwürdige Sachen passieren hier.
Das Auto steht da.
Nun wurde es vom Staubsauger verschlungen. Dafür habe ich absolut keine Erklärung.
Die Straße wurde verschluckt, die ganze Asphaltdecke wurde verschluckt, sie dehnte sich, faltete sich und war weg. Die fünf Kühe wurden verschluckt, ein paar Bäume liessen noch ein paar Blätter umherwirbeln, die dann auch verschluckt wurden, die Prostituierten, dann Mehmet, Hegelkopfstaukemacher, und dann der Mann in roter Arbeitskleidung. Und ich war nun dran. Ganz sicher. Hinten aus dem Staubsauger kam Blut. Eine Fontäne roter Flüssigkeit, und sie spritze die grüne Wiese voll. Aber die Wiese wurde jetzt auch geschluckt und übrig blieb Ackerland, das begann sich jetzt abzuperlen. Einige grössere Erdklumpen rasten wie Asteroiden auf Kollisionskurs gen Staubsauger.
Ich hörte, wie der Staubsauger aus ging. Die Dreckklumpen zerplatzten in milliarden Mikropartikel und ich war jetzt ganz dreckig. Weil es irgendwie ein See geschafft hatte bis hierhin und in dem Augenblick zerplatzte, als die Erde zerplatzte.
Eine Klappe öffnete sich und eine Gestalt entwandte sich der Verpackung. Es schien in dem Ding gewohnt zu haben. Ein Tisch, der aus dem Staubsaugr kam, flog mir um die Ohren und wurde plötzlich ganz klein, als der Tisch auf dem Boden ankam. War das jetzt ein grosser oder mikrig kleiner Miniaturtisch?
Die Gestalt stand jetzt vor mir.
Er sagte, sein Name ist Karrenklastemte aus Titanenland.
Und er kommt aus einer anderen Welt und muss mir die Wahrheit zeigen.
6. Die Offenbarung
Es
gibt Illusionsverkäufer, die nicht wissen, dass sie Illusionsverkäufer
sind. Der Staubsauger zuckte mit den Achseln, er grummelte ein wenig.
Hmmm. Karrenklastemte hielt inne.
Und das war jetzt
allen
klar. Er ahnte. Wir beide ahnten. Die Vögel, die angeflogen kamen
ahnten, was kommen würde.
Ein
Traumbild. Eine Vision: Man sah es kommen. Das
war es, was wir haben: Die Vision der unmittelbaren Zukunft. Wir sind
noch nicht tot, aber diese Welt gibt es gar nicht. Und bald werden wir
aber tot sein. Ich spüre so was
merkwürdiges. Die Vision flackert: Da ist kein Schmerz, aber es ist
zuende. Ich wollte weglaufen aber es ging nicht. Karrenklastemte sah
mich an, ich sah ihn an. Wir grinsten und konnten es uns nicht
erklären. Aber was als nächstes geschah: eindeutig klar. Der
Staubsauger
verschlang sich selbst und den Nächsten, und das war
ich. Karrenklastemte kam nach.
7. Das Schicksal ist surreal
Wir werden alle sterben. Sagte da jemand. Ich musste mich erst mal orientieren. Was wollte der mir eigentlich sagen, der aus dem Titanenland kam?
Oh Gott, von einer Sekunde auf die nächste, meinte Mehmet.
Ich dachte, der wär tot.
"Wir können nichts daran ändern, nur vielleicht ein bisschen noch so rum leben", meinte Hegelkopfstaukemacher.
Wir saßen zusammen im Staubsaugerbeutel. Da war Karrenklastemte. Dem war nicht mehr so gut. Das sah man ihm an.
Wir waren nicht tot.
Bevor uns Staubsaugerbeutel beuteln, und mit einer Fliegenklatsche uns
zu Dreck zermatschen, da sind wir noch nicht tot.
Es wurde Licht im Saal.
Und alle Fliegen fielen auf der Stelle tot zu Boden, die der neue Illusionsverkäufer nun aufhob und zum Naschen weitergab. Und die Tür öffnete sich, Gott kam rein und verhaute Karrenklastemte, der sich selbst jetzt ausspukte und uns damit auch. Wir waren plötzlich wieder im Hellen. Offenbar ging der Mann mit dem Staubsauger weg und Karrenklastemte wurde hinterhergezogen, bis dass er in einem Staubsaugerdeckel verschwand.
Wir waren wieder in unserer Zeit.
8. Die drei von der Straße
So blendete uns das Atomstrahllicht, bauten mit unserem gelben Auto einen glimpflich verlaufenen Unfall, und wir liessen die Karre dann einfach im Dreck stehen.
Der rote Mann konnte machen was er wollte, seinen Staubsauger wurde er an uns nicht los. Ne.
Bor. Wie das blendete.
So
wie 2001, als man an der Tankstelle hielt, alles
durcheinander kam mit den Wassern, dem Bier, und den Träumen einer
grünen Heide.
Und als dort die ersten Atomstrahlenlaternen
aufgebaut wurden, hä? Bor, das blendet ja richtig. Hast Du was gesagt?
Wow. Wie fühle ich mich
so voller Esprit. So leicht. Muss an der Sonnenbrille liegen. Das ist
cool.
Aber jetzt, jetzt haben die überall in einem kleinen Zimmer so kleine Schäfer, sagte ich, die auf Schäfchen aufpassen.
Die kleinen Schafe sind weiss, auf einem grünen Untergrund.
Geile Sache. Hörte ich noch Mehmet sagen.
Ja. Und irgendwie... ist das aber hell jetzt. Wooo ist mein
Gedanke, ich habe ihn verloren.
Ich kann Dich nicht mehr hören, hä?
9. Epilog des Erzählers
Tja,
was sollte man machen. Sie starben fünf Stunden später am Atomlicht und
sechszehn andere taten es ihnen nach an diesem Tag in Deutschland. Es
hiess, langsam würde sich das Gehirn zersetzen, man nannte es
"Atommikrowellenstrahlung auf Flüssigkeiten Effekt". Ein unerwünschter
Nebeneffekt bei der Arbeit direkt unter Atomstrahlenleuchten, deswegen
durfte da auch keiner hin, oder nur mit Schutzkleidung und Helm. Man
glaubte bald schon, dass da irgendwelche Kriminelle
hausen mussten, weil da immer mehr Leute verschwanden. Weswegen alle,
die auf der Durchreise waren, da
auch schnell vorbei wollten.
Und andere glaubten, unter dem Licht -
wenn man es einmal aushält dabei nicht geblendet zu werden: dann würden
alle
Krankheiten geheilt.
Und man sei fit, als hätte man zehn Jahre
Fitness-Training gemacht und die Zeit lang nur Rohkost gegessen.
Fünfhundertdreissig
dieses Jahr im Januar taten sich das in Geilenkirchen an und liefen mit
Sonnenbrillen zur nächst gelegenen Atomlampensäule.
Und in den letzten
Stunden, ja Minuten versprühten sie ins Nichts wie jene Fliegen, die zu
nahe
an einem Bunsenbrenner geraten.
Mittlerweile
haben die in jeder Stadt so ein Ding aufgebaut.
Und deutschlandweit
sind
das bestimmt zehn Millionen Personen im Jahr, die mit ganz geiler Miene
(also mit lächelnden gelben Sonnenbrillen-Gesichtern) darauf los
stürzen. In das künstliche Sonnenlicht der Atomstrahlung hinein.
Fantastisch das ist. Und
die wurden lange Zeit bloß für verschollen gehalten. Dann hat das ein
Journalist herausgefunden, die Wahrheit.
Und in Esselshofersheimerhof sind es im Jahr siebentausendvierundzwanzig, die gebraten werden unter einer riesigen, geilen Atomlichtsäule. Das geht jetzt schon zehn Jahre so und wir kriegen viele, die schon über die Grenzen einmarschieren. Solch einen Sog macht das. Und der Staat lässt es geschehen. Es sei schliesslich die ganze Wirtschaft von den Dingern abhängig.
Das waren die, die zum Himmel auf Erden fliegen wollten. Das waren die ganz Schlauen, die sich das nicht ausgedacht haben, sondern den ganzen Scheiss geglaubt haben! Und weil sie so felsenfest davon überzeugt waren, weil sie alle schon Atomstrahl-sparlampen zuhause hatten, gingen auch sie ins Licht, um das zu überprüfen.
Sie wurden als vermisst gemeldet und es war natürlich egal, warum die so weg waren. Dennoch interessierte es Techniker, im Auftrag der Regierung, den Vermisstenanzeigen nachzugehen. Man stellte fest, an Atomlichtsäulen häuften sich die Anzeigen. Doch viele Techniker verschwanden dann ebenso und es stellte grosse Rätsel auf. Expertengremien wurden zusammen gerufen, Debatten geführt und Lösungen gesucht.
Seit 23.4.2041 wird jetzt Esselshofersheimerhof übrigens anders genannt. Der Ort heisst jetzt Leuchtesgarden, weil dort eine neue Atomfabrik für handliche Taschenlampen aufgemacht hat.
Diese Linie wurde jetzt knallhart und überall durchgesetzt: Dass die Suchmannschaften, die in jeder Stadt nach täglich verschwundenen Menschen suchen, auch gut ausgerüstet sind, und nicht mehr vergeblich suchten. Man meinte, dass man schneller fündig werden musste, da man erkannte, es war nur eine Frage der Zeit, dass Leute unter Atomlichtsäulen verschwanden.
Es könne besser gesucht
werden
mit Taschenlampen. Natürlich kamen noch eine Menge Suchmannschaften all
jener Angehörigen zusammen, die wissen wollten was aus ihren Männern und
Frauen geworden war und nicht den Mut fanden, eine Anzeige aufzugeben. Sie hielten die Atomstrahllampen aber
für
ungefährlich, wenn man schnell daran vorbei fährt. Ansonsten
wusste kaum jemand etwas über die Wirkung von Atomstrahllampen.
Wir
haben ja abends ab 17 Uhr kein Licht mehr. Da ist es stockdunkel, weil
man auch den Mond nicht mehr sieht, da China seit zwanzig Jahren
erfolgreich Dampfmaschinen mit Abgasverstärker exportiert hat, auch
nach Deussellandt. Die verursachen eine Dunstglocke in der Ozonschicht
auf 1285 Kilometer Höhe. Jaja, die Erdkugel hat sich in den letzten
drei Jahren um 1/3 ihrer Masse nach aussen gedehnt. Damit auch die
Atmosphäre. Das waren die Japaner, die ein neues suprageleitetes
polysynthetisches Hexagon-Gas in den Erd-Kern geblasen haben.
Wunderbarer Effekt, muss man schon sagen.
So haben wir 1/3 mehr geographischer Landmasse gewonnen.
Im Reaktorbereich wird jetzt das Licht öfter abgestellt, weil da auch ab 17 Uhr und die ganze Nacht Leute mit Taschenlampen suchen. Es kommen immer wieder Wagen an, die die Schicht ablösen wollten. Weil die Schichtarbeiter nicht mehr da waren, als die neue Schicht jeweils ankam, damit sie zurückgefahren werden konnten, wurden die Vermissten als entlassen eingestuft. Und neue Schichtarbeiter am laufenden Band eingestellt. Ein wahres Jobwunder.
Dass wir da suchen mussten, führte zu einem neuen Begriff der Atomleuchtenlampe: Atomglitzerlampe. Wir waren jetzt imstande, die Zeit anzuhalten, dann ein paar Sondereinsatzleute unter dem in der Dort-Zeit abgeschaltenen Leuchter suchen zu lassen, nach Menschen, die als verschollen galten, jeder mit Taschenlampen suchen lassen, sie rasch auf Nummer sicher gehend bald wie möglichst zurück kommen lassen, und die Zeit wieder einschaltend dann diese zur Tagesordnung übergehen zu lassen, und dann das Licht also wieder einzuschalten und aus der Zeitlosigkeit zurückzukehren. Während im selben Moment das Licht wieder ausgeschaltet wird, und andere Schichtarbeiter eingesetzt werden, die das gleiche tun.
Und das Ergebnis war, dass wir in der Lage waren, innerhalb einer Sekunde neun Suchdurchgänge zu schaffen, was die Leuchte für alle anderen, die nicht in der Zeitverschiebung waren, nämlich glitzern liess. Ohne dass Leute dabei verschwinden mussten.
Vor allem massig Atomfabrikprodukte herzustellen, das lohnt. Die verkauften sich wie Schlager. Alle wollten es haben, das grosse neue Blendwerk. Es gab Blendwerk-Tabletten, es gab Blendwerk-Dachpappen oder Computer von Blendwerk, und natürlich Rasierer von Blendwerk.
Jetzt auch für dein Baby: Die grosse atomvibrierte
Schnullerstange mit
sanft vibrierender Gaumenbefriedigung, in drei Geschwindigkeiten
einstellbar - diesmal von Bollwahn.
Freiweillige Selbstkontrolle Jugendmediengesetz: Vorgesehene Altersbeschränkung: 16 Jahre.
Alle Personen, Verbands- und Geschäftsbezeichnungen sind frei erfunden.