Autor: Stefan Arens

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geschrieben 2009

September

Es fing an, dass im September die beiden Türme der alten Schmiede qualmten. Aus den Schornsteinen drang eine Menge dichter schwarzer Qualm. Immer mehr Leute schauten da hoch. Ahnungsvoll kam da pechkohlenschwarzer Rauch, er fand einen Abzug durch die beiden Löcher, und der dichte Qualm wollte an die Luft.
Als würde im Gebäude etwas verbrennen, was besser nicht verbrennen sollte. 

Es war ein Qualm, der immer bedrohlicher wurde.
Kein verheissungsvoller Anblick. Nein, überhaupt nicht.
Dieser Rauch, der sich wie eine Dunstglocke und wie ein bedrohlicher Nebel düster unter die sowieso schon graue Wolkendecke schob und alles noch unheimlicher machte. 

Ein schwarzer Wagen kam angefahren und hielt an. Das Auto stand da.
Es dauerte einen Moment. Eine rauschende Stille lag über den Straßen und eine frische Brise wehte. 
Eine Tür ging auf.

Sirenen begannen gleichzeitig ganz leise aus dem Tal herauf zu klingen. Ein bestialischer Gestank breitete sich aus und liess an verbrennende Chemikalien oder verbrennende Polstersofahaare erinnern.

Giftig!
Nicht gut. Scheisse, das stinkt ja richtig.
Die Sirenen wurden jetzt merklich. Und das Echo wurde lauter.

In Panzerstahleisenhüttenstadt

In Panzerstahleisenhüttenstadt stieg der Kanzlerkandidat der FLUP (freie liberale Universal Partei), Heribert Zachenhuber-Salatohnetopf, aus einem schwarz lackierten Auto und machte einen genervten Eindruck.

Er sah auf seine schwarz lackierten Schuhe, hob die Zehen ein wenig und straffte sein perlmutt-indigoblaues Jackett.
Es handelt sich um ein Jackett, mit gelben aufgenähten Adlersymbol auf Herzhöhe.
Ein Adler, der in goldenen Fäden eine hervorragende Stickarbeit auf rechter Brusthöhe erkennen liess - wie sie sonst nur hohe Würdenträger im Scheichtum Oman, oder wie sie sonst nur bei weiss gekleideten Golfspielern auf grünen Golfplätzen in Indien vorkommen. Aber Zachenhuber-Salatohnetopf hatte ein dunkelblaues Jackett an und war noch nie in Indien oder Oman. 

Das Wappen an seiner Brust glänzte in der Sonne. Somit war zu erkennen, dass diese Fäden Goldfäden sein mussten. Das sah sehr elegant aus. Er strich und klatschte sich kurz über die beiden schwarz-weiss gestreiften Hosenbeine, als wollte er sie abstauben. Der Parteivorsitzende stand da. Die Autotür wurde mit einem gekonnten Schlenzer so zugeklappt, dass die Tür nicht geräuschvoll knallte, aber gleichwohl diese Autotür sicher ins Schloß klappte. Zachenhuber-Salatohnetopf sah auf den Platz, und dann zu den beiden Türmen hoch.

Zachenhuber-Salatohnetopf war mit einer hellblonden Bibliotheksarchivarin verheiratet, die früh ein politisches Buch über "die Freiheit positiv zu denken" schrieb. Sie hiess damals noch Bernadetta Salatohnetopf. Das war ein Name, für den sie auch bekannt war, wegen ihrem Buch. B.S.

Frau Zachenhuber-Salatohnetopf war nicht mitangereist zur Wahlkampfveranstaltung der FLUP.

"Da ist eine Bombe in der Fabrik explodiert", meinte ein Kind. 

Es wird so fünf oder sechs gewesen sein. 

Der Vater liess die Hand des Kindes los und blickte es an. Die Mutter zischte dem Kind im selben Moment zu: "Halt  die Schnauze!".

Der stämmige Vater stellte sich vor dem Kind auf, welches zurückwich, ging in die Hocke und schlug noch in derselben Bewegung seine Tochter laut aber nicht zu fest klatschend. 

Gleichzeitig verschüttete sie ihren Becher Kola. Das alles machte einen lauten Lärm.

Der Vater wich erschrocken zurück, stöhnte und wurde hektisch noch im selben Moment. Der Vater befasste sich mit seiner Aktentasche aus hochwertigen Leder, die nicht geschlossen gewesen war. So dass die Kola zu ungefähr einem Viertel von dem, was über den Becher quoll, in die Aktentasche hinein kam. Der Rest landete auf der Straße. 
Ein schmaler dunkler Litz als Öffnung, an der Oberseite der Acktentasche, machte dies möglich und wurde zum Verhängnis. 

Also da passierte etwas, das sahen die Leute.

So dass auch Herr Zachenhuber-Salatohnetopf mitsamt seiner Eskorte von Sicherheitsleuten aufblickten. Sie sahen dorthin.

Die Polizisten in Grün taten das ebenso und zwar spürbar neugierig und wachsam. Einige Personen der grünen Trachtengruppe hoben die Augenbrauen an. 

Alle schauten gebannt auf die Szene.
Einige Passanten drehten ihre Köpfe erst zu Zachenhuber-Salatohnetopf, der gerade aus dem Auto stieg. 
Wenige Passanten drehten sich jetzt zu der kleinen Familie um, weil sie den Blicken von Zachenhuber-Salatohnetopf folgten, und wie nun mehrere rumstehende Passanten auch noch folgten jenen Blicken der Sicherheitsleute und Polizisten.

Alle schauten auf die drei verdächtig wirkenden Personen.

Alle sahen nun, wie das Kind da rumstand: begossen wie ein Pudel schaute es in die Pfütze oder in den Becher, so klar lässt sich das nicht bestimmen. Und dann aber schaute sie wirklich eindeutig auf die verschüttete Kola auf dem Boden. Ihr Gesicht machte einen traurigen Eindruck.

Klatschend mit der flachen Hand schlug der Vater der Tochter also eine Ohrfeige ins Gesicht - aber nicht zu knapp.
So dass das Kind im selben Moment ihren Becher Kola teilweise über die Tasche mit den wichtigen Papieren ihres Vaters verschüttete.

Insgesamt war doch eine viel ansehnlichere Menge der klebrigen Brühe auf den Boden gelandet, als der Vater zuerst dachte. "Gott sei dank", dachte er. Das Kind staunte und machte nun immer mehr einen verdutzten Eindruck, als es jetzt wieder in den Becher schaute. Es spürte, dass die Kola auf dem Boden nur die Hälfte der Wahrheit war, denn es war nun gar nichts mehr im Becher.
Doch der Vater machte Anstalten über seine wichtigen Papiere. Er versuchte den zuckerklebrigen Saft abzuschütteln oder wollte er jetzt die Aktentache am Bein abwischen? Er zögerte, dann schaute er sich um und bemerkte die vielen Leute, und die Polizisten.

Die Mutter war aufgebracht und schrie das Kind weiter an, "... ist das schon wieder passiert! Pass doch auf du blööööde Ziegäh. Mann ey!!". 

Ein Passant, der gerade vorbei kam und sich weder für den Brand, noch den FLUP-Parteivorsitzenden , den vielen Polizisten, und auch nicht für die rumstehende Familie interessierte, zog sich Popel durch die Nase in den Mund. Er ging schnell, als hätte er ein klares Ziel. Und schnaubte irgendwie so komisch mit dem Rachen, als ob er Popel aus der Nase im Mund so sammelte. 

Und der Typ, der da mit raschen Schrittes vorbei ging, spukte das jetzt aus.
Es landete in der Straße und ergab einen nassen Fleck auf der Straße. Man könnte sich davor ekeln.

Für sich dachte der Vater, dass da drüben Polizisten stehen. 
"Scheisse, jetzt kommen die auch noch hierher", dachte er.

Das Kind fing an zu heulen, als es bemerkte, wie wenig Kola jetzt noch übrig war.

Wie eine Gurke verzog sich das Gesicht des Kindes, und es heulte immer jämmerlicher. Die Polizisten waren jetzt nahe.
"Was soll das eigentlich immer mit deinen Witzen? Das ist doch nur ein Feuer bei der alten Schmiede, wo jetzt ein Theater drin ist." Er dachte weiter: Gestern abend muss die Erna, so hiess die Tochter, sicher die Meldung im Fernsehen gehört haben, dass es Bombenwarnung in Bezug zur Bundestagswahl gibt. 

Das könne er dem Polizisten ja gut erklären.
Aber sowas passiert doch nicht in Panzerstahleisenhüttenstadt. Das ist doch richtig peinlich, sowas! Dass mein Kind so dumme Sprüche klopft. Eine Bombe in Grosserhauptstadt, ja vielleicht, aber bestimmt nicht hier. Mann, wie kann man nur so bescheuert sein.

Das Kind heulte jämmerlich über ihre vergossene Kola.

Ein Polizist kam an und fragte den Klempner im Flanellhemd, welches aus blauen Kacheln mit grauen Linien bestand, und der da soo rumstand in seinen blauen Latzhosen... - der Polizist fragte also, warum er das Kind geschlagen hätte. Der Vater meinte: "das geht sie nichts an". Und er versuchte die klebrige Kola von einer Klarsichthülle zu entfernen, und nahm dafür seinen Ärmel.

Der Polizist, der offensichtlich ein Afrikaner war, schaute die Mutter an, den Vater, das Kind. Er setzte an, um einen Satz zum Vater zu sagen, aber suchte erst noch mit halboffenen Mund das richtige Wort. Bekam dann aber einen Funkspruch, unterbrach sich, um also eine Meldung raus zu geben: "Habe verstanden 4-7-9". Er sagte dann schnell: "Also. Na gut, Du äh - Du lässt jetzt mal locker, locker angehen, okay?  Du , Sie? Sie machen aus einer Mücke doch keinen Elefanten, ja, - und Sie dürfen nicht schlagen ihr Kind - Ja. Das geht nicht . Das ist nicht gut." Der Polizist hielt inne und schien zu schmunzeln, oder war am überlegen, ob er noch was dazu sagen sollte.
"Nun zeigen Sie mir ihren Personalausweis, alles klar?!" er sah fragend dem Mann in blauen Latzhosen an. Insgeheimm hoffte der Afrikaner, dass er das als Bitte und nicht als Nötigung verstanden hatte.

Der Polizeihauptkomissar rief über Funk die Wache an und fragte nach: "Ja genau. Folgend: Kufellatte Erbussross, aus Panzerstahleisenhüttenstadt."

Es dauerte einen Moment.

Der Polizist wandte sich zu dem Mann: "In Mariablutetamstrandgassenweg 43. Das sind sie?" 

"Ja."

"Und das ist doch auch ihre Tochter, ja?"

Der Vater meinte, dass sei seine Tochter. "Erna"
Es kam eine Meldung aus dem Funkgerät.

"In Ordnung, dann gehen Sie mal bitte weiter, weiter bitte." Der Polizist machte eine entsprechende Handbewegung. Sah sich um. Blickte den Vater an. Der Polizist wandte sich langsam ab, als er merkte, dass der Typ seine Tochter wieder an die Hand nahm und ihr einen süßen Kuß gab, und ihr dann über das Haar strich.
Der Vater machte sogleich weitere Anstalten, mit dem Kind an der Hand einen ganz langsamen Schritt zu tun, das Kind folgte, dabei die Frau etwas zu fragen, als wüssten sie nicht, wo sie jetzt hingehen sollen. Sie blieben kurz stehen. "Aha, hast recht", sagte der Mann, ein weiteres Gemurmel der Frau und der Mann: "Ja gut, das geht klar." Die Frau flüsterte ihm noch was ins Ohr. Der Mann lachte. Der Mann sagte zu ihr: "Weisst Du was? Ich hab auch Hunger auf Hamburger jetzt und da können die uns jetzt ruhig folgen, das ist mir scheiss egal". Er nahm die Tochter auf die Schultern.
Ein Blick in die Straße, sie gingen weg.
Der Polizist ging nun vehement weg zur Gruppe mit den anderen Polizisten, die einsatzbereit da rum standen.

Die Tochter wurde von der Mutter weiter getröstet. In sanften süßen Worten sagte sie: "Ich habe dir das doch schon tausend Mal gesagt, dass Du den Papa nicht so dumm anquatschen sollst". Das Kind grinste aber.

Herr Zachenhuber-Salatohnetopf hatte alles mit angesehen und bekam eine bemerkenswerte Idee für die Rede heute Abend. 

Aber erst mal musste man sich Klarheit verschaffen über diesen Brand. Musste das jetzt passieren? Er suchte sich einen Polizisten aus, und beauftragte ihn, herauszufinden, ob das eine Bombe war oder nur ein normaler Brand.

Währenddessen sah er den beiden Glatzen nach, die mit ihrer Tochter die Straße weiter entlang gingen, zurück zum Hamburgerladen. Ab und zu sah die Tochter zurück zu den Rauchsälen. Da kam jetzt auch die Feuerwehr, von oben, um runter ins Tal zu fahren, und das Kind musste nach vorne blicken, was es mit offenen Augen und staunend tat, um die Feuerwehrwagen an sich vorbeisausen zu sehen. 

Einer, wumm, noch einer, wummm, und... das waren drei Wagen. 

Feuerwehrwagen, Notarztwagen, und... - ja noch eine Feuerwehr. 

Der Kanzlerkandidat meinte zu seinem Assistenten, na setzen sie mal eine Rede auf, mit dem Thema: "Dass die Bekämpfung der Jugendkriminalität nicht bereits mit sechs beginnen darf". Da schreiben sie noch folgendes wortgenau und schmücken den Rest aus, klar? Hier: 

"Dass es diese Kleinigkeiten nicht mehr gibt, darauf kommt es an. Denn an diesen zerreibt sich die Gesellschaft.
Deshalb plädieren wir für eine neue Front der Arbeit."

Und ist er daheim, wird er unglücklich und schlägt seine Kinder - meinte der Assistent.

"So schaffen wir die Probleme aus der Welt, indem wir den Menschen wieder Perspektiven geben und geeignete Beschäftigungsfelder."

Die Familien sind heute sowieso kaputt, das können wir eh nicht mehr ändern, gell?

Sie müssen dann natürlich auch darauf hinweisen, dass unser Programm von keiner anderen Partei gedeckt ist, und es daher wichtig ist, unsere Philosophie der Arbeit zu wählen . Um sicher zu stellen, dass es uns nicht nur um Arbeit geht, die sonst keinen Sinn machen würde, sondern um das, was die Arbeit effektiv leistet auf dat Ganze bezogen.

Illusionsverkäufer

Darf ich? Und kann es auch etwas mehr sein?

Ich bringe Dir bei, wie man sich als Erwachsener verhalten muss, wie man fühlen muss, wie man handeln muss, und wonach man streben muss, auch an welche Ideale Du glauben sollst, wovon Du Dich benarren lassen sollst, und natürlich das Wichtigste: worin Du Dir die Narrenkappe überhaupt aufsetzen kannst. Ich gebe Dir alles und immer mehr. Dürfen darfst Du alles, Du darfst es auch versuchen, aber ich unterstütze Dich nicht in allem, das ist der Clou dabei. Es ist schon irgendwie verworren. Aber so bin ich. Eigentlich verweigere ich mich der Trübsal. Das ist das einzige feststehende, worin ich Dich kaum unterstützen werde. 

Aber das Wunder ist: auch im tiefsten Tal der Tränen gibt es das Leben. Allein, es ist eine Freude für mich zu sehen, dass man sich reckt und sehnt... - da gucke ich nicht auf das Jammern, sondern dass sich da überhaupt etwas regt und wohin will.

Ich heisse das Leben. Und Dich bringe ich zum Leben, zur Lockerheit und Frohsinn.

Und wenn Du auch zum Amokläufer oder Betrüger wirst, zum Bankier oder Bankräuber. Das Leben brachte es Dir als Entscheidung. Denn ich sage Dir, wo es lang gehen soll. Und egal wo, da ist das Leben, Dein Leben. Du willst doch leben? Oder? Eben, deshalb bin ich so wichtig für Dich.

Du bist jetzt ein Kind.

Aber bald schon, wirst Du alles glauben. Und alle werden Dir glauben, wenn Du ihnen glaubst.

So man weiterhin nur noch den Anschein von etwas bewirken braucht, damit alle es schlucken. Das nennt sich Lebensentwurf. Ist mir egal, ob Du das nicht weisst, dass Dein Leben im grossen und ganzen eine Kopie der Leben aller ist. Das liegt nicht an mir, dass das so ist. Für mich bist du immer einzigartig genug. 

Ich sage Dir: Der Schein wird schon in undeutlichsten Zügen erkannt und zu dem gemacht, was es sein soll: nämlich Realität. Damit Du es schluckst, braucht es nicht viel. Weil alle es in sich haben, eine ganze Welt, eingelegt, eingemacht: Die Utopien der Welt. Die Utopie der Gesellschaftsordnung (ihr nennt es momentan Arbeitsgesellschaft). Die Utopie der Freiheit. Die Utopie des Glücks. Alles Bedeutungen, aber keine wahre Utopie ist darunter, die wirklich die Menschen beglücken würde. Glück heisst nämlich Wohlstand. Und ihr habt verlernt auf das Leben zu hören, denn ich bin dort, wo Dein Herz ist. Wäre doch viel mehr Glück und ein reicher Schatz zu heben.

Ihr habt verlernt, dem bindungssüchtigen Teufel abzuschwören, und arbeitet für ihn statt für mich und dem Augenblick. Vor mehreren tausend Jahren war das anders. So habt Ihr auch vergessen, dass Ihr die Ketten ablegen müsst, bevor Ihr frei sein könnt. Angelegt, um das Zusammenleben zu gewährleisten. Aber es ist nur eine Notlösung. Zu schnell kamen auf einmal die Städte, und es musste Ordnung her. Als Kind nimmt man das irgendwann an, nachdem man noch einige Zeit zögerte und sich noch im Traumland aufhält. Ja: das Träumen kennt für mich kein Unterschied zur Wirklichkeit. Denn im Traum ist es genauso, als ob Du wach wärst. Und erst wenn Du aufwachst, weisst Du, dass Du geträumt hast.

Aber vor allem habt Ihr eine Utopie des Gesellschaftsvertrages. Den Du niemals unterschrieben hast. Niemand. Denn Ihr habt nicht verstanden, wo das wahre Leben ist, und glaubt dem Schein, der nur halb so gut ist wie das Leben. Es spielt keine Rolle für mich, ob Ihr das Leben innerhalb der Moral anders lebt, als es die Moral vorgibt. Aber Ihr traut euch nicht, mir nahe zu kommen. Der ununterschriebene Vertrag, der bindet euch zu sehr. Guckt euch an: Ihr geht doch nicht nackt auf die Straße? Selbst wenn ihr es wolltet, weil es euch zu heiss ist. Es wäre euch ein Verhängnis. Denn es hat Konsequenzen.
Die pralle Fülle des Lebens ist es nicht so zu handeln. Ihr guckt euch an, und fragt euch, was es bedeuten soll. Und dann auch noch die Scham. Ihr schämt euch, was Ihr seid oder was euch begegnet. Entweder schämt ihr euch, oder ihr findet einen anderen peinlich. Anstatt es hinzunehmen als Äusserung des Lebens.
Im Kern führt eure Utopie genau zu dieser Verweigerung.

Eine Utopie an sich, die ist mir eigentlich recht. Weil es Richtung gibt, für meine Strahlen der Freude und Zuversicht und weil eine heile Utopie das Jetzt wärmen kann mit Aufbruchstimmung. Utopie funktioniert auch dank mir, und Du kaufst es ihnen ab, dass sie alles dafür tun, den Glauben zu erhalten und die Utopien zu verbessern. In meinem Namen zwar, aber durchaus schlampig. 

Weil ihr die Utopie des Gewollten, was zukünftig ist, als etwas Wirkliches im Jetzt begreift, und das Wirkliche ist aber völlig anders geworden und damit schafft ihr eine verlogene Scheinwirklichkeit. Da ist mir dann zu viel Schatten, als dass ich mich dort gerne aufhalte.

Früher kämpfte die Kirche, ja kämpfte, und zwar mit einer Art Kontrastellung, mit einem Gegensatz zu dieser Verlorenheit in den von euch erfundenen Wirklichkeiten. Vielleicht hat euch Jupiter geholfen oder Mars. Das sind normalerweise meine Gefährten. Mars aber, der geht oft seine eigenen Wege, und stört meine Bahnen. Manchmal verhilft er mir aber zur Wirklichkeit.

Die Kirche hat sich dann Jupiter geschnappt, statt den Mars. Weil Jupiter den grossen Entwurf verbürgt. Und ich habe das zugelassen. Dass Ihr nicht vergisst, etwas für das Gute zu tun - und nicht nur für die Kriege. Heute hat die Kirche nicht vergessen, wofür sie einst da sein sollte. Denn sie steht immer noch für den Frieden. Denn der Friede ist besser geeignet für meine herrliche Vielfalt des Lebens und ich bin der Freund aller Blumen.

Aber Ihr habt es versäumt, die Kirche zum Tempel des Herrn zu machen und der Herr, das bin ich.

Manchmal kommt der brennende Strahl hernieder, der dort Leben einhaucht, wo es zu trocken geworden ist. Und es muss manchmal Kriege und Chaos geben, weil das Leben seine Kräfte unterdrückt. Klar, man schiebt es auf mich - mich, der ich verblende den Kriegsherrn. Es ist aber Mars in Wirklichkeit, der dahinter steckt, und er geht manchmal seine eigene Wege. Sie dienen mir erst später, indem neues Leben in neuen Umständen werden kann. Das kann ich dulden, denn mein Leben ist unerschöpflich.

Ich verdorre das Gras nachdem ich es ans Licht holte. Aber ich sorge auch dafür, dass das Wasser vedunstet und nieder regnet. Damit die neue Saat keimen darf.

Vielleicht bist Du ja dankbar dafür? Dass alles so ist, wie es ist. Ich bin dankbar dafür, dass es Dich gibt - mir ist es eigentlich gleich, wer oder was Du bist. Und was Du tust. Aber dass Du bist, und dass Du etwas tust, das zählt. Selbst als Mönch, abgesperrt vom Lichte, tust Du genug schon für mich.

Ich kann Dir nicht sagen, ob Du ein Sklave bist, das musst Du selbst heraus finden. Ich weiss nur eins, mir ist es egal was Du glaubst.

Und das da drüben, ist ein Illusionsverkäufer, und der tut auch genau das, was ich ihm sage. Und Lügen verkauft der nur, weil ich ihm nicht sage, was sie bedeuten. Denn er hält sie für eine Möglichkeit, durchzukommen. Meine Bedeutungen, die ich den Dingen potentiell beigebe, ist eine Frage der Perspektive - da gibt es von mir keine Verpflichtung. So ähnlich wie ich auf der Erde an einem Ort zu unterschiedlichen Zeiten sichtbar bin am Tage, und ein anderes Mal in der Nacht nur vom Mond gespiegelt werde. Beides ist mir recht. Sogar wenn ich nicht da bin. So hält mein Flimmern und Werden an, auch während meiner vorübergehenden Abwesenheit.

Das Leben zeigte dem Kind das ganze Theater, indem es den Illusionsverkäufer sprechen liess.

Eine schöne heile Welt wurde beschrieben. Und der Illusionsverkäufer mit seinen verkauften Enttäuschungen machte gute Geschäfte für das Leben, das ja immer mehr Bedeutung erhielt, dadurch, dass Bewegung in den Laden kam, weil jetzt die Leute zwei Mal Schlange standen und sich auf der einen Seite freuten voller Hoffnungen, und auf der anderen Seite, also in der zweiten Schlange, lebendig aufregten, und sich beklagten. Dass Ihnen Hoffnungen verkauft wurden, die bald zerschlagen wurden durch meine bittere Pille der Wahrheit eines welchen Tatbestandes auch immer. So bald etwas blendet, weil es wahr ist, ist es für mich das reinste Bad der Gefühle, denn damit strahle ich, das Leben, in alle diese Lebewesen hinein. Mein Gefühl ist eher eine Emotion, eine bewegende Geste an Dein Herz gerichtet. Kein Befehl. Ein Lebensfunke, unter vielen, der als Emotion mein Feuer versprüht.

Und wo das Leben aufhört, schlägt es sich umso grösser und stärker, umso vernichtender und brennender Bahn.

Nämlich als Schock darüber, was ein Lebender am Tod einer Hoffnung so alles sieht. Wenn Wirklichkeit gnadenlos wird, oder Zeit, die anhält und dauert, muss einen geben, der dies beobachtet und er wird das Leben sehnen.

Und aus dem Schattenreich stieg auf, die Sonne: sich mal zu zeigen. Und wenn es nur ein krankes Verbrechen war, den Schatten abzuwerfen, der einst kam von draussen. So hast Du gelebt doch und Dir wie mir Bedeutung gegeben. Und wenn die Sonne runter gebunden war, von wem auch immer, sie reisst alles Gebundene hinfort wenn es ihr im Weg ist.

So schmeisst der Amokläufer und jeder andere Schwerverbrecher um sich den Schatten, den er einst angenommen. Ich bin das Licht, und kann ich Dich führen. Ich gebe zu, dass ich Angst auf Dich geworfen habe. Aber mir geht es nicht um die Angst, sondern was sie in dir bewegt. Ich bin aber nur hier, um Leben zu machen, nicht Geschichten. Dass das alles einen Sinn hat, ist die Aufgabe eines anderen. Der steht da hinten, Jupiter, und tanzt sich einen ab vor Freude, ob dieser Glückseligkeit im Leben, und Aussichten des Lebens.

Die Funkgeräte-Gesellschaft

Ich ging auf der Straße und sie hatten Funkgeräte in den Händen. 

Sie gingen an einander vorbei und quatschten in die Funkgeräte. Sie hatten fast immer Funkgeräte in der Tasche. Und einen Einkaufswagen. Manche zogen ihn, die meisten schiebten.

Nur eines, dass hatten sie nicht: Diese Gesellschaft hatte keine Mobilfunkmäste und keine Handys. 

Die Funkgeräte wurden mit Batterien angetrieben, die sie in Einkaufswagen hinter sich her schoben. Eine grosse Antenne, sie wog fast 10 Kilo, war am Einkaufswagen befestigt. Zusammen mit der Batterie musste man 25 Kilo hinter sich her ziehen oder vor sich her schieben.
Manche hatten dafür einen Ein Euro Jobber aus dem Osten.

Ein Demonstrant hielt einen Einkaufswagen an und sagte, "wisst Ihr nicht, dass die Batterien Blausäurecyanidsäure enthalten?"
Einige lästerten und jemand sprach: "Klar, Opa, die sind seid fünfzig Jahren verboten. Wir fahren jetzt Quecksilberplutoniumlauge durch die Gegend."

Eine neue Linie

1. Einleitung (Der Erzähler)

In Herrschaftslingenhausen gab es eine alte Eiche. Die ist da am stehen. Am Straßenrand.

Ein paar neue Leute waren in das Haus eingezogen an der Ecke der Straße mit der Eiche. Man konnte von dem Backsteinhaus auf den kleinen Platz mit der Eiche schauen.

Sie mussten wohl Freunde sein. Sie kannten sich aus Kungerlingenbodenbachstadt und dem Laden von Tante Erkan. Jetzt saßen sie vor der Eiche auf einer Bank und tranken Wodka mit Posaunenschmalz.

2. Ich

Ich gehe da jetzt hin.

Sie begrüßten mich. "Hi" (auf gut deutsch: hai! Wie gehts!?).

Hi, wie gehts.

Alles klar? 

Ja, Mehmet, ich denke schon. Und wie läufts bei dir?

Geil, Bastian.

Geil, erwiderte ich.

Hast Du mal Feuer, Bastian? 

Ja.

Danke. Mehmet zündete sich eine Zigarette an.

Ich nahm das Feuerzeug zurück. Alles klar. Und was macht die Musik?

Ja, super, meinte Mehmet.

3. Der Ausflug

Ich nehme euch alle mit auf eine Reise, nach Beudobacherlhausen. 
Das sagte ich. Und:
Ich habe einen Vollwagen mit aufsetzbaren Fahrgestell. Anti-Kupplung, also mit Automatik.

Geil, meinte Mehmet. Geil, stimmte Hegelkopfstaukemacher ein.

Ja geil, sagte ich.

4. Unterwegs

Unterwegs nach Beudobacherlhausen kam ich an einer Tankstelle vorbei. Ich fuhr vorbei. Wir waren jetzt eine Stunde unterwegs.

Mehmet meinte, geil, endlich mal zu unserem Platz. Wir können Fritten bei Privatmüllerheininghof futtern, umsonst natürlich wie immer.

Hegelkopfstaukemacher sagte: Und jetzt erst mal unter die grosse Sonne. 

Das hat auch was. 

Echt geil, meinte Mehmet.

Ja, geil, meinten wir.

Ja, wohl? - meinte Hegelkopfstaukemacher.
Weiter meinte er: Es ist doch endlich so weit, die Sonnenbrillen aus den Koffer zu holen.

Ich meinte, ja, denn das blendet voll. Da! - siehst Du das schon? Wie das das vorne anfängt schon zu blenden? Ich zeigte nach vorne, wo ein irres weisses Licht deutlich ahnbar wurde.

Ich hielt am Seitenstreifen an, machte den Motor aus, guckte nach vorne, nach hinten, nach vorne, nach gegenüber, und noch mal nach hinten, und stieg dann aus. Mehmet machte das Radio mit der Musik aus. 

Hegelkopfstaukemacher tat es mir nach, und stieg aus, wir stiegen alle aus.
Wir waren ausgestiegen und gingen zum Kofferraum. Wir schauten uns um, während Hegelkopfstaukemacher den Kofferraum öffnete, mit meinem Schlüßel. 
Der Deckel ging knarrend auf, er guckte in den Kofferraum. Er fing an ein paar Sachen anzuheben, und guckte darunter. Er suchte die Tasche mit seinen Sonnenbrillen.
Er zog sie unter einer anderen Tasche hervor. Er holte die Sonnenbrillen aus einer kleinen Kiste. 

Wir hatten Sonnenbrillen auf.

Als sei nichts gewesen, gingen wir wieder daran uns in den Wagen zu setzen. Ich machte den Motor an, und wollte weiter fahren, nachdem alle eingestiegen waren. Ich sah in den Rückspiegel.
Ich zündete den Motor an. 

Ich lehnte mich mal kurz nach hinten, verstellte den Sitz, und fuhr währenddessen an.
Noch einmal zurecht gerückt und dann gab ich mehr Gas. Hegelkopfstaukemacher meinte, das sei aber gefährlich. 

Ja, aber ich fuhr ja langsam.
Im Schneckentempo. Was sogar der Wahrheit entspricht.

Sitzt du bequem?

Ja. 

Geil.

Ja, geil. Ich gab noch mehr Gas und schaltete in den zweiten Gang. Mehmet rauchte eine Zigarette, Hegelkopfstaukemacher trank Bier. Und ich hörte die Musik im Radio. 

Wir waren jetzt vier Kilometer gefahren und kamen unter die Atomstrahlenleuchte.

Die Sonne schien vom Himmel herab, aber beglücken tat uns nur die Atomstrahlung mit ihrer leuchtenden frohlockenden Wärme, und brachte uns zu einem Lächeln - und ich sagte mir, die Sonnenbrillen sind geil. Wir kamen an ein paar Schlampen vorbei. Nutten. Die waren ziemlich nackt, bis auf die Unterhöschen.

Bor, geil, meinte Hegelkopfstaukemacher und Mehmet sagte: Halt mal an, halt an. Ich wusste, dass meint er als Scherz, ich meinte: alles klar und wir lachten.

Ich fuhr vorsichtig an ihnen vorbei. Die eine leckte ihren Finger, die Zweite griff sich zwischen die Beine an ihre Fotze, die Dritte an die Titten. Ich schauderte. Mehmet meinte, ach du Scheisse.

Wir fuhren vorbei, Mehmet und Hegelkopfstaukemacher grinsten wie verstohlen und beinahe cool auf die Nutten. Und alle dachten sich, was für ein Film.

Ich sah dann im Rückspiegel, wie die weiter machten, als seien sie Puppen, und wie sie sich mit unserem Auto ein paar Schritte bewegten.

Wir aber hatten die Sonnenbrillen. Wir waren vorbei gefahren an drei Prostituierten am hellichten Tage unter Atomleuchtenlicht. 

Ich hatte einen Ständer, und rückte meine Sonnenbrille zurecht. Mehmet meinte, die waren ja scharf.

Wir kriegten uns wieder ein. Die Atomstrahlung blendete. 

Wir waren jetzt drei Kilometer gefahren.

5. Riss im Film

Das Auto hielt mit harten Poltern an und die Sonne verwandelte sich in einen Holunder-Blütenstrauch.
Wie in weissem Puder getaucht, stand da jetzt ein Holunderblütenstrauch in Esselshofersheimenhof. 

Aber was war das? Meine Sonnebrille wurde weg gezogen von einem sehr grossen Staubsauger von Vollwerk. Der hatte 8500 Watt, stand da irgendwo. Schwups und weg.

Ich konnte gerade noch verhindern, dass mir das Geld aus den Taschen gesogen wurde.

Der Mann in roter Arbeitskleidung benutzte den neuen Vollwerk 85m, der auch mit Batterie betrieben werden konnte.
Mit 8500 Watt. 

Er stand da. Am Straßenrand. Und der Staubsauger wollte mir das Geld aus den Taschen saugen. Unglaublich, der Film. Aber was war denn hier passiert?

Ein Unfall. Wir hatten einen Unfall. Die Sonnenbrillen konnten nicht verhindern, dass die Atomstrahlenleuchte da vorne uns blendete. Und Mann, was die blendet. Gar nicht auszuhalten.

Das Auto steht jetzt im Straßengraben. Und der Mann hat da gestanden, und aus Versehen den Staubsauger eingeschaltet. Einn gebrauchten Staubsauger von Vollwerk,den er gerade gekauft hatte in einem Laden in Esselshofersheimerhof. Sagte er jetzt. Vor Schreck stand er jetzt da, machte aber den Staubsauger endlich aus. 

Doch der Knopf ging wieder an. Komisch. Sehr merkwürdige Sachen passieren hier.

Das Auto steht da.

Nun wurde es vom Staubsauger verschlungen. Dafür habe ich absolut keine Erklärung.

Die Straße wurde verschluckt, die ganze Asphaltdecke wurde verschluckt, sie dehnte sich, faltete sich und war weg. Die fünf Kühe wurden verschluckt, ein paar Bäume liessen noch ein paar Blätter umherwirbeln, die dann auch verschluckt wurden, die Prostituierten, dann Mehmet, Hegelkopfstaukemacher, und dann der Mann in roter Arbeitskleidung. Und ich war nun dran. Ganz sicher. Hinten aus dem Staubsauger kam Blut. Eine Fontäne roter Flüssigkeit, und sie spritze die grüne Wiese voll. Aber die Wiese wurde jetzt auch geschluckt und übrig blieb Ackerland, das begann sich jetzt abzuperlen. Einige grössere Erdklumpen rasten wie Asteroiden auf Kollisionskurs gen Staubsauger.

Ich hörte, wie der Staubsauger aus ging. Die Dreckklumpen zerplatzten in milliarden Mikropartikel und ich war jetzt ganz dreckig. Weil es irgendwie ein See geschafft hatte bis hierhin und in dem Augenblick zerplatzte, als die Erde zerplatzte.

Eine Klappe öffnete sich und eine Gestalt entwandte sich der Verpackung. Es schien in dem Ding gewohnt zu haben. Ein Tisch, der aus dem Staubsaugr kam, flog mir um die Ohren und wurde plötzlich ganz klein, als der Tisch auf dem Boden ankam. War das jetzt ein grosser oder mikrig kleiner Miniaturtisch?

Die Gestalt stand jetzt vor mir.
Er sagte, sein Name ist Karrenklastemte aus Titanenland.

Und er kommt aus einer anderen Welt und muss mir die Wahrheit zeigen.

6. Die Offenbarung

Es gibt Illusionsverkäufer, die nicht wissen, dass sie Illusionsverkäufer sind. Der Staubsauger zuckte mit den Achseln, er grummelte ein wenig. Hmmm. Karrenklastemte hielt inne.
Und das war jetzt allen klar. Er ahnte. Wir beide ahnten. Die Vögel, die angeflogen kamen ahnten, was kommen würde.
Ein Traumbild. Eine Vision: Man sah es kommen. Das war es, was wir haben: Die Vision der unmittelbaren Zukunft. Wir sind noch nicht tot, aber diese Welt gibt es gar nicht. Und bald werden wir aber tot sein. Ich spüre so was merkwürdiges. Die Vision flackert: Da ist kein Schmerz, aber es ist zuende. Ich wollte weglaufen aber es ging nicht. Karrenklastemte sah mich an, ich sah ihn an. Wir grinsten und konnten es uns nicht erklären. Aber was als nächstes geschah: eindeutig klar. Der Staubsauger verschlang sich selbst und den Nächsten, und das war ich. Karrenklastemte kam nach.

7. Das Schicksal ist surreal

Wir werden alle sterben. Sagte da jemand. Ich musste mich erst mal orientieren. Was wollte der mir eigentlich sagen, der aus dem Titanenland kam?

Oh Gott, von einer Sekunde auf die nächste, meinte Mehmet. 

Ich dachte, der wär tot.

"Wir können nichts daran ändern, nur vielleicht ein bisschen noch so rum leben", meinte Hegelkopfstaukemacher.

Wir saßen zusammen im Staubsaugerbeutel. Da war Karrenklastemte. Dem war nicht mehr so gut. Das sah man ihm an.

Wir waren nicht tot. Bevor uns Staubsaugerbeutel beuteln, und mit einer Fliegenklatsche uns zu Dreck zermatschen, da sind wir noch nicht tot. 

Es wurde Licht im Saal. 

Und alle Fliegen fielen auf der Stelle tot zu Boden, die der neue Illusionsverkäufer nun aufhob und zum Naschen weitergab. Und die Tür öffnete sich, Gott kam rein und verhaute Karrenklastemte, der sich selbst jetzt ausspukte und uns damit auch. Wir waren plötzlich wieder im Hellen. Offenbar ging der Mann mit dem Staubsauger weg und Karrenklastemte wurde hinterhergezogen, bis dass er in einem Staubsaugerdeckel verschwand. 

Wir waren wieder in unserer Zeit.

8. Die drei von der Straße

So blendete uns das Atomstrahllicht, bauten mit unserem gelben Auto einen glimpflich verlaufenen Unfall, und wir liessen die Karre dann einfach im Dreck stehen.

Der rote Mann konnte machen was er wollte, seinen Staubsauger wurde er an uns nicht los. Ne.

Bor. Wie das blendete. 

So wie 2001, als man an der Tankstelle hielt, alles durcheinander kam mit den Wassern, dem Bier, und den Träumen einer grünen Heide.
Und als dort die ersten Atomstrahlenlaternen aufgebaut wurden, hä? Bor, das blendet ja richtig. Hast Du was gesagt? Wow. Wie fühle ich mich so voller Esprit. So leicht. Muss an der Sonnenbrille liegen. Das ist cool.

Aber jetzt, jetzt haben die überall in einem kleinen Zimmer so kleine Schäfer, sagte ich, die auf Schäfchen aufpassen. 

Die kleinen Schafe sind weiss, auf einem grünen Untergrund.

Geile Sache. Hörte ich noch Mehmet sagen.

Ja. Und irgendwie... ist das aber hell jetzt. Wooo ist mein Gedanke, ich habe ihn verloren.
Ich kann Dich nicht mehr hören, hä?

9. Epilog des Erzählers

Tja, was sollte man machen. Sie starben fünf Stunden später am Atomlicht und sechszehn andere taten es ihnen nach an diesem Tag in Deutschland. Es hiess, langsam würde sich das Gehirn zersetzen, man nannte es "Atommikrowellenstrahlung auf Flüssigkeiten Effekt". Ein unerwünschter Nebeneffekt bei der Arbeit direkt unter Atomstrahlenleuchten, deswegen durfte da auch keiner hin, oder nur mit Schutzkleidung und Helm. Man glaubte bald schon, dass da irgendwelche Kriminelle hausen mussten, weil da immer mehr Leute verschwanden. Weswegen alle, die  auf der Durchreise waren, da auch schnell vorbei wollten.

Und andere glaubten, unter dem Licht -  wenn man es einmal aushält dabei nicht geblendet zu werden: dann würden alle Krankheiten geheilt.
Und man sei fit, als hätte man zehn Jahre Fitness-Training gemacht und die Zeit lang nur Rohkost gegessen.

Fünfhundertdreissig dieses Jahr im Januar taten sich das in Geilenkirchen an und liefen mit Sonnenbrillen zur nächst gelegenen Atomlampensäule.
Und in den letzten Stunden, ja Minuten versprühten sie ins Nichts wie jene Fliegen, die zu nahe an einem Bunsenbrenner geraten.

Mittlerweile haben die in jeder Stadt so ein Ding aufgebaut.
Und deutschlandweit sind das bestimmt zehn Millionen Personen im Jahr, die mit ganz geiler Miene (also mit lächelnden gelben Sonnenbrillen-Gesichtern) darauf los stürzen. In das künstliche Sonnenlicht der Atomstrahlung hinein. Fantastisch das ist. Und die wurden lange Zeit bloß für verschollen gehalten. Dann hat das ein Journalist herausgefunden, die Wahrheit.

Und in Esselshofersheimerhof sind es im Jahr siebentausendvierundzwanzig, die gebraten werden unter einer riesigen, geilen Atomlichtsäule. Das geht jetzt schon zehn Jahre so und wir kriegen viele, die schon über die Grenzen einmarschieren. Solch einen Sog macht das. Und der Staat lässt es geschehen. Es sei schliesslich die ganze Wirtschaft von den Dingern abhängig.

Das waren die, die zum Himmel auf Erden fliegen wollten. Das waren die ganz Schlauen, die sich das nicht ausgedacht haben, sondern den ganzen Scheiss geglaubt haben! Und weil sie so felsenfest davon überzeugt waren, weil sie alle schon Atomstrahl-sparlampen zuhause hatten, gingen auch sie ins Licht, um das zu überprüfen. Sie wurden als vermisst gemeldet und es war natürlich egal, warum das so war. Weil wir ja eine FLUP-Regierung vor zehn Jahren hatten, haben wir das Gesetz der Selbstbestimmung und rigoroser Datenschutz. Deshalb ist ein Einspruch nötig, was die Angehörigen zwar tun können, aber sie würden ihr Erbe verlieren, wenn sie zu Schadensersatzansprüchen gezwungen wären. Deshalb erheben sie keinen Einspruch auf Einstellung der Verfahren, die nämlilch aufklären sollen, warum jemand vermisst wird, oder was aus ihm geworden sein könnte.

Seit 23.4.2041 wird jetzt Esselshofersheimerhof anders genannt. Der Ort heisst jetzt Leuchtesgarden, weil dort eine neue Atomfabrik für Taschenlampen aufgemacht hat.

Diese Linie wurde jetzt knallhart und überall durchgesetzt: Dass die Suchmannschaften, die in jeder Stadt nach täglich verschwundenen Menschen suchen, auch gut ausgerüstet, und nicht mehr vergeblich suchten; so meinte man, weil nicht jeder Mensch für diesen Fall eine Taschenlampen hatte, könne besser gesucht werden mit Taschenlampen. Natürlich kamen noch eine Menge Suchmannschaften all jener Angehörigen zusammen,die wissen wollten was aus ihren Männern und Frauen geworden war.  Sie hielten die Atomstrahllampen aber für ungefährlich, wenn man schnell daran  vorbei fährt. Ansonsten wusste kaum jemand etwas über die Wirkung von Atomstrahllampen.

 Wir haben ja abends ab 17 Uhr kein Licht mehr. Da ist es stockdunkel, weil man auch den Mond nicht mehr sieht, da China seit zwanzig Jahren erfolgreich Dampfmaschinen mit Abgasverstärker exportiert hat, auch nach Deussellandt. Die verursachen eine Dunstglocke in der Ozonschicht auf 1285 Kilometer Höhe. Jaja, die Erdkugel hat sich in den letzten drei Jahren um 1/3 ihrer Masse nach aussen gedehnt. Damit auch die Atmosphäre. Das waren die Japaner, die ein neues suprageleitetes polysynthetisches Hexagon-Gas in den Erd-Kern geblasen haben. Wunderbarer Effekt, muss man schon sagen.
So haben wir 1/3 mehr geographischer Landmasse gewonnen.

Im Reaktorbereich wird jetzt das Licht öfter abgestellt, weil da auch ab 17 Uhr und die ganze Nacht Leute mit Taschenlampen suchen. Es kommen immer wieder Wagen an, die die Schicht  ablösen wollten. Weil die  Schichtarbeiter nicht mehr da waren, als die neue Schicht jeweils ankam, damit sie zurückgefahren werden konnten, wurden die Vermissten als entlassen eingestuft. Und neue Schichtarbeiter am laufenden Band eingestellt. Ein wahres Jobwunder.

Dass wir da suchen mussten, führte zu einem neuen Begriff der Atomleuchtenlampe: Atomglitzerlampe. Wir waren jetzt imstande, die Zeit anzuhalten, dann ein paar Sondereinsatzleute unter dem in der Dort-Zeit abgeschaltenen Leuchter suchen zu lassen, nach Menschen, die als verschollen galten, jeder mit Taschenlampen suchen lassen, sie rasch auf Nummer sicher gehend bald wie möglichst zurück kommen lassen, und die Zeit wieder einschaltend dann diese zur Tagesordnung übergehen zu lassen, und dann das Licht also wieder einzuschalten und aus der Zeitlosigkeit zurückzukehren. Während im selben Moment das Licht wieder ausgeschaltet wird, und andere Schichtarbeiter eingesetzt werden, die das gleiche tun.  

Und das Ergebnis war, dass wir in der Lage waren, innerhalb einer Sekunde neun Durchgänge zu schaffen, was die Leuchte für alle anderen, die nicht in der Zeitverschiebung waren, nämlich glitzern liess. 

Vor allem massig Atomfabrikprodukte herzustellen, das lohnt. Die verkauften sich wie Schlager. Alle wollten es haben, das grosse neue Blendwerk. Es gab Blendwerk-Tabletten, es gab Blendwerk-Dachpappen oder Computer von Blendwerk, und natürlich Rasierer von Blendwerk.

Jetzt auch für dein Baby: Die grosse atomvibrierte Schnullerstange mit sanft vibrierender Gaumenbefriedigung, in drei Geschwindigkeiten einstellbar - diesmal von Vollwerk.

Die Offenbarung des David

Und der Tempel war voller Rauch der Herrlichkeit Gottes und seiner Kraft. Niemand konnte in den Tempel gehen, bis die sieben Plagen der sieben Vermittler, die vom Licht gesandt wurden, vollendet wurden.

In sieben Stufen vollendet sich die Reinigung, ergiesst sich der Gestank des Zornes, der Pfurz des Zeus, des Lichtvollsten aller Götter, und der Gott sagt uns damit: "So ist das nun mal, ich bin zornig auf die, die mir nicht nachkommen. Aber das habe ich lange zuvor beschloßen, ihr habt und hattet die Wahl".

Und der Tempel füllte sich mit Heerscharen. Sie, die aus der Höhle kamen, herauf: aus des Totengruft von Plutohöhlenhades. Sie waren ausgeladen, denn Plutohöhlenhades meinte: "Es ist noch nicht so weit, raus mit euch." Und sie, die aus der Höhle kamen, wo sie angekettet waren zu sehen den erinnerungsfressenden Adler, an dem sie nicht vorbei kamen, sie wussten nun, dieser Adler war eine Projektion, die geschaffen wurde, um die ersten Gläubigen zu züchtigen und den Weg zu weisen. 

Der Adler baut sich in Wahrheit als Wächter am Tor der Freiheit vor denen auf, die dieses Tor passieren wollen. Und wenn er ihre Erinnerungen frißt, und die Leute deshalb Angst haben, werden sie zurückgeschickt, weil sie dann nicht das Gütesiegel der Reinheit tragen. Womit klar wäre, dass sie durch das Tor der Freiheit können.

Nun ist es also, dass der Tempel voller Leute ist, die begriffen haben, dass alles nur ein Traum ist, und die Inhalte vergänglich. In sieben Stufen rattert das Senserad einmal herum um zu klären, dass der Weg nur ins Licht führen kann. David auf seinem Thron lehnte sich zurück. Dann sprach er zu den Leuten. 

"Ich weiss wo es lang geht. Aber mir könnt ihr nicht vertrauen, denn ihr müsst euch selbst von der Wahrheit überzeugen." Damit endet die Offenbarung des David, der gelehrt hat, dass die Wahrheit immer nahe ist, und dass manche von der Wahrheit erschlagen werden könnten, so blind sind sie.

Da steht jemand. Ich. Die Wahrheit kommt. Ich gucke mal kurz auf. Was ist das?
Ein hammerharter Balken, schwarz wie eine Form, ja es ist eine Form, aber irgendwie formlos, aber rechteckig meine ich. Und es wirkt bedrohlich, einschüchternd. Und plötzlich taucht eine Motorsäge, zwei Gewehrkugeln, eine Axt, drei Baseballschläger und eine Militärrakete aus dem Nebel des Rechtecks auf und dieser Jemand, der da stand, der steht da nicht mehr. Die Wahrheit hat ihn umgebracht - da er nicht wusste , wie es ihm geschah: floh ihm der Tag. In Wirklichkeit ist das natürlich eine Legende, dass aus dem Rechteck eine Motorsäge raus kam. Aber die Erscheinung ging nicht hinweg, ohne dass sie genommen hatte von seinem Licht.

[2009]