Das Besondere an dem Tag war, dass ich aus der Bank heraus kam.
Mit Bargeld in der Hosentasche hat man
einige
Optionen, hat man Aussichten.
Ich habe sonst nur sehr wenig Geld in der Tasche.
Guter Laune schlenderte ich nun dem Supermarkt entgegen. Doch vorher wollte ich mir Zigaretten kaufen, und zwar eine Marke, die es im Supermarkt nicht gibt.
Hinein in die dämmrige und von Laternen beleuchtete Straßenzone, kam ich aus dem Kiosk. Mir kam jemand verdächtig nahe. Wer wer das überhaupt?
"Hör zu", sein
Atem roch nach derben Alkohol, seine trüben
aber eindringlichen Augen versuchten mich zu fixieren.
"Ich muss dir was
erzählen - aber zuerst musst du
mir aus dem Laden dort was kaufen." Er zeigte auf
den Supermarkt.
Ich kannte diesen Spruch. Von ihm und den anderen, den ich auf meinem Weg bislang begegnet bin.
Ich lasse mich an solchen Tagen auf solche Typen ein, weil diese Begegnungen mit Alkoholikern ohne Verbindlichkeit sind, und sie mich deshalb nicht sonderlich abstossen.
Es wird eine
Rolle spielen, dass ich mit solchen Leuten zunächst gut auskomme.
Möglicherweise gibt es auch eine geheime Verbundenheit, weil solche
Leute ausgestossen sind, wie ich es für mich in einer fernen Ecke
meines eigenen Ichs manchmal ebenso empfinde. Oder weil ich
früher Gelegenheits-Alkoholiker war. Ich habe mal gehört, es gäbe
sowieso
einen inneren Alkoholiker, ebenso wie einen inneren Schweinehund - in
meiner Ausbildung zum Elektriker gab es einen Alkoholiker, der soff
nicht mehr. Aber er verkörperte in seiner Eigenart immer noch irgendwie
den Grund, warum er getrunken hat. Man merkt das.
Und als ich mich schliesslich als Maler versuchte, kannte ich
einen Gesellen, der immer betrunken war.
Vielleicht war es nicht zufällig,
dass ich mit ihm eine Wohnung renovieren musste, die ein anderer Maler
stümperhaft tapeziert hatte. Vielleicht war dieser Stümper ebenso
besoffen, und konnte in dem Zustand keine ordentliche Arbeit
verrichten. Der Geselle, mit dem ich zusammen war, konnte aber gute
Arbeit trotz Betrunkenheit leisten.
Damals war ich noch keine drei Tage im
Betrieb als Lehrling, da wurde ich zu ihm geschickt. Wände
abspachteln wurde zu meiner Beschäftigung tag ein und tag aus. Nun ja,
wenn man das
ordentlich machen kann, ist es eine schöne Beschäftigung, und man hatte
die Zeit. Acht Stunden sind ein ganz anderes Zeitgefühl, wenn
man etwas machen kann, wo man sich nicht besonders anstrengen muss.
Dieser Maler damals soff also, aber konnte es
besser machen als der Maler vor ihm. Jener Stümper, der vor einer Woche
erst hier die
Tapeten, die man auf Schnitt kleben muss, verkehrt rum
geklebt. Wie der wohl aussah? Meine Phantasie hatte keine Vorstellung
parat. Ich nahm es als Mysterium, irgendwie passte ein Alkoholiker
nicht zu der Familie, die uns beauftragte. Merkwürdigerweise fiel mir
erst später auf, dass auch der Geselle, mit dem ich arbeiten musste,
gar nicht zu der Familie passte.
Alkoholiker
sind eine Zeit lang
anständig, und zwar so lange, wie man in ihrer Nähe bleiben
kann, ohne sich woanders hin zu wünschen.
Wenn man beginnt,
sich woanders hin
zu wünschen, dann ist das ein Indiz dafür, dass der Typ unausstehlich wird.
Oder aber dass man selbst rastlos ist und ohne Ziel.
Wie man sich konzentrieren muss, nicht abzufallen von den Erwartungen, und den unbewussten Ahnungen, die von einer nüchternen Wirklichkeit künden, die ja nicht so sein soll, weshalb man trinkt, und wie es der Zufall dann will, sucht man sich gewöhnlich abzuschotten von äußeren Bedingungen und sei es, dass man unaustehlich wird auf die eine oder andere Weise. Um einen bestimmten Grad des Suffs als angenehm zu empfinden, begegnet man ganz absichtlich nicht solchen Menschen, bei denen man überwältigt oder extrem abgelenkt wird.
Plötzlich sieht man sich unfähig einen Schritt zurück zu gehen von dieser Wand, die sich da aufbaut.
Jetzt will er meine Zeit verschwenden. Oder?
Mitgehen oder weg gehen. Sie ziehen dich irgendwohin, verstricken dich und dann kommst du nur noch schwieriger weg.
Bis es so weit kommt, dass man "Nein" sagen muss, ist es eine Art Abenteuer. Man lernt auch oft die halbe Lebensgeschichte von jemanden kennen. Erhält Einblicke. Ihn kannte ich schon etwas.
Und manchmal laden oder ziehen sie Dich irgendwohin, wovon du Dich dann rausreden musst - worin das eigentliche Abenteuer vielleicht gerade besteht. Es ist schon ein geheimer Reiz, wenn Du nicht weisst, wer vor Dir ist. Aber dieser hier, will seinen Stoff, dann ist er sowieso schon fertig. Das merkt man ja.
Man muss mit jedem anders umgehen. Ich musste mir jetzt eben vergegenwärtigen, wie öffentlich wirksam, drastisch und unverschämt sich die meisten betragen konnten, weil dieser brüllte jetzt rum, brüllte mich an, obwohl er gleichwohl nicht direkt mich beschämen wollte, weswegen er halb in die Luft brüllte und dann mich anglotzte: "Haaal-looo!".
So fragte ich in Erwartung der Worte, die ich bestimmt zu hören bekommen würde, was ich ihm denn kaufen solle.
"Ja, Akohol,
irgendetwas Hartes brauche ich
aber jetzt".
Das
war ja klar.
"... ich hab in dem Laden
Verbot". Er darf nicht rein, aha. Das war sicher eine Lüge.
Ich
zauderte, und er entfaltete beinahe erschöpft seine Hände und liess sie
schlapp an den Seiten hängen, die Faust löste sich, und er grinste von
allen
Backen gezogen. Dann: "Ich kann da nicht rein", eiferte er, und er
blickte
etwas zerrend an meinem Verständnis und geiferte weiter mit seinen
Augen. Dann ein Grunzen: "Arghhh. Mann!".
Vielleicht sagte er das alles, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass er ein altersschwacher Mensch sei. Die Schlange war lang. Und er war natürlich ein Alkoholiker, der seinen Stoff brauchte. Und die Leute waren etwas befremdet, das merkte ich.
Ich wollte ihm den Gefallen tun, so konnte ich auch mein eigenes Bier kaufen - schliesslich war das einer der Gründe, warum ich im Supermarkt ja einkaufen wollte.
Von dem Rest meines Geldes
wollte
ich
mir morgen die Zutaten für meine Leibspeise besorgen. Spaghetti
Bolognese - ich mache die gerne selbst, und kaufe das Gehackte im Supermarkt, weil die Mette vom Metzger zum
Beispiel, ist oft zu blutig, und wenn man das falsch anrichtet, dann
schmeckt es nach Schwein und Blut; und Leber darf da schon gar nicht
drin sein. Bäh!
Ich schütte Öl in eine Pfanne, erhitze erst das Hackfleisch, bis dass die rote Farbe verschwindet, und es grau wird, das auf hoher Stufe.
Und dann schütte ich diesen Sud weg, gelegentlich braucht man
dafür auch nur sehr wenig Öl zum kurzen Anbraten.
Wichtig ist nur, dass
kein Blut (Rot) mehr zu erkennen ist. Dann gut die Feuchtigkeit
abgiessen - das ist nämlich das Wasser, das in Wirklichkeit mit dem Blut
vermengt ist; und versuchen das Hackfleisch gut von dieser leicht
schäumenden Masse zu säubern, abtropfen lassen, und dann das
Hackfleisch mit neuem Öl braten.
Und auch ein Ersatzteil für meinen Computer wollte ich morgen endlich kaufen. Das kostet 27 Euro, ja, bereits 27 Euro, und es ist noch nicht mal das optimale Teil.
Ich könnte für dasselbe Geld ein besseres Teil bekommen, aber die Fahrkarte in die andere Stadt kostet dann wieder so viel, dass es sich nicht lohnt.
Eigentlich
hattte ich mir vorgenommen, das Bier zuhause
zu trinken. Aber nun gut, ich hatte heute noch eine gewisse Zeit mit
einer Beschäftigung auszufüllen, nämlich woanders ebenso einkaufen zu
gehen, billiger. Also hier kaufe ich nur ein paar Sachen.
An diesem Tag fühlte ich viele Lasten von mir
genommen. Und es war mir erst mal alles egal, alte Zeiten kamen wieder
hoch. Endlich wieder Freiheit.
Ich hatte nicht nur damals so ein Glück, als ich im Fussballwetten schon mal gewann, ganze hundertzehn Euro fünfzig. Sondern jetzt hatte ich ebenfalls Glück, als ich das richtige Ergebnis vorausgesagt hatte, die Quote war super. Naja, immerhin 50 Euro.
Jetzt stand er hier und machte mich nervös.
Ich wollte nicht bei den geringsten Anläßen ihn herausfordern, den Grad zu erweitern, wie er mit mir unverschämt werden konnte.
Kurze Zeit davor trafen wir uns erst. Vor
einem Zigaretten-Laden hatte ich ihn schon gesehen. Er blickte mich schon so komisch an, dass mir etwas schwante.
Ich hoffte eigentlich, dass er mich nicht ansprechen würde. Oder dass er dann schon wieder weg sei.
Da traf ich ihn beim Herausgehen des Kiosks also wieder. Ich wollte auch nicht einfach so weg gehen - man weiss ja nie, wie oft man sich sonst noch zufällig trifft.
Er hatte Tabak gekauft. Ich hatte Tabak gekauft.
Ich ignorierte zunächst, was er für mich hätte, was er mir besonderes
zu sagen hätte. Das meinte er nämlich, aber zuerst soll ich ihm Alkohol besorgen.
Weil
es
mir zunächst egal war und von solch einem Menschenschlag kann man nicht
viel erwarten, dachte ich, beschloß ich mich einfach drauf einzulassen
mit der Absicht nämlich, dadurch eine gute Gelegenheit zu finden, mal
seit langem wieder ein Bier öffentlich zu trinken.
Hatte ich lange nicht mehr gemacht. Und Bier
hatte ich mir auch schon lage nicht mehr leisten können. Zigaretten
oder Bier. Da bleibt keine Wahl. Zigaretten sind wichtiger.
Mensch, 50 Euro in der Hosentasche, da ist man einfach guter Laune.
Mir
schien es
auch gleichwohl unanständig gegenüber mir selbst, jetzt
einfach zuzusehen, dass ich hier weg komme. Ausserdem
überlegte
ich doch die
ganze Zeit schon, dass ich sowieso noch ein paar Minuten Zeit habe. Der
soziale Einkaufsmarkt für Arbeitslose und Einkommensschwache ist gleich
erst geöffnet - allerdings stellen sich viele dort
bereits an, und die Schlage ist lang, noch bevor Einlaß gewährt wird.
So warte man besser auf die letzte halbe Stunde, damit man nicht
so lange warten muss, weil die Schlage sich derweil leeren kann. Man
bekommt auch noch
später ordentliches Zeug, die haben mehr als genug. Alles Reste der
Wohlhabenden und Geschäftsleute.
Ich gab mir eine
halbe
Stunde.
Mir
gefällt es, wenn ich einen optimalen Plan verwirklichen kann. Erst das
eine, dann das andere, und alles zusammen genommen hat Folgerichtigkeit
und Sinn.
Ich war
nahe daran glücklich zu sein, und legte mir die Frage in Gedanken
zurecht, ob es wirklich für ihn eine Flasche Schnaps sein sollte, so wie er von
harten Zeugs sprach.
Doch dann kam der erste Störfaktor.
"Ich habe Streichhölzer vergessen" murmelte er mit seinen blonden und halblangen Haaren.
Bevor ich ihm vermitteln konnte, dass ich doch ein Feuerzeug dabei habe, da war er schon fast im Tabakladen.
Zuerst war er schnell von dannen, dann ging er langsamer.
Er war bereits sehr besoffen.
Ich sah ihn mit langen Schritten hinein gehen, er
liess sich irgendwie sehr viel Zeit. Die blaue Jeansjacke
passte überhaupt
nicht
zu ihm; und dann die roten Schnürsenkel, und die schwarzen Schuhe -
hmmm. Seine Kleidung bestand irgendwie aus den falschen Farben und
dem falschen Stoff.
Aus Freude daran, dass bis jetzt alles gut gegangen ist an diesem Tag, begann ich den Tabak auszupacken, und mir eine Zigarette zu drehen - und auf ihn zu warten.
Als
er dann aus dem Laden raus kam, grinste er kurz, als könne der Plan los
gehen. Wir schlenderten der Sitzecke mit den Bäumen zu. So setzten wir
uns nach einem
kurzen Gang, während er immer wieder
betörte, "wie
schlimm doch alles sei".
Da
war diese Ecke mit Sitzbänken, mit
Blumengirlanden
herum. Jeder auf eine Sitzbank, inmitten der
Einkaufsstraße. Ich zog an meiner Zigarette und es war die
erste heute - das haut ja ganz schön rein. Puh.
Und in dem Moment wollte ich erst mal diesen Rauschgift des Nikotins und der beigemengten Suchtstoffe in mir aufströmen lassen - und hörte ihm nur halb zu.
Der gemütliche Platz war geschützt vor den Blicken, wenn Leute die Straße rauf oder runter kamen. Einseitig aber offen wie ein Scheunentor - und wenn Leute vorbei gingen, gafften sie herein. Und manche zeigten einen etwas erschreckten und beinahe ängstlichen Zustand.
Nun wollte er mir also etwas besonderes erzählen, und brauchte vorher noch eine grosse Flasche Schnaps. Konnte das wirklich etwas besonderes sein, dass es für mich lohnte, hier draussen mit einer Flasche Schnaps auffällig zu werden, die ich nicht nur herum tragen würde, sondern auch einem Alkoholiker geben würde?
Das wäre so, als würde man einem Selbstmörder die Spritze geben, oder einem Kranken das Gift.
Ich dachte daran, dass ich diese Schnapsleichen eh noch nie ausstehen konnte. Schnaps, das knallt. Dagegen hat Bier eine andere Wirkung.
Zum Beispiel reden
sie unaufhörlich. Und umso mehr Promille sie im Blut haben,
auch
umso
länger und unverständlicher -
natürlich
nur so lange, wie sie überhaupt noch irgendetwas koordinieren können.
Diese Phase dauert vielleicht eine halbe Stunde bis eine Stunde.
Was
Hartes wollen die haben, weil man
davon erst so
richtig seinen Kick kriegt - und man auch gar nichts mehr mitkriegt,
und keinen Grund findet, noch etwas von der Welt mit kriegen zu wollen oder überhaupt auf
Konfrontation zu gehen. Man ist ganz einfach weg.
Die, die die Straße hinauf und hinunter kamen, würden nur meine Schnapsflasche sehen, wenn ich die jetzt kaufen würde.
Man
kann sowieso kaum etwas beeinflussen. Ob der jetzt von mir seinen Schnaps
kriegt, oder irgendwo Schnaps klaut. Ausserdem würde er, bis er nicht sein Alkohol hat, unaustehlich sein.
Aber trotzdem, wieso jetzt nicht mal
Gutmensch sein? Man kann es ja mal probieren, und einen
Kompromiss
schliessen, und ihm Bier statt dem Schnaps besorgen.
So kam es, dass mir der Alkoholiker nun ein willkommendes Moment ist, ein Saufbruder für 10 oder gar 30 Minuten. Mal mit ihm anzustoßen. Mein Glück muss gefeiert werden. Und er hat sein Glück sicher auch in diesen Momenten. Ich war angetan, die Welt noch ein Stück mehr aus den Angeln zu heben, indem ich in Frieden gehen werde, und den späten Herbst jetzt schon genoß.
Und mal schauen, welche Botschaft er für mich hat, wer weiss.
Ein
Bier, ein
Neuanfang ist ja gegeben, sorgenfrei jetzt alles, das muss gefeiert
werden. Ich hatte Lust, die Welt für meine Begriffe aus den Angeln zu
heben, wie man es
mit einer Flasche Bier schon mal so tut, als ein lockeres
Flanieren.
Ich sagte ihm: "naja, nun schau mal,
das harte Zeug ist es doch gerade, was einen richtig fertig macht -
wenn
du davon
runter
kommen willst, hey, dann ist Bier auf jeden Fall besser. Das ist
sanfter, das haut nicht so
rein, weisste".
Meine Worte mussten wie eine Beschwörung
klingen:
"Du brauchst dich mit dem harten Zeugs ja nicht immer
so abzuschiessen". Aber es machte mich nun auch neugierig, was er
vorhin angedeutet
hatte: er will mir was erzählen. Etwas Besonderes.
"Wolltest du mir
nicht was
erzählen?"
"Jaja," brüllte er schon...
"Ich
brauch erst was zum
Saufen, sonst kann ich dir das nicht erzählen."
"Aber kein Schnaps, ich hole dir Bier..."
"Ja, dann hol mir Bier - Bier, das ist okay...", griesgrämig blickte er zur Seite ins Nirgendwo, um dann kurz darauf mit einer etwas zuckenden Bewegung einen Punkt zu fixieren, der mitten durch mich hindurchzugehen schien, wie Butter ins Nirvana.
Ich bat ihn um ein
bisschen Geld, obwohl ich selbst
nach diesem durchgestandenen Tag Spendierlaune hatte, aber
andererseits weiss ich, was zwei Euro wert sein können. Er gab
mir
ein
Euro und zwanzig Cent.
Mehr nicht... - dachte
ich.
"Bier kostet ja nichts", meinte er.
Als ich ging, kamen zwei Straßenfeger in ihren orangefarbenen Anzügen an unseren Sitzplätzen vorbei und leerten die Papierkörbe, machten hier und dort sauber.
Im Laden musste ich feststellen, dass die nur Dosenbier für 65 cent hatten - entgegen meiner Hoffnung, mit ein Euro und zwanzig auch selbst noch eine Pulle abzubekommen. Ich dachte, dass früher selbst das Markenbier billiger war als heute das Billigbier. Alles wird teurer.
Aber nun haben sie noch nicht mal Flaschenbier, das ist ja richtig mies - denn das Pfand auf Flaschen kostet weniger. Nun, das ist jetzt aber schade, das ist sogar richtig doof. Ich überlegte eine Weile, was jetzt angeraten ist zu tun.
Da das Pfand auf Dosen ganze 25 Cent betrug, anders wie die 8 cent für Flaschen, musste ich am Ende noch zwei Euro drauf legen für die zwei Dosen, die ich ihm geben wollte und für die eine, die ich mir redlich verdient hatte nach diesem Tag. Mit dem Billigbier für 35 Cent wollte ich ihm nicht kommen; - ich kannte mich aus: Selbst manchen hartgesottenen Alkoholiker, dem es eigentlich nur um die Promille geht, macht die Qualität bei Bier etwas aus, wenn es auch nur das Auge ist, das mit trinkt. Vielleicht kann man es als die letzte Würde betrachten, die man sich noch gönnt.
Bier ist anders als Schnaps ein Genußgetränk für Süchtige - nicht weil man mehr davon runter kriegen würde, sondern man genießt es anfangs, weil es erfrischt, und zunächst einen Wohlreiz verschafft, und der Alkohol noch nicht dröhnt. Deshalb trinkt man gewöhnlich innerhalb kürzester Zeit zwei Dosen auf einmal.
Ach, was waren das Zeiten, als man unter Freunden, Kollegen und Trinkbrüdern saufte, mit einem Bier in der Hand, welches Marke und Geschmack hatte, und das man zurecht öffentlich loben konnte.
Die leicht ansteigende Besoffenheit, die zugegeben doch ganz erheiternd sein kann, frohlockte mich. Ein Bier, dass eine Marke hatte, das bedeutete auch mir etwas. Und zugegeben, das Billigbier war wirklich nicht so toll. Nein, ich glaub, da stimmt der Gärvorgang oder die Lagerung nicht so richtig. Es gibt eben doch einen Unterschied, zumindest beim Bier. Ich nahm die drei Dosen Markenbier und ging zur Ladentheke, und dachte in der Warteschlange, die grösser war, als ich befürchtete, weiter über das Bier im Abendland nach.
Und was billig ist, muss schnell produziert werden können, sonst ist es verlustig, da kann man keine langen Gärungsprozesse, oder besondere Lagerungen veranschlagen, das gilt nur für die Spitzenbiere.
Die Schlange war lang an der Kasse. Es gibt schlimmeres - dachte ich. Schlimmeres als der Handlanger eines Alkohokranken zu sein, schlimmeres als der heutige Tag, im Angesicht der Umstände war der Tag super gelaufen. Nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt hin, da erschien noch alles sehr tragisch und drastisch - ein Zeitpunkt, der vor genau zwei Stunden eintraf und alles wendete, als ich endlich Gewissheit hatte, dass das Geld eingetroffen war, und ich die Überweisung an meinen Gläubiger tätigte, und den Rest vom Konto plünderte.
Das Mädchen, also die Kassiererin: hübsch und ansehnlich.
Endlich war ich draussen. Als ich zurück auf die Sitz-Bank kam, hatte er sich umgesetzt, und hielt bereits eine Dose Bier in der Hand, Markenbier. Das musste er sich in einem Kiosk geholt haben.
Kein Wunder, denn ich brauchte lange, in seinen Augen ganz bestimmt eine Ewigkeit... - "Die Schlange war lang".
Ich sah ein Stück weiter noch die Straßenwärter. Ah ja - dachte ich. Die waren gerade hier, die müssen ihn gesehen oder gehört haben. Sie blickten zurück und ich ging daran, mich auf die Sitzbank zu pflanzen.
Ein paar Passanten glotzten neugierig oder unverschämt, einige etwas befremdet. Nun, ich rechnete schon nicht mehr damit, von ihm die Geschichte zu hören, die er mir doch erzählen wollte. Er brasselte nämlich jetzt nur noch, manchmal unausstehlich laut.
Er wurde ab und zu wirklich so richtig brüllend, wenn er das tat, war gerade keiner in der Nähe vor unserer geschützten Bucht der Sitzplätze. Aber sicher hörte es jedermann in der ganzen Straße. Man hat es bestimmt auch in den Geschäften gehört - ab und zu flüsterte er wieder und brasselte Zeugs, das ich nicht verstand. So saßen wir da, während er nur bruchstückhaft irgendeinen Ansatz machte, von irgendwelchen Dingen bei sich zuhause faselte. Oder versuchte zu faseln. Ich konnte ihm nicht folgen. Es ging um einen Kühlschrank, und um Maler, und eine Katze, die wohl abgehauen war und irgendwie dann wieder auftauchte. Der Maler hatte wohl Angst vor der Katze.
Er rauchte eine Zigarette nach der anderen. Und eigentlich wollte ich selbst doch auch gerne meine eigene Geschichte erzählen, von den Dingen, die ich heute erlebt hatte. Weil er nicht voran kam, mit seiner Geschichte, überlegte ich mir das einige Male, für meine Geschichte die richtigen Anfänge zu finden. Es führte alles nur noch mehr dazu, dass er das an seine eigene geschichte anknüpfen konnte.
Trotzdem, heute war ich zum ersten Mal schlauer als sonst, und vielleicht lag es an dem Impuls, den mir die Erfahrung des heutigen Tages und der letzten Tage gebracht hatte - ich sparte meine Energie und machte mir keine Mühe mehr, die Ereignisse zu ordnen, meiner Pläne zu erinnern, und versuchte auch nicht das Gespräch zu leiten.
Es war irgendein nebensächliches Thema,
das mich
nichts
angehen konnte, weil es mich langweilte, indem er immer wieder nur
dieselben Ansätze fand, ohne die Pointe zu offenbaren. Worum ging es
denn nun? Jetzt schien der Maler die Katze zu streicheln und dann gibt
es auch noch einen Nachbarn; ich glaube der Maler ist der Nachbar in
einer Person. Merkwürdig.
Bald hatte ich
mein Bier fast geleert und eine dumpfe Ahnung beschlich mich - obwohl
ich noch nie wegen öffentlichem Biertrinken belangt wurde, dachte ich
ab und zu daran, was geschehen könnte, wenn ich mit diesem lauten
Menschen zusammen erwischt werde. Jetzt gerade stöhnte er wie ein Kamel.
Nun, ich wollte weg.
"Ich muss noch einkaufen, da gibt es einen sozialen Einkaufsmarkt, kennst du bestimmt. Da kriegt man billig jede Menge Ware, man muss nur pünktlich da sein..."
Er unterbrach mich hektisch, "ach, (Gebrassel) was willst du haben, ich habe ei-ei-einäh (alkoholisches Gestotter) grosse Wohnung, jed-ääääh Mengäääh zuhause", (Gebrassel) "Kriegst du alles. Was du willst".
Jaja,
aber ich
kannte diese
Versprechen, irgendwie kannte ich sie alle, es ist nur dummes Gelaber,
und ein Verführen um Gesellschaft zu haben, "Nee...", und
ich beharrte weiter darauf, als er nicht locker liess; - dann, wie
passend,
ergänzt er: "Ich brauche
jemanden fürs Bett, ich habe
ein
grosses Bett". Da umklammerte er mich an den Schultern, wie ein
Dobermann oder Boxer einen
Oberschenkel umklammert, nur hier war er es mit meinen Armen.
Er
wollte mich
festhalten, mit
einer ziemlichen Kraft drückte er mich nun auf meinen
Sitzplatz,
wollte mich dorthin
ziehen, aber mit erstaunlich wenig Gegenwehr konnte ich mich
dann doch loskämpfen, vermutlich war meine Position im Stehen
günstiger, um mich losreissen; - es war ein erfolgreicher
Versuch
mich loszuzeeeerrrrrrrren.
Ich sagte:
"Nein,
da bin ich nicht
der Geeignete für". Und ich wollte doch nicht grob sein.
Was soll man da auch sagen, ich bin Hetero. Jetzt war es Zeit zu verschwinden, endgültig. So kannte ich ihn noch gar nicht.
Ich wollte ihn aber nicht einfach so dumm sitzen lassen, mich also noch ordentlich verabschieden. Wollte ihm die Hand geben, aber er wollte dann diese Gelegenheit immer wieder ausnutzen, um mich festzuhalten, runter zu ziehen, "ach, bleib doch". Ein krampfhaftes Stöhnen der Anstrengung, und ein offenbar werdender Wille, der in diesem verzweifelten Krächzen lag - ich riss mich erneut los.
Das ging zwei oder drei mal so, jedes Mal als ich ihm wieder die Hand gab. Und da die Szene sich nicht ändern wollte, und er mich wieder und wieder klammern wollte - was er jetzt nicht mehr schaffte, weil ich den Trick kannte - zog ich meine Hand ein letztes Mal weg. Und hielt sie so, dass er mich noch nicht mal versuchen konnte zu greifen. Wie belämmert kauerte er nun da auf seinem Sitzplatz.
Seitdem ich mich loszerrte, schaute er mich nicht mehr an, sondern stierte auf die Bierdose, die er vor sich auf das Pflaster hingestellt hatte, aber meine Hand hatte er dann jedes Mal im Gesichtsfeld wahrgenommen.
Ich versuchte einen irgendwie überlegen wirkenden Stand über ihn zu vermeiden - ich wollte keine Siegerpose bilden, und machte einen kaputten, fertigen, also besoffenenen Eindruck.
Ich liess das jetzt mit der Hand einfach, und die Geste mit meiner Hand, die ich unentschlossen vor meiner Hüfte hielt, sah aus wie die Geste eines Bettlers, der halbherzig nach Almosen schielt. Er wollte sie also nicht entgegen nehmen, kein Abschiedsgruß in Freundschaft.
Offensichtlich sah es aus seiner Sicht auch so aus, dass ich es war, der die Einladung nicht wollte.
Und ich sagte: "machs gut, ja!?", er wirkte abwesend, "denk dran, nicht so dieses harte Zeugs, nimm das normale Bier", und tätschelte seine Schulter, was ihn wohl irgendwie zwar egal war, aber im nüchternen Zustand hätte er gewiss was dagegen gehabt, das spürte ich - sehr merkwürdig, solche Typen - irgendwann musste ich mich ja verabschieden, also weggehen, und so wollte ich jetzt einfach weg, wenn er für den Abschied auch nichts mehr über hatte - obwohl ich ein beklemmendes Gefühl hatte, ihn einfach so sitzen zu lassen. Ein allerletztes Mal hielt ich die Hand hin, dann wieder weg, als er sie mit demselben Trick wie vorhin greifen wollte. Er schaute aber die ganze Zeit nicht. Naja, wenn er nicht schaut, dann gehe ich einfach. "Tschüß", und weg war ich.
Die
Bierdose war
noch
nicht ganz leer. Ich verbarg sie unter meiner Lederjacke, und ich war
richtig froh. Der ganze Abend lief zu meiner Zufriedenheit, und der
Abschied von ihm, naja, es ist ja seine Sache.
So ging ich
die
Einkaufsstraße entlang, nicht belustigt über den Typen,
aber heiter. Obwohl ich
immer noch den Typen im Nacken wähnte - manche
folgen einem
ja noch. Doch ich hielt das für Einbildung, nein, der ist viel
zu
fertig.
Ich drehte mich nach etwa hundert Metern um, er folgte mir nicht. Sehr gut. Eigentlich wie zu erwarten. Stattdessen sah ich aber rückblickend einen Polizeiwagen, der an dieser Stelle hielt, wo ich den Typ verlassen hatte - und da dachte ich mir: "Mensch, das war genau der richtige Moment, genau der richtige Moment."
Ich
bedauerte
noch den Typen, aber so ist das halt.
Man wird ihn
wahrscheinlich
weg schicken, raus aus der Straße, nach Hause.
Hoffentlich nur das. Er konnte frech werden, wenn er einem vorwarf,
dass man ihm im Stich gelassen hätte.
Guten Mutes durchwanderte ich die Einkaufsmeile, und mir schien, dass die Konsumenten einen ähnlich müden Blick haben, wie die Besoffenenen, nur haben sie nicht diese niedergeschlagenen Lider. Sondern im Gegenteil - ihre Lider sind nach oben gezogen, und die Blicke steif und fixiert, und ausgerichtet auf ein Ziel, vielleicht, auf eine Hoffnung irgendwo anzukommen bestimmt, und sie wissen genau wohin.
Als seien die Augen und Seelen voll erstaunter Anstrengung. Oder ist es nicht die innere Leere, sich keine Ruhe gönnen zu können? Nicht zu genießen den Blick, den das Dasein möglich macht auf die Welt?
Wenn ich schlendernde Leute antreffe, ist es entweder zur Feierabendzeit oder Feiertags, denn auf der Straße während der Einkaufszeiten fallen die flanierenden Geschöpfe nicht auf. Dann gehe ich unter in der anonymen kalten Masse am Tage.
Am Bahnhof musste ich durch den Tunnel, und dann war ich schon da. Über mir auf den Gleisen machten Züge krach.
Nun stand ich in der nächsten Warteschlange, hier kam man in drei Minuten vielleicht einen einzigen Schritt voran, nicht etwa einen Platz oder einen Meter. Das dauert ewig bei der Schlange, auch wenn man schon in grösseren gestanden ist.
Es waren wohl noch zwanzig Schritte vor mir. Die Schlange bildete sich nebenbei gesagt auf dem Gehweg. Man konnte im Schaufenster beobachten, wie die Leute alles weg kauften. Ich bangte, hoffentlich bleibt noch etwas übrig.
Und jetzt drohte mir aber noch die Blase, nämlich
pissen zu müssen. Noch nicht akut, aber man weiss aus Erfahrung, wann
der Prozess ins Rollen kommt. Das ahne ich, es wird nicht leicht.
Man kann aus Erfahrung gut einschätzen, wann
der
kritische Punkt erreicht werden würde.
Eigentlich ist es befreiend,
keinen Zwängen ausgesetzt zu sein. Wenn man jetzt einfach an den Baum
da pissen könnte und keiner mir den Stehplatz weg nimmt.
Ich
könnte
jederzeit zwei oder
drei Straßen entfernt, da hinten in den Büschen verschwinden.
Aber
hinter mir waren drei Leute - das würde mich mindestens
zwanzig
Minuten kosten, und ausserdem bleibt dann noch weniger übrig, was man
einkaufen kann. Umso mehr Leute vor einem sind, desto weniger bleibt.
Klar, es gibt noch genug Gemüse. Aber die Joghurts und Puddings gehen
weg wie warme Semmel.
Hier ist eingesparte
Zeit gleichbedeutend mit Optionen, die man noch hat. Also: Fröhlich sein, so gut wie es geht.
Ich
erinnerte mich an die Busfahrt auf Mallorca, als
wir zum Flughafen fuhren. Dort trank ich blöderweise im Hotel noch
einen Tee kurz vor der Abfahrt. Der Transfer dauerte dann mehr als eine
Stunde. Zwei Stunden vor
Sonnenaufgang, die wir im Bus
saßen,
und eine Warterei im Bus, die mir wie Blei auf meine Blase drückte.
Ich
machte mir damals im Bus Pläne. Wenn ich am
Flughafengebäude angelangt sei, dann muss ich sofort das Gepäck auf den
Gepäckwagen hiefen, meiner Mutter rasch helfen.
Aber erst
muss ich
aushalten. Bald fängt man an die Beine zu bewegen.
Das
ist
schon
nicht weit entfernt vom kritischen Punkt. Bald denkt
man darüber nach, ob es stimmt, dass die Busfahrer anhalten, und einen
pinkeln lassen, vielleicht hat der Bus sogar ein eigenes Klo -
aber sieht nicht danach aus - mann ist das peinlich. Irgendwie scheint
das einfach nicht der richtige Moment, jetzt aufzustehen und den Fahrer
zu fragen - wer
weiss, ob die das überhaupt einkalkuliert haben: "nicht dass wir den
Flug verpassen", höre ich meine Mutter schon sagen. Ich lass mir
nichts anmerken. Oder ob
die gar
sauer werden, es sind ja immerhin noch andere
Fahrgäste im Bus.
Also wieder der Gedanke an den Flughafen. Es
war jetzt wohl nicht mehr weit, es kann doch nicht mehr so
weit
sein. Da hinten fängt doch schon die Stadt an. Ich muss möglichst einen
einzigen Gepäck-Wagen bekommen, damit meine Mutter mein
Gepäck mit schieben kann,
ohne sich
mit
einem zweiten aufzuhalten, während ich ja auf das Klo rennen muss. Sie
war da
immer etwas besorgt, weil sie sich am Flughafen nicht auskennt. Und damit
sie sich in die Warteschlange einreihen kann, muss alles nach Plan
laufen. Wenn ich die
Toilette suche, muss alles seine Ordnung haben - also Pläne machen, da
musste man Pläne machen. Das ist jetzt wichtig und man muss entschieden
vorgehen, wenn der Moment kommt. Der Flughafen, der Flughafen, die
Landebahn ist schon zu sehen - wir fuhren entlang der Landebahn, dort
vorne ist schon das Gebäude... - ich war selten so glücklich.
Hier am sozialen Einkaufsmarkt machte ich mir keinen Plan, denn es war herrlich unkompliziert, aber dennoch dringlich. Ich wusste, wenn ich durch die Schlange wäre und rasch eingekauft hätte, müsste ich erst noch fünf Minuten laufen, um an eine geeignete Stelle zum Pinkeln zu gelangen. Eine Stelle, die ich gut kannte, an einem Fluß, und vor allem jetzt im Dunkeln, da sieht mich nämlich keiner. Ein Platz wie geschaffen zum Pinkeln, meine Lieblingsstelle zum Pinkeln. Herrlich.
Aber erst musste ich hier durch, ich war ein wenig angetrunken auf nüchternen Magen - das war okay, das war gut, so ging die Zeit vorbei, sie wäre noch schneller vorbei gegangen, wenn ich nicht hätte pissen müssen.
Ich sah ein Schild: "Informacje", es erinnerte mich an Urlaub - und ich liebe dieses Gefühl, auf Urlaub zu sein, wenn die Welt eine andere ist. Ich genoß dieses Schild, ich genoß das Fremde, die vielen fremden Leute aus anderen Kulturen, waren es Polen oder Russen da vor mir? Hinter mir eine Gruppe Türken. Das da waren auf jeden Fall Afrikaner, ich liebe sie. Das Schild mit "Informacje" war wahrscheinlich eine Entsprechung zu einem deutschen Schild, das nämlich Verhaltensanweisungen enthielt.
Endlich. Ich kaufte ein halbwegs frisches Brot, Pudding, Jogurt. Salat war schon alle, ich ergatterte eine Stange Poree, Möhren, Sellerie hatten sie sogar noch. Super, die hatten sogar Spaghettti. Und dann nahm ich noch einen Meerrettich, den sie mir andrehten. Ich hatte noch nie so schnell meinen Einkauf gemacht. Ich hatte mir die Sachen während des Wartens im Regal schon ausgesucht und mir im Kopf eine Liste gemacht. Und noch nie hatte ich tatsächlich an alles gedacht, und noch nie war die Tante da wirklich so bei der Sache.
Letztlich habe ich ordentlich abgestaubt. Ein wundervoller Tag bis jetzt, jetzt musste ich das Zeug nur noch nach Hause schleppen, eine halbe Stunde Fußweg. Durch die vom Mond aufgehellte Dunkelheit, durch die Welt der Gartenanlagen und der Felder.
Aber erst mal pinkeln. Das tat gut. Die Luft, herrlich. Es plätscherte.
Nachdem ich aus der Seitenstraße heraus meinen Weg weiter gegangen war, machte ich mir darüber Gedanken, wie ich das Ersatzteil morgen kaufen würde. Ein herrlicher Ausblick.
GESCHRIEBEN:
Nov. 2007-2008
Überarbeitet und in letzte Form
gebracht
am:20.8.2009
Man
könnte in zehn Bildern einen absurden Tod malen. Wenn man
bei einer verstopften Nase, während man erkältet ist, sich schneuzt.
Plötzlich löst sich etwas, man schmeckt den Geschmack von Blut, und das
Gehirn spritzt durch die Nase, mit weissen Brocken landet
es vor
einem hin auf den Tisch, in einer grossen Lache und man fühlt ein
Vakuum.
Alles wird dann aus der Nase heraus
geschleudert. Als hätte der bedrückte Inhalt der willkommenen
Druckentlastung entgegen gefiebert.
Sicher, das ist unappetittlich. Aber auch spektakulär, und wohl weitgehend schmerzlos. Weil das Gehirn ja sozusagen befreit wird vom Eindruck, am rechten Ort zu sein, es hat keine Aufgaben mehr. Also empfindet es spätestens in diesem Moment noch nicht mal das entstandene Vakuum.
Man hätte gerade noch, mysthischerweise, den Eindruck, wie das einem geschieht. Ein Sekundenbruchteil, und die Nervübertragung bricht ab, und das Schmerzsignal kommt nicht mehr an. Bis alles vor einem weiss, oder aber auch schwarz wird, je nach philosophischer und weltanschaulicher Orientierung, je nachdem, ob man Realist ist oder Träumer..
Dieser Tod ist ein ziemlich plötzlicher, überaschender, gleichwohl sehr erschreckender Tod. Man ist allerdings ganz allein für sich, keiner beobachtet einen - jedoch hinterlässt man sehr viel Dreck, wie bei manchen Toden..
Ein
anderer Tod könnte darin bestehen, dass man irgendwo in einem Raum mit
vielen anderen einfach tot umfällt, und gerade so fällt, dass niemand
dabei gestört wird.
Das ist ein recht seltener Tod.
Normalerweise
ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass man
in solchen
Situationen umfällt, und dabei mindestens der halben Länge
nach
zur Seite umknickt. Dabei wird man in einem gefüllten
Raum auch irgendwo anecken, und könnte andere zumindest
behelligen.
Eine etwas tröstlichere Variante könnte so aussehen, dass man sich in einer Reihe befindet, und man sieht zunächst wie vor einem alle nacheinander tot umfallen, gerade ist der Vordermann tot umgefallen, und dann fällt man selbst tot um. Hier sieht man das erste Mal den Tod kommen.
Jetzt könnte man sich verschiedene Varianten ausdenken, wie schnell sie alle umfallen, man könnte auch eine Variante beschreiben, in denen jemand sich mit seinem Hintermann unterhält, und den Tod nicht kommen sieht. Ein anderer sieht den Tod im Gesicht seines Vordermannes kommen, weil der Vordermann sich zu ihm umgedreht hat. Aber er sieht nicht alle vorherigen Tode, weil der Vordermann sehr nahe an ihn herangetreten ist und ihm die Sicht nimmt.
Wenn man sich zum Beispiel in Luft auflösen könnte, das wäre mal was ganz neues, und auch die andere Seite der Medaille. Das gegensätzliche Bild zum grausamen Tod ist nämlich der freundliche Tod.
Man könnte nun Gegenentwürfe, kontrastriende Cappricen anfertigen, und zwar von Bildern des Lebens.
Beim Spaziergang sehe ich vor mir eine braune Katze auf einem Dach eines Kleingartenschuppens. Sie schmökert ungerührt meines Blickes in der Sonne. Wenig später in der gleichen Kleingartensiedlung, unter einer mit Büschen umpflanzten Eiche, sehe ich eine hellbraun gefleckte Katze, die aus einem Loch im Gestrüpp hervorkommt. Sie verschwindet sofort zurück, als sie mich erblickt. Schaut noch einmal neugierig und kehrt sich endgültig und flink ab, als sei ich ihr nicht geheuer.
Ich gehe eine Straße entlang, es ist kühl. Es ist herrlich. Die Häuser sprechen ahnungsvoll aus ihrer Fassade zu mir. Ich hatte das Holzfällerhemd angezogen, das innen mit Wolle wattiert ist.
Die Bäume wedeln im Wind. Der Weg ist eingetaucht in die Luft eines gelben Morgens, dessen kühle Bläue noch aus der Nacht in den Schattten der Äste und Sträucher liegt, auf'm Sonnenschein beschmusten Pflaster.
So
ging ich durch die Straße.
Ich dachte dann, als ich mit dem
Gewölbe
aus
grünen Laub über mir so daher ging, "ja, so ist man vor 500
Jahren
über Wege gegangen und hat geträumt..." - man hat geträumt von
Luft,
die gesenkt war ins Licht, man hat Luft gesehen, man hat sich Bilder
gemacht, daraus dann hat man sich seine Gedanken gemacht, und das
Muster war gültig, wie zu allen Zeiten, von Sehern geschaut, und alles
war gesegnet von Hoffnung und
Zuversicht. Wenn auch nur für diesen Moment, wo man merkt, es ist ein
Tag unter vielen, aber ein Tag. Die Nacht kommt immer wieder, und es
gibt einen neuen Tag. Doch man war gläubig, man wurde gemahnt an eine
höhere Ordnung, man spürte sie, so wie man die Auf und Abs der Blätter
mit dem Wind in Verbindung bringt, den man an seiner Haut spürt, man
spürte die hohle Kugel Luft, ein Unbekanntes, was es war, man fühlte
eine Geborgenheit auf Erden.
Was auch am Ende des Weges sich
öffnet, das wird der Himmel
sein. Und durch das Laub die weissen Wolken, die graue fahle Erde, am
Rand des
Weges
glühend, und gelb von Blättern eingefärbt.
Ich trank aus meiner
Wasserflasche.