Autor: Stefan Arens

[ Impressum ]

[ Hauptseite ]

November

Das Besondere an dem Tag war, wie ich aus der Bank heraus kam. 

Mit Bargeld in der Hosentasche hat man Optionen.  Enorme Aussichten. Ich habe seit längerem nur sehr wenig Geld in der Tasche. Dann ist so ein Tag etwas besonderes. Aber ich weiss, was ich mit dem grössten Teil anfangen werde. Ein Ersatzteil musste schon seit Monaten her.

Guter Laune schlenderte ich nun dem Supermarkt entgegen. Auf dem Weg dorthin wollte ich mir Zigaretten kaufen, und zwar eine Marke, die es im Supermarkt nicht gibt.

Der Typ im Kiosk war derselbe wie sonst, wie immer war er ganz in seinem Element, und grinste fortwährend. Aber nur solange er mit Kunden zu tun hat. Davor und danach widmete er sich stets der Lektüre irgendeiner Zeitschrift, die halb versteckt vor ihm auf der  Kundentheke lag, hinter dem dichten Gedränge gestapelter Waren und Präsentationskästen. 

Aus dem Kiosk gekommen, hinein in die dämmrige von Laternen beleuchtete Straßenzone.
Diese verschachtelte Ecke, die zwei Straßen verband, war sozusagen ein toter Punkt, wo nicht viele Leute her gingen. Der Pavillon des Kiosk vergrösserte eine gewisse Brandungszone des ansonsten hektischen Betriebes auf den Straßen.
Die Leute gingen in einem mich beruhigenden Abstand, gleich einem Strom, auf den Gehwegen links und rechts, vor mir und hinter mir vorbei. Hier konnte ich eine Weile inne halten.

Langsam krempelte ich den Kram in meine Jackentaschen. Jemand kam mir verdächtig nahe. Ich musste aufblicken. 
Wer ist das? Was will er? 

Er beugte mir seinen Kopf zu, als würde er mich kennen. Kannte ich ihn? Ich wusste es nicht.

"Hör mal", lallte er. 

Sein Atem roch nach derben Alkohol. Trübe, glasige braune Augen versuchten mich eindringlich zu fixieren. Braune Augen erinnerten mich immer an den Hund, den ich mal hatte. Und sie erinnerten mich damit an die treue Seele, oder den Anteil in einem Lebewesen, dem es möglicherweise nach Treue lechzte, oder einer gewissen Begierde nach einem Leckerli. Man mag an das Leckerlie denken, das solche von unten aufguckenden Augen begehrten. Dieser Typ hier aber war ungefähr genauso groß wie ich.

So nah, schien mir jetzt irgendwie was klar, der Blick suchte nicht mich, sondern eine im Nebel aufscheinende Flasche Alkohol. Was sonst?
Physisch präsent, mit einer derb einlullenden Aufdringlichkeit, stand er da. Ich wusste nicht, ob ich staunen oder einen Schritt zurücktreten sollte. Ich blieb stehen, und das ist, als würde man sich einlassen. Ein zwar wankender, doch durchdringender Quälgeist stand da jetzt. 

Da forderte jemand mit öbszöner Gleichgültigkeit meine Aufmerksamkeit. Ich erwartete nun Überredungskünste von ihm. Irgendeinen Gefallen, den ich ihm erweisen sollte. Es war wohl so, dass er aus der halbobdachlosen Alkoholiker-Szene ist, die immer komisch gut gelaunt sind und denen alles recht ist, wenn sie nur ihren Alkohol haben. Eigentlich hatte ich mich immer vertraut mit diesen Leuten gefühlt, die irgendwie kein Gesicht hatten, und im Dasein ein Nirgendwo besiedelten. Sie könnten genauso gut obdachlos sein oder irgendeine gammlige Wohnung haben, es würde für sie vermutlich keinen grossen Unterschied machen, da sie sich meist draussen aufhielten unter Saufkumpanen oder nach Gelegenheiten suchten, an ihren Suff zu kommen. Sobald sie das Zeugs hatten, begannen sie schon zu trinken. Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass viele von ihnen erst mal nicht wieder nach Hause finden.

Er machte jetzt ein Gesicht wie ein Auto. Vielleicht war er überrascht von meiner ebenso aufdringlichen Beharrlichkeit, nämlich so stehen zu bleiben und ihn starr anzublicken. Jedenfalls misslang es mir, kompetent, selbstbewusst oder als Herr der Lage zu erscheinen.

Unter dem krausen kurzen Bart - vielleicht war er nur stark unrasiert - bewegte sich etwas.
Mit einem Spreizen der beiden Kieferhälften in entgegengesetze Richtungen drückte er wohl aus, dass es ihm schwer fiel die richtigen Worte zu finden. Braune abgeflachte Zähne offenbarten sich, die schon mal bessere Tage erlebt hatten. Es heisst, das sei vererbungsbedingt und die Zahnärzte rieten dazu, angesichts der Meinung, dass andere sich viel weniger die Zähne putzten aber bessere Zähne hatten, dass man sich zwei- oder dreimal täglich die Zähne putzen sollte.
Während der Typ vor mir unsichtbar irgendetwas verlautbaren liess, ohne dass ein Laut aus seiner Kehle drang, schweiften meine Gedanken von der Situation ab. In meiner Vorstellung gab es einen Sprung, und ich sah Leute, die sich zehnmal täglich die Zähne putzten und damit eine besondere Schärfe in ihr Mundwerk brachten. Denn dieses andauernde Wetzen der Zähne mit harten Zahnbürsten, als würden weiche nichts nützen, verursachte wohl einen besonderen Reibungseffekt. Irgendwo in meiner Erinnerung lag ein Buch vor mir auf dem Schoß, das ich ja mal gelesen hatte, und in dem es um Leute in indonesischen Wäldern ging, die sich die Zähne abmeisseln liessen. So wurden die Zähne spitz, also wie Pyramiden um Mund, aber es sah nicht tierisch aus oder so. Weil es als schmuckhafte Verzierung galt. So wie man sich hierzulande Piercing in die Zunge setzt oder an sonstigen Körperteilen. Also es ist noch nicht mal primitiv, nur etwas ungehobelt gegenüber dem Körper. Vielleicht spricht da ja die spirituelle Seele heraus, dass man den Körper missachtet und verunstaltet, und sich selbst auch noch quält dabei? Nein, ich glaube nicht. Es ist wohl viel spiritueller, wenn man den Körper achtet und pflegt wie einen Tempel. Ist doch klar. Der Körper ist das Werkzeug der Seele. Diese denaturierten Einstellungen gegenüber Natur und Leben sind aber so eine Sache. Woher wissen wir, ob diese Leute in Indonesien nicht spiritueller als wie wir hierzulande sind?
Mal schauen was der Typ dazu meinte. Aber was macht er denn da?

Grübchen und tiefe Furchen bildeten sich um seinen Mund herum. Ein Ächzen oder Grunzen kam dabei zustande, vielleicht ein halbgares Rülpsen. Seine Nasenflügel bebten, oder atmeten sie aus? So eine extreme Regung, wie er da mit dem Mund so rum machte, das sieht man ja wirklich sehr selten. Als wolle er sich über mich lustig machen. Ein närrischer Typ also. Dann kriegte er sich wieder ein. Oder die Wahrnehmung dieser entstellten menschlichen Fratze verschwand. Aus der Unförmigkeit schiefer Knochen und Gesichtshaut darüber wurde ein Alkoholiker, der keine gesundere rote Farbe im Gesicht hatte. 

Die Augen kullerten fast, blickten über mir hinweg. Wenn er nicht offensichtlich besoffen gewesen wäre, und so wankte, hätte ich das für die Mimik eines Clowns gehalten. Ich stand wenigstens hier, und wankte nicht so, obwohl ich bis unters Mark total verunsichert war. Weil, einfach so hier rum stehen, keinen Schritt zurück zu tun, den ich gesetzt hatte, nein, nicht zurückzuweichen... - und ihn damit zu zwingen, selber zurückzuweichen, was er aber nicht tat... - wenn man so vor einem rumsteht, macht man sich ins Hemd, weil man sich fragt, ob es gebührend ist, in dieser Weise jemand Respekt zu zeigen. Aber welcher Art Respekt war dies?

Er schätzte mich ein, kam näher mit seiner Fahne. Wankte. Er musste kurz neuen Stand suchen. Ich ging meinen Gefühlen weiter auf den Grund. Mittlerweile war er einen Schritt zurück getreten und mir nicht mehr so nahe. 

Also, wenn mein Respekt dem Umstand dient, dass ich nicht respektlos gegenüber meinem eigenen Vorhaben werde, nämlich mich nicht von meinem Kurs abbringen lasse... Nicht mich zu verlieren in irgendeinem Suff. Weisst Du, es ist ja so, als Journalist machste mit beim Suff der grossen Wellen des Üblichen. Das will jeder trinken, als seien sies gewöhnt. Es ist ja im Grunde eine Sucht, und die Nachricht ein Suchtmittel. Ein Opiat, das die Leute beruhig.
Also wenn ich nun standhaft bleibe, was ich gewissermaßen vorleiste, durch einen Akt des willentlich nicht in Aktion umgesetzten Zurückweichens. Dann verkörpere ich damit einen Impuls. Es ist gleich einer Prägung für meine Gedanken, meine Psyche. Für das ganze Brimbamborium meines Selbstgewahrseins, stellt die materielle Wirklichkeit eine ultimative Realität dar, der man sich verlassen kann. Wenn Du nur lang genug deinen Zeigefinger bewegst, dann wächst Dir im Kopf ein neuer Zeigefinger in penetranter Bewegung. Das kann ebenso Vorteile haben wie Nachteile. Und so ist es mit jeder Faser unseres Körpers. Alles, was sich körperlich, das heisst sichtbar, materiell, und geformt ereignet, das ist für unsere eigene Art, wie wir Wirklichkeit erleben, total massgeblich, ne? Und daraus ist dann der nächste Gedanke nicht mehr fern, dass die härteste Anforderung in der Realität auch Prüfstein ist für das Maß unserer eigenen Zugänglichkeit gegenüber dem Wirklichen. Oh, was für ein Satz. Also, wenn Du gegen eine Mauer läufst, und dagegen prallst, dann hat sich dir eine Wirklichkeit ereignet. Was dabei für das Bewusstsein heraus kommt, ist   irrelevant für das Maß an Wirklichkeit , das man erfahren hat.  Die Erfahrung der Wirkklichkeit, ihre Härte, bleibt dieselbe, egal ob wir uns in einem Traumland oder Einlullung befinden.

Eben vor diesem Kerl, der mir zu nahe kam. Da wurde mir das wieder deutlich. Konnte man das gut ausprobieren? Gegenüber einem Alkoholiker ganz bestimmt, denn egal was man macht, er kriegt ja eh das meiste nicht mehr mit und man kann es nachher auf die Art Wahrnehmung schieben, wie er im Suff nicht mehr richtig alles wahrnehmen konnte. War er mir nun zu nahe getreten, oder ich ihm zu nahe gekommen, weil ich stehen blieb, als er auf mich zukam?

Denn an was er sich auch erinnern mag später, es geht unter im Nebel seines Suffs. Also, wenn ich so stehen bleiben, als würde man einfach so tun, als liege es nun an jemand anderen, die mögliche Kollision zu verhindern. Dann rechne ich natürlich damit, dass dieser Mensch aufmerksam darauf achtet, nicht mit mir zusammenzuprallen. Wenn ich spürte, der würde mit mir zusammen knallen, es ist irgendwie Instinkt, dann würde ich zur Seite gehen. Wenn es ein Muskelprotz ist mit einer Visage, die ein starkes aufgesetztes Ego erkennen lässt, von dem keine Gefahr ausgeht, würde ich so spät wie möglich, oder zumindest so wenig wie möglich meine Haltung und Richtung derart anpassen, um nicht mit ihm zusammen zu stoßen. Eine eleganteste Vorgehensweise ist dabei, wenn man seinen Schritt nicht verändern muss, und nur leicht mit der Körpermitte sich weg beugt, ohne die Balance zu verlieren. Man hat gewonnen, wenn der Andere sich im Schritt verändern muss. Es steht pari, wenn er das ebenso macht. Und man hat verloren, wenn der Typ ein Psychopath ist, der einem deshalb zusammenschlägt. Man weiss nie, wen man so auf der Straße begegnet und wie empfindlich der ist. Aber der Alkoholiker in Reinform ist der harmloseste von allen. Mit ihm kann man es machen.

Er hat es viel schwerer als ich, und kann keine Haltung bewahren, die das Zusammenprallen weniger schmerzhaft machen würde für ihn. Deshalb wird er zurückweichen wollen. Wenn ich dann noch keine Fahrt habe, weil ich stehe, dann kann auch nicht besonders viel passieren, nur dass er gegen irgendeinen Knochen prallt, während man sich nur ganz leicht mit dem Kopf wegdreht. Bevor sein  Aufprall kommt.

Andererseits ist es klar, dass jeder normale Mensch zurückweicht. Es aber unhöflich ist, sich so hinzustellen, dass jemand darauf Acht geben muss, nicht mit einem zusammenzuprallen.
Dieser Mann da aber war bereits so unhöflich sich mir extra in den Weg zu stellen. Mit seiner Art ungeschriebener Selbstverständlichkeit, etwas von mir zu wollen. Ohne sich in irgendeiner Weise mit dem Anderen auf die Ebene einer gewissen Regel zu begeben, die den Umgang beider erleichtert. Zumindest was meiner Gtrundhaltung angeht, dass man es bei jeder neuen Situation im Alltag wie im Leben schwer hat, sich erst mal zu orientieren in dieser Situation. Man wird überrascht und erwartet eigentlich von der Welt ein Entgegenkommen, so wie man es in der Natur als Mensch angelegt hat.

Also man könnte zum Beispiel sagen, "Entschuldigung" oder sonst irgendeine Einleitung für diese ungewöhnliche Situation, dass man in seinem Fluß durch die Wege und Launen gestört wird, weil man auf offener Straße angesprochen wird.
Hier stellte er sich mir nicht in den Weg. Ich stand da nur so auf rum, wie einer, der in der Gegend rumstand, und Tabak und anderes Zeug in einer Hosentasche verstaute.
Und der Typ kam also auf mich zu und machte jetzt eine unverständliche Grimasse. Sein Mund bewegte sich so schief, wie seine Bewusstseinslage. Mit müde heruntergefallenden Augäpfeln, die irgendwo nach unten blickten, murmelte er mit seinem Mund. Als sei er zu besoffen, den richtigen Anfang zu finden. Und als würde aus einer hinterem Ecke seines Bewusstseins vielleicht die Erinnerung dringen, wie eklatant ungünstig es war, jemand mit dem falschen Anfang zu vergraulen. 

Ich stand da nur so. Er wusste offensichtlich nicht sofort etwas damit anzufangen. Und sein Mund bewegte sich komisch. Dann hielt er inne und fand anscheinend, was er mit dem Mund gestikulierend suchte.

"Hör mal...", wiederholte er blechern und langsam. "Ich muss dir was erzählen - aber zuerst musst Du mir was kaufen. Da aus dem Laden...". 

Er zeigte mit der Hand nach hinten, sein Kopf blickte dann sehnsüchtig und bedröppelt in die Richtung des Supermarktes. Die gummiartig gehaltene Hand korrigierte die Richtung. Fast traurig die Geste. Und dann blickte er mich wieder an, geradezu flehend. 

Er liess die Hand erst langsam sinken, dann resigniert fallen.

Ich habe mal gehört, es gäbe einen inneren Alkoholiker, ebenso wie einen inneren Schweinehund. Dieser Schweinehund kann enthemmt und besoffen das Heft in die Hand nehmen. Reaktionen werden dann ganz offen und klar veräussert. Oder aber: der Schweinehund kann überwunden werden. Das ist anstrengender, aber Disziplin ist die Kraft, die das bewirkt und wie ich heute weiss: es ist besser für die Zukunft, die man damit verbinden kann. Aber zu dieser Erkenntnis muss man auch erst mal kommen.

In meiner Zeit, als ich auf der technischen Hochschule Fotografie studierte, in Berlin, da gab es einen  Alkoholiker mit stets rotem Gesicht, der soff irgendwann nicht mehr. Er verkörperte in seiner Eigenart oder seinem Charakter auch später immer noch den Grund, warum er einst getrunken hat. Er hatte auch seinen Schweinehund. Einen inneren Hund, der ihn trieb und die Auseinandersetzung zum Beispiel mit anderen erschwerte. Ist das nicht ein möglicher Grund, den man ertränken möchte, weil irgendwas im Alltag schon nicht richtig funktioniert? Oder ist es der Umstand, dass man egal wie der Alltag ist entfliehen möchte, weil man eben seinen Alltag noch nicht gefunden hat?

Bei ihm kannte man jedenfalls private Probleme. Das war sein wirklicher Grund. Er war durch verschiedene Schicksalsschläge innerlich desillusioniert, und noch haltloser geworden, als er vom Temperament schon war und ich fand, er wurde eben nicht unhöflicher (er mochte es nicht, sich derart in Erinnerung gestellt zu wissen, wenn er andere im Suff anpöbelte). Sondern er fand Höflichkeit, aber auch den Suff.
Nur, er hatte bald eine Therapie gemacht und zumindest den Alkohol überwunden. Dann beendete er sein Studium. Er muss sehr gut gewesen sein, da er später beim Fernsehen landete.

Und als ich mich schliesslich nach dem Studium weiter als Fotograf versuchte, weil ich dachte, es würde sich für eine spätere Bewerbung bei einer Tageszeitung gut machen, kannte ich noch einen im Suff aus dem Labor, der in der Freizeit immer betrunken war, aber  nie bei der Arbeit.

Später kannte ich einen weiteren Alkoholiker, als ich bei endlich bei einer Tageszeitung angefangen hatte. Da habe ich fünf Jahre gearbeitet und dabei war ich mehr als ein Jahr lang sogar Ressortleiter.
Bis jene Zeit kam, die meinen Suff auslöste. Zunächst schrieb ich einen Artikel, der einen Heidenwind machte und womit ich beim Verlagsleiter ziemlich unten durch. Dann verklagte mich ein Unternehmen wegen Schadensersatz in einem zweiten Artikel, worin ich behauptete, Pharmakonzerne seien Geldvermehrungseinheiten und nicht Teile des Gesundheitssystems. Als drittes kam der Alkohol. Und dann der Rauswurf, obwohl der Chefredakteur auf meiner Wellenlinie stand. Aber der Verlagsleiter nicht. Ich wurde gefeuert, trank noch ein Jahr weiter, und fand dann einen Zirkus, der mich als Aufseher über die Tiger im Käfig bestellte, während sie Besucherzeiten hatten. Es durfte niemand die Eisenstange übersteigen und sich zu weit hinüber lehnen. Die Stange war etwa zwei Meter vor den Käfigen aufgestellt.

Die meisten Alkoholiker sind eine Zeit lang anständig, und zwar so lange, wie man in ihrer Nähe bleiben kann, ohne sich woanders hin zu wünschen.
Wenn man beginnt, sich woanders hin zu wünschen, dann ist das ein Indiz dafür, dass der Typ unausstehlich wird. Oder aber, dass man selbst rastlos ist und ohne Ziel. Das kann natürlich auch sein. 

Plötzlich wird man gewahr, dass es kein Zurück mehr gibt, weil man in der Situation steht, oder man macht einfach Kehrt und überlässt die arme Seele ihrem Schicksal. Man sieht sich unfähig einen Schritt zurück zu gehen, von dieser Wand, die sich da vor einem aufbaut. Der Typ steht da also jetzt. Wenn man jetzt zurück gehen würde, warum? Für viele andere Leute würde ich vielleicht einen auf Macker machen, weil ich stur stehen blieb und er mir zu nahe kommen musste. Das liegt aber in Wahrheit daran, dass ich mir den Tag vorgenommen hatte, Haltung zu bewahren. Da gab es kein Pardon.

Jetzt will er meine Zeit verschwenden. Oder? 

Mitgehen oder weg gehen. Du verlierst Zeit. Sie ziehen dich irgendwohin, verstricken dich, und dann kommst du erst recht schwer weg. Aber dieser Mensch ist kein Mensch, sondern eine Seele, ein kosmisches Ereignis. Warum sollte ich dies nicht mal anders auskosten, als wie einfach das übliche Programm abzuspulen? Um meine relative Unhöflichkeit, nicht zurückzuweichen, wett zu machen, werde ich ihm die Flasche holen, die er sicher verlangen würde, dass ich sie ihm kaufe.

Bis es so weit kommt, dass man "Nein" sagen muss, ist es eine Art Abenteuer. Manchmal hilft nur noch dieses entschiedene "Nein", auch sich selbst gegenüber. Damit man sich ausrichten kann und nicht einknickt.
Aber man kann es auch locker nehmen. Dann guckt man, was man von dem erfahren kann , ohne dass er einen für blöd hält.
Man lernt oft die halbe Lebensgeschichte von jemanden kennen. Erhält Einblicke. Ihn kannte ich schon etwas, weil ich den Typ kenne. Solche Typen arbeiten in Fabriken, irgendwo als jemand, der nicht weiter auffiel, manchmal dort, wo feinere Arbeiten verrichtet werden müssen, oder Schlosser, oder alles was mit dem Bedienen von Maschinen zu tun hat. Das können noch besser solche Arbeitsplätze sein, wo man auch trinken kann, ohne dass ein Fehler besondere Konsequenzen hätte. Etwa, wenn man nur alle paar Minuten irgendetwas von A nach B tragen und in C schütten muss, und sonst nur dumm rum steht.

Und manchmal laden oder ziehen sie Dich irgendwohin, wovon du Dich dann unter Anstrengung und Aufbietung allerhöchster Konzentration rausreden musst - worin das eigentliche Abenteuer vielleicht  gerade  besteht. Wer weiss. 

Es ist schon ein geheimer Reiz, wenn Du nicht weisst, wer vor Dir ist und was aus der Situation wird. Aber ooft ist es vorhersehbar. Aber dieser hier, will seinen Stoff, dann ist er sowieso schon fertig. Das merkt man ja. Und er will mir etwas erzählen. Zwei harmlose Sachen für mich.

Man muss mit jedem anders umgehen. 

Aber das war schon etwas plump. Er da. Was er da tat. Ich stand einfach so hier rum und er kommt mir so nahe, dass er mir fast auf die Füße tritt. So besoffen kann man schon fast nicht mehr sein, weil man vorher umkippen müsste.
Ich vergegenwärtige mir etwas. Und er wurde aber ungeduldig jetzt. 

Wie öffentlich wirksam, drastisch und unverschämt sich die meisten betragen konnten, weil dieser brüllte jetzt auch noch rum, "he!", brüllte mich an, obwohl er gleichwohl nicht direkt mich beschämen wollte. Weswegen er noch einmal halb in die Luft brüllte, und halb mich anspukte, und dann bei der zweiten Silbe mich radikal fordernd mit strengsten Augen, die ein Alkoholisierter nur aufbringen konnte, anglotzte und rief: "Haaal-looo!". Mit Hilfe von Muskeln an der Stirn  riss er die Augenbraunen hoch und mit halboffenen Mund nickte er mir zu und schaute mich an, als wäre ich ein Idiot, der abwesend vor sich hin träumt.
Ich lächelte schief. 

So fragte ich in Erwartung der Worte, die ich bestimmt zu hören bekommen würde, was ich ihm denn kaufen solle? Mein Ton war dabei sarkastisch, zynisch.

"Ja, kaufen. Gen-au.
Akohol, abar was Hartes brauh ig do jetzt. Verstesse?". 

Das war ja klar. "Na klar."

"... ich hab in dem Laden Verbot". 

Er darf nicht rein, aha. Das war vielleicht eine Lüge. Andererseits, so wie er grad, halb wild geworden, ausflippte... 

Ich zauderte, und er ballte dann kurz Fäuste vor seinem Bauch als friere er, und liess die Hände wieder schlapp zu den Seiten fallen und schlaff baumeln, während er unmerklich zusammensackte. 

In gekrümmter Haltung sah er jetzt sehr witzig aus, und recht unbedrohlich.
Einen Moment wankte er, und es sah so aus, als wolle er sich aufs Klo setzen, oder auf einen Platz. Und als gefiele ihm nicht, was er dabei empfand. Aber dann hellte sein Blick sich auf.
Er grinste nun wie von allen Backen gezogen. 

"Ich kann da nicht rein", eiferte er voller Euphorie, und er blickte etwas strenger, zerrte an meinem Verständnis: "Du kannst da rein",  und geiferte mit seinen Augen. Er zeigte auf mich. "Du...". Ich wartete aber. Alles wie gehabt, ich wollte mir extra Zeit lassen. 

Ein Grunzen, ein paar Sekunden später: "Ach  Mann!!!", erheblich lauter, sein Gesicht hatte wieder einen Rückfall in seinen Zorn.
Nur schwer konnte er eine gewisse impulsive Aggression unterdrücken. Er reagierte sich mit einem Zucken der Beine ab. So erinnerte er mich eigentlich an einen Junkie, der sein Zeug noch nicht hat oder jemand, der dringend aufs Klo muss.
Er blickte schief in den Himmel, und verkrampfte die Beine, den Oberkörper, die Arme eng angelehnt. Jetzt war es wirklich so, als müsse er dringend pissen. Aber augenblicklich nahm er wieder seine gewohnte Haltung an. Er tänzelnde etwas, dann stand er wieder breitbeinig und lässig und blickte mich trübe wartend an.

Er hat also Ladenverbot. Vielleicht sagte er das alles, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass er ein altersschwacher Mensch sei. Oder er war nur faul. Die Schlangen an den Kassen waren um diese Uhrzeit immer lang. 

Und er war natürlich ein Alkoholiker, der seinen Stoff brauchte. Und die Leute waren etwas befremdet, das merkte ich. Vorhin konnte man einen Blick auf so manche Gesichter werfen, die vorbeihuschten. 

Und er hatte kein Bock, auf besondere Konfrontationen, das war auch klar. Wie sollte es einem gehen, als im Suff befindlicher?
Die könnten bei jedem entstehen, der zugleich extrovertiert schien und Alkoholiker war. Dieser hier war offensichtlich extrovertiert.
Irgendein Anstoßen, oder ein Glotzen - und dann würde so einer auch mal zurückblaffen.
Und schon richteten sich die Blicke auf ihn. Üblicherweise stank man als Alkoholiker auch nach Pisse. Alles kam  da zusammen. Ladenverbot ist da durchaus denkbar.
Ob dieser roch, konnte ich noch nicht sagen. Vermutlich nicht. Er roch eher nach Tabakqualm und hatte ein schwer einzuschätzendes Aggressionspotential. Nun ja, relativ sicher ist, dass das keiner von denen ist, die einen an die Wäsche gehen oder einen schubsen oder einen gar auf die Brust boxen, und so weiter.
Aber mal schauen, was er dann noch so zu erzählen hat.

Ich wollte ihm den Gefallen tun. So konnte ich auch mein eigenes Bier kaufen - schliesslich war das einer der Gründe, warum ich im Supermarkt ja einkaufen wollte. 

Von dem Rest meines Geldes, das ich in den Taschen hatte, wollte ich mir morgen die Zutaten für meine Leibspeise besorgen. Spaghetti Bolognese.

Ich schütte Öl in eine Pfanne, erhitze erst das Hackfleisch, bis dass die rote Farbe verschwindet, und es grau wird - das auf hoher Stufe. 

Und dann schütte ich diesen Sud weg, gelegentlich braucht man dafür auch nur sehr wenig Öl zum kurzen Anbraten.
Wichtig ist nur, dass kein Blut mehr zu erkennen ist (das Rot bzw. die graue flüssige schleimige Masse, die einen an am ehesten noch an Gehirnmasse erinnert, denn an was köstliches). Dann gut die Feuchtigkeit abgiessen - das ist nämlich das Wasser, das in Wirklichkeit mit dem Blut vermengt ist; und versuchen das Hackfleisch gut von dieser leicht schäumenden Masse zu säubern. Mit Gabel oder sogar Tuch oder Serviette kurz abtropfen  und dann das Hackfleisch mit neuem Öl fertig braten. 

Auch ein Ersatzteil für meinen Computer wollte ich morgen endlich kaufen. Das kostet 27 Euro, ja, bereits 27 Euro, und es ist noch nicht mal das optimale Teil.

Ich könnte für dasselbe Geld ein besseres Teil bekommen, aber die Fahrkarte in die andere Stadt kostet dann auch wieder was, so dass es sich im Endeffekt nicht lohnt. Wegen den Versandkosten übers Internet lohnt es sich von dort auch nicht.

Eigentlich hattte ich mir vorgenommen, das Bier zuhause zu trinken. Aber nun gut
Okay. Wollen wir ihm einfach mal was kaufen, ich war ja grad auch gut gelaunt, wegen dem Gewinn, den ich von der Bank abholte. Ja, 50 Euro gewonnen.

Mal eine gute Gelegenheit, seit langem wieder ein Bier ganz öffentlich zu trinken. Normal ist das ja verboten.

Mensch, 50 Euro in der Hosentasche, da ist man einfach guter Laune. Kann man auch mal wieder ein Bier kosten. Man hat die Zeit hinter sich, jetzt schrieb man Gedichte. Da konnte man sowieso nicht trinken, aber hin und wieder eine Auszeit, das kann inspirierend sein.

Mir schien es auch gleichwohl unanständig gegenüber mir selbst, jetzt einfach zuzusehen, dass ich hier weg komme. Und ihn blöd da stehen zu lassen, dass jemand ihn mit viel mehr Gleichgültigkeit bediente. 

Ausserdem überlegte ich doch die ganze Zeit schon, dass ich sowieso noch ein paar Minuten Zeit habe. Der soziale Einkaufsmarkt für Arbeitslose und Einkommensschwache ist gleich erst geöffnet - allerdings stellen sich viele dort bereits an, und die Schlage ist lang, noch bevor Einlaß gewährt wird. 

So wartet man besser auf die letzte halbe Stunde, damit man nicht so lange warten muss, weil die Schlage sich derweil leeren kann und sich erfahrungsgemäß keine mehr anstellen, weil man am Ende meist nicht mehr die besten Sachen bekommt.
Man bekommt auch noch später einiges Zeug, die haben mehr als genug. Alles Reste der Wohlhabenden und Geschäftsleute.
Ich gab mir eine halbe Stunde. 

Mir gefällt es, wenn ich einen optimalen Plan verwirklichen kann.
Erst das eine, dann das andere, und alles zusammen genommen hat Folgerichtigkeit und Sinn.
Ich war nahe daran glücklich zu sein, und legte mir die Frage in Gedanken zurecht, ob es wirklich für ihn eine Flasche Schnaps sein sollte, so wie er von harten Zeugs sprach. 

Doch dann kam der erste Störfaktor.
"Ich habe Streichhölzer vergessen" murmelte er mit seinen blonden und halblangen Haaren. 

Bevor ich ihm vermitteln konnte, dass ich doch ein Feuerzeug dabei habe, da war er schon fast im Tabakladen. 

Zuerst war er schnell von dannen, dann ging er langsamer. Er war bereits sehr besoffen.
Ich sah ihn mit langen Schritten hinein gehen, er liess sich irgendwie sehr viel Zeit. Die blaue Jeansjacke passte überhaupt nicht zu ihm; und dann die roten Schnürsenkel, und die schwarzen Schuhe - hmmm. Seine Kleidung bestand irgendwie aus den falschen Farben und dem falschen Stoff.

Aus Freude daran, dass bis jetzt alles gut gegangen ist an diesem Tag, begann ich den Tabak auszupacken, und mir eine Zigarette zu drehen - damit auf ihn zu warten.

Als er überraschend schnell aus dem Laden raus kam, grinste er kurz, als könne der Plan los gehen. Wir schlenderten der Sitzecke mit den Bäumen zu. So setzten wir uns nach einem kurzen Gang, während er immer wieder betörte, "wie schlimm doch alles sei"...

Da war diese Ecke mit Sitzbänken, mit Blumengirlanden herum. Jeder auf eine Sitzbank, inmitten der Einkaufsstraße. Ich zog an meiner Zigarette und es war die erste heute - das haut ja ganz schön rein. Puh.

Und in dem Moment wollte ich erst mal diesen Rauschgift des Nikotins und der beigemengten Suchtstoffe in mir aufströmen lassen - und hörte ihm nur halb zu. 

Der gemütliche Platz war geschützt vor den Blicken, wenn Leute die Straße rauf oder runter kamen. Einseitig aber offen wie ein Scheunentor - und wenn Leute vorbei gingen, gafften sie herein. Und manche zeigten einen etwas erschreckten und beinahe ängstlichen Zustand.

Nun wollte er mir also etwas besonderes erzählen, und brauchte vorher noch eine grosse Flasche Schnaps. Konnte das wirklich etwas besonderes sein, dass es für mich lohnte, hier draussen mit einer Flasche Schnaps auffällig zu werden, die ich nicht nur herum tragen würde, sondern auch einem Alkoholiker geben würde? 

Das wäre so, als würde man einem Selbstmörder die Spritze geben, oder einem Kranken das Gift.

Ich dachte daran, dass ich diese Schnapsleichen eh noch nie ausstehen konnte. Schnaps, das knallt. Dagegen hat Bier eine andere Wirkung.

Zum Beispiel reden sie unaufhörlich. Und umso mehr Promille sie im Blut haben, auch umso länger und unverständlicher - natürlich nur so lange, wie sie überhaupt noch irgendetwas koordinieren können. Diese Phase dauert vielleicht eine halbe Stunde bis eine Stunde.
Was Hartes wollen die haben, weil man davon erst so richtig seinen Kick kriegt - und man auch gar nichts mehr mitkriegt, und keinen Grund findet, noch etwas von der Welt mit kriegen zu wollen oder überhaupt auf Konfrontation zu gehen. Man ist ganz einfach weg.

Die, die die Straße hinauf und hinunter kamen, würden nur meine Schnapsflasche sehen, wenn ich die jetzt kaufen würde. 

Man kann sowieso kaum etwas beeinflussen. Ob der jetzt von mir seinen Schnaps kriegt, oder irgendwo Schnaps klaut. Ausserdem würde er, bis er nicht sein Alkohol hat, unaustehlich sein.
Aber trotzdem, wieso jetzt nicht mal Gutmensch sein? Man kann es ja mal probieren, und einen Kompromiss schliessen, und ihm Bier statt dem Schnaps besorgen.

So kam es, dass mir der Alkoholiker nun ein willkommendes Moment ist, ein Saufbruder für 10 oder gar 30 Minuten. Mal mit ihm anzustoßen. Mein Glück muss gefeiert werden. Und er hat sein Glück sicher auch in diesen Momenten. Ich war angetan, die Welt noch ein Stück mehr aus den Angeln zu heben, indem ich in Frieden gehen werde, und den späten Herbst jetzt schon genoß.

Und mal schauen, welche Botschaft er für mich hat - wer weiss. 

Ein Bier, ein Neuanfang ist ja gegeben, sorgenfrei jetzt alles, das muss gefeiert werden. Ich hatte Lust, die Welt für meine Begriffe aus den Angeln zu heben, wie man es mit einer Flasche Bier schon mal so tut, als ein lockeres Flanieren.

Ich sagte ihm: "naja, nun schau mal, das harte Zeug ist es doch gerade, was einen richtig fertig macht - wenn du davon runter kommen willst, hey, dann ist Bier auf jeden Fall besser. Das ist sanfter, das haut nicht so rein, weisste". 
Meine Worte mussten wie eine Beschwörung klingen: "Du brauchst dich mit dem harten Zeugs ja nicht immer so abzuschiessen". Aber es machte mich nun auch neugierig, was er vorhin angedeutet hatte: er will mir was erzählen. Etwas Besonderes.  

"Wolltest du mir nicht was erzählen?" 
"Jaja," brüllte er barsch..., und das nächste grummte er: "Ich brauch erst was zum Saufen, sonst kann ich dir das nicht erzählen." 

"Aber kein Schnaps, ich hole dir Bier..." 

"Ja, dann hol mir Bier - Bier, das ist okay...", griesgrämig blickte er zur Seite ins Nirgendwo, um dann kurz darauf mit einer etwas zuckenden Bewegung einen Punkt zu fixieren, der mitten durch mich hindurchzugehen schien, wie Butter ins Nirvana. 

Ich bat ihn um ein bisschen Geld, obwohl ich selbst nach diesem durchgestandenen Tag Spendierlaune hatte, aber andererseits weiss ich, was zwei Euro wert sein können. Er gab mir ein Euro und zwanzig Cent. 
Mehr nicht... - dachte ich. 

"Bier kostet ja nichts", meinte er. 

Als ich ging, kamen zwei Straßenfeger in ihren orangefarbenen Anzügen an unseren Sitzplätzen vorbei und leerten die Papierkörbe, machten hier und dort sauber. 

Im Laden musste ich feststellen, dass die nur Dosenbier für 65 cent hatten - entgegen meiner Hoffnung, mit ein Euro und zwanzig auch selbst noch eine Pulle abzubekommen. Ich dachte, dass früher selbst das Markenbier billiger war als heute das Billigbier. Alles wird teurer.

Aber nun haben sie noch nicht mal Flaschenbier, das ist ja richtig mies - denn das Pfand auf Flaschen kostet weniger. Nun, das ist jetzt aber schade, das ist sogar richtig doof. Ich überlegte eine Weile, was jetzt angeraten ist zu tun.

Da das Pfand auf Dosen ganze 25 Cent betrug, anders wie die 8 cent für Flaschen, musste ich am Ende noch zwei Euro drauf legen für die zwei Dosen, die ich ihm geben wollte und für die eine, die ich mir redlich verdient hatte nach diesem Tag. Mit dem Billigbier für 35 Cent wollte ich ihm nicht kommen; - ich kannte mich aus: Selbst manchen hartgesottenen Alkoholiker, dem es eigentlich nur um die Promille geht, macht die Qualität bei Bier etwas aus, wenn es auch nur das Auge ist, das mit trinkt. Vielleicht kann man es als die letzte Würde betrachten, die man sich noch gönnt. 

Bier ist anders als Schnaps ein Genußgetränk für Süchtige - nicht weil man mehr davon runter kriegen würde, sondern man genießt es anfangs, weil es erfrischt, und zunächst einen Wohlreiz verschafft, und der Alkohol noch nicht dröhnt. Deshalb trinkt man gewöhnlich innerhalb kürzester Zeit zwei Dosen auf einmal. 

Ach, was waren das Zeiten, als man unter Freunden, Kollegen und Trinkbrüdern saufte, mit einem Bier in der Hand, welches Marke und Geschmack hatte, und das man zurecht öffentlich loben konnte.

Die leicht ansteigende Besoffenheit, die zugegeben doch ganz erheiternd sein kann, frohlockte mich. Ein Bier, dass eine Marke hatte, das bedeutete auch mir etwas. Und zugegeben, das Billigbier war wirklich nicht so toll. Nein, ich glaub, da stimmt der Gärvorgang oder die Lagerung nicht so richtig. Es gibt eben doch einen Unterschied, zumindest beim Bier. Ich nahm die drei Dosen Markenbier und ging zur Ladentheke, und dachte in der Warteschlange, die grösser war, als ich befürchtete, weiter über das Bier im Abendland nach.

Und was billig ist, muss schnell produziert werden können, sonst ist es verlustig, da kann man keine langen Gärungsprozesse, oder besondere Lagerungen veranschlagen, das gilt nur für die Spitzenbiere.

Die Schlange war lang an der Kasse. Es gibt schlimmeres - dachte ich. Schlimmeres als der Handlanger eines Alkohokranken zu sein, schlimmeres als der heutige Tag, im Angesicht der Umstände war der Tag super gelaufen. Nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt hin, da erschien noch alles sehr tragisch und drastisch - ein Zeitpunkt, der vor genau zwei Stunden eintraf und alles wendete, als ich endlich Gewissheit hatte, dass das Geld eingetroffen war, und ich die Überweisung an meinen Gläubiger tätigte, und den Rest vom Konto plünderte. 

Das Mädchen, also die Kassiererin: hübsch und ansehnlich. 

Endlich war ich draussen. Als ich zurück auf die Sitz-Bank kam, hatte er sich umgesetzt, und hielt bereits eine Dose Bier in der Hand, Markenbier. Das musste er sich in einem Kiosk geholt haben. 

Kein Wunder, denn ich brauchte lange, in seinen Augen ganz bestimmt eine Ewigkeit... - "Die Schlange war lang". 

Ich sah ein Stück weiter noch die Straßenwärter. Ah ja - dachte ich. Die waren gerade hier, die müssen ihn gesehen oder gehört haben. Sie blickten zurück und ich ging daran, mich auf die Sitzbank zu pflanzen.

Ein paar Passanten glotzten neugierig oder unverschämt, einige etwas befremdet. Nun, ich rechnete schon nicht mehr damit, von ihm die Geschichte zu hören, die er mir doch erzählen wollte. Er brasselte nämlich jetzt nur noch, manchmal unausstehlich laut. 

Er wurde ab und zu wirklich so richtig brüllend, wenn er das tat, war gerade keiner in der Nähe vor unserer geschützten Bucht der Sitzplätze. Aber sicher hörte es jedermann in der ganzen Straße. Man hat es bestimmt auch in den Geschäften gehört - ab und zu flüsterte er wieder und brasselte Zeugs, das ich nicht verstand. So saßen wir da, während er nur bruchstückhaft irgendeinen Ansatz machte, von irgendwelchen Dingen bei sich zuhause faselte. Oder versuchte zu faseln. Ich konnte ihm nicht folgen. Es ging um einen Kühlschrank, und um Maler, und eine Katze, die wohl abgehauen war und irgendwie dann wieder auftauchte. Der Maler hatte wohl Angst vor der Katze.

Er rauchte eine Zigarette nach der anderen. Und eigentlich wollte ich selbst doch auch gerne meine eigene Geschichte erzählen, von den Dingen, die ich heute erlebt hatte. Weil er nicht voran kam, mit seiner Geschichte, überlegte ich mir das einige Male, für meine Geschichte die richtigen Anfänge zu finden. Es führte alles nur noch mehr dazu, dass er das an seine eigene geschichte anknüpfen konnte.

Trotzdem, heute war ich zum ersten Mal schlauer als sonst, und vielleicht lag es an dem Impuls, den mir die Erfahrung des heutigen Tages und der letzten Tage gebracht hatte - ich sparte meine Energie und machte mir keine Mühe mehr, die Ereignisse zu ordnen, meiner Pläne zu erinnern, und versuchte auch nicht das Gespräch zu leiten.

Es war irgendein nebensächliches Thema, das mich nichts angehen konnte, weil es mich langweilte, indem er immer wieder nur dieselben Ansätze fand, ohne die Pointe zu offenbaren. Worum ging es denn nun? Jetzt schien der Maler die Katze zu streicheln und dann gibt es auch noch einen Nachbarn; ich glaube der Maler ist der Nachbar in einer Person. Merkwürdig.
Bald hatte ich mein Bier fast geleert und eine dumpfe Ahnung beschlich mich - obwohl ich noch nie wegen öffentlichem Biertrinken belangt wurde, dachte ich ab und zu daran, was geschehen könnte, wenn ich mit diesem lauten Menschen zusammen erwischt werde. Jetzt gerade stöhnte er wie ein Kamel.

Nun, ich wollte weg. 

"Ich muss noch einkaufen, da gibt es einen sozialen Einkaufsmarkt, kennst du bestimmt. Da kriegt man billig jede Menge Ware, man muss nur pünktlich da sein..."

Er unterbrach mich hektisch, "ach, (Gebrassel) was willst du haben, ich habe ei-ei-einäh (alkoholisches Gestotter) grosse Wohnung, jed-ääääh Mengäääh zuhause", (Gebrassel) "Kriegst du alles. Was du willst".

Jaja, aber ich kannte diese Versprechen, irgendwie kannte ich sie alle, es ist nur dummes Gelaber,
ein Verführen, um Gesellschaft zu haben - "Nee...", und ich beharrte weiter darauf, als er nicht locker liess; - dann, wie passend, ergänzt er: "Ich brauche jemanden fürs Bett, ich habe ein grosses Bett". Da umklammerte er mich an den Schultern, wie ein Dobermann oder Boxer einen Oberschenkel umklammert, nur hier war er es - mit meinen Armen. Er wollte mich festhalten, mit einer ziemlichen Kraft drückte er mich nun auf meinen Sitzplatz, wollte mich dorthin ziehen, aber mit erstaunlich wenig Gegenwehr konnte ich mich dann doch loskämpfen, vermutlich war meine Position im Stehen günstiger, um mich losreissen. Mein erfolgreicher Versuch mich los-zu-zeeeerrrrrrrren. 
Ich sagte: "Nein, da bin ich nicht der Geeignete für". Und ich wollte doch nicht grob klingen, immerhin wird hier von den sanftesten Gefühlen gesprochen, zu denen Menschen fähig sind.

Was soll man da auch sagen, ich bin Hetero. Jetzt war es Zeit zu verschwinden - endgültig. 

Ich wollte ihn aber nicht einfach so dumm sitzen lassen, mich also noch ordentlich verabschieden. Wollte ihm die Hand geben, aber er wollte dann diese Gelegenheit immer wieder ausnutzen, um mich festzuhalten, runter zu ziehen, "ach, bleib doch". Ein krampfhaftes Stöhnen der Anstrengung, und ein offenbar werdender Wille, der in diesem verzweifelten Krächzen lag - ich riss mich erneut los.

Das ging zwei oder drei mal so, jedes Mal als ich ihm wieder die Hand gab. Und da die Szene sich nicht ändern wollte, und er mich wieder und wieder klammern wollte - was er jetzt nicht mehr schaffte, weil ich den Trick kannte -  zog ich meine Hand ein letztes Mal weg. Und hielt sie so, dass er mich noch nicht mal versuchen konnte zu greifen. Wie belämmert kauerte er nun da auf seinem Sitzplatz. 

Seitdem ich mich loszerrte, schaute er mich nicht mehr an, sondern stierte auf die Bierdose, die er vor sich auf das Pflaster hingestellt hatte, aber meine Hand hatte er dann jedes Mal im Gesichtsfeld wahrgenommen.

Ich versuchte einen irgendwie überlegen wirkenden Stand über ihn zu vermeiden . Ich wollte keine Siegerpose bilden, und machte einen kaputten, fertigen, also besoffenenen Eindruck. 

Ich liess das jetzt mit der Hand einfach, und die Geste mit meiner Hand, die ich unentschlossen vor meiner Hüfte hielt, sah aus wie die Geste eines Bettlers, der halbherzig nach Almosen schielt. Er wollte sie also nicht entgegen nehmen, kein Abschiedsgruß in Freundschaft. 

Offensichtlich sah es aus seiner Sicht auch so aus, dass ich es war, der die Einladung nicht wollte.

Und ich sagte: "machs gut, ja!?", er wirkte abwesend, "denk dran, nicht so dieses harte Zeugs, nimm das normale Bier", und tätschelte seine Schulter, was ihn wohl irgendwie zwar egal war, aber im nüchternen Zustand hätte er gewiss was dagegen gehabt, das spürte ich - sehr merkwürdig, solche Typen - irgendwann musste ich mich ja verabschieden, also weggehen, und so wollte ich jetzt einfach weg, wenn er für den Abschied auch nichts mehr über hatte - obwohl ich ein beklemmendes Gefühl hatte, ihn einfach so sitzen zu lassen. Ein allerletztes Mal hielt ich die Hand hin, dann wieder weg, als er sie mit demselben Trick wie vorhin greifen wollte. Er schaute aber die ganze Zeit nicht. Naja, wenn er nicht schaut, dann gehe ich einfach. "Tschüß", und weg war ich.

Die Bierdose war noch nicht ganz leer. Ich verbarg sie unter meiner Lederjacke, und ich war richtig froh. Der ganze Abend lief zu meiner Zufriedenheit, und der Abschied von ihm, naja, es ist ja seine Sache.
So ging ich die Einkaufsstraße entlang, nicht belustigt über den Typen, aber heiter. Obwohl ich immer noch den Typen im Nacken wähnte - manche folgen einem ja noch. Doch ich hielt das für Einbildung, nein, der ist viel zu fertig.

Ich drehte mich nach etwa hundert Metern um, er folgte mir nicht. Sehr gut. Eigentlich wie zu erwarten. Stattdessen sah ich aber rückblickend einen Polizeiwagen, der an dieser Stelle hielt, wo ich den Typ verlassen hatte - und da dachte ich mir: "Mensch, das war genau der richtige Moment, genau der richtige Moment." 

Ich bedauerte noch den Typen, aber so ist das halt.
Man wird ihn wahrscheinlich weg schicken, raus aus der Straße, nach Hause. Hoffentlich nur das. Er konnte frech werden, wenn er einem vorwarf, dass man ihm im Stich gelassen hätte.

Guten Mutes durchwanderte ich die Einkaufsmeile, und mir schien, dass die Konsumenten einen ähnlich müden Blick haben, wie die Besoffenenen, nur haben sie nicht diese niedergeschlagenen Lider. Sondern im Gegenteil - ihre Lider sind nach oben gezogen, und die Blicke steif und fixiert, und ausgerichtet auf ein Ziel, vielleicht, auf eine Hoffnung irgendwo anzukommen bestimmt, und sie wissen genau wohin.

Als seien die Augen und Seelen voll erstaunter Anstrengung. Oder ist es nicht die innere Leere, sich keine Ruhe gönnen zu können? Nicht zu genießen den Blick, den das Dasein möglich macht auf die Welt?

Wenn ich schlendernde Leute antreffe, ist es entweder zur Feierabendzeit oder Feiertags, denn auf der Straße während der Einkaufszeiten fallen die flanierenden Geschöpfe nicht auf. Dann gehe ich unter in der anonymen kalten Masse am Tage.

Am Bahnhof musste ich durch den Tunnel, und dann war ich schon da. Über mir auf den Gleisen machten Züge krach.

Nun stand ich in der nächsten Warteschlange, hier kam man in drei Minuten vielleicht einen einzigen Schritt voran, nicht etwa einen Platz oder einen Meter. Das dauert ewig bei der Schlange, auch wenn man schon in grösseren gestanden ist. 

Es waren wohl noch zwanzig Schritte vor mir. Die Schlange bildete sich nebenbei gesagt auf dem Gehweg. Man konnte im Schaufenster beobachten, wie die Leute alles weg kauften. Ich bangte, hoffentlich bleibt noch etwas übrig.

Und jetzt drohte mir aber noch die Blase, nämlich pissen zu müssen. Noch nicht akut, aber man weiss aus Erfahrung, wann der Prozess ins Rollen kommt. Das ahne ich, es wird nicht leicht.
Man kann aus Erfahrung gut einschätzen, wann der kritische Punkt erreicht werden würde. 

Eigentlich ist es befreiend, keinen Zwängen ausgesetzt zu sein. Wenn man jetzt einfach an den Baum da pissen könnte und keiner mir den Stehplatz weg nimmt.
Ich könnte jederzeit zwei oder drei Straßen entfernt, da hinten in den Büschen verschwinden. Aber hinter mir waren drei Leute - das würde mich mindestens zwanzig Minuten kosten, und ausserdem bleibt dann noch weniger übrig, was man einkaufen kann. Umso mehr Leute vor einem sind, desto weniger bleibt. Klar, es gibt noch genug Gemüse. Aber die Joghurts und Puddings gehen weg wie warme Semmel.
Hier ist eingesparte Zeit gleichbedeutend mit Optionen, die man noch hat. Also: Fröhlich sein, so gut wie es geht.

Ich erinnerte mich an die Busfahrt auf Mallorca, als wir zum Flughafen fuhren. Dort trank ich blöderweise im Hotel noch einen Tee kurz vor der Abfahrt. Der Transfer dauerte dann mehr als eine Stunde. Zwei Stunden vor Sonnenaufgang, die wir im Bus saßen, und eine Warterei im Bus, die mir wie Blei auf meine Blase drückte.
Ich machte mir damals im Bus Pläne. Wenn ich am Flughafengebäude angelangt sei, dann muss ich sofort das Gepäck auf den Gepäckwagen hiefen, meiner Mutter rasch helfen.
Aber erst muss ich aushalten. Bald fängt man an die Beine zu bewegen. 

Das ist schon nicht weit entfernt vom kritischen Punkt. Bald denkt man darüber nach, ob es stimmt, dass die Busfahrer anhalten, und einen pinkeln lassen, vielleicht hat der Bus sogar ein eigenes Klo - aber sieht nicht danach aus - mann ist das peinlich. Irgendwie scheint das einfach nicht der richtige Moment, jetzt aufzustehen und den Fahrer zu fragen - wer weiss, ob die das überhaupt einkalkuliert haben: "nicht dass wir den Flug verpassen", höre ich meine Mutter schon sagen. Ich lass mir nichts anmerken. Oder ob die gar sauer werden, es sind ja immerhin noch andere Fahrgäste im Bus.
Also wieder der Gedanke an den Flughafen. Es war jetzt wohl nicht mehr weit, es kann doch nicht mehr so weit sein. Da hinten fängt doch schon die Stadt an. Ich muss möglichst einen einzigen Gepäck-Wagen bekommen, damit meine Mutter mein Gepäck mit schieben kann, ohne sich mit einem zweiten aufzuhalten, während ich ja auf das Klo rennen muss. Sie war da immer etwas besorgt, weil sie sich am Flughafen nicht auskennt. Und damit sie sich in die Warteschlange einreihen kann, muss alles nach Plan laufen. Wenn ich die Toilette suche, muss alles seine Ordnung haben - also Pläne machen, da musste man Pläne machen. Das ist jetzt wichtig und man muss entschieden vorgehen, wenn der Moment kommt. Der Flughafen, der Flughafen, die Landebahn ist schon zu sehen - wir fuhren entlang der Landebahn, dort vorne ist schon das Gebäude... - ich war selten so glücklich.

Hier am sozialen Einkaufsmarkt machte ich mir keinen Plan, denn es war herrlich unkompliziert, aber dennoch dringlich. Ich wusste, wenn ich durch die Schlange wäre und rasch eingekauft hätte, müsste ich erst noch fünf Minuten laufen, um an eine geeignete Stelle zum Pinkeln zu gelangen. Eine Stelle, die ich gut kannte, an einem Fluß, und vor allem jetzt im Dunkeln, da sieht mich nämlich keiner. Ein Platz wie geschaffen zum Pinkeln, meine Lieblingsstelle zum Pinkeln. Herrlich. 

Aber erst musste ich hier durch, ich war ein wenig angetrunken auf nüchternen Magen - das war okay, das war gut, so ging die Zeit vorbei, sie wäre noch schneller vorbei gegangen, wenn ich nicht hätte pissen müssen. 

Ich sah ein Schild: "Informacje", es erinnerte mich an Urlaub - und ich liebe dieses Gefühl, auf Urlaub zu sein, wenn die Welt eine andere ist. Ich genoß dieses Schild, ich genoß das Fremde, die vielen fremden Leute aus anderen Kulturen, waren es Polen oder Russen da vor mir? Hinter mir eine Gruppe Türken. Das da waren auf jeden Fall Afrikaner, ich liebe sie. Das Schild mit "Informacje" war wahrscheinlich eine Entsprechung zu einem deutschen Schild, das nämlich Verhaltensanweisungen enthielt. 

Endlich. Ich kaufte ein halbwegs frisches Brot, Pudding, Jogurt. Salat war schon alle, ich ergatterte eine Stange Poree, Möhren, Sellerie hatten sie sogar noch. Super, die hatten sogar Spaghettti. Und dann nahm ich noch einen Meerrettich, den sie mir andrehten. Ich hatte noch nie so schnell meinen Einkauf gemacht. Ich hatte mir die Sachen während des Wartens im Regal schon ausgesucht und mir im Kopf eine Liste gemacht. Und noch nie hatte ich tatsächlich an alles gedacht, und noch nie war die Tante da wirklich so bei der Sache. 

Letztlich habe ich ordentlich abgestaubt. Ein wundervoller Tag bis jetzt, jetzt musste ich das Zeug nur noch nach Hause schleppen, eine halbe Stunde Fußweg. Durch die vom Mond aufgehellte Dunkelheit, durch die Welt der Gartenanlagen und der Felder. 

Aber erst mal pinkeln. Das tat gut. Die Luft, herrlich. Es plätscherte.

Nachdem ich aus der Seitenstraße heraus meinen Weg weiter gegangen war, machte ich mir darüber Gedanken, wie ich das Ersatzteil morgen kaufen würde. Ein herrlicher Ausblick. 

GESCHRIEBEN:
Nov. 2007-2008


Überarbeitet und in letzte Form gebracht am:09.12.2010

Absurde Tode

Man könnte in zehn Bildern einen absurden Tod malen. Wenn man bei einer verstopften Nase, während man erkältet ist, sich schneuzt. Plötzlich löst sich etwas, man schmeckt den Geschmack von Blut, und das Gehirn spritzt durch die Nase, mit weissen Brocken landet es vor einem hin auf den Tisch, in einer grossen Lache und man fühlt ein Vakuum.
Alles wird dann aus der Nase heraus geschleudert. Als hätte der bedrückte Inhalt der willkommenen Druckentlastung entgegen gefiebert.

Sicher, das ist unappetittlich. Aber auch spektakulär, und wohl weitgehend schmerzlos. Weil das Gehirn ja sozusagen befreit wird vom Eindruck, am rechten Ort zu sein, es hat keine Aufgaben mehr. Also empfindet es spätestens in diesem Moment noch nicht mal das entstandene Vakuum.

Man hätte gerade noch, mysthischerweise, den Eindruck, wie das einem geschieht. Ein Sekundenbruchteil, und die Nervübertragung bricht ab, und das Schmerzsignal kommt nicht mehr an. Bis alles vor einem weiss, oder aber auch schwarz wird, je nach philosophischer und weltanschaulicher Orientierung, je nachdem, ob man Realist ist oder Träumer.. 

Dieser Tod ist ein ziemlich plötzlicher, überaschender, gleichwohl sehr erschreckender Tod. Man ist allerdings ganz allein für sich, keiner beobachtet einen - jedoch hinterlässt man sehr viel Dreck, wie bei manchen Toden..

Ein anderer Tod könnte darin bestehen, dass man irgendwo in einem Raum mit vielen anderen einfach tot umfällt, und gerade so fällt, dass niemand dabei gestört wird.
Das ist ein recht seltener Tod. Normalerweise ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass man in solchen Situationen umfällt, und dabei mindestens der halben Länge nach zur Seite umknickt. Dabei wird man in einem gefüllten Raum auch irgendwo anecken, und könnte andere zumindest behelligen.

Eine etwas tröstlichere Variante könnte so aussehen, dass man sich in einer Reihe befindet, und man sieht zunächst wie vor einem alle nacheinander tot umfallen, gerade ist der Vordermann tot umgefallen, und dann fällt man selbst tot um. Hier sieht man das erste Mal den Tod kommen. 

Jetzt könnte man sich verschiedene Varianten ausdenken, wie schnell sie alle umfallen, man könnte auch eine Variante beschreiben, in denen jemand sich mit seinem Hintermann unterhält, und den Tod nicht kommen sieht. Ein anderer sieht den Tod im Gesicht seines Vordermannes kommen, weil der Vordermann sich zu ihm umgedreht hat. Aber er sieht nicht alle vorherigen Tode, weil der Vordermann sehr nahe an ihn herangetreten ist und ihm die Sicht nimmt.

Wenn man sich zum Beispiel in Luft auflösen könnte, das wäre mal was ganz neues, und auch die andere Seite der Medaille. Das gegensätzliche Bild zum grausamen Tod ist nämlich der freundliche Tod.

Man könnte nun Gegenentwürfe, kontrastriende Cappricen anfertigen, und zwar von Bildern des Lebens.

Die Katzen

Beim Spaziergang sehe ich vor mir eine braune Katze auf einem Dach eines Kleingartenschuppens. Sie schmökert ungerührt meines Blickes in der Sonne. Wenig später in der gleichen Kleingartensiedlung, unter einer mit Büschen umpflanzten Eiche, sehe ich eine hellbraun gefleckte Katze, die aus einem Loch im Gestrüpp hervorkommt. Sie verschwindet sofort zurück, als sie mich erblickt. Schaut noch einmal neugierig und kehrt sich endgültig und flink ab, als sei ich ihr nicht geheuer.

Frische Morgenluft

Ich gehe eine Straße entlang, es ist kühl. Es ist herrlich. Die Häuser sprechen ahnungsvoll aus ihrer Fassade zu mir. Ich hatte das Holzfällerhemd angezogen, das innen mit Wolle wattiert ist. 

Die Bäume wedeln im Wind. Der Weg ist eingetaucht in die Luft eines gelben Morgens, dessen kühle Bläue noch aus der Nacht in den Schattten der Äste und Sträucher liegt, auf'm Sonnenschein beschmusten Pflaster.

Gelbgrünes Sommerlicht

So ging ich durch die Straße.
Ich dachte dann, als ich mit dem Gewölbe aus grünen Laub über mir so daher ging, "ja, so ist man vor 500 Jahren über Wege gegangen und hat geträumt..." - man hat geträumt von Luft, die gesenkt war ins Licht, man hat Luft gesehen, man hat sich Bilder gemacht, daraus dann hat man sich seine Gedanken gemacht, und das Muster war gültig, wie zu allen Zeiten, von Sehern geschaut, und alles war gesegnet von Hoffnung und Zuversicht. Wenn auch nur für diesen Moment, wo man merkt, es ist ein Tag unter vielen, aber ein Tag. Die Nacht kommt immer wieder, und es gibt einen neuen Tag. Doch man war gläubig, man wurde gemahnt an eine höhere Ordnung, man spürte sie, so wie man die Auf und Abs der Blätter mit dem Wind in Verbindung bringt, den man an seiner Haut spürt, man spürte die hohle Kugel Luft, ein Unbekanntes, was es war, man fühlte eine Geborgenheit auf Erden.
Was auch am Ende des Weges sich öffnet, das wird der Himmel sein. Und durch das Laub die weissen Wolken, die graue fahle Erde, am Rand des Weges glühend, und gelb von Blättern eingefärbt.
Ich trank aus meiner Wasserflasche. 

[2007]

Freiweillige Selbstkontrolle Jugendmediengesetz: Vorgesehene Altersbeschränkung: 16 Jahre.

Alle Personen, Verbands- und Geschäftsbezeichnungen sind frei erfunden.