Autor: Stefan Arens

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November

Das Besondere an dem Tag war, dass ich aus der Bank heraus kam. 

Mit Bargeld in der Hosentasche hat man einige Optionen, hat man Aussichten.
Ich habe sonst nur sehr wenig Geld in der Tasche.

Guter Laune schlenderte ich nun dem Supermarkt entgegen. Doch vorher wollte ich mir Zigaretten kaufen, und zwar eine Marke, die es im Supermarkt nicht gibt.

Hinein in die dämmrige und von Laternen beleuchtete Straßenzone, kam ich aus dem Kiosk. Mir kam jemand verdächtig nahe. Wer wer das überhaupt? 

"Hör zu", sein Atem roch nach derben Alkohol, seine trüben aber eindringlichen Augen versuchten mich zu fixieren. 
"Ich muss dir was erzählen - aber zuerst musst du mir aus dem Laden dort was kaufen." Er zeigte auf den Supermarkt.

Ich kannte diesen Spruch. Von ihm und den anderen, den ich auf meinem Weg bislang begegnet bin.

Ich lasse mich an solchen Tagen auf solche Typen ein, weil diese Begegnungen mit Alkoholikern ohne Verbindlichkeit sind, und sie mich deshalb nicht sonderlich abstossen. 

Es wird eine Rolle spielen, dass ich mit solchen Leuten zunächst gut auskomme.
Möglicherweise gibt es auch eine geheime Verbundenheit, weil solche Leute ausgestossen sind, wie ich es für mich in einer fernen Ecke meines eigenen Ichs manchmal ebenso empfinde. Oder weil ich früher Gelegenheits-Alkoholiker war. Ich habe mal gehört, es gäbe sowieso einen inneren Alkoholiker, ebenso wie einen inneren Schweinehund - in meiner Ausbildung zum Elektriker gab es einen Alkoholiker, der soff nicht mehr. Aber er verkörperte in seiner Eigenart immer noch irgendwie den Grund, warum er getrunken hat. Man merkt das.

Und als ich mich schliesslich als Maler versuchte, kannte ich einen Gesellen, der immer betrunken war.
Vielleicht war es nicht zufällig, dass ich mit ihm eine Wohnung renovieren musste, die ein anderer Maler stümperhaft tapeziert hatte. Vielleicht war dieser Stümper ebenso besoffen, und konnte in dem Zustand keine ordentliche Arbeit verrichten. Der Geselle, mit dem ich zusammen war, konnte aber gute Arbeit trotz Betrunkenheit leisten.
Damals war ich noch keine drei Tage im Betrieb als Lehrling, da wurde ich zu ihm geschickt. Wände abspachteln wurde zu meiner Beschäftigung tag ein und tag aus. Nun ja, wenn man das ordentlich machen kann, ist es eine schöne Beschäftigung, und man hatte die Zeit. Acht Stunden sind ein ganz anderes Zeitgefühl, wenn man etwas machen kann, wo man sich nicht besonders anstrengen muss. Dieser Maler damals soff also, aber konnte es besser machen als der Maler vor ihm. Jener Stümper, der vor einer Woche erst hier die Tapeten, die man auf Schnitt kleben muss, verkehrt rum geklebt. Wie der wohl aussah? Meine Phantasie hatte keine Vorstellung parat. Ich nahm es als Mysterium, irgendwie passte ein Alkoholiker nicht zu der Familie, die uns beauftragte. Merkwürdigerweise fiel mir erst später auf, dass auch der Geselle, mit dem ich arbeiten musste, gar nicht zu der Familie passte.

Alkoholiker sind eine Zeit lang anständig, und zwar so lange, wie man in ihrer Nähe bleiben kann, ohne sich woanders hin zu wünschen.
Wenn man beginnt, sich woanders hin zu wünschen, dann ist das ein Indiz dafür, dass der Typ unausstehlich wird. Oder aber dass man selbst rastlos ist und ohne Ziel.

Wie man sich konzentrieren muss, nicht abzufallen von den Erwartungen, und den unbewussten Ahnungen, die von einer nüchternen Wirklichkeit künden, die ja nicht so sein soll, weshalb man trinkt, und wie es der Zufall dann will, sucht man sich gewöhnlich abzuschotten von äußeren Bedingungen und sei es, dass man unaustehlich wird auf die eine oder andere Weise. Um einen bestimmten Grad des Suffs als angenehm zu empfinden, begegnet man ganz absichtlich nicht solchen Menschen, bei denen man überwältigt oder extrem abgelenkt wird.

Plötzlich sieht man sich unfähig einen Schritt zurück zu gehen von dieser Wand, die sich da aufbaut. 

Jetzt will er meine Zeit verschwenden. Oder?

Mitgehen oder weg gehen. Sie ziehen dich irgendwohin, verstricken dich und dann kommst du nur noch schwieriger weg. 

Bis es so weit kommt, dass man "Nein" sagen muss, ist es eine Art Abenteuer. Man lernt auch oft die halbe Lebensgeschichte von jemanden kennen. Erhält Einblicke. Ihn kannte ich schon etwas. 

Und manchmal laden oder ziehen sie Dich irgendwohin, wovon du Dich dann rausreden musst - worin das eigentliche Abenteuer vielleicht  gerade  besteht. Es ist schon ein geheimer Reiz, wenn Du nicht weisst, wer vor Dir ist. Aber dieser hier, will seinen Stoff, dann ist er sowieso schon fertig. Das merkt man ja.

Man muss mit jedem anders umgehen. Ich musste mir jetzt eben vergegenwärtigen, wie öffentlich wirksam, drastisch und unverschämt sich die meisten betragen konnten, weil dieser brüllte jetzt rum, brüllte mich an, obwohl er gleichwohl nicht direkt mich beschämen wollte, weswegen er halb in die Luft brüllte und dann mich anglotzte: "Haaal-looo!".

So fragte ich in Erwartung der Worte, die ich bestimmt zu hören bekommen würde, was ich ihm denn kaufen solle. 

"Ja, Akohol, irgendetwas Hartes brauche ich aber jetzt". 
Das war ja klar.

"... ich hab in dem Laden Verbot". Er darf nicht rein, aha. Das war sicher eine Lüge.
Ich zauderte, und er entfaltete beinahe erschöpft seine Hände und liess sie schlapp an den Seiten hängen, die Faust löste sich, und er grinste von allen Backen gezogen. Dann: "Ich kann da nicht rein", eiferte er, und er blickte etwas zerrend an meinem Verständnis und geiferte weiter mit seinen Augen. Dann ein Grunzen: "Arghhh. Mann!".

Vielleicht sagte er das alles, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass er ein altersschwacher Mensch sei. Die Schlange war lang. Und er war natürlich ein Alkoholiker, der seinen Stoff brauchte. Und die Leute waren etwas befremdet, das merkte ich. 

Ich wollte ihm den Gefallen tun, so konnte ich auch mein eigenes Bier kaufen - schliesslich war das einer der Gründe, warum ich im Supermarkt ja einkaufen wollte. 

Von dem Rest meines Geldes wollte ich mir morgen die Zutaten für meine Leibspeise besorgen. Spaghetti Bolognese - ich mache die gerne selbst, und kaufe das Gehackte im Supermarkt, weil die Mette vom Metzger zum Beispiel, ist oft zu blutig, und wenn man das falsch anrichtet, dann schmeckt es nach Schwein und Blut; und Leber darf da schon gar nicht drin sein. Bäh!

Ich schütte Öl in eine Pfanne, erhitze erst das Hackfleisch, bis dass die rote Farbe verschwindet, und es grau wird, das auf hoher Stufe. 

Und dann schütte ich diesen Sud weg, gelegentlich braucht man dafür auch nur sehr wenig Öl zum kurzen Anbraten.
Wichtig ist nur, dass kein Blut (Rot) mehr zu erkennen ist. Dann gut die Feuchtigkeit abgiessen - das ist nämlich das Wasser, das in Wirklichkeit mit dem Blut vermengt ist; und versuchen das Hackfleisch gut von dieser leicht schäumenden Masse zu säubern, abtropfen lassen, und dann das Hackfleisch mit neuem Öl braten. 

Und auch ein Ersatzteil für meinen Computer wollte ich morgen endlich kaufen. Das kostet 27 Euro, ja, bereits 27 Euro, und es ist noch nicht mal das optimale Teil.

Ich könnte für dasselbe Geld ein besseres Teil bekommen, aber die Fahrkarte in die andere Stadt kostet dann wieder so viel, dass es sich nicht lohnt.

Eigentlich hattte ich mir vorgenommen, das Bier zuhause zu trinken. Aber nun gut, ich hatte heute noch eine gewisse Zeit mit einer Beschäftigung auszufüllen, nämlich woanders ebenso einkaufen zu gehen, billiger. Also hier kaufe ich nur ein paar Sachen.
An diesem Tag fühlte ich viele Lasten von mir genommen. Und es war mir erst mal alles egal, alte Zeiten kamen wieder hoch. Endlich wieder Freiheit.

Ich hatte nicht nur damals so ein Glück, als ich im Fussballwetten schon mal gewann, ganze hundertzehn Euro fünfzig. Sondern jetzt hatte ich ebenfalls Glück, als ich das richtige Ergebnis vorausgesagt hatte, die Quote war super. Naja, immerhin 50 Euro.

Jetzt stand er hier und machte mich nervös. 

Ich wollte nicht bei den geringsten Anläßen ihn herausfordern, den Grad zu erweitern, wie er mit mir unverschämt werden konnte. 

Kurze Zeit davor trafen wir uns erst. Vor einem Zigaretten-Laden hatte ich ihn schon gesehen. Er blickte mich schon so komisch an, dass mir etwas schwante.
Ich hoffte eigentlich, dass er mich nicht ansprechen würde. Oder dass er dann schon wieder weg sei.

Da traf ich ihn beim Herausgehen des Kiosks also wieder. Ich wollte auch nicht einfach so weg gehen - man weiss ja nie, wie oft man sich sonst noch zufällig trifft.

Er hatte Tabak gekauft. Ich hatte Tabak gekauft.
Ich ignorierte zunächst, was er für mich hätte, was er mir besonderes zu sagen hätte. Das meinte er nämlich, aber zuerst soll ich ihm Alkohol besorgen.
Weil es mir zunächst egal war und von solch einem Menschenschlag kann man nicht viel erwarten, dachte ich, beschloß ich mich einfach drauf einzulassen mit der Absicht nämlich, dadurch eine gute Gelegenheit zu finden, mal seit langem wieder ein Bier öffentlich zu trinken.
Hatte ich lange nicht mehr gemacht. Und Bier hatte ich mir auch schon lage nicht mehr leisten können. Zigaretten oder Bier. Da bleibt keine Wahl. Zigaretten sind wichtiger.

Mensch, 50 Euro in der Hosentasche, da ist man einfach guter Laune.

Mir schien es auch gleichwohl unanständig gegenüber mir selbst, jetzt einfach zuzusehen, dass ich hier weg komme. Ausserdem überlegte ich doch die ganze Zeit schon, dass ich sowieso noch ein paar Minuten Zeit habe. Der soziale Einkaufsmarkt für Arbeitslose und Einkommensschwache ist gleich erst geöffnet - allerdings stellen sich viele dort bereits an, und die Schlage ist lang, noch bevor Einlaß gewährt wird. So warte man besser auf die letzte halbe Stunde, damit man nicht so lange warten muss, weil die Schlage sich derweil leeren kann. Man bekommt auch noch später ordentliches Zeug, die haben mehr als genug. Alles Reste der Wohlhabenden und Geschäftsleute.
Ich gab mir eine halbe Stunde. 

Mir gefällt es, wenn ich einen optimalen Plan verwirklichen kann. Erst das eine, dann das andere, und alles zusammen genommen hat Folgerichtigkeit und Sinn.
Ich war nahe daran glücklich zu sein, und legte mir die Frage in Gedanken zurecht, ob es wirklich für ihn eine Flasche Schnaps sein sollte, so wie er von harten Zeugs sprach. 

Doch dann kam der erste Störfaktor.

"Ich habe Streichhölzer vergessen" murmelte er mit seinen blonden und halblangen Haaren. 

Bevor ich ihm vermitteln konnte, dass ich doch ein Feuerzeug dabei habe, da war er schon fast im Tabakladen. 

Zuerst war er schnell von dannen, dann ging er langsamer. Er war bereits sehr besoffen.
Ich sah ihn mit langen Schritten hinein gehen, er liess sich irgendwie sehr viel Zeit. Die blaue Jeansjacke passte überhaupt nicht zu ihm; und dann die roten Schnürsenkel, und die schwarzen Schuhe - hmmm. Seine Kleidung bestand irgendwie aus den falschen Farben und dem falschen Stoff.

Aus Freude daran, dass bis jetzt alles gut gegangen ist an diesem Tag, begann ich den Tabak auszupacken, und mir eine Zigarette zu drehen - und auf ihn zu warten.

Als er dann aus dem Laden raus kam, grinste er kurz, als könne der Plan los gehen. Wir schlenderten der Sitzecke mit den Bäumen zu. So setzten wir uns nach einem kurzen Gang, während er immer wieder betörte, "wie schlimm doch alles sei".

Da war diese Ecke mit Sitzbänken, mit Blumengirlanden herum. Jeder auf eine Sitzbank, inmitten der Einkaufsstraße. Ich zog an meiner Zigarette und es war die erste heute - das haut ja ganz schön rein. Puh.

Und in dem Moment wollte ich erst mal diesen Rauschgift des Nikotins und der beigemengten Suchtstoffe in mir aufströmen lassen - und hörte ihm nur halb zu. 

Der gemütliche Platz war geschützt vor den Blicken, wenn Leute die Straße rauf oder runter kamen. Einseitig aber offen wie ein Scheunentor - und wenn Leute vorbei gingen, gafften sie herein. Und manche zeigten einen etwas erschreckten und beinahe ängstlichen Zustand.

Nun wollte er mir also etwas besonderes erzählen, und brauchte vorher noch eine grosse Flasche Schnaps. Konnte das wirklich etwas besonderes sein, dass es für mich lohnte, hier draussen mit einer Flasche Schnaps auffällig zu werden, die ich nicht nur herum tragen würde, sondern auch einem Alkoholiker geben würde? 

Das wäre so, als würde man einem Selbstmörder die Spritze geben, oder einem Kranken das Gift.

Ich dachte daran, dass ich diese Schnapsleichen eh noch nie ausstehen konnte. Schnaps, das knallt. Dagegen hat Bier eine andere Wirkung.

Zum Beispiel reden sie unaufhörlich. Und umso mehr Promille sie im Blut haben, auch umso länger und unverständlicher - natürlich nur so lange, wie sie überhaupt noch irgendetwas koordinieren können. Diese Phase dauert vielleicht eine halbe Stunde bis eine Stunde.
Was Hartes wollen die haben, weil man davon erst so richtig seinen Kick kriegt - und man auch gar nichts mehr mitkriegt, und keinen Grund findet, noch etwas von der Welt mit kriegen zu wollen oder überhaupt auf Konfrontation zu gehen. Man ist ganz einfach weg.

Die, die die Straße hinauf und hinunter kamen, würden nur meine Schnapsflasche sehen, wenn ich die jetzt kaufen würde. 

Man kann sowieso kaum etwas beeinflussen. Ob der jetzt von mir seinen Schnaps kriegt, oder irgendwo Schnaps klaut. Ausserdem würde er, bis er nicht sein Alkohol hat, unaustehlich sein.
Aber trotzdem, wieso jetzt nicht mal Gutmensch sein? Man kann es ja mal probieren, und einen Kompromiss schliessen, und ihm Bier statt dem Schnaps besorgen.

So kam es, dass mir der Alkoholiker nun ein willkommendes Moment ist, ein Saufbruder für 10 oder gar 30 Minuten. Mal mit ihm anzustoßen. Mein Glück muss gefeiert werden. Und er hat sein Glück sicher auch in diesen Momenten. Ich war angetan, die Welt noch ein Stück mehr aus den Angeln zu heben, indem ich in Frieden gehen werde, und den späten Herbst jetzt schon genoß.

Und mal schauen, welche Botschaft er für mich hat, wer weiss. 


Ein Bier, ein Neuanfang ist ja gegeben, sorgenfrei jetzt alles, das muss gefeiert werden. Ich hatte Lust, die Welt für meine Begriffe aus den Angeln zu heben, wie man es mit einer Flasche Bier schon mal so tut, als ein lockeres Flanieren.

Ich sagte ihm: "naja, nun schau mal, das harte Zeug ist es doch gerade, was einen richtig fertig macht - wenn du davon runter kommen willst, hey, dann ist Bier auf jeden Fall besser. Das ist sanfter, das haut nicht so rein, weisste". 
Meine Worte mussten wie eine Beschwörung klingen: "Du brauchst dich mit dem harten Zeugs ja nicht immer so abzuschiessen". Aber es machte mich nun auch neugierig, was er vorhin angedeutet hatte: er will mir was erzählen. Etwas Besonderes.  

"Wolltest du mir nicht was erzählen?" 
"Jaja," brüllte er schon...
"Ich brauch erst was zum Saufen, sonst kann ich dir das nicht erzählen." 

"Aber kein Schnaps, ich hole dir Bier..." 

"Ja, dann hol mir Bier - Bier, das ist okay...", griesgrämig blickte er zur Seite ins Nirgendwo, um dann kurz darauf mit einer etwas zuckenden Bewegung einen Punkt zu fixieren, der mitten durch mich hindurchzugehen schien, wie Butter ins Nirvana. 

Ich bat ihn um ein bisschen Geld, obwohl ich selbst nach diesem durchgestandenen Tag Spendierlaune hatte, aber andererseits weiss ich, was zwei Euro wert sein können. Er gab mir ein Euro und zwanzig Cent. 
Mehr nicht... - dachte ich. 

"Bier kostet ja nichts", meinte er. 

Als ich ging, kamen zwei Straßenfeger in ihren orangefarbenen Anzügen an unseren Sitzplätzen vorbei und leerten die Papierkörbe, machten hier und dort sauber. 

Im Laden musste ich feststellen, dass die nur Dosenbier für 65 cent hatten - entgegen meiner Hoffnung, mit ein Euro und zwanzig auch selbst noch eine Pulle abzubekommen. Ich dachte, dass früher selbst das Markenbier billiger war als heute das Billigbier. Alles wird teurer.

Aber nun haben sie noch nicht mal Flaschenbier, das ist ja richtig mies - denn das Pfand auf Flaschen kostet weniger. Nun, das ist jetzt aber schade, das ist sogar richtig doof. Ich überlegte eine Weile, was jetzt angeraten ist zu tun.

Da das Pfand auf Dosen ganze 25 Cent betrug, anders wie die 8 cent für Flaschen, musste ich am Ende noch zwei Euro drauf legen für die zwei Dosen, die ich ihm geben wollte und für die eine, die ich mir redlich verdient hatte nach diesem Tag. Mit dem Billigbier für 35 Cent wollte ich ihm nicht kommen; - ich kannte mich aus: Selbst manchen hartgesottenen Alkoholiker, dem es eigentlich nur um die Promille geht, macht die Qualität bei Bier etwas aus, wenn es auch nur das Auge ist, das mit trinkt. Vielleicht kann man es als die letzte Würde betrachten, die man sich noch gönnt. 

Bier ist anders als Schnaps ein Genußgetränk für Süchtige - nicht weil man mehr davon runter kriegen würde, sondern man genießt es anfangs, weil es erfrischt, und zunächst einen Wohlreiz verschafft, und der Alkohol noch nicht dröhnt. Deshalb trinkt man gewöhnlich innerhalb kürzester Zeit zwei Dosen auf einmal. 

Ach, was waren das Zeiten, als man unter Freunden, Kollegen und Trinkbrüdern saufte, mit einem Bier in der Hand, welches Marke und Geschmack hatte, und das man zurecht öffentlich loben konnte.

Die leicht ansteigende Besoffenheit, die zugegeben doch ganz erheiternd sein kann, frohlockte mich. Ein Bier, dass eine Marke hatte, das bedeutete auch mir etwas. Und zugegeben, das Billigbier war wirklich nicht so toll. Nein, ich glaub, da stimmt der Gärvorgang oder die Lagerung nicht so richtig. Es gibt eben doch einen Unterschied, zumindest beim Bier. Ich nahm die drei Dosen Markenbier und ging zur Ladentheke, und dachte in der Warteschlange, die grösser war, als ich befürchtete, weiter über das Bier im Abendland nach.

Und was billig ist, muss schnell produziert werden können, sonst ist es verlustig, da kann man keine langen Gärungsprozesse, oder besondere Lagerungen veranschlagen, das gilt nur für die Spitzenbiere.

Die Schlange war lang an der Kasse. Es gibt schlimmeres - dachte ich. Schlimmeres als der Handlanger eines Alkohokranken zu sein, schlimmeres als der heutige Tag, im Angesicht der Umstände war der Tag super gelaufen. Nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt hin, da erschien noch alles sehr tragisch und drastisch - ein Zeitpunkt, der vor genau zwei Stunden eintraf und alles wendete, als ich endlich Gewissheit hatte, dass das Geld eingetroffen war, und ich die Überweisung an meinen Gläubiger tätigte, und den Rest vom Konto plünderte. 

Das Mädchen, also die Kassiererin: hübsch und ansehnlich. 

Endlich war ich draussen. Als ich zurück auf die Sitz-Bank kam, hatte er sich umgesetzt, und hielt bereits eine Dose Bier in der Hand, Markenbier. Das musste er sich in einem Kiosk geholt haben. 

Kein Wunder, denn ich brauchte lange, in seinen Augen ganz bestimmt eine Ewigkeit... - "Die Schlange war lang". 

Ich sah ein Stück weiter noch die Straßenwärter. Ah ja - dachte ich. Die waren gerade hier, die müssen ihn gesehen oder gehört haben. Sie blickten zurück und ich ging daran, mich auf die Sitzbank zu pflanzen.

Ein paar Passanten glotzten neugierig oder unverschämt, einige etwas befremdet. Nun, ich rechnete schon nicht mehr damit, von ihm die Geschichte zu hören, die er mir doch erzählen wollte. Er brasselte nämlich jetzt nur noch, manchmal unausstehlich laut. 

Er wurde ab und zu wirklich so richtig brüllend, wenn er das tat, war gerade keiner in der Nähe vor unserer geschützten Bucht der Sitzplätze. Aber sicher hörte es jedermann in der ganzen Straße. Man hat es bestimmt auch in den Geschäften gehört - ab und zu flüsterte er wieder und brasselte Zeugs, das ich nicht verstand. So saßen wir da, während er nur bruchstückhaft irgendeinen Ansatz machte, von irgendwelchen Dingen bei sich zuhause faselte. Oder versuchte zu faseln. Ich konnte ihm nicht folgen. Es ging um einen Kühlschrank, und um Maler, und eine Katze, die wohl abgehauen war und irgendwie dann wieder auftauchte. Der Maler hatte wohl Angst vor der Katze.

Er rauchte eine Zigarette nach der anderen. Und eigentlich wollte ich selbst doch auch gerne meine eigene Geschichte erzählen, von den Dingen, die ich heute erlebt hatte. Weil er nicht voran kam, mit seiner Geschichte, überlegte ich mir das einige Male, für meine Geschichte die richtigen Anfänge zu finden. Es führte alles nur noch mehr dazu, dass er das an seine eigene geschichte anknüpfen konnte.

Trotzdem, heute war ich zum ersten Mal schlauer als sonst, und vielleicht lag es an dem Impuls, den mir die Erfahrung des heutigen Tages und der letzten Tage gebracht hatte - ich sparte meine Energie und machte mir keine Mühe mehr, die Ereignisse zu ordnen, meiner Pläne zu erinnern, und versuchte auch nicht das Gespräch zu leiten.

Es war irgendein nebensächliches Thema, das mich nichts angehen konnte, weil es mich langweilte, indem er immer wieder nur dieselben Ansätze fand, ohne die Pointe zu offenbaren. Worum ging es denn nun? Jetzt schien der Maler die Katze zu streicheln und dann gibt es auch noch einen Nachbarn; ich glaube der Maler ist der Nachbar in einer Person. Merkwürdig.
Bald hatte ich mein Bier fast geleert und eine dumpfe Ahnung beschlich mich - obwohl ich noch nie wegen öffentlichem Biertrinken belangt wurde, dachte ich ab und zu daran, was geschehen könnte, wenn ich mit diesem lauten Menschen zusammen erwischt werde. Jetzt gerade stöhnte er wie ein Kamel.

Nun, ich wollte weg. 

"Ich muss noch einkaufen, da gibt es einen sozialen Einkaufsmarkt, kennst du bestimmt. Da kriegt man billig jede Menge Ware, man muss nur pünktlich da sein..."

Er unterbrach mich hektisch, "ach, (Gebrassel) was willst du haben, ich habe ei-ei-einäh (alkoholisches Gestotter) grosse Wohnung, jed-ääääh Mengäääh zuhause", (Gebrassel) "Kriegst du alles. Was du willst".

Jaja, aber ich kannte diese Versprechen, irgendwie kannte ich sie alle, es ist nur dummes Gelaber, und ein Verführen um Gesellschaft zu haben, "Nee...", und ich beharrte weiter darauf, als er nicht locker liess; - dann, wie passend, ergänzt er: "Ich brauche jemanden fürs Bett, ich habe ein grosses Bett". Da umklammerte er mich an den Schultern, wie ein Dobermann oder Boxer einen Oberschenkel umklammert, nur hier war er es mit meinen Armen. Er wollte mich festhalten, mit einer ziemlichen Kraft drückte er mich nun auf meinen Sitzplatz, wollte mich dorthin ziehen, aber mit erstaunlich wenig Gegenwehr konnte ich mich dann doch loskämpfen, vermutlich war meine Position im Stehen günstiger, um mich losreissen; - es war ein erfolgreicher Versuch mich loszuzeeeerrrrrrrren. 
Ich sagte: "Nein, da bin ich nicht der Geeignete für". Und ich wollte doch nicht grob sein.

Was soll man da auch sagen, ich bin Hetero. Jetzt war es Zeit zu verschwinden, endgültig. So kannte ich ihn noch gar nicht.

Ich wollte ihn aber nicht einfach so dumm sitzen lassen, mich also noch ordentlich verabschieden. Wollte ihm die Hand geben, aber er wollte dann diese Gelegenheit immer wieder ausnutzen, um mich festzuhalten, runter zu ziehen, "ach, bleib doch". Ein krampfhaftes Stöhnen der Anstrengung, und ein offenbar werdender Wille, der in diesem verzweifelten Krächzen lag - ich riss mich erneut los.

Das ging zwei oder drei mal so, jedes Mal als ich ihm wieder die Hand gab. Und da die Szene sich nicht ändern wollte, und er mich wieder und wieder klammern wollte - was er jetzt nicht mehr schaffte, weil ich den Trick kannte -  zog ich meine Hand ein letztes Mal weg. Und hielt sie so, dass er mich noch nicht mal versuchen konnte zu greifen. Wie belämmert kauerte er nun da auf seinem Sitzplatz. 

Seitdem ich mich loszerrte, schaute er mich nicht mehr an, sondern stierte auf die Bierdose, die er vor sich auf das Pflaster hingestellt hatte, aber meine Hand hatte er dann jedes Mal im Gesichtsfeld wahrgenommen.

Ich versuchte einen irgendwie überlegen wirkenden Stand über ihn zu vermeiden - ich wollte keine Siegerpose bilden, und machte einen kaputten, fertigen, also besoffenenen Eindruck. 

Ich liess das jetzt mit der Hand einfach, und die Geste mit meiner Hand, die ich unentschlossen vor meiner Hüfte hielt, sah aus wie die Geste eines Bettlers, der halbherzig nach Almosen schielt. Er wollte sie also nicht entgegen nehmen, kein Abschiedsgruß in Freundschaft. 

Offensichtlich sah es aus seiner Sicht auch so aus, dass ich es war, der die Einladung nicht wollte.

Und ich sagte: "machs gut, ja!?", er wirkte abwesend, "denk dran, nicht so dieses harte Zeugs, nimm das normale Bier", und tätschelte seine Schulter, was ihn wohl irgendwie zwar egal war, aber im nüchternen Zustand hätte er gewiss was dagegen gehabt, das spürte ich - sehr merkwürdig, solche Typen - irgendwann musste ich mich ja verabschieden, also weggehen, und so wollte ich jetzt einfach weg, wenn er für den Abschied auch nichts mehr über hatte - obwohl ich ein beklemmendes Gefühl hatte, ihn einfach so sitzen zu lassen. Ein allerletztes Mal hielt ich die Hand hin, dann wieder weg, als er sie mit demselben Trick wie vorhin greifen wollte. Er schaute aber die ganze Zeit nicht. Naja, wenn er nicht schaut, dann gehe ich einfach. "Tschüß", und weg war ich.

Die Bierdose war noch nicht ganz leer. Ich verbarg sie unter meiner Lederjacke, und ich war richtig froh. Der ganze Abend lief zu meiner Zufriedenheit, und der Abschied von ihm, naja, es ist ja seine Sache.
So ging ich die Einkaufsstraße entlang, nicht belustigt über den Typen, aber heiter. Obwohl ich immer noch den Typen im Nacken wähnte - manche folgen einem ja noch. Doch ich hielt das für Einbildung, nein, der ist viel zu fertig.

Ich drehte mich nach etwa hundert Metern um, er folgte mir nicht. Sehr gut. Eigentlich wie zu erwarten. Stattdessen sah ich aber rückblickend einen Polizeiwagen, der an dieser Stelle hielt, wo ich den Typ verlassen hatte - und da dachte ich mir: "Mensch, das war genau der richtige Moment, genau der richtige Moment." 

Ich bedauerte noch den Typen, aber so ist das halt.
Man wird ihn wahrscheinlich weg schicken, raus aus der Straße, nach Hause. Hoffentlich nur das. Er konnte frech werden, wenn er einem vorwarf, dass man ihm im Stich gelassen hätte.

Guten Mutes durchwanderte ich die Einkaufsmeile, und mir schien, dass die Konsumenten einen ähnlich müden Blick haben, wie die Besoffenenen, nur haben sie nicht diese niedergeschlagenen Lider. Sondern im Gegenteil - ihre Lider sind nach oben gezogen, und die Blicke steif und fixiert, und ausgerichtet auf ein Ziel, vielleicht, auf eine Hoffnung irgendwo anzukommen bestimmt, und sie wissen genau wohin.

Als seien die Augen und Seelen voll erstaunter Anstrengung. Oder ist es nicht die innere Leere, sich keine Ruhe gönnen zu können? Nicht zu genießen den Blick, den das Dasein möglich macht auf die Welt?

Wenn ich schlendernde Leute antreffe, ist es entweder zur Feierabendzeit oder Feiertags, denn auf der Straße während der Einkaufszeiten fallen die flanierenden Geschöpfe nicht auf. Dann gehe ich unter in der anonymen kalten Masse am Tage.

Am Bahnhof musste ich durch den Tunnel, und dann war ich schon da. Über mir auf den Gleisen machten Züge krach.

Nun stand ich in der nächsten Warteschlange, hier kam man in drei Minuten vielleicht einen einzigen Schritt voran, nicht etwa einen Platz oder einen Meter. Das dauert ewig bei der Schlange, auch wenn man schon in grösseren gestanden ist. 

Es waren wohl noch zwanzig Schritte vor mir. Die Schlange bildete sich nebenbei gesagt auf dem Gehweg. Man konnte im Schaufenster beobachten, wie die Leute alles weg kauften. Ich bangte, hoffentlich bleibt noch etwas übrig.

Und jetzt drohte mir aber noch die Blase, nämlich pissen zu müssen. Noch nicht akut, aber man weiss aus Erfahrung, wann der Prozess ins Rollen kommt. Das ahne ich, es wird nicht leicht.
Man kann aus Erfahrung gut einschätzen, wann der kritische Punkt erreicht werden würde. 

Eigentlich ist es befreiend, keinen Zwängen ausgesetzt zu sein. Wenn man jetzt einfach an den Baum da pissen könnte und keiner mir den Stehplatz weg nimmt.
Ich könnte jederzeit zwei oder drei Straßen entfernt, da hinten in den Büschen verschwinden. Aber hinter mir waren drei Leute - das würde mich mindestens zwanzig Minuten kosten, und ausserdem bleibt dann noch weniger übrig, was man einkaufen kann. Umso mehr Leute vor einem sind, desto weniger bleibt. Klar, es gibt noch genug Gemüse. Aber die Joghurts und Puddings gehen weg wie warme Semmel.
Hier ist eingesparte Zeit gleichbedeutend mit Optionen, die man noch hat. Also: Fröhlich sein, so gut wie es geht.

Ich erinnerte mich an die Busfahrt auf Mallorca, als wir zum Flughafen fuhren. Dort trank ich blöderweise im Hotel noch einen Tee kurz vor der Abfahrt. Der Transfer dauerte dann mehr als eine Stunde. Zwei Stunden vor Sonnenaufgang, die wir im Bus saßen, und eine Warterei im Bus, die mir wie Blei auf meine Blase drückte.
Ich machte mir damals im Bus Pläne. Wenn ich am Flughafengebäude angelangt sei, dann muss ich sofort das Gepäck auf den Gepäckwagen hiefen, meiner Mutter rasch helfen.
Aber erst muss ich aushalten. Bald fängt man an die Beine zu bewegen. 

Das ist schon nicht weit entfernt vom kritischen Punkt. Bald denkt man darüber nach, ob es stimmt, dass die Busfahrer anhalten, und einen pinkeln lassen, vielleicht hat der Bus sogar ein eigenes Klo - aber sieht nicht danach aus - mann ist das peinlich. Irgendwie scheint das einfach nicht der richtige Moment, jetzt aufzustehen und den Fahrer zu fragen - wer weiss, ob die das überhaupt einkalkuliert haben: "nicht dass wir den Flug verpassen", höre ich meine Mutter schon sagen. Ich lass mir nichts anmerken. Oder ob die gar sauer werden, es sind ja immerhin noch andere Fahrgäste im Bus.
Also wieder der Gedanke an den Flughafen. Es war jetzt wohl nicht mehr weit, es kann doch nicht mehr so weit sein. Da hinten fängt doch schon die Stadt an. Ich muss möglichst einen einzigen Gepäck-Wagen bekommen, damit meine Mutter mein Gepäck mit schieben kann, ohne sich mit einem zweiten aufzuhalten, während ich ja auf das Klo rennen muss. Sie war da immer etwas besorgt, weil sie sich am Flughafen nicht auskennt. Und damit sie sich in die Warteschlange einreihen kann, muss alles nach Plan laufen. Wenn ich die Toilette suche, muss alles seine Ordnung haben - also Pläne machen, da musste man Pläne machen. Das ist jetzt wichtig und man muss entschieden vorgehen, wenn der Moment kommt. Der Flughafen, der Flughafen, die Landebahn ist schon zu sehen - wir fuhren entlang der Landebahn, dort vorne ist schon das Gebäude... - ich war selten so glücklich.

Hier am sozialen Einkaufsmarkt machte ich mir keinen Plan, denn es war herrlich unkompliziert, aber dennoch dringlich. Ich wusste, wenn ich durch die Schlange wäre und rasch eingekauft hätte, müsste ich erst noch fünf Minuten laufen, um an eine geeignete Stelle zum Pinkeln zu gelangen. Eine Stelle, die ich gut kannte, an einem Fluß, und vor allem jetzt im Dunkeln, da sieht mich nämlich keiner. Ein Platz wie geschaffen zum Pinkeln, meine Lieblingsstelle zum Pinkeln. Herrlich. 

Aber erst musste ich hier durch, ich war ein wenig angetrunken auf nüchternen Magen - das war okay, das war gut, so ging die Zeit vorbei, sie wäre noch schneller vorbei gegangen, wenn ich nicht hätte pissen müssen. 

Ich sah ein Schild: "Informacje", es erinnerte mich an Urlaub - und ich liebe dieses Gefühl, auf Urlaub zu sein, wenn die Welt eine andere ist. Ich genoß dieses Schild, ich genoß das Fremde, die vielen fremden Leute aus anderen Kulturen, waren es Polen oder Russen da vor mir? Hinter mir eine Gruppe Türken. Das da waren auf jeden Fall Afrikaner, ich liebe sie. Das Schild mit "Informacje" war wahrscheinlich eine Entsprechung zu einem deutschen Schild, das nämlich Verhaltensanweisungen enthielt. 

Endlich. Ich kaufte ein halbwegs frisches Brot, Pudding, Jogurt. Salat war schon alle, ich ergatterte eine Stange Poree, Möhren, Sellerie hatten sie sogar noch. Super, die hatten sogar Spaghettti. Und dann nahm ich noch einen Meerrettich, den sie mir andrehten. Ich hatte noch nie so schnell meinen Einkauf gemacht. Ich hatte mir die Sachen während des Wartens im Regal schon ausgesucht und mir im Kopf eine Liste gemacht. Und noch nie hatte ich tatsächlich an alles gedacht, und noch nie war die Tante da wirklich so bei der Sache. 

Letztlich habe ich ordentlich abgestaubt. Ein wundervoller Tag bis jetzt, jetzt musste ich das Zeug nur noch nach Hause schleppen, eine halbe Stunde Fußweg. Durch die vom Mond aufgehellte Dunkelheit, durch die Welt der Gartenanlagen und der Felder. 

Aber erst mal pinkeln. Das tat gut. Die Luft, herrlich. Es plätscherte.

Nachdem ich aus der Seitenstraße heraus meinen Weg weiter gegangen war, machte ich mir darüber Gedanken, wie ich das Ersatzteil morgen kaufen würde. Ein herrlicher Ausblick. 

GESCHRIEBEN:
Nov. 2007-2008


Überarbeitet und in letzte Form gebracht am:20.8.2009

Absurde Tode

Man könnte in zehn Bildern einen absurden Tod malen. Wenn man bei einer verstopften Nase, während man erkältet ist, sich schneuzt. Plötzlich löst sich etwas, man schmeckt den Geschmack von Blut, und das Gehirn spritzt durch die Nase, mit weissen Brocken landet es vor einem hin auf den Tisch, in einer grossen Lache und man fühlt ein Vakuum.
Alles wird dann aus der Nase heraus geschleudert. Als hätte der bedrückte Inhalt der willkommenen Druckentlastung entgegen gefiebert.

Sicher, das ist unappetittlich. Aber auch spektakulär, und wohl weitgehend schmerzlos. Weil das Gehirn ja sozusagen befreit wird vom Eindruck, am rechten Ort zu sein, es hat keine Aufgaben mehr. Also empfindet es spätestens in diesem Moment noch nicht mal das entstandene Vakuum.

Man hätte gerade noch, mysthischerweise, den Eindruck, wie das einem geschieht. Ein Sekundenbruchteil, und die Nervübertragung bricht ab, und das Schmerzsignal kommt nicht mehr an. Bis alles vor einem weiss, oder aber auch schwarz wird, je nach philosophischer und weltanschaulicher Orientierung, je nachdem, ob man Realist ist oder Träumer.. 

Dieser Tod ist ein ziemlich plötzlicher, überaschender, gleichwohl sehr erschreckender Tod. Man ist allerdings ganz allein für sich, keiner beobachtet einen - jedoch hinterlässt man sehr viel Dreck, wie bei manchen Toden..

Ein anderer Tod könnte darin bestehen, dass man irgendwo in einem Raum mit vielen anderen einfach tot umfällt, und gerade so fällt, dass niemand dabei gestört wird.
Das ist ein recht seltener Tod. Normalerweise ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass man in solchen Situationen umfällt, und dabei mindestens der halben Länge nach zur Seite umknickt. Dabei wird man in einem gefüllten Raum auch irgendwo anecken, und könnte andere zumindest behelligen.

Eine etwas tröstlichere Variante könnte so aussehen, dass man sich in einer Reihe befindet, und man sieht zunächst wie vor einem alle nacheinander tot umfallen, gerade ist der Vordermann tot umgefallen, und dann fällt man selbst tot um. Hier sieht man das erste Mal den Tod kommen. 

Jetzt könnte man sich verschiedene Varianten ausdenken, wie schnell sie alle umfallen, man könnte auch eine Variante beschreiben, in denen jemand sich mit seinem Hintermann unterhält, und den Tod nicht kommen sieht. Ein anderer sieht den Tod im Gesicht seines Vordermannes kommen, weil der Vordermann sich zu ihm umgedreht hat. Aber er sieht nicht alle vorherigen Tode, weil der Vordermann sehr nahe an ihn herangetreten ist und ihm die Sicht nimmt.

Wenn man sich zum Beispiel in Luft auflösen könnte, das wäre mal was ganz neues, und auch die andere Seite der Medaille. Das gegensätzliche Bild zum grausamen Tod ist nämlich der freundliche Tod.

Man könnte nun Gegenentwürfe, kontrastriende Cappricen anfertigen, und zwar von Bildern des Lebens.

Die Katzen

Beim Spaziergang sehe ich vor mir eine braune Katze auf einem Dach eines Kleingartenschuppens. Sie schmökert ungerührt meines Blickes in der Sonne. Wenig später in der gleichen Kleingartensiedlung, unter einer mit Büschen umpflanzten Eiche, sehe ich eine hellbraun gefleckte Katze, die aus einem Loch im Gestrüpp hervorkommt. Sie verschwindet sofort zurück, als sie mich erblickt. Schaut noch einmal neugierig und kehrt sich endgültig und flink ab, als sei ich ihr nicht geheuer.

Frische Morgenluft

Ich gehe eine Straße entlang, es ist kühl. Es ist herrlich. Die Häuser sprechen ahnungsvoll aus ihrer Fassade zu mir. Ich hatte das Holzfällerhemd angezogen, das innen mit Wolle wattiert ist. 

Die Bäume wedeln im Wind. Der Weg ist eingetaucht in die Luft eines gelben Morgens, dessen kühle Bläue noch aus der Nacht in den Schattten der Äste und Sträucher liegt, auf'm Sonnenschein beschmusten Pflaster.

Gelbgrünes Sommerlicht

So ging ich durch die Straße.
Ich dachte dann, als ich mit dem Gewölbe aus grünen Laub über mir so daher ging, "ja, so ist man vor 500 Jahren über Wege gegangen und hat geträumt..." - man hat geträumt von Luft, die gesenkt war ins Licht, man hat Luft gesehen, man hat sich Bilder gemacht, daraus dann hat man sich seine Gedanken gemacht, und das Muster war gültig, wie zu allen Zeiten, von Sehern geschaut, und alles war gesegnet von Hoffnung und Zuversicht. Wenn auch nur für diesen Moment, wo man merkt, es ist ein Tag unter vielen, aber ein Tag. Die Nacht kommt immer wieder, und es gibt einen neuen Tag. Doch man war gläubig, man wurde gemahnt an eine höhere Ordnung, man spürte sie, so wie man die Auf und Abs der Blätter mit dem Wind in Verbindung bringt, den man an seiner Haut spürt, man spürte die hohle Kugel Luft, ein Unbekanntes, was es war, man fühlte eine Geborgenheit auf Erden.
Was auch am Ende des Weges sich öffnet, das wird der Himmel sein. Und durch das Laub die weissen Wolken, die graue fahle Erde, am Rand des Weges glühend, und gelb von Blättern eingefärbt.
Ich trank aus meiner Wasserflasche. 

[2007]