Kritik an der rationalen Methodik über Mythen Klarheit zu schaffen

Hauptsächlich genannt werden als Erklärungsmodell der Mythen:

Allegorie

Nach den ältesten Erklärungen sind die Mythen Allegorien. 

Allegorie = "das Anderssagen". Gleichnishafte, rational fassbare Darstellung eines Begriffes in einem Bild. 

Der Sinn ergibt sich oft erst durch den Verweis auf eine zweite Bedeutungsebene, wobei der vordergründige Textsinn eigentlich nebensächlich oder belanglos ist. 

In der gewöhnlichen Betrachtung von Mythen wird die Allegorie innerhalb des Mythos angenommen, um damit nahezulegen, dass damit tiefere Weisheiten über das Leben gebildet wurden, die aus nichts anderem entstanden, als aus einer Art Reflektion über den menschlichen Zustand.

Herbert J. Rose meint dazu: sie sollten belehren und einen tiefen Sinn enthalten. Manche dieser Allegorien beziehen sich - nach dem Verständnis von Rose - auf tiefere kollektive Leitbilder, die dann in verhüllter Form dargebracht werden sollten, weil einfache Menschen entweder zu unwissend, oder zu ehrfurchtslos waren, sie richtig zu gebrauchen.

Die These von Rose, dass die Mythen willkürlich konstruiert seien, allein um gesellschaftliche Ordnung zu stiften, ist nicht haltbar - es ging vielmehr um den Einbezug des Menschen in die geschaffene Ordnung des Kosmos, und der Mensch fühlte sich dadurch eins mit dem übrigen Leben und seinem Sein, und das war der Grund, warum er den Mythos annahm.

Eine weitere These von Rose besagt, diese konstruierten Glaubensätze und in Form des Mythos gebrachten Leitbilder, sollten diejenigen anlocken, die einer trockenen oder formalen Erörterung nicht zugänglich waren.
Diese Auffassung von H.J. Rose fasst die Allegorie am wesentlichen Punkt nicht. Denn der Mythos leitete sich aus der Schöpfungsordnung her. 

Symbol

Hier geht man von einer verborgenen oder höheren Bedeutung einer Sache aus, ähnlich wie die Allegorie, nur wertfreier, zweckfreier. Das Symbol enthält zum Beispiel das Abbild einer höheren Wirkkraft, die selbst - als Ursache - kaum sichtbar oder anders beschreibbar ist.
Man kann ein Symbol auch beschreiben als ein Verweis auf höhere geistige Zusammenhänge. Platon spricht vvon den Ideen, die jedem Ding oder jeder Erfahrung innewohnen. Doch die Ideen selbst teilen sich nur durch Vermittlung über eben jedes Ding oder Erfahrung dem Menschen mit. Die Ideen können nur durch Symbole dargestellt werden.

Ursprünglich diente ein Symbol als Wahrzeichen, Erkennungszeichen: Indem man eine Münze oder ein anderes Symbolin zwei Teile aufteilen konnte, passten die beiden Hälften zusammen.
Nur derjenige, der die andere Hälfte hatte, konnte so die Beglaubigung entrichten, dass er selbst als Besitzer des Teiles der Gemeinte ist, zB bei einer Vertragserneuerung oder Nachrichtenübermittlung.
Übertragen auf Kunst, Ästhetik, Kräfte, oder die Formen und Energien der Welt, verweist das Symbol einer Handlung oder eines Gegenstandes prinzipiell auf eine gleiche Sache der höheren Ebene (Platons Ideen), die sich zum dargestellten Symbol hinzu stellt. Das Symbol ist nicht eindeutig abgrenzbar von anderen Begriffen wie Allegorie, Metapher, Emblem usw.. 

Das Symbol verweist im eigentlichen Sinne stets auf die Schöpfungsordnung.

Üblicherweise wird bei wissenschaftlicher Darstellung der Symbole nur auf Phantasiegestalten des menschlichen Bewusstseins Bezug genommen, ohne die eigentlich platonische Dimension der wahrhaften Ideen zu berücksichtigen. Denn diese platonischen Ideen drücken sich im Leben andauernd aus, ungeachtet, ob man sie als solche erkennt. 

Naturmythische Erklärung

Diese Art der Begründung von Mythen ist im Grunde nichts anderes als eine symbolische Erklärung, aber allein in Bezug auf die vorkommenden Naturphänomene. In diesem Sinne haben Naturphänomen nur einen zufälligen Rang ohne Bedeutung. Alle Mythen verweisen demnach allein auf zufällige Naturphänomene. Naturphänomene, die daher auch anders beschaffen sein könnten. 
Aus der schnellen Bewegung der Sonne, so ein Forscher, sei dann das Bild eines von schnellen Pferden gezogenen Wagens entstanden. Dazu gehören auch personifizierte Naturkräfte.

Allerdings: umso weiter der Mythos in der Zeit seiner Entstehung voran schreitet, wird der Bezug zu Naturphänomenen abnehmen. Manche Forscher sehen aber in "übernatürlichen" Gestalten des Mythos phantastische Spekulationen über unbekannte Kräfte, was als leichter Unfug gelten muss; - überhaupt muss jeder Bezug allein auf die Phantasie sehr kritisch angesehen werden, wenn nicht zugleich behauptet wird, dass es auch einen anderen, etwa symbolischen Bezug gibt: in einer Art wie die phantastischen Attribute eben symbolisch für wirkliche, aber verborgene Eigenschaften stehen, die nun in der Gestalt gut sichtbar geworden sind. Aus diesem Gesichstpunkt sind die Mythen nämlich Beschreibungen von Urkräften, die letztendlich durch die Sonnenbewegung, die Erde in ihren Tag- und Nachtabläufen und alles andere abbildhaft veranschaulicht werden.

Rationale Richtung

Diese Erklärungsmodelle bestehen beispielhaft in den Ansichten von Robert von Ranke-Graves, auf dessen Werk ich im Folgenden auch näher eingehen werde.
In der rationalen Auffassung werden die übernatürlichen Attribute der Helden und Götter als einfache Dichtung abgetan oder zB, wie von Ranke-Graves, ausschliesslich auf die Wiederspiegelung geschichtlicher Prozesse bezogen.

Eigentlich stellen aber die übernatürlichen Bezüge Symbole dar, die sich nur verstehen lassen, indem man sie auf die Schöpfungsordnung bezieht: alle Ereignisse und handelnde Personen stehen in Beziehung zur Schöpfungsordnung und dem, was diese für Rahmenbedingungen aufstellt.
Das bedeutet, dass man die Symbole als Ausdruck der Prinzipien begreifen muss, die die Schöpfungsordnung aufstellt und dass man diese Prinzipien nur verstehen kann, wenn man sie als (mehr oder weniger abstrakten) Erfahrungsraum begreift, den die Schöpfungsordnung dem lebenden Menschenwesen aufstellt -  es ist ein typisches Zerrbild, dass Rationalisten entweder jede Übersetzungsarbeit angesichts der Symbole verweigern, oder alles sprichwörtlich nehmen (weswegen sie dann diese Bezüge auf die Schöpfungsordnung negieren, weil es dann für sie sich allzu phantastisch anhört: "Wie kann es einen Zeus hinter den Wolken geben"?). 

Die rationale Verklärung

Bei der allegorischen Herleitung des Mythos steht die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung mittels ideeller Glaubenssätze im Vordergrund. Die bewusst geschaffen wurden von Autoritäten oder Weisen - ohne dass aber ein Bezug zu höherem Wissen oder zur Schöpfungsordnung vorliegt. Es geht dabei nur um die Aufrechterhaltung sozialer Ordnung.

Der Mythos berief sich in Wahrheit auf die Schöpfungsordnung, auf einen transzendenten Sinn und stand allen Menschen offen - dieser transzendente und erlebbare Sinn verlieh dem Mythos Akzeptanz.
Wenn auch nicht jeder die Bezüge zur Schöpfungsordnung darstellen und in Form bringen konnte, verstand doch jeder den wesentlichen Kern und konnte sein Leben nach den Bestimmungen des Mythos gestalten.

Man brauchte nicht blind an die Inhalte und an die im Mythos befindlichen Handlungsanweisungen glauben . Das Glauben-müssen wurde freilich im Laufe der Zeit immer wichtiger, da der Bezug zu den erfahrbaren Wirklichkeiten verloren ging. Dem Mythos liegen archetypische Ordnungen zugrunde. Der Mythos vermochte das Leben einzurahmen mit Bedeutung und Bestimmung. Diese Archetypen werden als psychische Inhalte erfahren und können strukturbildend auf Leben und Lebensauffassung wirken. Kaum etwas ist ein stärkerer Einfluss, als der auf die psychischen Inhalte eines Menschen.

Man vergleiche die Wirksamkeit alter mit modernen Mythen. Heutige Mythen, die wir - sei es bewusst oder unbewusst - als beglückende Bestätigung oder Motivierung eigener Vorhaben wie auch Ideen erfahren. Und wir können nur wirklich dort motiviert werden, wo wir tatsächlich irgendeinen Lustgewinn erfahren, wo wir tatsächlich etwas wollen. Die Lust an der Existenz scheint uns normal vorzukommen, oder als nötiger Druck zur Anpassung - dennoch beruhen unsere Lebenskonzepte auf allgemein verbindlichen Anschauungen, hinter denen strukturelle Ordnungsmuster stehen.
Das frühe Denken erscheint uns heute vielleicht phantastisch. Heute soll das Denken, auf das wir uns begründen, so genau wie möglich und so detailreich wie möglich, und so übereinstimmend mit real greifbaren Sachverhalten wie nur möglich etwas äusseres beschreiben. Alles was man in rationaler Weise beschreiben möchte, muss man in dieser Richtung denken und formulieren. Früher galt aber der Fokus nicht der äusseren Dingwelt, sondern der inneren Welt der Erfahrung. Das Auffinden oder Bestätigen innerer Strukturen, die sich mit dem Mythos in einen lebendigen Bezug befanden, ermöglichte nicht etwa Willkür in Bezug zu der Wirklichkeit, sondern es war vor allem ein lebendiger, funktionierender Bezug. Es war nicht wichtig, die Dinge so zu sehen, wie wir dem heute eine Wichtigkeit beimessen. Das hat uns natürlich viel gebracht und es wäre absurd, den alten Zustand zurückzuerobern. In Wahrheit haben wir uns entwickelt, aber gleichwohl uns in eine Einseitigkeit begegeben, als wir alles entmystifizierten.
Aber es war das Leben vor langer Zeit nicht weniger Lustgewinn als heutzutage, vielleicht heute quantitativ mehr im Sinne der Möglichkeiten, die wir heute haben, um etwas zu tun. In welcher Weise wir wiederkehrende Kreisläufe erschaffen können, die uns Lust oder Mühen bedeuten ist egal. Dem Chaos will man etwas entgegen stellen. Eine Ordnung, einen wiederkehrenden Inhalt, das, was Bedeutung schafft, die uns vielleicht nicht nur tröstet, sondern auch einbettet in eine erlebbare Einheit mit dem Leben. Das eint den modernen Mythos mit einem alten Mythos.

Vielleicht ging uns mit der totalen Entmysthifizierung des Lebens aber das Wesentliche verloren, mit dem wir die ganzen Ideen, Möglichkeiten und Ziele auswählen könnten, die uns das Leben offenbart. Richtungslos erzählen uns die Dinge nur, was wir ihnen anheften. Wir schauen also sowieso nach innen, und  sind immer in Gefahr, dem Subjektivismus in die Falle zu gehen. Aber nach innen zu schauen, ist trotz des damit verbundenen Risikos in die Irre unserer Annahmen zu kommen, der Schlüßel für die Mythenkunde. Darin, in dem Innen, werden die Archetypen wach gerufen, die uns in Form eines Mythos begegnen.

Was ist Transzendenz? Es ist die Erfahrung höherer Wirkmächte und höherer (verborgener) Wirklichkeiten, die eine Ordnung in sich tragen. Je nach Betrachtungsperspektive ergeben sich verschiedene Ordnungen. Es lassen sich typischerweise die Zahl drei, vier, sieben und zwölf finden. 
Das Wirken der Abläufe sichtbaren Geschehens - im Grossen und Kleinen der ganzen Schöpfung - wurde nicht bloß eingeordnet in einen sinnvollen Prozess - sondern man begriff oder befolgte eine Wechselwirkung zwischen dem Mythos und dem Ich - denn insofern man sich selbst harmonisch in den Prozess einordnete, enstanden durch die Handlungsanweisungen, Rituale oder Kulte, die der Mythos lieferte, der lebendige Bezug innerhalb eines sinnvoll geordneten oder erlebbaren Geschehens. Diese Bilder waren kollektiv nicht nur geduldet, sondern unterschiedslos tragbar. Aus heutiger Sicht scheinen  diese Bilder einmal naiv und evtl. (rational gesehen) falsch hinsichtlich der "Weltbeschreibung". Einen Mythos muss man jedoch verstehen als Gebilde des Menschen. Es soll gar nicht die Wirklichkeit so wiedergeben, wie wir es heute betrachten würden. Es war der damalige Mensch und dieser erkannte in den Bildern keinen Kitsch, sondern war in höchstem Maße davon angerührt, was eine spezielle Wirklichkeit erzeugte. So wie Stress einen Unterschied zur Einfügung in eine harmonische Gleichung (auch als Liebe beschreibbar). 
Jedenfalls: elementar ging es den Menschen um für ihn erlebbare Wirklichkeit, und nicht um eine physikalische (auf äussere Vorgaben bezogene) Wirklichkeit. Anders als wie wir Wirklichkeit heute verstehen würden, verstand man damals das Wirkliche als Etwas, was einem geschah und dem man unterworfen war - und es mag darin letztendlich um den Gunst dieser Unterwerfung gehen, dass man im Gegenzug etwas erhält. Sicher verstand man es nicht so wie wir heute, aber es funktionierte, auch das mit den Opfergaben schien für sie damals zu funktionieren... - wir müssen, um dies zu verstehen, Spekulationen freilich von verlässlichen Einschätzungen unterscheiden. Mir selbst ist unklar, was zB energetisch gesehen mit den Opfergaben geschah, oder welche Ebenen von Wirklichkeiten damit berührt wurden... - diesen Punkt zu früh damit zu beantworten, dass es nur sinnlose Taten mit allenfalls einer Placebo Wirkung oder psychischen Wirkung war, scheint mir zu einseitig und auch nicht lohnenswert. Es könnten mit einem Opfer Sachverhalte verbunden sein, die unser Verständnis  von Sitte und Anstand (im Sinne eines Gottes, der den Sinn eines Opfer zulässt oder im Sinne eines Menschen, der entscheidet so zu handeln), auf die Probe stellen - was eine mögliche Erklärung für übereilte Schlußfolgerungen in diesen Sachverhalten bedeuten könnte. Dass man nicht zu früh seine Forschung abschliesst, setzt einfach voraus, die Sache ohne Vorbehalte zu betrachten bzw. falls man einem akademischen Umfeld ausgesetzt ist: dass man eine Sache auch ohne Vorbehalte betrachten kann, zB weil man dafür Zeit zur Verfügung gestellt bekommt (sinnvollerweise Arbeitszeit).

Sich auf die Schöpfungsordnung zu berufen, bringt nicht den Mythos als eine willkürliche Erfindung des Menschen hervor, sondern der Mythos kam zu Bedeutungen und Inhalten, die   ablesbar in der Schöpfungsordnung bestehen. Also bereits existierten, bevor der Mensch sie in Form des Mythos brachte. Freilich sind die Bilder, das was wir heute darin sehen wollen, nicht schon identisch mit der Schöpfungsordnung. Der Archetyp aber, der Teil eines jeden (echten) Mythos ist, das ist ein Stück Schöpfungsordnung.

Da der Mensch selbst Teil der Schöpfungsordnung ist, hat er in sich selbst auch schon das Werkzeug der Wahrnehmung und des symbolischen Verständnisses dieser Ordnungen um ihn herum. Weiterhin wird er auch ohne darum zu wissen, archetypische Symbole ausdrücken und so auch zwingende Inhalte des Mythos  bilden, die sich dann in einem Mythos also wiederfinden lassen. 

Wesentlich für die antike Allegorie ist nicht allein das sittliche Element, oder die chiffrierte Form, sondern vor allem auch die individuelle Nutzbarkeit des im Mythos beschriebenen essentiellen Sachverhaltes. Sich an die Archetypen zu halten ist beschreibbar als Vorgang, in dem man sich einem Klima, dem Mythos , aussetzt und mit dessen Inhalten die eigenen Inhalte bestärkt sieht. Ein solcher Inhalt kann  auch aus dem  Gewissen oder der  Moral (das gute Gefühl) bestehen.

Es gibt vielleicht auch nur ein taugliches Messinstrument der zugrundeliegenden Schöpfungsordnung: die eigene Wahrnehmung, die sich über die Grenzen der physikalisch messbaren Wirklichkeit hinweg setzen kann, ohne dabei zur Phantasie zu kommen, sondern die zur Erkenntnis verborgener Wirkmächte hin gelangt. Der Mythos ruft erst etwas hervor, einen Archetyp  in uns, und das muss vorliegen, das Bild, bevor der Mythos sichtbar wird. Es ist nicht schon sichtbar wie bei physikalisch feststehenden Dingen. Im Grunde ist das einzige Hindernis zum Verständnis, dass man den Mythos nicht ernst genug nimmt.  Man lehnt ihn insgeheim ab. Man braucht ihn nicht ernst nehmen, aber man muss sich auf ihn einlassen, und sich selbst den Bildern übergeben, als sei man Kind und hätte Vergnügen daran (so kann man die Blockaden  am leichtesten zu überwinden versuchen, indem man den Mythos so versteht, als wäre es eine Geschichte an einem anderen Ort, und als wäre das Geschehen plausibel, weil man sich ganz diesem Bild überlässt. Bei diesem Vorgang wird ja diese Wirklichkeit nicht real - auf anderer Ebene -  erlebt. Wenn wir ins Kino gehen, überlassen wir uns auch den Eindrücken - genauso sollten wir mit dem Mythos umgehen; als liebten wir diesen Vorgang).

Diese Einsicht in die verborgenen Ordnungen der Schöpfung, mit den die Lebenswirklichkeit bedingenden Wirkmächten der Natur und des Lebens und einem möglichen sinnvollen Bezug auf diese Kräfte, wurde zu verschiedenen Zeiten angepasst an das jeweilige Lebensgefühl oder Notwendigkeiten kollektiver Ideale. Der  Mythos schuf ein Gerüst von übergeordneter Bedeutung, das als Ruhepol diente und als Zentrierungspunkt des Lebenswirklichen. Wirklich ist, was wir erfahren. Aber es ist vor allem das, was wir diesem Vorgang beigeben. Es ist die Welt und ales Geschehen sonst ein ungeordnetes uns bedrohendes Chaos, wenn wir nicht die Wirklichkeit in ihrem Geschehen "interpretieren" würden. Wir tun es heute ohne Mythos nicht anders als damals mit Mythos, was das Strukturelle angeht. Die zugrundeliegenden Ordnungen des Alls, der Natur und des Menschen bleiben dieselben, erhalten nur unterschiedliche Verkleidungen; Inhalte bleiben und Bedeutungen wechseln.

Deswegen ähneln sich verschiedene Mythologien verschiedener Völker insgesamt in ihrer Essenz, aber weisen erhebliche Unterschiede im Detail auf. Schöpfungsordnung und kollektive Grundsätze sind ja nicht dasselbe. Letzteres bilden einen Filter, mit dem die Ordnung gesehen wird.

Der rationalistische "Aberglaube"?

Wieso sollte aber die Schöpfungsordnung oder ein Bezug zu ihr Sinn verleihen?
Das neuzeitliche Denken sieht die Schöpfung als Zufall und wird es von vorneherein schwer haben, die ganze Schöpfung als gerichteten Prozess zu begreifen. Ein Schöpfungsprozess, innerhalb dem eine zwingende Ordnung herrscht, auf die der Mensch bezogen sein und eine bestimmte Haltung einnehmen kann. Nichts anderes leistete der Mythos. 
Hier muss man dem Menschen der Frühzeit eine Unvoreingenommenheit zugestehen, die wir durch unser komplexes aber auch konditioniertes Denken kaum noch aufbringen können. Die Gefahr eines auf das sichtbare beschränkten Sichtweise, um Wissenschaftlichkeit zu gewährleisten, ist die absolute Uneinsichtigkeit in das Verborgene, ausserhalb der materiell beobachtbaren Wirklichkeit. Womit eine solche (rationalistisch-reduktionistische) Wissenschaft hinterfragbar wird.
Diese Uneinsichtigkeit wird in Kauf genommen , oder deren Zustandekommen beweisen die rationalistischen Profanisierungen am laufenden Band. Erfahrungswissen ist ab dem Punkt nicht mehr möglich, in dem es um geschaute Bedeutung geht, also etwas, was ja nur subjektiv geschaut werden kann.
Es gibt aber einen objektiven und zureichenden Grund auch für solche Sachverhalte. Indem mehrere Schauende oder Seher, dieselben Wirkmächte ergründen oder verschiedene Mythen letztlich ähnliche Inhalte bilden.
Das Schauen der Schöpfungsordnung aber bedingt eine sehr klare Geisteshaltung, unvoreingenommen, und unbelastet von den gedanklichen Voreinnahmen und Prägungen und ist vielleicht auch nicht jedem möglich (jedem ist es nur möglich als wahrscheinlich hinzunehmen, was andere vermitteln, die diese Ordnung geschaut haben). Dieses Schauen beinhaltet als Ergebnis keine dem Verstand allein zufriedenstellende Inhalte, die eine feste und klare Kontur hätten, denn dies Schauen findet auf einer Ebene statt, die der Verstand gar nicht erreichen kann, aber die dennoch zu seinem essentiellen Kern kommt.

Es ist die Hybris des Rationalismus, dass er Bedeutung, Sinn und Gültigkeit nur auf der Ebene des allein verstandesmässig Einsehbaren erkennen kann und will. Dazu kommt auch noch das, was man überhaupt zu glauben bereit ist und was man nicht für möglich hält , was also Ausgangspunkte und damit auch Gerüste des Denkbaren schafft- also letztlich sehr subjektive Kriterien, die den Anspruch des Rationalismus als objektive Richtung vollständig untergraben.  Interdisziplinarität hat immer schon aufzeigen können, dass einzelne Schlussfolgerungen von anderen Fachrichtungen widerlegt werden könnten oder auch ergänzt und vervollständigt. Der Rationalismus ähnelt einer Richtung, die jede Interdisziplinarität quasi aus Prinzip ablehnt und sich so neuen Einsichten nicht widmen kann, die über das vom Rationalismus abgesteckte Reich des Messbaren und überhaupt Einsehbaren hinaus gehen. 

Die Beschränkung auf allzu deutliche Fakten und physikalisch messbare Daten, bedeutet eine Simplifizierung der Wissenschaft des Lebendigen. Einzelne Statistiken werden geglaubt oder nicht geglaubt, je nachdem, wie sie interpretiert werden wollen. Der Rationalismus kommt zum Rahmen dessen, was Verstand und Vernunft als zu verarbeitenden Inhalt erhalten können, aufgrund einer Art Politik, in der sich gültiges Material nicht mit wissenschaftlichen Methoden durchgesetzt hat, sondern allein, was als Material gültig sein darf.
Das Material liegt der Ethnologie zum Beispiel vor und einzelne Wissenschaftler erforschten den Schamanismus vor Ort - hier hat die Schamanismusforschung zum geringen Teil belegen können, dass der Anspruch dahin gehemn muss, wirklich zu ergründen, was Schamanen tun und was bei ihrer Trance für eine Ebene der Wirklichkeit erreicht wird. 

Es erweist sich, dass kein Wissenschaftler über diese Dinge Einsicht erhalten kann, wenn er nicht selbst zu gewissen Wahrnehmungen oder zumindest Kategorisierungen imstande ist, die auch der Schamane auf bringt. Sofern das nicht möglich ist, bedeutet es letztlich, dass der Rationalismus sich der Mitteilungen bedienen muss, die er von denen erhält, die eine solche Schau leisten können. Das gemügt aber noch nicht, er muss auch die richtigen und zureichenden Kategorien bilden können. Leider erweist es sich aber, dass in der neuzeitlichen Wissenschaft jeglicher Bezug zu einer Wirklichkeit, die nicht materiell zu nennen ist, auf bloße Halluzinationen des Gehirns reduziert oder verklärt wird.  

Das rationale Verständnis des Mythos 

Einige Wissenschaftler und Gelehrte, vor allem von Wirkenden bis 1950, deren Werke heute noch viel beachtet und in hoher Auflage erscheinen, betrachten die allegorischen, symbolischen und naturmysthischen Erklärungsmodelle als unzureichend und beziehen sich auf überwiegend rationalistische Erklärungsversuche.
Neuerdings wurde von modernen Wissenschaftlern viele dieser rationalistischen Erklärungen zwar zurückgewiesen, dennoch bleibt eine gewisse Tendenz der Verklärung der wahren Bedeutung eines Mythos bestehen.

Oft bezieht man sich ausschliesslich auf die Quellen der Mythen. So als ob die Erzählungen von Mythen einfach irgendwann begonnen wurden, nämlich erzählt zu werden. Als seien diese Mythen nichts weiter als erzählte Geschichten, die einfach irgendwann begonnen hatten, erzählt zu werden.

Dabei wird angestrebt, möglichst die Herkunft und das Entstehen der Mythen (in der Quellenforschung) bis zum letzten Urgrund verfolgen zu können. 

Die Schöpfung der vielen Götter und übernatürlichen Bezüge wird zumeist mit der einfachen Phantasie des menschlichen Geistes oder auf archaische Reflexionen über Naturphänomene abgetan. Während widersprüchlicherweise gleichzeitig für die späteren Versionen der Mythen, diese archaische Reflektion als Art des Entstehens ausgeschlossen wird, weil die Mythen ja erzählt wurden, und zwar aus heiterem Himmel, und wiederum verändert erzählt wurden und so weiter - wenn man diese rationalistische Grundlage der Mythen ernst nehmen würde.
Innerhalb der rationalistischen Deutung, wird das Leben praktisch - und für die Rationalisten zureichend - aus dem Zufall erklärbar. Geschichten als Mythen wurden einmal erfunden von der schieren Fruchtbarkeit jungfräulicher Phantasie, und dann - als die Sprache sich damit auch gleichzeitig weiter entwickelte - wiederholt erzählt, verändert und wieder erzählt. Nun, es ist eine isolierte Betrachtungsart. Es ist isoliert von weiteren Möglichkeiten, die wir vielleicht gar nicht wissen können, weil wir nie dabei waren, als die Menschheit das Sprechen lernte. Jedenfalls, nimmt man grössere Betrachtungswinkel ein, kann - ohne dabei phantastisch zu werden -, angenommen werden, dass weitaus mehr als sich aus dem Zufall ergebende ordnungsbildende Prozesse dahinter stecken. Die selbstorganisierenden Kräfte isoliert betrachtet mögen als Zufall durchgehen, aber weitet man den Zusammenhang, ist es viel wahrscheinlicher, dass diese Kräfte, die das Leben organisiert haben, nicht dem Zufall entspringen, sondern einer natürlichen Ordnung, die bereits existiert, ohne dass ein Mensch sie sehen müsste. Die Mythen beschreiben diese Ordnung auf ihre Weise und in ihren Bildern . Die Mythen berücksichtigen auch den Standpunkt des Menschen , berücksichtigen den praktischen Nutzen für das Leben, des Einzelnen, des Stamms. Mythen sind allerdings nicht ausschließlich daran gebunden, was sie von sich aus bedeuten, sondern auch, was man aus den Mythen  macht.

Die rationalistische Deutung der Titanen

Aus der rationalistischen Richtung wurden die Titanen als Synonym für die alte Religion gedeutet, die von den Griechen verdrängt wurde. 

Die Titanen sind im griechischen Mythos jene Wesen, die unter Kronos vor den Olympiern des Zeus herrschten.
Es wird oft der Kampf der Titanen mit den Olympiern mit einem ursprünglichen Naturmythos identifiziert, in denen der Kampf zwischen den wilden und den wohltätigen Kräften der Natur versinnbildlicht sei, und andererseits auf den Sieg des von den eingewanderten Griechen mitgebrachten Glaubens über die vorgefundene ältere lokale Religion. 

Auch die Erdbeben und vulkanischen Aktivitäten der Region könnten eine Rolle gespielt haben, um den Begriff Titanen im Mythos gebildet zu haben.

Dies alles mag durchaus stimmig sein, und eine Rolle gespielt haben, und hat eine symbolische Entsprechung - nur machen manche Forscher den Fehler, in solchen Ansichten ausschliessliche Thesen zu sehen. Sie übersehen die potentiell universale Entsprechung der Mythen, und vor allem die eigentliche Aussage der Mythen. 

Es kann keine Rede davon sein, dass ein Mythos, wie dieser um die Titanen, zB sich allein auf den Umstand bezogen hätte, dass die Griechen damit einen Sieg über eine alte Naturreligion erinnern wollten. Das widerspricht auch der Geschichtsauffassung der antiken Griechen. Sie lebten im Hier und Jetzt und richteten sich die Vergangenheit (also die Erinnerung an die Geschichte) entsprechend ein. Der Kern des Mythos ist die bedeutungsvolle Essenz, handelnde Personen mögen sich ändern.

Die Mythen spiegeln die allem Sein und allem Kosmos zugrundeliegende (=universale) Schöpfungsordnung wider! Das ist die Wahrheit, über die Rationalisten nicht nur hinweg gehen, sondern die zu begreifen auch dazu beitragen kann, viele bislang als esoterisch verbrämte Ansichten in einem neuen Licht zu sehen. 

Robert von Ranke-Graves

Als beispielhaft für einige andere Mythen-Deuter, und repräsentativ für die Masse der rationalen Wissenschaft, soll Robert von Ranke-Graves und sein Buch "Griechische Mythologie - Quellen und Deutung" (Rowohlts Enzyklopädie 2001) hier näher beurteilt werden; - die von Ranke-Graves gewählte Methodik veranschaulicht sehr gut, wie viele Fehler aus einer ungenügenden Herangehensweise entspringen können.
Natürlich ist es eine andere Sache, wenn sich das Wissen mit der Zeit konkretisiert, und alte Thesen widerlegt werden - aber was ich hier in den Vordergrund stelle, ist die übliche Manier, nämlich die Mythen einseitig mit rationalistischen Erklärungsmodellen zu versehen.

Wenn ich auch Robert von Ranke-Graves Leistung noch in Bezug zum Zusammenstellen der Mythen anerkenne, und man auch dankbar sein kann für viele Verweise auf ähnliche Mythen und andere Kulturen innerhalb des Buches, bin ich doch immer noch skeptisch beim Lesen der einzelnen selbst verfassten Erzählungen, die er aus verschiedenen antiken Autoren-Quellen zusammengefasst hat. Denn diese Methodik hat sehr wahrscheinlich sein Zuammentragen der verschiedenen Mythen beeinflusst. Man weiss dann nicht, wieviel er von den einzelnen Autoren wirklich in Bezug zu einem Mythos zusammen gemischt hat (Synkretismus, Ekletizismus). 

Dabei ist das natürlich nicht grundsätzlich zu bedauern, aber es wird von ihm ein Eindruck von Präzision erzeugt, der - durch suggestive Wirkung  - zu falschen Ansichten führen könnte. Immerhin wird der Mythos in dieser Weise von ihm fortgeführt, in dem er verschiedene Autoren und ihre verschiedenen Standpunkte zu einer neuen mythischen Geschichte verknüpft. Es ist wahrscheinlich, dass diverse Elemente des ursprünglichen Mythos durch seine Nacherzählung verloren gehen und andere falsch gewichtet werden.

Möglicherweise verdient sein Werk dennoch Beachtung, indem er die verschiedenen Mythen systematisch zusammengetragen hat.
Man kann sowohl bei ihm, als auch bei Herbert J. Rose sehr gut die einzelnen Varianten eines Mythos ersehen, auch genealogisch und im Kulturvergleich - was zweifellos einen großen Wert darstellt.
Es scheint so zu sein, dass durch Ranke-Graves` Auswahl und Zusammenstellung (was dann die Erzählung des jeweiligen Mythos ergibt) tatsächlich eine weitgehend umfassende Schau aller vorfindbaren Elemente eines Mythos anzutreffen ist. Doch es kommt andererseits ein leiser Zweifel herüber, dass diese umfassende Schau von vorneherein immer nur geleistet werden kann durch eine subjektive Auswahl, die bei ihm nun einmal rigoros eine gewisse Leitidee verfolgte und sozusagen eine Fragmentierung aller antiken Autoren zustande brachte.

Wenn von den "Schicksalsgöttinnen" (S.39-40) die Rede ist, dann beschreibt er den Mythos: "Es gibt drei zusammenwirkende Schicksalsgöttinnen, gekleidet in weiße Gewänder usw." - dann werden als Autoren genannt: Homer, Hesiod, Aischylos, Simonides, Platon, Herodot, Pausanias und Vergil. 

Seine Methode ist, wie er es in der Einleitung beschreibt, dass er die verstreuten Elemente jeder einzelnen Mythe in einer harmonischen Erzählung zu sammeln bestrebt war, und diese durch weniger bekannte Variationen in ihrer Bedeutung zu unterstützen.
Leider aber geht die Bedeutung des wesentlichen Kerns eines Mythos in der Hervorhebung von Nebenschauplätzen oft verloren. Es wird kein Unterschied von ihm gemacht. Er geht vor in einer Weise der quantitativen Suche nach Gemeinsamkeiten, stützt, wie er sagt, aber dennoch diese Gemeinsamkeiten dann, wenn in der seinigen Erzählstruktur eine passable Lücke dies erlaubt (d.h. wenn das zusätzliche Material nicht im Widerspruch zum übrigen steht). 

Ausserdem ist es natürlich eine selektiver Prozess, sich solches Material auszuwählen, also subjektiv. Nach welchen Kriterien er ausgewählt hat, wird allerdings von ihm nicht allzu deutlich gemacht.

Was ich persönlich überhaupt nicht berücksichtige beim Lesen seines Handbuches sind denn auch die angehängten Interpretationen an die jeweiligen Mythen. Und zwar die (zum Teil rein assoziativen) Bezüge auf Geschichte und der Rückbezug auf frühere Mythen und Kulte. Das erscheint oft zu sehr konstruiert, nach dem Motto, wer suchet, der findet: zB "die Geschichte von Kleobis und Biton bezieht sich auf die zur Weihe eines neuen Tempels der Mondgöttin vollzogenen Menschenopfer." (S.259) oder "Das Schlachten der Stuten des Marmax könnte sich auf die Zeremonie der Krönung des Oinomaos beziehen, bei der eine Stute geopfert wurde." (S.366) oder "Achilleus ist nach den Umständen seiner Geburt, Jugend und seines Todes mythologisch als der alte pelasgische `Heilige König` zu verstehen, der zum `lippenlosen` Orakelheroen bestimmt war." (S.640) 

Jeder könnte in den Kulten und Mythen tausend Vorlagen finden, um Zusammenhänge zu generieren, die allein durch symbolische oder dingliche Ähnlichkeit resultieren - für irgendeine Erzählung passt es. Irgendwo gibt es genügend Berührungspunkte. Überzeugend ist eine solche Vorgehensweise nicht, weil es wohl weitgehend zufällige Übereinstimmungen sind. Er geht dabei auch davon aus, dass die Mythen erst durch Kulte entstanden. Ob das nun manchmal oder grundsätzlich der Fall ist? Es kann gut sein, dass eine Variante des Mythos in dieser Weise gebildet wurde, aber dass doch kaum jeder Kult ohne vorherigen Mythos oder vorheriger mythischer Vorstellung zustande kam. Die Mythen befanden sich in den Köpfen, bevor der Kult entstand!

Durch diese Art des Ekkletizismus, der auf die Spitze getrieben wurde, wird nebenbei der typischste Fehler wissenschaftlich-rationaler Vorgehensweise anschaulich geschildert. Das Erstellen falscher Zusammenhänge und Schlussfolgerungen aufgrund von zuviel Phantasie. Gerade die Phantasie ist es, die in der Wissenschaft der Archäologie, Geschichte oder Kunstgeschichte zu falschen Zuschreibungen und Erklärungen führt - und es scheint auch oft so, dass die akademische Wissenschaft sich darüber nur wenig bewusst ist, wie sie selbst ihren Anspruch der Rationalität hintergeht. Denn Vernunft und Verstand bedeuten im Grunde nur, etwas plausibel zu finden. Ob etwas als wahrhaftig erkannt wird, hängt oft viel mehr dem herrschenden Zeitgeist zusammen. Allerdings gibt es Dinge, über deren Wahrhaftigkeit man sich überzeugen kann. Bei den Mythen aber handelt es sich um Erklärungsgründe einer nicht mehr so gut beobachtbaren Zeit - wir können niemanden mehr direkt fragen, der aus jener Zeit stammt.
Auch muss nachdenklich stimmen, dass Mythenerzähler an verschiedenen Orten der Welt, unabhängig voneinander, zu denselben Symbolen gekommen sind.

Ranke-Graves identifiziert die fünf Zeitalter mit
a) einer alten Tradition der Bienen-Gottheit,
b) der matriarchalischen Zeit
c) die hellenischen Eroberer, das sind Hirten der Bronzezeit, die den Kult der Esche (Wahrzeichen der Göttin und ihres Sohnes Poseidon) angenommen hatten
d) Kriegerkönige des mykenischen Zeitalters
e) die Dorer des 12. Jahrhunderts vor Chr., die eiserne Waffen verwendeten und die mykenische Zivilisation zerstörten.

Die mykenische Zivilisation wurde wahrscheinlich nicht von den Dorern zerstört (diese These entspringt einer veralteten Geschichtsauffassung und wird von heutigen Forschern schon eher skeptisch betrachtet), sondern von einem Angriff eines Seevolks, vermutlich die Lykier. Mit einem Blick geurteilt, erscheint diese Zuordnung von Ranke-Graves heute schon nicht mehr plausibel.
Wie dem auch sei. In jedem Fall übergeht man die wahrhaftige Herkunft der Mythen, die sich doch wahrscheinlich eher auf die Schöpfungsordnung beziehen, als wie auf eine damalige Neigung, Geschichte zu schreiben oder zu überliefern, oder einfachste Sitten durch Märchen zu transportieren. 

Er schreibt etwa, dass die Theorie: die Sphinxe, die Gorgo oder die Kentauren entsprangen dem (jung`schen) kollektiven Unbewussten, offensichtlich unrichtig ist. Dabei kritisiert er jene Pathologie der Psychoanalyse, die nur als Unterzweig der ganzen Psychologie des Unbewussten angesehen werden kann.
In dieser Psychoanalyse waren tatsächlich die meisten Erscheinungen erst mal nur Hinweise auf eine aus dem Gleichgewicht geratene Psyche.

Der Streit, der zwischen Uranus und Gaia entbrannte und zu ihrem Auseinandergehen führte, wird von Ranke-Graves auf den Zusammenstoß zwischen patriarchalischen und matriarchalischen Prinzip zurückgeführt, verursacht durch die hellenische (=patriarchalische) Invasion Griechenlands (=ursprüngliches Matriarchat). Ranke-Graves teilt nicht mit, dass dies eine analoge Entsprechung ist, sondern er führt die Bildung des Mythos direkt darauf zurück und erweckt den Anschein, als gäbe es keine andere Herleitung des Mythos, bzw. keine symbolische Bedeutung.

Die Zahl drei taucht dermassen oft in dem alten Griechenland auf, dass sich Ranke-Graves nicht rühmen braucht, diese Zahl stets heran zu ziehen um damit den ursprünglichen Bezug auf nur drei Götter (bei ihm meist Göttinnen) zu behaupten, und alle anderen Bezüge späterer mythologischer Teile nur noch auf diese drei ursprünglichen Götter zurückzuführen, so dass alle späteren Entwicklungen also Verfälschungen dieser uranfänglichen drei Göttinnen darstellen würden.
Es wird damit das Bild gezeichnet, dass spätere Mythen im Prinzip unecht sind; anstatt in Betracht zu ziehen, ja zu betonen, dass auch spätere Mythen (nicht unbedingt die spätesten) immer noch ihre autarke Bedeutung haben (können).

Es soll bei dieser Kritik nicht unerwähnt bleiben, dass Ranke-Graves selbst darauf hinweist, dass seine Methode und Intuition falsch sein kann; seine Leistung ist indessen auch nicht zu schmälern, da er sich bemüht hat die ursprünglichen Mythen herauszuschälen aus dem Gros aller Mythen. 

Doch bedauerlicherweise entwertet er jeden einzelnen späten Mythus dadurch, dass er auf eine frühere, angeblich reinere Form verweist, und mit keiner Silbe bedenkt, dass eine spätere Variante des Mythos ebenso wahr und authentisch sein kann. Stattdessen ist sein Standpunkt, dass die späteren Mythen nur Verzerrungen eines ursprünglichen Mythos darstellen.

Wenn zum Beispiel Perseus die Medusa erst durch Vermittlung der Graien finden kann, so wird das im Mythos vielfach beschrieben: Die Graien haben nur ein Auge. Perseus stiehlt es ihnen und zwingt sie dadurch den Weg zur Medusa zu verraten. In einer anderen Version schmeisst er das Auge in einen See, worauf die Medusa, deren Hüter die Graien sind, unbewacht ist, und von Perseus überrascht werden kann. In beiden Varianten sind das verbindende oder vermittelnde Element zur Medusa, die Graien, was dann also anscheinend als Kern des Mythos im Vordergrund stehen muss. Die verschiedenen Symbole, die in den verschiedenen Mythen auftauchen, müssen dabei nicht als widersprüchlich zueinander betrachtet werden, sondern als ergänzende Aussagen in Bezug zum ganzen Mythos vervollständigen sie unser Wissen von diesem Mythos.
So kann die Vielfalt sogar helfen, den Kern eines mythischen Bestandes ausfindig zu machen. Sicherlich kann es eine Rolle spielen, wie jung ein Mythos ist, unter Umständen mag es sich natürlich wirklich um eine grobe Verzerrung und fehlende Authentizität handeln - doch eine rigide und pauschale Haltung diesbezüglich greift einfach zu kurz.

Im Sinne eines a) allegorischen b) symbolischen oder c) einer naturmythischen Zugrundelegung, ist es aber zwangsläufig, dass sich gemäß des analogen Prinzips - Oben wie Unten - eine Übereinstimmung mit der menschlichen Psyche ergeben muss (Oben: Schöpfungsordnung, universale Gesetze des Seins und des Kosmos. Unten : Psychologische Ordnung im Mikrokosmos).

Die Fiktion wird von diesen Dichtern zugegeben, aber sie ist eine andere, als wie wir heute Fiktion verstehen. Die Kraft eines Symbols wurde zumindest als Stoff betrachtet, und die einzelne Ästhetik der Zusammenstellung, die Dramaturgie, ergab sich aus dann aus den Fügungen, denen der Dichter lauschte. 

Beides - Fiktion und Wahrheit - bildeten die Grundstruktur eines dichterischen Werkes. Diese Welt war durchströmt vom antiken griechischen Geist und ihren alten Kulten, von den erlebbaren Wirkkräften, von den Symbolen und platonischen Ideen, die man hinter den Erscheinungen der Welt vermuten konnte, das war der wahre Kern der Dichtung. 

Diese Götter lebten, weil sie als Kräfte wahrnehmbar waren und diese Götter flossen durch das Lebendige des Kulturschöpfens getragen in die Dichtung ein.
Es wäre ein Unding gewesen, hätte man in der Dichtung der Göttin Athene Eigenschaften zugesprochen, die etwa eher dem Herakles zukamen. Die Archetypen und Symbole zogen ihre jeweiligen und angemessenen Entsprechungen an.

Das alltägliche Leben bildete zwar eine Vorlage für die Konkretisierung der Mythen in der Dichtung, doch das erlebbare Schicksal war hier nicht die erste massgebliche Instanz, sondern es war stets die Frage, ob ich als Dichter jene Geschichten und Schicksale in die Hände von welchen Göttern legen kann. So wie man Dingen ihr Analogum (Symbol) zuordnet. So kann man zum Beispiel der Farbe Rot ein Symbol von Aktivität zuordnen und der Farbe Gelb ein Symbol von Licht und Frische usw.

Für den römischen Ovid (43 n. Chr.) war die Zeit der Götter schon abgelaufen, man konnte sich mit einigem Humor mit Jupiter auseinandersetzen, für Saphho (600 v. Chr) war die Hinwendung zum Göttlichen noch heilig und ernsthaft. Die Götter waren keine allegorische oder symbolische Beschreibung von Kräften, sondern für Sappho und ihre Zeitgenossen wirklich erlebbare und ins Leben der Menschen hineinwirkende Macht. "Der homerische Mensch fühlte sich im Kraftfeld göttlicher Gewalten, was jedoch weder selbstständiges Handeln noch eigene Verantwortung ausschließte" (im "der kleine Pauly", zitiert nach Wissmüller, S. 58).

Der Beobachter und die beobachtete Sache

Es kommt noch etwas grundsätzliches hinzu, betreffend der Abhängigkeit zwischen Beobachter und beobachtete Sache. Es hat Einzug gehalten, vor allem durch die Erkenntnisse von Naturwissenschaftler, etwa Bohr und anderen Physikern, dass das beobachtete Objekt sich relativ zum Beobachter verhält. In der Soziologie, Ethnologie und Psychologie wurde dieser Fakt bestätigt und übernommen.
Allerdings beziehen sich diese Forscher meist nur auf das Sichtbare. Sie betrachten das Unsichtbare nicht genügend. Also das, was sie nicht sehen können, und was dennoch für Wirkungen sorgt.

Jeder kennt diese Geschichten, "ich denke an jemand Bestimmtes, und in dem Moment oder ein wenig später erhalte ich den Anruf".
Daher ist es wichtig, auch grundsätzlich alle Bezüge zu beachten, die ein Beobachter zu einer beobachteten Sache einimmt, und eben nicht nur die sichtbaren, von denen man annehmen würde, sie seien die einzigen Variablen, die zu beachten in Frage kämen. Nicht nur was man verstehen kann, sondern auch das muss angenommen sein, was hinter dem Verstehbaren liegt: und zunächst kann das nur eine leere Kategorie sein, ungefüllt, aber sie muss existieren. Sonst kommt man nur in einer Art Kreiselbewegung zu dem, was bereits bekannt ist. Und das kann nicht genügen, wenn es um Sachverhalte geht, die bislang unbekannt waren und zudem von der Kultur ungenügend vorbereitet wurden. Der Wissensdurst wurde ja auch erstickt durch die Eintrichterung, dass viele Sachverhalte Hokuspokus sein müssten oder bloße Einbildung.

Für die Physik ergibt sich dadurch, dass der Beobachter die Sache verfälschen kann. Für die Humanwissenschaft ergibt sich ähnlich, dass der zu untersuchende Gegenstand, die Erkenntnisprämissen (Prämissen=Vorraussetzungen) setzt.

Es ist also eigentlich fast nötig, um einen Mythos zu betrachten: alle jene Vorraussetzungen im Beobachter zu schaffen, die auch bei denen zugegen waren, die den Mythos verwendeten bzw. aus der Schöpfungsordnung ableiteten. Mit anderen Worten muss man sich in das Leben der Urzeit und Frühzeit hineinversetzen, aus denen die Mythen hervorgingen, und das geht nur ungefähr.
Diese Vorgehensweise wird auf jeden Fall ein annäherndes Verständnis der damaligen bewussten Einstellung der Menschen gegenüber den Phänomen ihrer Wirklichkeit verlangen.

Wenn ein Schamane etwa von fliegenden Dämonen spricht, wird einer, der diese Dinge als Ethnologe untersuchen will, niemals eine wirkliche Anschauung darüber entwickeln können, wenn er nicht selbst Schamane ist. Was treibt den Schamanen dazu, von fliegenden Dämonen zu sprechen und hat er wirklich welche gesehen? Wie ist es, fliegende Dämonen zu sehen? Ein naiv gestimmter Rationalist könnte unvermittelt das Bild vor Augen haben, dass diese fliegenden Dämonen jenen gleichen, die er in Comicbüchern oder in biblischen Schauermärchen des Mittelalters gesehen hat. Wer meint, dies sei jetzt doch sehr übertrieben, solle sich vorstellen, wie er sich fliegennde Dämonen denn vorstellt, und er wird finden müssen, dass er auf irgendwelche Vorstellungen zurückgreift, die er irgendwann gebildet hat durch eben kulturell überlieferte Inhalte. Die kulturell gelernten Inhalte des Schamanen sind nicht nur meist anders, sondern er hat vor allem eine Wahrnehmung gehabt, aus denen er dann zum Wort "fliegende Dämonen" greift. Der Ethnologe hat hier die Aufgabe, sowohl als auch zu denken, und zu versuchen, der Aussage auf den Grund zu gehen. Dabei kommt es darauf an, wie weit er sein Weltbild erweitern kann, ohne den Schamanen misszuverstehen.

Vielleicht ist es so, dass es keine Dämonen sind, sondern unsichtbare Kräfte, wer weiss - aber so weit, wie der Ethnologe diese für ihn unsichtbaren Kräfte noch nicht wirklich mit eigenen Augen gesehen hat, hat der Ethnologe nur eine Vernunft und Glauben, die das ablehnen oder annehmen wollen. 

Tritt der Forscher in Dialog mit dem Schamanen, könnte der Schamane wiederum Bezug nehmen auf die Haltung, Einstellung und vorhandenen Kategorien des Forschers. Diese hervorgerufenen Störungen und dass der Forscher selbst wiederum eine Reaktion zu dieser Reaktion der Störung hervorruft, wird in der Humanwissenschaft "Gegenübertragung" genannt. Der Schamane könnte dies sogar bewusst tun, weil er vielleicht erkennt, dass sein Gegenüber jemand ist, der einen Schatten dunkler Energien mit sich herum trägt, und einen dunklen Verstand, der nichts erkennen wollen wird, abstreiten will - und dem man daher alle möglichen Geschichten erzählen sollte, aber nicht die Wahrheit (aus Sicht des Schamanen).

Dieses Verhältnis zwischen beobachteten Gegenstand und Beobachter ist auch auf den Text zu übertragen. Denn obwohl der Text keine Reaktion bildet, fliesst doch die Sichtweise und Interpretation, und das was man sieht und was man nicht sieht, in das Verständnis des Textes mit ein.
Epochenabhängige Selbstverständlichkeiten, werden heute möglicherweise etwas anderes gesehen. Die Griechen kannten kein Wort für "Obszönität", allenfalls für das "häßlich-schimpfliche" oder für "Lächerlichkeit". Für sie stand der Körperbezug als etwas selbstverständliches vor. Wir sehen in manchen "obszönen" Beschreibungen womöglich eine Art Porno(graphie), anstatt den Ausdruck eines gesunden Verhältnisses zum Körperlichen darin zu sehen, und Erotik nicht als perverse Spielereien zu deuten. Die Liebe unter Männern war eine Erweiterung des Liebeslebens mit einer Frau.

Andere Selbstverständlichkeiten werden heute, da kein Bezug mehr zu den Göttern existiert, in der Tendenz oft falsch betrachtet.
Den folgenden Vers in einem Hochzeitslied der Sappho: "er kommt, dem Ares gleich, viel größer als der Mann", wurde zuerst naiv von Fränkel gedeutet als "der Bräutigam fühlt sich als Held, ein Gott und ein Riese"; Geoffrey Kirk, ein Philologe, spricht 1963 dagegen aus, eine solche Deutung sei viel zu naiv und setzt dabei in Szene, was man die Selbstverständlichkeit der heutigen Epoche nennen könnte: Was den Bräutigam größer als groß mache, sei ein der Situation entsprechender Zustand, eine männliche Größe, mündend in dem phantastischen Begehren der Braut nach der Größe der Manneskraft, also des Penis. In Bezug zu anderen Versen wurde dann von anderen Philologen bei einer ausdrücklich genannten Vulva, ein großer Mann herbeigewünscht. Die Interpretation beruht offensichtlich mehr auf dem übersteigertem Selbstbild des Mannes der entsprechenden Epoche.
Denn will man diesem Mythos gerecht werden, könnte der Vergleich mit Ares auch in eine andere Richtung führen: strahlende, sieghafte Kraft des Kriegers. Dies war das Bild des Mannes, das den Frauen des alten Griechenlands vorschwebte.Und auch andere Erklärungen wären etwas stimmiger als wie jene zutiefst sexualanalytische Komponente hinein zu legen.
Woanders wird aus der Verführung einer Frau, und dem anschliessenden Rendezvous auf dem Rasen des Gartens (und nicht etwa auf der Hecke oder im Dornbusch des Gartens), dann der gewollte Coitus auf dem Rasen erkannt, oder sogar die Gleichsetzung Garten=Genitalien. Der Garten steht aber für die Griechen in einem Bezug zum Heiligtum der Göttin der Liebe (Aphrodite). Das Betreten der Wiese eines Gartens ist nur dem Reinen unverwehrt. Bringt man Blumen in den Garten, so kann das als Geschenk an die Gottheit der Liebe aufgefasst werden, in dem Sinne, sich selbst dem Gegenüber darzubringen oder sich selbst den Kranz der Göttin darzubringen, sich unter die Kraft der Göttin zu stellen. Im Garten der Muse werden die Dichter Blumen pflücken, mit denen sie Menschen und Götter erfreuen.
Die Gärten werden als unberührbar dargestellt, zu denen nicht jeder Zutritt hat. Damit wird auch das Bild der Jungfräulichkeit hervorgerufen. Wenn aber darauf von den Dichtern Bezug genommen wird, so ist das nicht als sexuelle Andeutung gemeint, sondern als erotische, was für die Griechen einen bedeutenden Unterschied macht.

Der moderne Zeitgeist, besonders vertreten unter englischen und amerikanischen Philologen, sieht beinahe in allem ein Phallus Symbol. Ein Ölfläschchen, das bei sportlichen Übungen benutzt wurde, und in einem Text bei Aristophanes auftaucht, wurde natürlich als Phallus Symbol vorgeschlagen, aufgegriffen und mit der Suche nach passenden Belegen fand sich auch irgendwann ein entfernter Zusammenhang, der aber mehr auf eine rundliche Form hinweise. Also wurde der Bezug zu den Hoden aufgenommen. Dieses Hin und Her Rollen der Bälle und Aufstellen von Phallus-Symbolen ist dabei auch für die Philologen gesellschaftsfähig, hat aber möglicherweise sehr wenig mit der wahrhaftigen Symbolik zu tun.

Dieses Ölfläschchen tauchte bei der Auseinandersetzung der Philologen in dem Zusammenhang auf, als in dem Vers von Aristophanes davon gesprochen wurde, dass es verloren ging. So passt also diese Interpretation von Phallus und Hoden schon gar nicht mit dem Textsinn zusammen, weil Phallus oder Hoden des Körpers nicht verloren gehen können. Man könnte nun den Bezug "Kastration" aufstellen, wenn man möchte. In weiteren Bezügen des Textes ist im Zusammenhang mit dem Ölfläschchen auch nur von "stehlen", "kaufen", "anhängen", die Rede, einem "abkaufen" - was sich alles nicht in den genitalen Doppelsinn fügen will. Sicher ist es statthaft solche Bezüge und Versuche der Deutung anzustellen, doch es wird bald zum Zwang und irgendjemand formuliert daraus weitere Bezüge und stellt ein umfassende Schau des "Phallus-Symbols in der griechischen Dichtung" vor. Und der eigentliche Sinn des Textes wird lange Zeit von den epochenabhängigen Sichtweisen verzerrt, was dadurch geschieht, dass diese Deutungen allesamt in selbstverständlicher Weise geäussert werden, ohne sie als Deuter selbst zu hinterfragen - was mit einigermaßen ausgeprägtem gesunden Menschenverstand leicht zu erreichen wäre. In der Akademie ist es die Regel, dass man auf den Arbeiten und Leistungen vorangegangener (und anerkannter) Akademiker aufbaut. So wird eine ziemliche Verdichtung und Verstofflichung nicht nur des Wissen ermöglicht, sondern auch möglicher Fehler. Bis diese kritische Arbeit und Hinterfragung geleistet ist, kann viel Zeit vergehen. Während manchmal ein eigenständiger und selbstverantwortlicher Geist, diese Wahrheiten und Unwahrheiten mit einem Blick erkennen könnte. Eigenständigkeit kann Eigensinn bedeuten, und das Eigensinnige findet nicht nur bei den esoterischen Theoretikern ein, sondern auch in der Wissenschaft. Niemand, und keine Institution ist davor gefeit, sich im Eigensinn in egal welcher Form zu verlieren. Kritisch wird diese akademische Wissenschaft, weil sie sich als die einzige Autorität wähnt, und dabei ein viel beschränkteres Instrumentarium benutzt mit dem dogmatischen Ausschluß gewisser als exotisch verschriebenen Thesen. Die Wissenschaft erwartet also den zwingenden Beweis, aber andererseits spekuliert sie selbst mit naiven Annahmen, die ebenso oft trottelig klingen, wie manche esoterischen Thesen haltlos sein können. Allerdings fasse ich hier den Begriff Esoterik sehr weit und meine in Bezug zur Mythologie etwas ganz spezielles.

Weitere Ansichten, und abschliessende Betrachtung

Marianne Nichols weist in ihrem Buch "Als Zeus die Welt in Atem hielt" (Scherz Verlag 1975) darauf hin, dass die Mythen der alten Griechen sich mit dem tatsächlichen Leben und Ritualen der Leute verbanden. Diese Ansicht ist von vorneherein plausibel, wenn man sich mit dieser antiken Zeit einigermassen beschäftigt hat (vor 700 v.Chr. und nicht etwa die klassische Antike der aufkeimenden Rationalität anno 500 v. Chr.).
Die Mythen begleiteten die Aufmerksamkeit zu gewissen Taten, um dadurch eine - wahrscheinlich stets gesellschaftliche - Handlung, Gerichtsbarkeit oder Initiation mit Worten und Bildern zu verstärken. 
Die alte Frühzeit geht aus der Urzeit hervor und dort war keine Sprache, keine Überlieferung gegeben. Man sah die Schöpfungsordnung in Reinform: Als Horizont, als Wald, als Organismus und so weiter. Das alles hatte keine verliehene Bedeutung, sondern war Bedeutung, die aus diesen Erscheinungen der beobachtbaren Schöpfung direkt sprach. Mit der Zeit bildeten sich mit dem Verstand Unterscheidungen und Gruppen von Dingen, die möglicherweise die ersten symbolischen Beschreibungen verschiedener typischer Wirkkräfte darstellten. Alte Astrologen sahen direkt in den Himmel und bewerteten die Zeitqualität, also anders als spätere Astrologen dafür ein gezeichnetes Horoskopbild verwendeten. Ähnlich ist das Opfer oder Los zu begreifen, das bei Neuanfängen geworfen oder geschaut wurde: Was liegt dem Prozess, zB eine Schlacht oder Stadtgründung, im weiteren Verlauf zugrunde?

Es geschehen gewisse Dinge,denen eine Ordnung anzusehen ist, und verschiedene Dinge entsprechen diesen Ordnungen, und andere Dinge anderen Ordnungen.
Was Ganzheitlichkeit eigentlich bezwecken soll, ist die Integrität des Selbst, mit den dazugehörenden Erfahrungsebenen.

Die alten Griechen gaben den sonst im Leerlauf der Interpretation befindlichen Dingen um sie herum nicht nur einen Namen, sondern einen Kontext. Jede Kultur hat das getan. Mehr oder weniger gibt es auf der ganzen Welt Naturmythen, die eng mit dem alltäglichen Leben in Verbindung stehen.
Auch wir geben den Dingen Bedeutung, nur sehen wir in ihnen fixe Beschreibungen. Begreifen sie als unwandelbare Objekte. Sie entstanden in kausaler Folgerichtigkeit aus der Natur oder menschlichen Wirken heraus, ansonsten aber haben sie keinerlei symbolische Qualität für uns, die von einer höheren Wirklichkeit zeugt. Wir gehen gewissermaßen nur bis zu einer gewissen Oberfläche der Dinge.

Man tendiert heute dazu, diese Mythen als fiktiv darzustellen und jedes Lexikon beginnt mit solchen Einleitungen, dass es doch selbstverständlich wäre, wie die unmöglichen Begebenheiten der Mythen noch nicht einmal leicht idealisierte oder übersteigerte Darstellungen geschichtlicher Vorgänge bedeuten können. Es erscheine doch sofort klar, dass es keinen Zeus in den Wolken geben kann.
In dieser Weise wird die Kraft der Symbole gestutzt auf unser heutiges Verständnis der Welt und der Geschichte. Eher ein Spiegelbild unserer eigenen (naiven) Vorstellungen.

Nach Meinung der Philologen sei der Mythos in seiner Funktion einer Allegorie der Schöpfung wohl kaum plausibel, da ja solche "hohen philosophischen Systeme" geschichtlich gesehen erst nach den Mythen auftauchten (Herbert J. Rose). Dabei wird - wie oft anzutreffen - ein Vorurteil benutzt, um eine These zu widerlegen - bzw. eine fehlerhafte These wird herangezogen. Ohne selbst weiter zu denken: "Es ist leicht zu zeigen, daß eine solche Betrachtung (Mythos als Allegorie) dem ursprünglichen Sinn des Mythos nicht entspricht, setzt sie doch voraus, daß die frühen Griechen (...), eine Art systematischer Philosophie besaßen, welche die Kräfte des Universums, sowohl die sichtbaren wie die unsichtbaren, und auch die sittlichen Pflichten der Menschen in ihre Betrachtungen mit einschloß.  Nun wissen wir genug von der frühen Geschichte der Griechen, um sagen zu können, daß sie sowenig  wie ein anderes Volk auf ähnlicher Entwicklungsstufe, damals eine solche Philosophie besaßen, die vielmehr ein Produkt des sich verfeinernden Denkens von Jahrhunderten ist. Würde ein solches System in den Zeiten vor Homer existiert haben, so hätte die lange Reihe glänzender Denker, denen das geistige System der Griechen und schliesslich das des modernen Europa verdankt wird, nicht von Grund auf zu beginnen und selbst erst die Fundamente der Physik, Ethik und Logik zu legen brauchen. Der Mythos kann also ursprünglich keine Allegorie sein, weil seine Urheber wenig oder nichts zu allegorisieren hatten." (S.2-3)
Im Grunde hat er in die richtige Rictung geschaut, aber hält es nicht für möglich. 

Er entwertet das Subjekt der Betrachtung in dessen eigentlicher Geistesart übermässig. Rose`s Buch ist aber deshalb nicht rigoros abzulehnen.

Nach Hesiod (etwa 700):
"Da die Dichter ihr Wissen von einer höheren Instanz verliehen bekommen, kann der Inhalt ihrer Dichtung nur wahr sein, wobei allerdings auch die Musen bewußt dem Dichter auch falsches eingeben können."(Theogonie 27f)
Man kann wohl die ursprünglichen, sogenannten wahren Mythen ebenso aus dem Rückgriff auf diese "höhere Instanz" begreifen. Das Wahre und Falsche aber, was kann das sein? Die historische Genauigkeit, wenn sich Mythen auf Geschichtsereignisse beziehen? Die Genauigkeit, die angestrebt wird, um den Mythos im Einklang mit dem zugeordneten Gott zu bringen? Diese Fragen bleiben noch ungeklärt. Ein Vergleich mit dem Orakel zu Delphi kann hier weiterhelfen: Das Orakel gab nur richtige, das heisst dem Menschen dienliche Anweisungen. 
Manchmal kann es keine Wahrheit geben, wenn andere Instanzen des Bewusstseins des Menschen oder auch kosmische Instanzen hier eine Blockade oder Schutz aufstellen. Andere Male ist der Anspruch geschickte Formulierung, Berücksichtigung anderer Menschen (und ihrer Auffassung), oder andere ästhetische Gründe - und es mag nicht zuletzt an unlauteren Motiven des Fragers oder Deuters festzumachen sein, wenn eine "Eingebung" falsch ist oder von fiktiven Tatsachen zeugt. 

Was sind die wirkenden Kräfte der Schöpfungsordnung?

Es ist anzunehmen, dass aus einigen wenigen und hauptsächlichen Kräften im Universum die Vielzahl der Kräfte hervorgeht - das sahen vermutlich auch die Griechen so. Aus diesen elementaren Grundkräften kommt es innerhalb der verschachtelten Schöpfungsordnung durch Verbindung und Kreuzung zu einer Vielzahl von Kräften. Das, was die Schöpfungsordnung im menschlichen Leben aufzeigt, ist beobachtbar und wird zu den verschiedenen Typen von Wirkmächten differenziert.

Die Ebene, auf der die Kräfte wirken, kann jeweils anders sein. Es gibt Kräfte, die wirken in der Natur, andere im Leben der Menschen. Die meisten Kräfte verändern nur ihr Antlitz, je nachdem auf welcher Ebene sie wirken.

Für die Griechen konnten diese Kräfte zwar nicht beeinflusst werden, sondern beschwört. Das kann man sich aus heutiger Sicht so vorstellen, dass man ein persönliches Verhältnis zu diesen Kräften aufbaute. Hera war zum Beispiel eine Art Kraft, die wirksam sich aus dem speiste, was real in der Ehe gelebt wurde: nach Auffassung der Griechen konnte man eine Energie (Feld, Gott) nähren, indem man zum Beispiel einen Hera Kult pflegte oder der Hera Opfer darbrachte. Bedingt durch das Opfer entsteht eine psychische, unbewusste Kraft, die man symbolisch mit der Tarot-Karte "Kraft" (Nr. 11) beschreiben kann. Ein Opfer führt zu einem energetischem Sog, der entsprechendes anzieht. Kein Opfer ist also umsonst.
So wurde diese Hera-Energie belebt und in gewisser Weise die Richtung der Energie gerichtet. 

Denken wir nur an die Kraft unserer Vorstellungen: Wenn wir uns negativ fühlen und denken, dann ziehen wir auch solcherlei Negativität an - und wenn es nur eine Stimmung ist, in der wir uns befinden, oder in die wir uns bewegen.

Eine wohl sehr taugliche, und dennoch rationalistische These ist auch folgende:
Die Mythen wurden als Archetypen geschaut und beziehen sich gewollt oder ungewollt auf die Schöpfung. Die Schöpfung liegt ja allem, was existiert, zugrunde. In Soziologie, Psychologie und Kosmologie finden sich Bereiche, in denen Kräfte wirken und Formen schaffen, die sich unterscheiden lassen, und letztlich in diverse Archetypen gruppiert werden können.

Es gibt nichts, was nicht aus einer Ordnung heraus enstanden wäre. Unordnung und Chaos stellen eine Ordnung für sich dar.

Zwischen Schöpfung, Psychologie, sozialer Ordnung, ferner den diversen Kulten und Ritualen, gibt es deswegen ähnliche Entsprechungen, da die Entwicklung und Formung dieser Sachverhalte einer einzigen Ontogenese entspricht (Ontogenese: Entwicklung aus einem Keim). Der Keim besteht in der unwandelbaren Schöpfungsordnung. Daraus, dass die Schöpfungsordnung nur über die sichtbar wirkenden Kräfte und Ereignisse vermittelt wird, offenbaren sich verschiedene Blickwinkel und Perspektiven, wodurch sich die Verschiedenartigkeit der Mythen erklärt.

Energie?
Wenn ich von Energie oder Kräften rede, meine ich das im weitesten Sinne und nicht etwa in Anlehnung auf rationalistische Vorstellungen von Energie. Ich beziehe mich auf eine Art von Energie, wie zum Beispiel psychische Energie. Energie bewirkt, schafft Felder oder stößt auf andere Energien und ruft Reaktionen hervor. Hier befinden wir uns in einer Zwangslage ungenügender Vorstellungen. Man darf nicht meinen, dass die Erwähnung des Begriffes Energie jetzt nur psychische Felder bedeuten soll. Im Grunde ist alles ein energetisches Feld, und wir treten durch unsere verkörperten und aufgebrachten Energiefelder in Bezug zu anderen Energiefelder, im Kleinen (Kult) und Grossen (Wirkmächte).

Ein Kult stand wahrscheinlich in Bezug zu Verdichtung einer ganz gewissen, dem Kult entsprechenden Energie. Die Verbindung zwischen Himmel und Erde wurde in anderen Kulturen (Schamanismus) als kosmische Säule begriffen, als Weltenbaum und anderes. Bei den antiken Griechen erkennen wir in der einbrechenden patriarchalischen Zeit noch eine Verwurzelung mit der kosmischen Energie symbolisch durch die Säulen der Tempel. So wurde gleichnishaft eine Verbindung zwischen den Schöpfungskräften des Universums (dem All) und den Menschen geschaffen und gestärkt. Das Leben hatte eine Richtung und einen Sinn. Die Symbole wirken auf das Un-Bewusstsein ein, auf die Apparatur des Psychischen, und stellen im Grunde nichts anderes als "Gedankenmuster" bereit, die nur nicht bewusst sein brauchen. So gesehen stimulieren die steinernen Säulen der Griechen das Bewusstsein, innerhalb einer grössen Ordnung eingebunden zu sein, einer kosmischen Ordnung. Da diese Ordnung auch im Kleinen (des Lebens auf der Erde) abgebildet wird, ist es nur sinnvoll, diese Schöpfungsordnung als gross angelegte Schöpfung zu begreifen und sich selbst als einen teil davon. Alles was geschieht, geschieht aus diesem Grund heraus, weil es die Schöpfungsordnung gibt. 

Die grosse Göttin des Matriachats war eng mit der Erde assoziert, aber im eigentlichen Sinne ist mit der Erde sogar der Kosmos gemeint. Nicht die Sonne ist gemeint, sondern der Kosmos. Die Erde entspricht in ihrer Eigenschaft ein Gefäß für das Leben zu sein, der Eigenschaft des Kosmos, Gefäß für alle Planeten und Sterne zu sein (als leerer Raum). Auch die Erde ist ohne Licht der Sterne ein kalter Ort.

Mit der Erdung verbinden sich die weisen Frauen und die Hexen mit der kosmischen Energie, und dies war sicherlich auch den Männern und Kriegern möglich. Sie konnten diese Energie heilend durch ihren Körper fliessen lassen und auch in Bezug zu anderen einsetzen. 

Zunehmend gewann das Patriarchat an Einfluss. Es geschah nicht abrupt. Der abrupte Wechsel wird nur deutlich im Vergleich des homerischen Griechenlands mit der heutigen Zeit der weitgehend emotional gepanzerten Menschheit (heute) und den fest gezurrten Dogmen der Wahrnehmungsarten (ein Ding ist ein Ding), was dazu führte, den Kontakt zur Wurzel allen Lebendigen zu verlieren. Patriarchalisch ist geradezu der Trennung schaffende Verstand. Matriarchalisch sowohl die kreative Phantasie als auch Intuition - und letztere steht damit im Zusammenhang, die universale Schöpfungsordnung in die Mythen zu übertragen.

Es mag natürlich zutreffen, dass der antike Mythos aus einem gewissen Standpunkt eine Dichtung ist, doch darüberhinaus spricht überhaupt alles dafür, in ihnen in erster Linie eine (zutreffende und taugliche) Allegorie der Schöpfungsordnung zu sehen - über die Ordnungen, die ein Mensch, die das Sein, und die der Kosmos unterstehen. Der Kosmos selbst ist darüberhinaus als höhere Ordnung dem Leben auf der Erde in gewisser Weise überlegen, soll heissen, er beinhaltet Seinsgründe, die über den Menschen hinaus gehen, doch die dem Menschen im Symbolischen (Geistigen) dennoch wahrnehmbar bleiben. Die Erde selbst ist letztlich kein vom Kosmos verschiedener Teil, sondern innerhalb der kosmischen Ordnung enthalten. 

Diese Allegorie (der Schöpfungsordnung) sollte ursprünglich nicht belehrend wirken, als hätten irgendwelche Weisen das beschlossen - sondern diese Allegorie entsprang einfach aus der Anschaung heraus. Der Sinn und Zweck ergab sich von selbst (was kein Rationalist ohne weiteres anzunehmen bereit ist). Schauen führt zur kosmischen Ordnung. Und das Leben stellt seine eigenen Regeln auf, warum die Mythen in gewisser Weise immer das Leben und die Erfahrung zum Thema haben. Warum wollte ein Mensch wissen, dass es Götter gibt, wenn er nicht selbst davon berührt wird, in diesem Umfeld von Göttern zu leben?
Eine moderne Auffassung sieht in diesen Göttern einfach wirkende Kräfte. Die Astrologie zum Beispiel bezeichnet die Wirkmächte, analog den griechischen Göttern, als Planeten. Die Astrologie beschreibt wirkende Einflüsse (die durch die Planeten am Himmel symbolisiert werden und tatsächlich Zusammenhänge zwischen Leben und  diesen Planetenständen offenbart).

Die Götter sind als Abbild dieser wirkenden Kräfte definiert sind, und man kann sie - aus heutiger Sicht - nicht sprichwörtlich verstehen.
Es gibt sowohl schamanische als auch esoterische Ansichten, dass das Wirken aller Kräfte im Grunde nichts anderes ist, als wie das Wirken lebendiger Kräfte. Die Kräfte leben also, haben eine Wirklichkeit über das bloße Ereignis hinaus.
Diese Kräfte stellen Mächte dar, die auf das persönliche Leben  nicht einfach nur wertneutral einwirken, sondern wir stehen in einem Bezug zu diesen Kräften und die Kräfte in einen Bezug zu uns.

NACH OBEN

 

April 2007
Stefan Arens