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Die griechische Mythologie

Inhalt

Die Entstehung der griechischen Mythen und ihre Bedeutung für den antiken Alltag

Einleitung

Seit Anbeginn der Menschwerdung hat sich der Mensch Vorstellungen über seine eigene Stellung in der Schöpfung gemacht.
Diese Vorstellungen waren nicht schiere Produkte der Phantasie, sondern erwuchsen aus der Einsicht in die Schöpfungsordnung. Der Standpunkt als erlebender Mensch war massgeblich gewesen. 

Diese Einsichten begannen schon vor dem rationalen Zeitalter und begleiten kulturgeschichtlich gesehen die ganze Menschwerdung. Mythen der alten Hochkulturen aber auch vieler Naturvölker bilden sich aus einem Kern heraus, und dieser Kern ist immer eng verbunden mit der Schöpfungsordnung, mit dem Selbst des Menschen und der Ganzheit des Lebens.

Man macht oft den Fehler in den Mythen "falsche Erklärungen" zu vermuten, anstatt zu begreifen, dass der Mythos in einer gewissen Weise beschaffen ist, damit der Mensch mit den Wahrheiten leben kann.
Der Mensch fand eine Orientierung in diesem Umstand, was man auch kosmische Begründung des Lebens nennen kann. Für ihn ergab sich eine souzusagen kosmische Sicht der Begründung des Lebens allein daraus, dieses Leben zu beobachten und auf dahinterstehende Kräfte und Archetypen zu schliessen.

Funktional  gesehen, erhält der Mythos eine Bedeutung als richtungsweisende Kraft, die das Leben zusammenhält - so wie der Kosmos in den Augen der Mythenträger durch ähnliche Kräfte, die im Mythos abgebildet sind, zusammen gehalten wird.

Insofern ist der Mythos eine Religion. Es war aber nicht nur ein Glaube, sondern es war ein Wissen um das Vorhandensein von göttlich bezeichneten Kräften; im Grunde steht mit dem Wort "Götter" oder "Gott" der Bezug auf eine höhere Welt und höhere Ordnung im Vordergrund, also so was wie eine die Welt tragende Ordnung; - freilich gab es die Götter nicht wirklich, weil diese nur Sinnbild für höhere Wirkmächte  sind.  

Was im Mythos unter anderem abgebildet wird, sind erfahrbare Archetypen, die man vereinfacht auch als "Energien" oder "Felder" beschreiben kann -  was alles die Natur im Bunde mit dem menschlichen Selbst traumähnlich erlebbar machen kann. 

Mächte oder Energien der Natur korrespondieren mit dem Selbst des Menschen, und werden so zu Archetypen. Erlebnisse oder Dinge, die geschehen, haben Bedeutung für uns. Und wir sind es, die die zentrale Rolle spielen, wenn wir uns die Frage stellen, was eine Sache bedeuten soll. Mit dem Hintergrund eines mythischen Bezuges werden die Erklärungen des Geschehens immer den Menschen und seinen Standpunkt berücksichtigen, denn ohne den Menschen als Erlebenden, bräuchte es keinen Mythos.

Der Mythos dient im Grunde der Abrundung des Lebens. Das Leben wird als von Kräften durchwachsen und beeinflusst angesehen. Aus heutiger Sicht passt es gut von Energien zu sprechen, die in verschiedener Weise in den Mythen abgebildet werden. Aber was sind "Energien" ? Als was soll man das Wort "Energie" verstehen, vielleicht in Bezug zu Symbolen oder Archetypen? Heute denkt man viel über naturwissenschaftliche Definitionen nach. In Bezug aber zu Mythen muss der Begriff "Energie" auf eine etwas kompliziertere , weil schwerer zu vermittelnde Grundlage gestellt werden. 

Energie bedeutet eine Qualität. Verschiedene Energien weisen unterschiedliche Qualitäten auf. In diesem Kontext soll der Begriff "Energie" eine Äquivalenz (Gleichwertigkeit) ausdrücken, so dass jede Erscheinung und jedes Ding nicht nur als Materie gesehen werden kann, sondern auch als einer gewissen Energiequalität gleichwertig. So etwa gibt es in den Mythen oft die vier Elemente: Wasser, Erde, Feuer, Luft. Weiterhin entsprechen auch die Götter und Helden ähnlichen "symbolischen Energien" oder Archetypen.
Mit der Astrologie und der damit verbundenen Menschenkunde wird offensichtlich, dass das menschliche Erleben im Grunde als eines gesehen werden kann, in dem einige hauptsächliche "Energien" beobachtbar sind.  Auch der Schamanismus formuliert zum Beispiel mit dem Ätherkörper massgeblich solche Bezüge zu energetischen Sachverhalten.  

Der Mythos als Ausdruck der Schöpfungsordnung

Die Natur liefert uns schon ein Abbild der Schöpfungsordnung . Die Menschen hatten bald schon ein Gespür dafür, dass Gesetze der Natur auch in ihrem eigenen individuellen Leben wirken, woraus irgendwann der alchemistische Ausspruch wurde: "wie oben so unten". 
Aus anfänglichen Anschauungen wurden mit der wachsenden Reflektionsfähigkeit Mythen. Der Mythos diente zur Erinnerung und Intensivierung des lebendigen Bezugs zum Ganzen und der Mythos war wie das Selbst des Menschen ein Teil des Ganzen, eines Ganzen, in das sich die Menschen eingebettet sahen.

Es ist Tatsache: vieles im Mythos ist beliebig erfunden, aber erfunden innerhalb eines notwendigen Rahmens.
Der Mythos orientiert sich an der Schöpfungsordnung, an den einmaligen und immerwährenden Gesetzen, Kräften, Mächten und Energien, denen wir als Mensch und Lebewesen auf diesem Planeten unterworfen sind. 

Mehr dazu in meinem Artikel: "Hypothese eines frühzeitlichen Ganzheitsbewusstseins"

Der Einbezug des Menschen in das Ganze der Schöpfung

Das Ganze ist das Leben, das eingebettet ist in eine höhere (kosmische) Ordnung. 

Erkennt man im Mythos die Welt in ihren Gesetzen, dann ist das immer in Bezug zum individuellen Sein des Menschen. Da sowohl Mensch als auch Welt denselben Kräften und Gesetzen unterstehen, ist die Erkenntnis des einen (Selbst) auch die Erkenntnis des Anderen (Welt) - und vice versa (lat. vice versa=umgekehrt).

Das Leben verändert sich, aber die Griechen kannten eigentlich nur eine Zeit: die Gegenwart. Daher erklärt sich auch dieser Wandel mythischer Geschichten. Es gibt viele Versionen eines Mythos, der in gegebener Gegenwart immer wieder neu angepasst wurde.

Manchmal kann ein Mythos einen zutreffenden Bezug auf vergangene Geschichte haben. Die Geschichte war den Griechen eigentlich unwichtig, aber sie lieferte einen für sie nützlichen Erfahrungsgrund, im Sinne eines kollektiv bedeutsamen Erlebens, das in neuer Fassung des Mythos nachempfunden wurde. Gewesene, das ist immer überlieferte Geschichte.

Das Besondere in der Anschauung der antiken Griechen ist, dass für sie vor dem Zeitalter des Zeus noch das (mythische) Zeitalter des Kronos (römisch: Saturn) vorlag, der die vielen Ausschweifungen des späteren Zeitalters noch nicht kannte.

Dieser Kronos versinnbildlichte eine Ordnung des Lebens, die in sich gediegen war, und passt so gar nicht zu dem heroischen Zeitalter der Griechen unter Zeus. Es kann sein, dass mit eben diesem Kronos in Wirklichkeit eine frühzeitliche Wahrnehmungsart gemeint ist, die in vielerlei Hinsicht der australischen Traumzeit geähnelt haben könnte, und die zur Zeit des Frühmenschen (anno 30.000)  vielleicht auch weltumspannend war. 

Eine solche Traumzeit hat eine gewisse Begrenzung, man hält sich in dieser auf, und die Wahrnehmung wird aufgrund individueller Selbstentfaltung ausgerichtet. Aber es findet dieser Traum in den massgeblichen Rahmenbedingungen kollektiver Bedingungen statt, also in einem engen Rahmen. 

Der freie Wille und die Entscheidung zur Trennung zwischen "Ich" und Welt und damit verbundene neue Vielfalt der Möglichkeiten, hat uns das Zeitalter der Reflektion gebracht. Und die Möglichkeit, neue Wege zu gehen. Es war quasi ein evolutiver Ausbruch zu neuen Ufern und der Erweiterung menschlicher Möglichkeiten. Es war zuvor kein Anlaß, zwischen Ich und Welt zu trennen, doch mit dieser Trennung wurde Vielfalt möglich. Der Mensch wurde fähig, aus seinem eigenen Schatten des Selbst herauszutreten - ob der moderne Mensch damit seine Instinktgrundlage im Zusammenhang mit seiner neuen Reflektionsfähigkeit auf eine neue Stufe stellte, bleibt aber fraglich oder besser gesagt, dieser Prozess der Harmonisierung steht noch aus. Uns fehlt heute ein taugliches Gerüst einer Einheitserfahrung und fühlen uns eher zersplittert im Leben, erkennen kein Ganzes. Dieses Lebensgefühl, was uns heute abgeht, ist bei vielen Mythenträgern oder Naturvölkern jedoch gegeben. Sie brauchten praktisch nur schauen oder inne halten, und sie wissen, dass sie eingebettet sind in eine höhere Ordnung und dass ihr Leben einen Stellenwert in dieser Ordnung hat.

Die griechische Antike bildet eine Brücke von einer archaischen mehr oder weniger in sich gekehrten Zeit, zu einer modernen expansiven Zeit.
Zeus erscheint in dieser Hinsicht des Betretens neuer Pfade als mächtiger Gott, der ein Arrangement mit der Expansion getroffen hat, aber durch Sitte und Ethik vorgibt, dass alles Streben auch seinen Preis hat, wodurch anscheinend bei den Griechen einige Aspekte des Kronos (Saturn=Begrenzer) bewahrt wurden. Kronos war den Griechen ja ein Anfang, über den mit Zeus hinweg gegangen wurde.

Jeder Mythos aller Völker sorgte nicht nur für das Potential eines sittsamen Lebens, sondern gab auch Antworten für die vielen Fragen des persönlichen Lebens. Das konkrete (Er-)Leben wird auf mythische Inhalte bezogen, alles war Ausdruck der göttlichen Kräfte und Energien. Das Schicksal hatte Sinn, innerhalb eines von den Göttern gezeichneten Rahmens.

Mythisches Denken ist ein strukturelles Denken

Anknüpfend an die Tatsachen der Kontinuitität und Einprägung von mythischen Denkinhalten, finden wir auch heute ein gewisses mythisches Gebäude vor. Und zwar die Utopie einer Gesellschaft, die sich zB durch Arbeit und wirtschaftlicher Expansion selbst verwirklichen kann. Und dabei ist es keineswegs nebensächlich, dass wir als Heranwachsende ein natürliches Gespür für Ordnung haben, und wir geordnete Strukturen auch im Leben und den möglichen Denkinhalten suchen, und bestehende Ordnungsgefüge (Muster der Lebensplanung) bereitwillig aufnehmen. 

Wir finden dann mit dem Heranwachsen eine Möglichkeit, uns innerhalb der Gesellschaft einen Platz vorzufinden oder nach geltenden Mustern einzurichten, was sodann mit Bedeutung und Sinn verbunden ist - ein grundlegendes Bedürfnis ist dabei die der Existenzsicherung, verbunden mit bestimmten Erwartungen an diese Existenz (minimale Anforderung: zB eine eigene Wohnung und Heimstatt).

Wir erleben dann Konflikte in uns, wenn uns dieser Platz unsicher scheint und wir damit auch erleben, wie der Sinn und die Bedeutung unseres Lebens bedroht wird.
Wir sehen alle Abläufe als Teil eines Ganzen: und in der Regel werden wir das Ganze als "Wirtschaftsstandort" definieren. Die Maxime ist in etwa: Geht es der Wirtschaft gut, dann geht es allen gut. Aber kaum jemand ist natürlich so eng an diese gesellschaftlichen Werte und Vorstellung gebunden; das Denken kreist realistisch gesehen einfach um alltägliche Belange. 

Dennoch ist dieses strukturelle Gebäude eines "Gesellschaftssystems" analog den Eigenschaften eines jeden (vorzivilen) Mythos.
Der Unterschied ist heute aber auch, dass solche modernen Mythen, mit denen das Leben und die Gesellschaftsform "erklärt" werden, hohl und leer sind, denn wenn es der Wirtschaft gut geht, profitieren oft nur einige wenige und oft geht es der Wirtschaft nur gut, weil viele ausgebeutet werden. Der Mythos erhält so seine moderne Bedeutung als Lüge, Illusion, an die viele glauben (wollen oder sollen).

Mit diesem Vergleich "heutiger Mythen" und damaliger Mythen wird eigentlich klar, dass - abgesehen vom technisch-medizinischen Fortschritt, denn hier soll nur der Bezug auf die mentalen Vorgänge berücksichtig sein - die damalige Zeit der unseren mental gesehen überlegen war, weil die Mythen auf das Leben vorbereiteten. Während heutige Werte, die wir übernehmen (moderne Mythen), offensichtlich nur die Enttäuschung und Entillusionierung erforderlich machen. 
Neue Wertbildungen werden nötig gemacht, und es gibt neue Mythen für jeden Einzelnen sozusagen.

Sofern man kein Glückspilz ist und seinen Beruf mit der Selbstverwirklichung in Übereinklang bringen kann (auch diese Selbstverwirklichung  fördert das Einheitsbewusstsein, nachdem wir unbewusst immer streben werden) , wird man die anfänglichen und subtil vermittelten Utopien der Gesellschaft zurückweisen müssen.
Oder aber - wie in den meisten Fällen - wird man mit seinem alltäglichen Familienleben und Berufsleben einfach erfahren, ohne es zu reflektieren:  dass die damals in der Kindheit vermittelten Utopien Geltung als strukturbildende Komponenten aufweisen, aber bloß rudimentäre Einheitserfahrung bieten. Was letztlich nicht zufrieden stellen wird. 

Es ist so, dass wir uns vor zehntausend Jahren nicht anders als heute einem Leben ausgeliefert sehen, dessen strukturbildende Komponenten wie bei jedem Leben nicht in der äusseren Realität bestehen (da kommen nur Anreize und Reize her), sondern immer  in den mentalen oder ideellen Strukturen unserer Anschauungsweise bestehen werden. 
Und heute sieht es so aus: Unzählige politische Herrschaften und wirtschaftliche Entwicklungen bedrohen mit ihren Entscheidungen die eigene Position und Stellung innerhalb der Gemeinschaft (von bürgerlichen Existenzen).  Das war damals nicht anders. Es ist  nie besonders wichtig gewesen, was äusserlich passierte, sondern was man diesem Geschehen an Bedeutung beimaß. Daraus ergibt sich die strukturbildende Komponente der Mythen: sie formen unser Denken und Wahrnehmen. Heute brauchen wir keine Muster, oder Anhaltspunkte für eine höhere Ordnung - einfach, weil wir es nicht brauchen. So glauben wir. Aber wir vergessen, dass der Mythos kein Spiel mit der Phantasie ist, sondern Spiegel der Schöpfungsordnung.
Wir können das so verstehen, dass die Ordnungen in der Schöpfung  einerseits, in unserem eigenen  Erleben und Menschsein andererseits vorhanden sind. Es ist wie ein fraktales Muster, das im Grossen eine gewisse Struktur aufweist und im Kleinen eine ähnliche. Es sind die echten Mythen so etwas wie Stützpfeiler der Menschen gewesen, da es für die verschiedenen Erlebnisweisen und äusseren Geschehnisse eine Resonanz mit dem im Mythos geschilderten Geschehen gab. Natürlich ist das im Mythos gezeichnete Bild nicht deckungsgleich mit der erlebbaren Realität. Denn es dreht sich ja nur um die inneren Gehalte, Strukturen, Archetypen, psychischen Muster, Energien. Es gibt keinen bärtigen Zeus, aber eine Erfahrung, um es kurz zu sagen: als wäre man dem Wirken einer Kraft begegnet, die von Zeus hervorgebracht ist oder stellvertretend auch in Zeus abgebildet ist. Die Erfahrung als Inhalt des Bewusstseins ist massgeblich, nicht das , was man durch und mit der Erfahrung bezeichnen kann. Diese Erfahrung sucht sich in unserem Bewusstsein zwangsläufig ein Konzept, oder sagen wir eine mögliche Zuordnung, Einordnung. Es geht bildlich gesprochen: Mit jeder Erfahrung ein Licht in unserem Bewusstsein auf. Wir denken etwas - um es noch einfacher zu formulieren. Aber wir wollen auch etwas. Und das kann kein Mythos aufhalten, nur kann ein Mythos Gänge oder Wege bilden, wo unser Wollen gespiegelt und aufgefangen wird und vielleucht legitimiert.

Heute legitimieren wir alles  mögliche Verhalten.  Nichts davon wird uns direkt gelehrt. Dass wir unser Geschäft machen können, oder uns legitimieren um gewisse Dinge zu tun, darauf kommen wir einfach. Das Leben bringt es uns bei.

Aber es gibt Dinge, die wir uns nicht beibringen brauchen, weil sie aus uns bereits heraus drängen . Selbstverwirklichung ist so etwas, was tief in uns als Bedürfnis eingegraben ist. Wir werden versuchen uns so zu verhalten, wie es unserem eigenen Selbst entspricht - ob wir dabei in für uns ungeeignete Rollen oder Berufsfelder geraten, oder ob wir in für uns geeignete Strukturen hinein finden.
Doch auch die erlesensten Plätze einer Gesellschaft werden zunehmend bedroht von Bürokratie und Entfremdung. Wir verlieren uns selbst im Dickicht der Zivilisation und marktwirtschaftlichen Bedingungen. Wo ist das tragende Konzept für unsere Mentalität und wohin geht unsere Auffassung von Sinn? Wo wird unser Erleben, unser alltäglicher Triebkomplex aufgefangen, durch welche legitimierenden Ansichten und begrenzenden Moralvorstellungen? Klar, das wird alles aufgefangen, aber irgendwo mehr oder weniger zufällig und richtungslos.

Da uns dieser moderne Mythos nicht wirklich zufrieden stellen kann, kommen wir zu den Verdrängungsprozessen, vor allem dem Konsum. Daher ist der Konsum als Lebensweise vielleicht ebenso ein Mythos. Denn er gibt uns Sinn.
Der höhere Leitstern, die kollektive Ideologie, das kollektive Ideal, das ist allein Beschönigung und Schminke der Missstände geworden: "Wenn es heute auch nicht annähernd perfekt ist, so wird es morgen so sein." Wir blicken nach aussen, und sehen Probleme. Würden wir aber nach innen blicken und viele äußeren Probleme nur als Folge unserer inneren Richtungslosigkeit entlarven, wäre viel gewonnen.
Es geht auch um einen drohenden Kontrollverlust, der in der Psyche des Menschen begründet liegt.

Wir finden die Komsumgesellschaft mit ihren Werbestrategien, den auszuhandelnden Verträgen, die uns locken: "unterschreibe und du bist gebunden".
Es ist allerhand Werbung anzutreffen, die man, bedingt durch die Breite und Unumgänglichkeit der Konfrontation, auch als eine den Göttern ähnliche Bereitstellung von Mythen beschreiben kann: weil diese Botschaften beinahe andauernd wahrnehmbar und omnipräsent sind. Sie beeinflussen uns nur in einem sehr spärlichen Bereich. Aber darum geht es kaum, sondern darum, dass die Energien oder Archetypen immer noch wirken bzw. vorhanden sind. Es ist egal, was Werbung beabsichtigt, sondern es ist wichtig, was sie ist.

Nun, was zeigt uns das alles? Es gibt immer noch eine Schöpfungsordnung und sie wird ausgedrückt in allen Erscheinungen des Lebens, ob wir uns dessen gewahr sind oder nicht. Die Bilder der Werbung sprechen zu uns, weil es die Kräfte der "Verführung" gibt (Venus/Pluto). Dahinter steht mehr die Lüge, der Trick. Schaut  man sich alles im Ganzen an, so muss man wohl für wahr halten: dass der moderne Mythos aus der Konsumgesellschaft besteht. Nicht die technische Revolution hat uns im Griff, sondern das Bedürfnis etwas zu haben, um es zu konsumieren. Die ganze Wirtschaft würde zusammen brechen, wenn keiner mehr konsumieren würde. Wir gehen arbeiten, kriegen Geld, und der Sinn davon ist die neue Stereoanlage,  oder der nächste "Traum" eines Kaufs. Im Grunde überlegen wir da nicht lange. Aber wir befinden uns in diesen Strukturen und "glauben" an sie. Sie sind Ausdruck einer dem Leben nötigen  Sinnhaftigkeit.
Struktruell gesehen kommt  es darauf an, dass man wirklich an Anschauungen gebunden wird, also dass man nicht davon ablassen kann. Wir brauchen solche Strukturen und werden sie von unseren Eltern und Umfeld übernehmen.

Wenn man so will, beruhen die Strukturen jeder Weltanschauung auf bloßen Regeln und Mechanismen, nicht auf Namen oder Inhalten.
Diese Regeln, Funktionen und Strukturen müssen die Lebenszeit (zumindest eines Lebens) überdauern, damit sie stabil und gefestigt bleiben. Umso mehr Menschen eine Weltanschauung miteinander teilen, desto stabiler wird diese Weltanschauung (der Mythos, der uns leitet und Sinn vermittelt). 

Schau des Numinosen


Sehr gut könnte man die griechische Mythologie mit der heute bekannten Astrologie vergleichen.
Die Griechen bemühten sich nicht explizit um eine Astrologie, indem sie die Planeten beobachteten, oder Kategorisierungen aus einer Arkana herleiteten, die systematisch zu so etwas wie einer Astrologie hätte führen können. 

Nein, sie sahen die Energien oder Archetypen, analog den Symbolen der Planeten, direkt bzw. im Hintergrund,  in der Natur und in den Ereignissen liegend. Eine erlebte Wirklichkeit ist etwas anderes, als eine erdachte Wirklichkeit.
Aus verschiedenen Gründen ähnelt die Symbolik der Astrologie jener der griechischen Mythologie (Zeus=Jupiter, Aphrodite=Venus usw.). Der wichtigste Grund: es gibt nur eine Schöpfungsordnung, auf die man sich beziehen kan, und deshalb ist es zwangsläufig, dass die repräsentierten Energien/Symbole/Kräfte auch ännähernd gleich sind, bzw. dass sich in einem Vergleich dahinterstehende Prinzipien als deckungsgleich erweisen. Oberflächlich betrachtet erklärt dies nichts oder ist eine Tautologie. Aber es geht um die Realität gewisser Kräfte, die im beobachtbaren  Leben unterscheidbar und kategorisierbar werden.
Bedeutend an der griechischen Mythologie ist aber die Perspektive, mit der diese Symbole geschaut wurden - sie standen in Bezug zu einer natürlichen und uns heute ähnlichen Lebensweise, weitgehend ohne okkulte oder magische Elemente, wie sie in anderen Mythologien oft auftauchen. Jedenfalls erscheint der griechische Mythos sehr viel mehr menschenbezogener, anthropomorpher. 

Im Vordergrund - und massgeblich - muss der Eindruck gestanden haben, dass man in ein grosses Ganzes eingebettet ist, und dass der Kosmos Kräfte beinhaltet, die an allem Geschehen teil haben.
Diese Schau von Energien und Kräften, ist eine Schau des für den Verstand Unbegreiflichen - es ist das Numinose.

Anmerkung: Den Begriff epopteia, den ich manchmal verwende, habe ich gewissentlich aus seiner ursprünglichen Bedeutung gerissen.
Ursprünglich steht dieser Begriff für einen bestimmten Prozess, zB während den Mysterien, und soll die geistige Schau versinnbildlichen. In Ermangelung eines besseren Begriffs habe ich diesen Begriff allgemein dann für jegliche geistige Schau benutzt; in Anlehnung an die Schau, die man vielleicht in einer Art Kontemplation erfährt. Bedeutsam ist jedenfalls, dass etwas "übersinnliches" gemeint ist (das Übersinnliche ist nicht ganz so abwegig und fern von den Sinnen, wie es der Begriff Übersinnliches andeuten könnte).

Das Schicksal,

glaube mir,
steht nun bei uns

und wer sich ganz bemüht,
der stärkt die Götterkraft,
die ihn beschützt.

(Orestes in Iphigenia im Trauerland; eine Tragödie von Euripides)

Entstehung der griechischen Mythen

Die mythischen Dichter wie Homer und Hesiod bezogen sich auf die lange Tradition mündlich vorgetragener Gesänge der mythischen Vorstellungen (die von Rhapsoden vorgetragen wurden).
Mit dem ersten Niederschreiben erhält der griechische Mythos die feste Form, wie wir sie heute kennen.

Homer war der Zeit noch nahe, in der die Mythen eine praktische Verbindung zum alltäglichen Leben herstellten. Homer war der erste, der anfing, diese mythischen Vorstellungen in einem literarischen Werk zu sammeln. Man kann sich zudem fast sicher sein, dass die Illias des Homers um 850-800 die erste literarische Epik des gesamten Abendlandes (=Europa) gewesen ist.
Jedoch wurden im orientalischen, mesopotamischen oder indischen Gebieten schon lange vorher Mythen schriftlich notiert.

Wer Homer als Person war, ist kaum bekannt - es bildeten sich schon in der klassischen Antike zahlreiche Legenden um seine Person.

Die Entwicklung der griechischen Schrift bekam 776 v. Chr. mit der Olympiade, deren Sieger schriftlich notiert wurden, einen immensen Schub, doch war es nicht der allererste Impuls für die griechische Schrift. Handelsbeziehungen und Herrscherbeziehungen bildeten vordem sicherlich ebenso einen Auftrieb der Bildung der heute bekannten griechischen Schrift.
Man nimmt an, dass die Illias von Homer anno 850-750 v. Chr. verfasst wurde.

Die endgültige Fassung der beiden homerischen Werke Illias und Odyssee stammt jedoch von Aristarchos von Samothrake anno 180 v. Chr., etliche Jahrhunderte nach der ursprünglichen Fassung des Homers.
Es kursierten mit der Zeit mehrere Versionen der homerischen Schriften und es war schon damals nicht mehr ausfindig zu machen, welches der ursprünglichen Fassung am nächsten kam - Aristarchos sorgte schliesslich für eine einheitliche Fassung. Der wichtigste Grund für die vielen Versionen mag gewesen sein, dass die ursprünglichen Worte, die Homer anno 800 gebrauchte, zu seiner Zeit ganz andere Bedeutung hatten, oder mit der nachfolgenden Zeit ihre Bedeutung verloren hatten. Die Schrift war ja zeitgleich mit Homer entstanden und im Begriff sich weiter zu entwickeln, ausserdem veränderte sich die Kultur zu dieser Zeit durch die neuen (technischen und geistigen) Möglichkeiten.

Die sogenannte homerische Frage moderner Gelehrter (ca. ab 1900) drehte sich um die Frage, ob Homer ursprünglich wirklich allein beide Werke (Illias und Odyssee) geschrieben hatte.
Da es gewisse uneinheitliche Züge in beiden Werken gibt, lag dieser Schluß nahe (dass Homer alleiniger Verfasser ist, wird heute aber nicht mehr in Frage gestellt); - es lässt sich diese Diskussion der Gelehrten dadurch erklären, dass eben der reine Quelltext des Homer schon in der Antike bald nicht mehr existierte und beide Werke von der Zeit der Antike und von Aristarchos in einzelnen Worten oder Versfragmenten verändert wurden.

Es kann zudem sein, dass "Homer" ein versierter Dichter und Schreiber war, während es diverse weitere Dichter um ihn herum gab, die dem Schreiber "Homer" unterstützend zur Seite standen und ihm die Sagen zum Beispiel vortrugen.

Gewesene Geschichte wurde wahrscheinlich von den Dichtern als Vorlage betrachtet. Aber in der Dichtung bestehen nur noch Eckpunkte des wahren Geschehens von geschichtlichen Ereignissen.
Es gab keine exakte Überlieferung der Geschichte, es war bis zu einem bestimmten Grad der Willkür überlassen, wie man aus gegenwärtiger Position die Vergangenheit interpretieren wollte. Das geschah weniger aus Unvermögen, sich Klarheit über die reale Geschichte schaffen zu können, als viel mehr aus einer Haltung, die das gegenwärtige Leben als wichtigste Relevanz einstufte. So wurde die Reflektion über Vergangenheit ein Handlanger der Gegenwart. 
Die Vergangenheit und Geschichte wurde in den Dienst der mythischen Gegenwart gestellt, weil in der Gegenwart das mythische Denken vollzogen wurde. Der Mythos lebt in der Gegenwart, Geschichte ist vergänglich. 

Die Sage um Troja kann auf einen echten Krieg zurückzuführen sein, die Sage aber will die Geschichte erzählen, indem sie es mit den Göttern und ihrer Bedeutung verknüpft - die Sage will gewesene Geschichte nicht exakt wiedergeben, sondern sie will die Gegenwart mit Geschichte ausfüllen, und ausschmücken, das Gewesene dienstbar machen im Sinne einer Förderung der metaphysischen Wahrnehmungskultur.
So verbinden sich Städte, Könige, Landschaften und anderes mit den Göttern in die Mythen. Man erkannte in allem das Wirken der Götter. Man verstrickte durch Eingebung der Musen angeleitet, die vorhandene Realität zu verschiedenen Geschichten des Wirkens der Götter. 

Die epische Erzählung (Gesang) über das Wirken der Göttern, und den Menschen, die den Mächten und Kräften ausgesetzt sind, wurde in den folgenden Jahrhunderten durch Tragödien-Dichter wie Euripides, Sophokles und Aischylos auf eine neue Stufe gebracht, die der griechischen Trägödie (in einem Theater).

Nun wurde - zeitgleich mit dem Entstehen der modernen Stadt (Polis) - die breite Masse angesprochen.
Vorher wurden die Gesänge wohl meist in kleineren Gruppen vorgetragen, in Familien, im Hirtenleben, von umherziehenden Rhapsoden (Sängern).

Der Ethnologe Levi-Strauss hat den Mythos als eine der Logik gleichwertige Denkordnung (das "mythische Denken") begriffen, welche ebenso komplex wie die logische Denkrichtung ist, nur nach anderen Regeln aufgebaut und anders geordnet ist. Der Mythos hat notwendige Berührungspunkte mit ganzheitlicher Wahrnehmung.

Mit Siegmund Freud wurde anfang des 1900 Jahrhunderts zunehmend das Symbol in Bezug zur Psychologie erkannt, aber es wurde - bedingt durch seine psychoanalytische Zielrichtung - noch sehr auf den pathologischen Zustand, also auf die mögliche Krankheit bezogen.

Begierig wurde damals um die Jahrhundertwende die sexuelle Komponente aufgegriffen, und zugleich im alltäglichen Leben angestrengt abgelehnt; - keineswegs verwunderlich, da die Zeit von Freud und das gesamte neunzehnte Jahrhundert (1801-1900) durchaus als sexuell verklemmt angesehen werden kann. Und um 1900 langsam ein langsames Aufbrechen dieser starren Verhaltensmuster begann.

Das Symbol war Symptom für etwas Psychologisches. Aus dieser Ausschliesslichkeit, resultierte so manche Ablehnung in der Kulturgeschichte. Eine Kulturgeschichte, die es zunächst ihrerseits versäumte diese Ansätze des Symbolischen weiter zu verfolgen. Denn das Symbol erschien zu seinseitig als intimes Zeichen und war entweder von Angst, Pathologie oder Perversion besetzt.

Mit C.G. Jung wurde Mitte desselben Jahrhunderts endlich das Symbol befreit aus seinen diversen Andichtungen. "C.G. Jung lehnte die zeichenhafte Bedeutung von Freuds Symbolen ab und betonte den ambiguosen, unausschöpfbaren Gehalt der archetypischen Symbole. 

Die archetypischen Bilder können nach Jung überall und spontan auftreten; ihre Ähnlichkeit beruht auf der Struktureinheit der Seele, nicht auf literarische Übernahme oder Phantasie.
Der Archetypus ist nicht fassbar und nicht unbedingt mit mythologischen Symbolen identisch, sondern er spiegelt sich, immer variiert und unvollkommen, in stets neuen Gestaltungen." (E. Frenzel)

Der eigentliche Ursprung der Mythen ist uns ungewiss.
Wir können uns aber annähern an eine Vorstellung über die Entstehung der Mythen. Hierzu findet sich in meinem Artikel Der Beginn der Antike ein Überblick über die frühe Phase der Antike (3000-1200 v.Ch.), mit dem Einbezug der Urzeit der Menschheit (bis anno 30.000) und dem ersten Auftauchen künstlerischer Betätigung anno 30.000 v.Chr.

Um 7000 v. Chr. tauchen die ersten grossen in die Landschaft gefügten astronomischen Konstruktionen auf (zB Stonehenge), mit denen der Sonnengang gemessen werden konnte. Mit dieser Phase der Kulturleistung passt ins Bild, dass analog zu dem sich in dieser Zeit ausbildenden ICH-Bewusstsein, welches mit der Sonne identifiziert werden kann, und mit dem das Reflektionsvermögen zunahm, die Sonnensymbolik der Menschwerdung und der Ichwerdung (Ich=Sonne) anzutreffen sind. Diese Sonnen-Symbolik korrespondiert mit diesen archäologischen Funden zeitlich gesehen.

Der Kern des Bewusstseins als ICH bildet symbolisch gesehen einen Punkt, inmitten seiner Fähigkeiten wahrzunehmen, zu fühlen, zu denken und zu empfinden. Ein (zentraler) Bezugspunkt wird geschaffen, das "Ich".
Verstand und Sprache wurde ein ordnender Bezugs-Punkt inmitten der umgebenden und wahrnehmbaren Wirklichkeit, einer Wirklichkeit, in der man sich Erfahrungen ausgesetzt sieht. Bevor der Mensch mit der Sprache und dem Verstand über seine Gegenwart reflektieren konnte, war dieser innere Punkt nur ein Keim einer Identität, und man sah sich eingebettet in das kosmische Ganze. Nun begann sich die Identität mehr und mehr auszukristallisieren. Unter der Erfahrung eines grösseren Ganzen empfand man zwar seine eigene individuelle Stellung, verlor aber noch nicht (anders als wie heute) die Bedingtheiten aus dem Auge, mit der man vom Übrigen des irdischen Geschehens und der ganzen Schöpfung abhängig ist und bleibt. 

Die Bewusstwerdung = Sonnensymbolik, drückt sich also in der Kunst der jeweiligen Zeit folgerichtig aus, da die Entwicklung des Bewusstseins des Menschen eine neue Phase erreichte. Man weiss nur nicht, wie lange diese Phase dauerte, und ob zB Stonehenge einen Endpunkt oder Anfangspunkt dieser Entwicklung kennzeichnet.

Daher, dass eines aus dem anderen hervorgeht, ist die Betrachtung der Frühzeit des Menschen durchaus sinnvoll, da in dieser Frühzeit (mit den Höhlenmalereien und dem ersten Fruchtbarkeitsgöttinnen), dasselbe Bewusstsein wurzelt, das auch die später ausformulierten Mythen hervorbrachte.
Die Aufmerksamkeit war von Beginn an vom Numinosen oder dem mysthischen Erleben durchdrungen.
Doch viele Fragen über die einzelnen Hintergründe können aus heutiger Sicht nur hypothetisch beantwortet werden.

Die Zeitgeschichte hat uns als Nachlass gerade über die Vorzeit der griechischen Antike (etwa die Zeit 3000-1200 v. Chr.) meist nur Keramiken hinterlassen oder Bilder auf Siegeln und andere seltene Bebilderungen auf Wänden (meist Ornamente, noch keine Götter und Heldengeschichten). Doch es gibt viele und deutliche Spuren von Kulten, die für diese Vorzeit der Antike dokumentiert sind. Der Tempel und die klare Form der Götter taucht mit oder kurze Zeit nach Homer auf.

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Mythos und Logos

Der Mythos ist etymologisch stets auf die "Rede", "Aussage", "Wahrheit" bezogen worden. Das sind die Begriffe, in denen die antiken Menschen an den Mythos dachten, ja eigentlich wussten sie, und dachten nicht - im Mythos wurde etwas sprachlich hingestellt, was ansonsten ein bewährter Erfahrungshintergrund war.

Eine zeitgenössische Erklärung sieht die Schöpfung der Erde als Zufall. Die Schöpfung ist übrigens auch dann beschlossen, eben durch den Zufall. Doch im Grunde stoppt hier das Denken nur vor dem Nicht-Sichtbaren, denn auch der Urknall, der zumeist angeführt wird, hat noch seine Ursachen, seine Hintergründe ("was war vor dem Urknall" usw.).

Ein rationaler Erklärungsgrund folgert sprichwörtlich alles innerhalb einer vernünftigen Ordnung, wie auf einer Insel des Logischen. Dinge, die man deshalb erforschen kann, weil man das Sichtbare oder Messbare als etwas eindeutig Erkennbares heranzieht und auf etwas Bestimmtes beziehen kann, was logische Fügsamkeit aufweisen muss.

Was aber über die Begrenzung der Insel (=Verstand) hinaus geht, kann nicht eingesehen, ja oft noch nicht mal erfasst werden. Tatsächlich hängt das Verständige davon ab, was man bisher gelernt und begreifen konnte. 

Diverse Kräfte existieren und wirken, ob innen oder außen. Vermutlich mehr innen als aussen. Ist vielleicht letzten Endes die innere Wirklichkeit viel grösser und besteht diese innere Wirklichkeit eben nicht nur aus eigener Befindlichkeit, weil diese innere Befindlichkeit und Wahrnehmungsfähigkeit in gewissem Sinne den Zugang zu einer viel umfassenderen Wirklichkeit enthält? Aber da man durch sich selbst bedingt wahrnimmt, kann es nur eine solche umfassendere Wirklichkeit sein, die mit deutlichen Bezügen auf das Subjektive ausgerichtet ist - am meisten auf das persönliche Hier und Jetzt und persönliche Bedeutung dieses Hier und Jetzt bezogen.

Die Dinge des Unbeschreiblichen oder die Schöpfungs-Kräfte zu erkennen, sie wahrzunehmen, zu spüren, das verursacht bereits einen sinnhaften Bezug zur Schöpfung (in die der Mensch ja eingeschlossen ist). 

Der Mythos erzählte keine Lügen, er erzählte die Welt so, wie sie von den Menschen als Anschauung und Vision geschaut. Es wurde geschaut, so wie es die Kräfte und des Menschen eigener Mittelpunkt vorgaben - es war eine gewisse Willkür und Ausschmückung natürlich vorhanden, aber der Sinn des mythischen Denkens war die Lebendigkeit und angestrebte Geborgenheit. Das funktionale Bindeglied zwischen Himmel (zB Geist oder Wahrnehmung) und Erde (zB alltägliches Leben, Körper oder Existenz): die kosmische Säule.
Der Mythos suchte eine Funktion zu erfüllen: Sich der allgegenwärtigen Kräfte und Mächte zu vergegenwärtigen und sie in einem lebendigen Bezug zum Selbst zu stellen.

Ab 500 v.Chr. verlor sich ein ganzheitlicher Bewusstseinszustand, der ein eigenes Logos darstellte, in Form eben des Mythos. Durch die Rationalität und "Verwissenschaftlichung" aller Anschauungen und Ansichten, wurden abstraktere Bezüge zum Inhalt.  Das Denken konnte sich nun vermehrt mit den Produkten beschäftigen, die das Denken und die Geschichte selbst hervorbrachte.

Das spätere Denken der Philosophen (ab 500 v. Chr.) hatte mit der Zeit schliesslich einen anderen Ausgangspunkt gewonnen, denn es verlor das ganzheitliche Schauen (die Schau: epopteia). Weil diese Zeit die Sprache und Vernunft umso mehr entdeckte, wie sie die Mythen nicht mehr als Orientierung für das Leben anerkennen wollte. 

Heute können wir den Komsum als Ersatzreligion betrachten, wenn wir am Monatsanfang Geld haben, dann sind wir schon fast erlöst von allen Sorgen, können uns beschäftigen. Ähnlich war damals der Verstand ein vollständiger Ersatz für das unmittelbare Schauen geworden. Man brauchte nicht mehr die Urkräfte schauen, und konnte, ja musse sich dem sozialen Faktor anschliessen, der eine allgemeingültige neue Ordnung schuf, die sich vom Mythos umso mehr entfernte, als das Schauen verlernt wurde. Die technischen Errungenschaften machten es leicht, den Blick des Menschen auf neue Dinge zu lenken, die ebenso faszinierend sein konnten. Vieles wurde nun auch leichter und man begriff den Fortschritt als überlegen. Man fühlte sich überlegen gegenüber dem vorherigen Umstand, der Willkür der Götter ausgeliefert zu sein. 

Heute stellt sich heraus, dass wir immer noch den Göttern ausgeliefert sind, nur im anderen Gewand. Im Chaos der Welt, egal wie sie aussehen mag, ob diese Welt der Geschehnisse "zivil" oder "rückständig" sei, erscheint uns immer noch das Geschehen als  Sprache von gewaltigen Kräften; wir mögen keine Ehrfurcht mehr haben, weil es alles nur Materie ist, die irgendwie bewegt ist.
Wir haben aber den Schleier des Geheimnisvollen nicht von den Dingen gerissen. Wir  richten nur  den Blick woanders hin, auf das Sichtbare, das viel harmloser ist. Das Unbekannte, also alles, was wir nicht erklären können, das erklären wir mit Zufall . Es wird einfach nur nicht mehr wahrgenommen, ohne aber dass es einen Grund dafür gebe (wir machen uns mit dem Zufall etwas vor).
Oder man verkläre nur fleissig mit rationalistischen Begründungen die Ansätze zB des Schamanismus als abwegig. 

Dabei böte uns der Schamanismus zwar eine sehr auf den Menschen bezogene Sicht, in dem wir zum Beispiel das Seelische als Fakt nehmen. Ungeachtet dass der Rationalismus dem nicht folgen kann, bietet gerade der Ansatz des Schamanismus ein konkretes Zeugnis einer "höheren Welt" und ebenso einer Welt, die von gewissen Kräften getragen wird. Der Schamanisus betont die praktische Sicht auf den Menschen, der ultimativ den Standpunkt für ale Betrachtungen vorgibt.
Der Schamanismus deutet eine Wirklichkeit an, die nicht den Mitteln der Wissenschaft von der physischen Wirklichkeit erfassbar ist. Das Wort "höher" oder "höhere Wirklichkeit" ist beliebig austauschbar, aber nicht dessen Inhalt. Der Mensch trägt in sich einen energetischen Körper, der durch seine Resonanz solche Erfahrungen hervorruft, die diesen Resonanzen entsprechen und ini anderen Worten Archetypen darstellen. 
So versteht sich auch der lebendige Bezug aller Mythen auf den Standpunkt des Menschen.
Aber auch Biorythmus oder der Bezug auf die Mondrythmen spielen hier eine Rolle. Im Grunde erweist sich, dass wir diesen Rythmen nicht trotzen können. Wir sind ihnen wie die Gesetze der Natur ausgeliefert. Wie den Göttern.

Aus der einheitlichen Form von Archetypen bildeten sich Götter, Wesen, Naturkräfte.  Alles nur verschiedene namen für Felder oder Energien. Aber einige gab und gibt es wirklich, nur in anderer Gestalt, als wie wir sie uns spontan vielleicht vorstellen mögen, ohne jemals ein Gespür um diese gehabt zu haben. Schliesslich kann man davon ausgehen, dass der Mythos nicht nur menschliche Funktionen (zB betreffend des Unbewussten oder des Bedürfnis nach Einheitserfahrung) erfüllt, sondern auch - das ist das Wesentliche daran - eine seelische Funktion der "Bildung" erfüllt.
Die Bildung besteht in der richtungsweisenden Kraft der Mythen.
Jedenfalls setzt die grundsätzliche Fürwahrhaltung solcher Wirklichkeiten voraus, sich auf diese einzulassen - und das geht nur, wenn  man vertraut, dass dieser Schritt nicht bereut werden wird. In Wahrheit ist das mit diesen Göttern, die Kräfte symbolisieren, keine Erfindung, sondern kommt nahe der  wahren Anordnung von Kräften, die unterscheidbar und im Leben des Menschen erfahrbar werden (analog der Astrologie, die den antiken Göttern ähnliche Symbole benutzt: Venus=Aphrodite; Mars=Ares; Jupiter=Zeus; Neptun=Poseidon usw.). Es sind keine erfundenen Symbole, sondern Wirklichkeiten.
Damals interessierte man sich nicht für die rationale Begründbarkeit, an Götter zu glauben. Sie nahmen die Kräfte wahr, die da wirken, und die Götter waren stellvertretend für die Ehrfurcht, die ihnen wohl behagte und eben nicht Schrecken machte. Es kam darauf an, dass das Bild (Götterarchetypen) plausibel wird. Sie nahmen die Götterabbilder  nicht sprichwörtlich, sondern stets als Verkörperung. Die Statuen verkörperten den Gott. Und dieser Gott konnte sich in allem verkörpern, was seine Signatur trug-  also auch in Ereignissen, Situationen, und sogar Träumen, die die mit Mythen  angefüllte Alltäglichkeit spiegelten.
Stand man unter dem Beistand der Götter, so kann man ebenso sagen: man stand im Beistand des Momentes, man war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, man wurde geleitet und befand sich in einer "geeigneten Resonanz".
Man muss sich vielmehr vorstellen, dass zunächst einmal die Kräfte wahrgenommnen wurden und unterscheidbar waren, und man sich auf diese Kräfte einlassen konnte und sich so das Bild vervollständigte, indem Erfahrungen in sich verschiedene Facetten von Archetypen trugen.
Es ist so: begegne ich einer Situation, ensteht daraus für mich immer eine Bedeutung. Immer gibt es etwas, was einem begegnet und man wird so oder so zu einer Bedeutung kommen, also wird das einen bewegen. Und alle diese Dinge , wie sie von den Mythenträgern wahrgenommen werden, tragen archetypischen Charakter, sprich: tragen eine wahrnehmbare Kraft in sich, die unterscheidbar und identifizierbar  ist.
Man kann nun unterstellen, dass eine gewisse Intuition oder Fähigkeit zur Schau weiter verbreitet war, als wie heute. Egal wie, sie sahen und folgten Kräften, oder stemmten sich dagegen, und nahmen   Folgen wahr -  und  indem sie sich anhand der Kräfte , Energien oder Felder (Götter) orientierten, kam damit ein nahezu komplettes  Einheitsgefühl zustande. Alles war ja eingebettet in ein vollständiges Gerüst tragender massgeblicher Kräfte. Alles, was geschah, stand unter dem Signum dieses "göttlichen Geschehens". Das Unterscheiden, also das logische Vorgehen an sich, das war sehr bescheiden ausgeprägt, im Vergleich mit Heute, aber effizient und zutreffend. Man unterschied , was nötig war zu unterscheiden, aber man behielt eine Richtschnur bei. Ein Maß sozusagen, über das nicht hinaus zu gehen war. Man verstand zum Beispiel das Geschehen als Wirken der Götter bereits. Heute gehen wir darüber hinaus und wollen mehr verstehen. Und doch verstehen wir immer noch nicht jenen Bereich, ab dem eigentlich für die Griechen die Götter wirkten: Dort, wo alles erschaffen wurde und was damit alles für einen Sinn hat...

Das numinose Erlebnis war intakt und Ausdruck eines Einheitsgefühls, denn man erkannte sich aufgehoben in einem umfassenden aber mehr oder weniger geheimnisvollen Etwas - und das zurecht. Aber das numinose Erlebnis  setzte    die Schau, die bereitwillige Schau auf das Wirken dieser Kräfte voraus. Irgendwann verbreitete sich eine neue Sichtweise, eine neue Mentalität, eine rationale Haltung. Um 600 v. Chr.. Bis heute geht das weiter -  heute würden wir sagen: was bei einer Schau einzig heraus kommen soll, ist was zählbares. Ein Fakt. Etwas, worin handfeste Bedeutung ist, meist eine solche Bedeutung, die mit anderen Leuten geteilt werden kann und so erst Gewicht für uns erhält. Wir suchen nicht mehr den Wert in uns selbst, etwa in dem Umstand, was ein wirkliches Einheitsgefühl im Gegensatz zu einem Gefühl der Zersplitterung ist. Zersplitterung entsteht nicht automatisch, aber folgerichtig. Das steht auf der Kehrseite der gewonnenen vielfältigen Sichtweise. Bevor wir manche Mythen als einfältig oder naiv verspotten, sollten wir überlegen, ob es eine Steigerung der Begriffes Naivität gäbe, die dann anzuwenden wäre auf unseren Ersatz der Mythen in Form einer willkürlichen Beeinflussung durch ein Chaos an Wirklichkeit, in dem es keine Ordnungspunkte gibt, ausser Geld oder Konsum, oder Zeit tot schlagen. Wo das Leben im Grunde völlig an sich selbst vorbei geht, und wo im Vergleich der Mythos das Leben in sich verkörpern konnte.
Warum aber solche kritischen Töne  hinsichtlich einer modernen Veruntreuung des Mythos als Signal deuten, es wäre Zeit zur Steinzeit zurückzukehren? Ich werde den Verdacht nicht los, dass man meinen Text zuweilen so verstehen könnte. Als Weckruf zu einer Romantik des Gestern. Sicher, ich habe Spaß an diesen Gedanken. Aber realistischerweise denke ich, dass wir einfach vernachlässigen zu oft, ob wir den antiken Mythos  wirklich richtig verstehen. Es zeigt sich dabei, dass wir auch unser gegenwärtiges Leben nicht verstehen. Aus einem Kurzschluß heraus mögen wir spontan annehmen, es ginge darum, wieder das Träumen anzufangen. Ja warum nicht -  aber es geht das freie Spiel mit der Wahrnehmung auch in einer nicht wahnsinnigen Art und  Weise, die sich an real wirkenden oder beobachtenden Kräften orientiert. Wer  mir  bis jetzt folgen konnte, wird es vielleicht als Wiederholung auffassen: Der Inhalt ist bedeutend, das Kleid und die Fassade (zB die Beschreibung mit dem Wort Götter , Archetyp oder Kraft) unwichtig. Die Wirklichkeit und die Realität unserer Selbst als Mensch bietet uns Möglichkeiten, diese Wirklichkeit einzuordnen. Die wirkende Kraft (Inhalt) bleibt dieselbe. Auch wenn wir diese Kraft oder andere Kräfte nicht wahrnehmen werden.
Wenn wir heute der Wirklichkeit ein Gesicht geben, das sich von einem anderen unterscheidet - es ist im Grunde kein Unterschied in  einem funktionalen Aspekt. Dennoch kommt es natürlich darauf an, was wir wie wahrnehmen. Da gibt es schon einen Unterschied, einen fundamentalen.
Aber wir  REDEN heute viel zu sehr, statt zu SCHAUEN. Mit dem Reden einigen wir uns, aber im Schauen sehen wir, was von selbst verlangt Wirklichkeit zu werden - unbeeinflusst durch Moral oder Mode. Im Reden, ich bezeichne es stellvertretend für eine verdichtete Art zu denken, wird die Bedeutung verallgemeinert. Im Schauen ist die Bedeutung, die wir der Wirklichkeit verleihen, mehr auf den einzigartigen Moment an sich bezogen. Es bleibt unsere Wahrnehmungsleistung näher an der Realität (immerhin veranschlagt eine verbale Auffassung der Wirklichkeit mehr psychische Energie und Anstrengung, als das bloße Schauen; im Denken ordnen wir die Welt, die ansonsten nicht etwa ungeordnet, aber archaischer wäre; archaischer im Sinne von ursprünglicher, und das heisst angelehnt an den Umstand, dass wir ein Zeuge der Wirklichkeit sind, und ein Gespür für das haben, was zurecht Bedeutung erhalten kann - nur ist das schwer in verbaler Art zu vermitteln; irgendwie kommen wir mit der verbal vermittelbaren Sichtweise einer Welt vorbei an den Tiefen der Bedeutung, die das Geschehen ansonsten noch aufweisen könnte fern ab von den Worten).
Nicht gleich andere Wirklichkeiten, aber andere Sichtweisen auf dasselbe Geschehen ergeben sich mit dem Schauen einerseits oder  dem Reden und Benennen andererseits - im letzteren steht der Bezug auf die Bedeutung, die man mitteilen kann.  Aber was, wenn kein Wort existiert, um etwas allgemein fassbar zu machen? Wenn wir es fassen können, ist es einerlei, aber was, wenn ein Wort gar nicht existiert, um den vollen Gehalt der Bedeutung zu transportieren? Und genau das ist das Problem bei allen ganzheitlichen Arten , etwas verstehen oder ergründen zu wollen. Im Grunde ist das Gemeinte ganz einfach. "Ganzheitlich" oder "Schauen" nimmt Bezug auf zur rechten Gehirnhälfte und das lineare Ordnen mit Worten und ihren allgemeinen Bedeutungen, folgerichtig und damit verlässlich, weil allgemein verbürgend, die Koninuität und Logik betreffend, das wäre der linken Gehirnhälfte zugehörig. Somit wäre es kurz gesagt. Und damals, so scheint mir, wuchs sich in mehreren Etappen in den letzten 10.000 Jahren wie ein evolutiver Ausbruch das lineare Denken und Reflektieren über den engen Bereich des vereinheitlichten aber monotonen Seins hinaus, und heute fehlt nur die Brücke, der Kreisschluß. Kein "zurück zu den alten Wurzeln" wäre zu fordern, sondern wir haben was wichtiges vergessen auf unserer abenteuerlichen Reise in die Wirklichkeit, die wir zu unterscheiden begannen, und wie wir das Vergnügen an Vielfalt fanden - wir haben etwas vergessen, und was es ist , das wäre am einfachsten mit dem Einheitsbewusstsein oder stimmiger mit dem Schauen beschrieben. Was brauchen wir Worte einer von Sinn enthöhlten Welt -  wir brauchen Worte einer Welt, deren Ordnung wir nur  wahrnehmen brauchen, vielleicht im Rückgriff auf bestimmte Vorlagen oder Konzepte. Da gibt es viele Möglichkeiten und es zählt nur der Umstand, ob wir mit uns und der wirkenden Natur von Archetypen zurecht kommen. Heute plagen uns viele Störungen allein deshalb, weil wir innerlich falsch leben, oder weil wir im Unbewussten alles abgesperrt haben, wofür wir keine allgemeinen oder gültigen Begriffe haben. Und dennoch existieren diese unbewussten Inhalte, Komplexe oder Archetypen.

Wenn wir schauen, haben wir für uns Worte oder Begriffe, die wir selbst verstehen, aber im Reden werden wir feststellen, dass andere Leute die jeweilige Bedeutung nicht immer teilen.
Aber so funktionierten die Götterwelten: Sie konnten durch jeden zwar nur individuell erfahrbar werden, aber insgesamt verstand jeder, dass es solche Kräfte oder Archetypen gibt, die im Leben oder in der Natur beobachtbar sind. Man kann sie auch heute als lebendige Kräfte auffassen. Was allein davon abhängt,wie man den Begriff "Leben" definiert und anzuwenden pflegt. Sie begeistern im Grunde die Welt der physisch leblosen Dinge. Sie, die Kräfte sind nicht persönlich und nicht konkret, aber sie verhalten sich wie Energien oder Felder, Ereignisse, Zeichen und kommen nicht unbedingt aus dem Hier und Diesseits sondern tragen etwas Numinoses an sich (die Wirklichkeit ist wirklich so beschaffen, was unzählige Meditationen mir bewiesen haben und jeder, der nur tief genug meditiert wird dies so erleben und die Wahrnehmungsverschiebung nicht als zufällige Halluzination abtun, vor allem, wenn sich die Kohärenz dabei wiederholt). Energien oder Felder, Klänge, Inhalte, Archetypen - es kommt nur drauf an, was das bedeuten soll. Worte, denen man genauso gut Götter hinterstellen kann, sofern nur klar ist, dass es dabei tatsächlich um ein zurecht mysteriösen oder mysthischen Eindruck über gewisse Facetten der Wirklichkeit geht. Manche würden es auch einfach "Wirken der Unendlichkeit" nennen, wieder andere Kosmos. Aber einer, in der auf eine gewisse Weise eine gewisse Ordnung wirkt. Sie steht aber jenseits und das macht die Sache nicht nur mysteriös, sondern für ein normal rationales  Verständnis völlig unzugänglich.

Mit der Zeit, so könnte man sagen, wurde mehr geredet. Es entstand auch mehr Vielfalt, Unterschiedlichkeit, und es fehlte der Rückgriff auf ein allen bekanntes Muster (Mythos). Nun gab es viele solcher Muster (philosophische Richtungen). Bis dann eines Tages, heute das andere Extrem, die fast vollständige Unterwerfung diesmal nicht unter das Reich der rechten, sondern linken Gehirnhälfte. Vom Schauen ins Reden, das heisst auch: von der begrenzten Einheitserfahrung, die keine Unterschiede mehr brauchte, ins Chaos einer Vielfalt, in der bald niemand mehr versteht, was in dem anderen vor sich geht. Denn ohne rechte Hälfte des Gehirns (ganzheitliche Wahrnehmung), werden wir auch kein Gespür haben, was wirklich zählt, und was wirklich in anderen zB vor sich geht usw.. - mit der linken Hälfte rationalisieren wir sprichwörtlich und zählen nur abstrakte, über der Wirklichkeit liegende Ordnungspunkte ab, ob diese erfüllt sind oder nicht. Das kann durchaus viel mit uns zu tun haben, meist nur mit unseren Erwartungen und nciht der Realität oder sagen wir: dem Wesentlichen. Das Wesentliche können wir uns immer aussuchen, denn es ist unsere Entscheidung, was für uns wesentlich sein soll. Etwas, das wir wahrnehmen, wird immer wesentlich  sein. Das haben wir in der Hand, was das sein soll -  dass etwas eine Bedeutung für uns tragen soll und also sein soll, das wird sowieso geschehen. Aber wir mit dem linken Sortieren bemühen uns um eine gewisse Ordnung, und sei es, dass Erwartungen erfüllt werdern. Erst dann kommt der Sinn. Würden wir "über die rechte Gehirnhälfte" gehen, wäre der Sinn, den wir finden wollen, ungebunden an Ordnungspunkte viel schneller für uns spürbar, ohne dass er erfunden sein muss. Wir bräuchten nicht lange konstruieren, rekonstruieren, anordnen, denken, linear gliedern, vergleichen, auf Assoziationen oder Anknüpfpunkte prüfen und uns auf diesen Weg überzeugen, wenn wir einen Weg finden, einer Wirklichkeit auf den Grund zu kommen. Was aber ist, wenn Worte gar nicht jenen Weg gehen können, den wir mit Hilfe der rechten Gehirnhälfte, also mittels  ganzheitlichen Wahrnehmens gehen?

Bei der ganzen Erbsenzählerei verzetteln wir uns in Millionen Fragmente, und tausende Bedeutungen, und finden doch kein gescheites Konzept, was unserer rechten Gehirnhälfte und das, wofür sie steht gefallen würde  (auch Gefühle, aber eben auch Einheitserfahrung). Somit verlieren wir unsere psychische Integrität. Kein Wunder, dass Zivilisationskrankheiten und psychosomatische Krankheiten um sich greifen.

Die Welt unseres Unbewussten mag dieselbe geblieben sein, aber unsere Sicht auf die Dinge folgt bald mehr  einem eingeprägtem Muster, das nicht mehr viel mit dem Konzept der alten Götter zu tun hatte. es war eher zersplittert, aufteilend, und trennend. Ersteres  ganzheitlich, bildlich  und kurz gesagt:  bezogen auf einen Kreis (Einheitsbewusstsein). Das moderne Denken ist linear und folgerichtig . Überdies sind es mit dem linearen Denken  bezogen auf die Lebenswirklichkeit solche Muster, die  zufällig oder nicht zufällig keine besondere Sinnhaftigkeit aufkommen lassen, die  sichallenfalls nahtlos und kontinuierlich aneinander reihen können. Uns ist die Kontuinität und Erwartung viel wichtiger bald, als jeglicher Inhalt, der ja immer in gewisser Weise hier und jetzt geschaut werden muss.  Kontinuität aber ist jedem Volk, das an Götter glaubt wichtig (es reicht den Begriff Götter so zu verstehen : wirkende und als lebendig aufgefasste Kräfte des Universums, mit denen ein Umgang zu finden war;   Kräfte die identifizierbar, weil unterscheidbar waren; die physische Sichtbarkeit dieser Kräfte war irrelevant, weil sie in verschiedenen Erscheinungen und Situationen wahrnehmbar wurden: sie mussten nur als in diesen Erscheinungen liegend wahrgenommen werden analog einem seherischen Vermögen oder einer Art Omenkunde oder Intuition).

Jedenfalls:
Aus der neuen Logik des rationalen Denkens wurde nun gelebt und gehandelt. So erschien eine Vorstellung von Göttern zunehmend als Allegorie, als Beschreibung, als Vergleich, und man erzählte viel mehr das Gewesene, als wie man dieses Wirken höherer Kräfte schaute. Und bald schon - für die ersten kritischen Rationalisten - wurde der Mythos eine Lüge, weil er sich nicht mit der sinnlich erfassten Wirklichkeit deckte. 

Es ist zutreffend zu behaupten, dass das Übersinnliche in der Praxis des Alltäglichen abhanden kam, und nur noch die Relikte des einstmals Geschauten in Form des Mythos überlebten, der nun, da die unmittelbare Schau fehlte, zu Recht als minderwertig betrachtet wurde, um den Menschen Halt und Ordnung zu verleihen. Ähnliches haben wir mit dem Christenthum und anderen Religionen beobachten können: der ursprüngliche Kern geht mit der Zeit einfach verloren; - es bauen sich die Gebäude von Illusionen und Irrtümern auf einen einstigen Anfang auf.

Ein Mythos stellt eigentlich ein esoterisches System dar.
Dieses Gewahrsein eines mythischen Hintergrunds des alltäglichen Erlebens, ist gleichbedeutend mit einem ersten Schritt zum Einheitsbewusstsein. Religion ist im wahrsten Sinne immer eine Rückverbindung gewesen.

Sich "rückzuverbinden" soll ausdrücken, dass die Einheit mit etwas Grösserem verloren wurde, vielleicht sogar schon beginnend mit der Geburt, als kosmisch beschlossene Sache oder in Folge der Aussetzung mit der irdischen Existenz und den Verlust der Sicherheiten. Aber die Rückverbindung stellt natürlich keine Regression in einen vorgeburtlichen Zustand dar (wie es ein Wissenschaftler ausdrückte).

Die antiken Griechen scheinen mit dem Wort Religion übrigens einfach nur eine Art "Achtsamkeit" verstanden zu haben, was  auf dasselbe hinausläuft: Achtsamkeit für das Übersinnliche (die Götter als herrschende Mächte!).

Die Lebensfreude der Griechen war umfassend, die späteren Zeiten boten hier eine andere, gegensätzliche Umfassung, nämlich die Sorge, die Negativität und die dunklen und undurchdringlichen Bestrebungen von königlichen oder päpstlichen Mächten. Das Böse war geboren und konnte nur durch Fügsamkeit gegenüber den Herrschern gebändigt werden. Das Leben wurde sich selbst überlassen, aber ihm, dem Leben, fehlte der Bezug zu einem Quell innerer Zuversicht, weil nun praktisch jeder gesellschaftliche Kreis seine eigenen moralischen Vorstellungen entwickelte..

Da alle späteren Zeitalter stets den geistigen Inhalt der vorangegangenen Zeitalter leicht verkennen werden (weil man sich stets weiterentwickelt und das Alte als überholt auffasst), könnte es für die Menschen aller Zeiten stets eine Aufgabe bedeuten, die Brücke zu den bereits erbrachten Leistungen zu schliessen, und nicht nur stets nach vorne zu pirschen und das, was bereits vollbracht wurde, aus den Augen zu verlieren. Darin könnte auch ein Sinn des Mythos bestehen: Dass eine Brücke von Generation zu Generation gebaut wurde.

Die Geschichten eines Mythos sollen auch ausdrücken, wie der Anfang der Zeit und die Schöpfung der Welt erklärt werden kann. Jede jetzige Welt ist stets eine Welt, die auf verschiedenen Ebenen die anfängliche Schöpfung wiederholt. 
Was einst den Anfang verursachte und mitgestaltete, ist nun noch in der augenblicklichen Wirklichkeit ablesbar, die Spuren verschwinden niemals. Ausserdem wirken die Kräfte des Anfangs einer Sache auch zum Ende hin, wenn es sich um eine so integrale Schöpfung handelt, wie es mit dem Kosmos gegeben ist.

Wenn ein Mythos erzählt wird, findet das oft (wenn nicht sogar immer) auf einem Hintergrund einer Erklärung der anfänglichen Schöpfung statt.

In dieser Schöpfung wurde diese Schöpfung, einfach gesagt: beschlossen.
Das ist der Sinn, der dem Menschen im Mythos vermittelt wird. Wir sind hier, weil es beschlossen wurde und andauernd auch beschlossen wird. Ein Mythos erzählt dabei nicht irgendeine Geschichte, sondern bezieht sich stets auf einen zwingenden Grund, auf etwas, was der Visionär geschaut hat.

Und wir können noch heute eine ungefähre Ahnung erhalten, wie das mit diesen mythischen Vorstellungen ist, wenn wir einsam in den dunklen oder dämmrigen Wald gehen. 

Die Naturgeister sind vielleicht nur ein Wort, aber tief in uns, wird etwas angerührt, wenn wir uns öffnen, und einfach vorbehaltlos schauen. Entdecken wir die Relikte eines kollektiven Bewusstseins, oder spüren wir die Natugeister als wesentliche Existenzen?

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Der Mythos am Beispiel der Traumzeit der Aborigines

Die Aborigines in Australien kennen eine Urzeit, eine Traumzeit, und sie kennen Pfade, die sie mit ihren Liedern besingen, Pfade, die mit Landschaftsformen übereinstimmen. Es sind Landschaften, denen sie auf ihren "Traumpfaden" begegnen.

Da das Gesungene sich an der Landschaft ausrichtet, wird mit dem Singen des Liedes, der Singende auf dem Weg voran durch die Landschaft geführt.

Was liegt dem zugrunde? Die Lieder wurden von Generation zu Generation überliefert.
Das Singen holt einen Mythos aus dem Gedächtnis, Archetypen der Landschaft die mit dem Lebendigen korrespondieren und zum Lebendigen gehört auch der Mensch, der also folglich in den Landschaften einen Teil seiner Seele wieder erkennen kann, die ja ein Teil des ganzen (Kosmos) ist.
Gestalten, Ereignisse oder Geschichten werden konkret in der Landschaft lebendig, und das Singen führt zu einer gesteigerten Wahrnehmungsart vergleichbar der Trance, die zudem einem Traum ähnelt.

Es ist nicht einfach nur eine verstandesmässig-sinnliche Operation, sondern hier wird mit dem Singen eine Geschichte erzählt, auf die der Singende sich einlässt. Der Singende muss diesem jeweiligen Mythos zugehören und es ist strenges Gesetz, dass ein Aborigine zum Singen eines bestimmten Pfades eine Erlaubnis braucht. 

Die Traumzeit der Aborigines ist allerdings gleichbedeutend mit einer Art kollektivem Reservoir, und bezeichnet nicht nur den Traum, sondern stellt einen komplexen Mythos dar. Für die Träumenden der Traumzeit verschwimmen die Grenzen jedoch zwischen alltäglicher Ding-Realität und dem Traum des Selbst. Es kann vermutet werden, dass mit den Traumpfaden auch Entdeckungsreisen des persönlichen Unbewussten verbunden sind. In einer gewissen Art: Reifezeiten.

So wird jedenfalls die Wahrnehmung auf eine höhere Ebene geführt, die den Menschen direkt an (s)einem Traum und dem Mythos teilnehmen lässt. Vielleicht handelt es sich um nichts anderes, als um eine Art von Ekstase-Technik.

Die Buddhisten, Hinduisten und andere konzentrieren in einer kultivierten Meditation diese Art von Methode, sich an eine höhere Wahrnehmungsebene rückzuverbinden (dem Selbst). Sicherlich sind die Resultate von den jeweiligen Absichten abhängig. So hat jede Religion ihre eigenen Archetypen, und jeder Mensch seine eigenen Fragen, die darüber entscheiden, was konkret geschaut wird.

Nahtodeserfahrungen, ausserkörperliche Erfahrungen sind neben Visionen über die Schöpfung oder Visionen über das eigene Leben ebenso möglich.

Die Ebene des Traumes ist diejenige, bei der wir als "Selbst" berührt werden - in dem Sinne, wie die Welt wirklich eine Bedeutung für uns hat (andere Träume mögen für andere Träumer eine andere Bedeutung aufweisen).

Ähnliches geschieht auch in gesteigerter Wahrnehmung: Die Schau der normalen Welt wird anders, "neue" Bedeutungen enthüllen sich als wahrhaftig und gültig. Neu ist im "Augenblicklichen" immer alles, denn es gibt keine Widerholung der Zeit, so wie Heraklit sagt: man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen. Der Mythos ist wie bereits erwähnt ein Hintergrund der Erfahrung, nicht die Erfahrung selbst. Der Mythos dient der Einordnung von Erfahrung.

Wenn die Australier in einem Mythos eine Urzeit beschreiben, in der es noch keine Sonne und nur den Mond und die Sterne gab, aber noch keine Menschen, aber Tiere und Vögel, dann entspricht das ja nicht der "physikalisch möglichen" Beschreibung einer Welt (zB kann der Mond und sein Widerschein nicht gewesen sein ohne Sonne). Aber dennoch drückt sich hier eine (symbolische) Bedeutung aus. Man kann diese Aussagen auf eine neue Ebene überführen, man versteht vielleicht instinktiv oder intuitiv, worauf sich etwas im Mythos (analog oder symbolisch) bezieht.
Nebenbei gesagt wird gerade dieser erwähnte Mythos dadurch plausibel, wenn man das leere Weltall symbolisch als analog dem Mond setzt. Denn Mond und Weltall haben auf einer gewissen Ebene symbolische Ähnlichkeit. Ein Lichtstrahl kann zB ohne das Vorhandensein eines Weltalls nicht in der Zeit reisen und ist kein Strahl. Diese Möglichkeiten des symbolischen Denkens stellen natürlich eine eigenständige Untersuchung dar und sind nur eine Möglichkeit, sich die Mythen in immer neuen Bezugspunkten zu "denken".

Im mythischen Bild wird Raum und Zeit vielleicht auf den Kopf gestellt, ohne dass damit etwas unwahres ausgesagt werden würde. Das Bild sagt einfach, wie es gesehen wird, und zwar von denen, die diese visionäre Schau hatten (wenn es sich um einen authentischen Mythos handelt). Es kommt auf die Bedeutung an, nicht auf eine Kategorie des verstandesmässig plausiblen.  

Massgeblich im Mythos ist oft die Raffung eines komplexen Bildes in ein überschaubares Bild - ein Bild, mit dem diverse Kräfte in ihrem Sosein (oder ihrem Zusammenwirken) veranschaulicht werden.

In dem bereits kurz erwähnten australischen Mythos handelt es sich um Emu Dinewan und Kranich Bräglah:

Sterne und Mond sind am Himmel, aber keine Sonne, und es war dämmrig. 

Emu Dinewahn und Kranich Bräglah gingen spazieren an einem See. Sie fangen an sich zu zanken. Da ging Emu Bräglah auf das Nest des Dinewan, nahm das Ei heraus und schmiss es an den Himmel. 

Dinewan und alle Lebewesen staunten nicht schlecht. Denn dort fiel es auf einen Haufen Feuerholz, entzündete ihn und zu aller Verwunderung wurde die ganze Welt hell erleuchtet. 

In diesem Mythos scheint der Zwist zu einem Zufall geführt zu haben. Die Helligkeit wurde nun begrüßt und ein guter Geist im Himmel liess es so, dass er nun jeden Tag ein Feuer anzündete. Er meinte, das sei doch eine gute Idee.

So entsteht manchmal im Mythos eine Art Atmosphäre des Symbolischen, ein bedeutungsvoller Hintergrund.
Irgendein "guter" Geist, hat die Welt so geschaffen, wie sie nun ist. Wenn wir das Leben betrachten, entdecken wir stets den leisen oder lauten Krieg der Welten, oder der Kräfte der Welten - so wie Heraklit sagt: Der Krieg ist Vater aller Dinge.

Es stellt sich für den Menschen im oben erwähnten Mythos so dar, dass die Schöpfung auf einer Art Scherz beruht, dass manches als vermeintlicher Zufall aus einem anfänglichen Spiel einiger Kräfte resultiert.
Oder auf einen Streit (von Kräften) zurückgeht.
Und etwas ist potentiell angelegt (ein Stapel Feuerholz) und muss nur noch in Funktion gebracht werden.

Hier ein weiterer Mythos der Aborigines bzw. der Traumzeit, der wieder das Thema der Sonne zeigt und dieses Thema in Bezug zu einer Erweckung bringt:

Einst war die Erde ganz dunkel und still, und nichts regte sich auf der kahlen Fläche.

In einer tiefen Höhle unterhalb der Ebene von Nullarbor schlief eine wunderschöne Frau, die Sonne. Sanft weckte der große Vatergeist sie auf und befahl ihr, die Höhle zu verlassen und das Universum mit Leben zu erfüllen. 

Die Sonnenmutter öffnete ihre Augen, und als sich ihre Strahlen über dem Land ausbreiteten, verschwand die Dunkelheit.

Die Mythen sprechen immer direkt zu den Menschen, sie beziehen seinen Standpunkt mit ein, seinen menschlichen Standpunkt. Weil die Schöpfung zudem kompliziert ist, muss daher nicht alles so klar und überschaubar sein, wie es der Verstand gerne hätte. 

Spektakulär ist es nicht, aufgrund von gewissen Beschreibungen zu symbolischen Wirklichkeiten zu kommen. Es ist ein natürliches Vorgehen, bei dem nur wichtig ist, dass die Erzählungen nicht aus der Phantasie allein zustande kommen, sondern durch taugliche Fügung zwischen Dichtung und Symbol (ein Symbol, das auf die Schöpfungsordnung abzielt). 

Oft ertappt man Wissenschaftler dabei, wenn sie etwa ein archäologisches Fundstück versuchen mit Bedeutung und Sinn zu verleihen. Sie tun das dann nach einer Art der Assoziation und mittels eines angestrengten Willens, einer Wahrheit näher zu kommen, die doch im Grunde oft nur eine Wahrheit bleibt, die sie vor sich selbst vertreten können (und die mit ihrem Wissen über die Zeit zusammenhängt).
Das archäologische Fundstück und alles bereits vorhandene Wissen, liefert die Beschreibung, die im nächsten Schritt symbolisch weiter ausartikuliert wird. Durch die Annahmen über die hintergründige Wirklichkeit des Fundstückes kommt man zu einem angenommenen Sinn und der Bedeutung des Fundstückes. Aber einem Mythos kann man durch dieses lineare Vorgehen nur nahe kommen, wenn man den Mythos begrenzt auf die Entstehungszeit und -Weise. Aber nicht kann so untersucht werden, welche Bedeutung ein Mythos hatte und warum er entstanden ist. Zumindest wird es schwer fallen, weil man der Sache mit gewissen Vorurteilen begegnen könnte. In der akademischen Wissenschaft hat spirituelles oder religiöses Leben oft nur die Bedeutung einer gewissen Suche nach Sinn, aber es wird schwer eine akademische Aussage darüber zu finden, dass dieser gesuchte Sinn mit der tatsächlichen Schöpfungsordnung zusammenhängt und daher der Mythos alles andere als Phantasie bedeutet. Und dass der Mythos für einen geordneten Bezug zwischen Mensch und Schöpfung sorgt, nicht nur Sinn verleiht, sondern das Leben in einer Weise ausrichtet, so dass eine Harmonie zwischen den Menschen und den wirkenden Kräften angestrebt wird.

Die Menschen der Antike sehen sich selbst innerhalb eines Kraftfeldes göttlicher Gewalten. Dieses Bewusstsein um höhere Kräfte und Mächte, erzeugt ein entsprechendes Gewahrsein, aber massgeblich ist nicht eine Halluzination über diese Kräfte, sondern Bestätigung und Verifizierung der Annahme, dass es diese wirkenden Kräfte gibt. Wir können zum Beispiel die Gravitation als physische Kraft definieren, oder als göttliche Kraft. Es ändert nichts daran, dass diese Kraft vorhanden ist. Nur für uns selbst ändert sich eine Menge. Und es ist keineswegs illusionär, dass wir zu bestimmten Kräften in einen Bezug treten können, und dadurch das Wirken der Kräfte beeinflussen, und sei es, dass wir uns selbst entsprechend anders verhalten, als wüssten wir mit den wirkenden Kräften nichts anzufangen, als sei alles Zufall und also bedeutungslos.

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Wissen und Göttliche Macht

Das Orakel zu Delphi, zu Dordona und einige andere öffentlich hoch angesehene Orakel (etwa die Orakel zu Ephyra, Olympia, Klaros, Didymo) waren die höchste Autorität in der Frage der Menschen, wie sie den Göttern Ehre zukommen lassen sollten.

Aus den Sprüchen der Orakel ergaben sich wichtige Antworten auf religiöse Fragen.

So ergaben sich auch die Opfergaben. Das Orakel sprach: "ein Zehntel der Ernte soll dem Tempel zukommen".
Es wurden nicht nur Ratschläge und Weisungen in Bezug zu neuen Siedlungen oder Städten erteilt, um dadurch ein besseres Leben zu führen, etwa wenn stellvertretend für eine grössere Gruppe gefragt wurde. Sondern es wurde auch gefragt, was man konkret tun kann - für Fragen nach dem persönlichen Geschick bekam der Fragende vielleicht solche Antwort (folgendes in real überliefert): "Mach dich selbst zum Führer deines Lebens, höre nicht auf den Rat anderer". Ddas Orakel wurde auch sehr oft gefragt um das rechte Verhalten, um sich dadurch die Gunst der Götter zu versichern, und um die rechte Art des Opfers oder der Weihung etc. zu erfahren. Sehr vieles wurde da gefragt und ausgesagt, was alles aus einer höheren Instanz des Wissens um die herrschenden Bedingungen herrührt, die die Schöpfungsordnung und alle lebendigen, über den Menschen hinaus gehenden Kräfte und Mächte angeht.

Für die Griechen bestand (etymologisch gedeutet) eine Nähe zwischen Schau der Zeichen (thésphaton), dem Seher (theoprópós), damit auch der Seherkunst als Tätigkeit (theiázein), Orakelkunde und den Bezeichnungen für Götter (theós). All dies geht (auch heute noch beim zB Kartenlegen) auf Schau des zunächst nicht Offensichtlichen zurück. Und manche Kartenleger stellen die Frage auch in der Weise, "was das Tarot rät", also in Bezug auf eine unpersönliche Schicksalsmacht.

Man kann bezüglich des Orakels annehmen, dass hier die höchste Autorität, die höchste Instanz, nämlich das Wissen selbst sprach, und es sprach das aus, was sich fügen sollte zum Wohle des Fragers, unter der Beachtung kosmischer Gerechtigkeit (das Wohl allen Lebens beinhaltend; auch Karma, das entsteht, wenn man etwa unlautere Absichten hegt).

Natürlich bestand ein allgemeiner kultureller Hintergrund, der vorgab, was ausgesagt werden kann, in welchem Rahmen diese Aussagen getroffen werden können, was aber in Bezug zum Unbewussten immer auch eine Frage des Notwendigen ist (das heisst, das Unbewusste sucht sich taugliche Mittel der zu bildenden Aussagen).

Jeder Mensch hat in sich selbst eine weise Führung, die zu ihm sprechen kann. Tarotkarten und andere Orakeltechniken beziehen sich genau auf diese innere Macht. Eigentlich ist es eine kosmische Macht, die uns und allem Wohle der Lebewesen beisteht und die Wege kennt.

Mit den Tarotkarten kann man auch sehr gut verstehen, welchen Weg man konkret und augenblicklich gehen muss, um zu einer anderen Wirklichkeit vorzudringen, was eine esoterische Nutzung des Tarots bedeuten würde.  Da gibt es zwei Wege: den richtigen indem man sich selbst einstimmt auf das reine Schauen (mit dem Höhepunkt visionärer Erkenntnis bzw. Divination über sich selbst oder seine Zukunft), und den falschen Weg, oft nämlich über den Verstand zu gehen - etwa Erlerntes und aus dem Gedächtnis gerufenes Wissen versuchen zu gebrauchen, um zu dieser Wirklichkeit vorzudringen.

Was von den Orakeln genannt wurde, und insofern es genannt wurde auch betont wurde, waren neben persönlichen Ratschlägen auch tatsächlich die Gottheiten: "Auch aus diesen Städten soll man opfern ein Rind (...) für jede der beiden Göttinnen von der Gerste und vom Weizen, dann für Triptolemos und den Gott und die Göttinund Eubulos jeweils ein vollwertiges Opfertier und für Athena ein Rind mit vergoldeten Hörnern". In dieser Weise zeigt sich wahrscheinlich, wie tief verankert für die Menschen die Vorstellung von Göttern war, und wie selbstverständlich das Opfer für eine gewisse Beschwörung dieser Götter in Frage kam. Worin aber der Nutzen solcher Opfer bestand, und wie der kosmische Mechanismus tatsächlich aussieht, darüber können wir nur spekulieren. Siehe zu möglichen Ansichten darüber, weiter unten den Absatz über den "Opferkult".

Es war im Sinne der Götter, dass die Priester bei einem Opfer in einem Tempel auch ihren kleinen Teil (an Nahrung) bekommen. Die Priester waren den Göttern unterstellt und erfuhren vermutlich durch die Teilnahme an den Opfergaben auch die Bestätigung, sich in dieser Rolle zu befinden.

Für die Griechen stand die religiöse Erfahrung in einem Bezug zur natürlichen Scheu, wenn sie sich in der metaphysischen (=übersinnlich merkbaren) Gesellschaft der Götter sahen. Die Götter sahen und wussten alles, und nichts konnte verborgen werden.

Karl Kerényi versuchte etymologisch aus diversen griechischen Worten, die in Kulten und ähnlichen Kontexten auftauchten, eine Art Scham herzuleiten, die die Menschen spürten, die aber nur zustandekam, indem sie gleichwohl jene (Götter) verehrten, vor denen sie eine solche Scham als Ehrfurcht empfanden.

Dabei geht es nicht um eine geschlechtliche Scham, sondern die Scham der menschlichen Unzulänglichkeit in dem eigenen Wirken, Denken und So-Sein, und zwar gegenüber den Idealgestalten der Götter. Eine solche Scham oder Haltung führt fast zwangsläufig zu einer Läuterung, da man sich um Tugend bemüht und seine eigene Unvollkommenheit als Mensch anerkennt.

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Eine Hypothese: Der Äther

Der Begriff Äther soll hier (versuchsweise) kennzeichnen, dass es eine Art der Verbindung zwischen allen Leben und Wissen gibt, welches als Äther wie eine Atmosphäre für jede Kultur bereit vorliegt. Der Äther ist verbunden mit dem Schöpfungsgrund, dem Absoluten oder Schöpfer, dem Gott, der alles hervorbrachte und für den alles Leben sozusagen gemacht ist. Die Physik spricht von einem unsichtbaren und unbekannten Medium, welches dem Licht als Träger dient.

Aus diesem Äther könnte in Bezug zum Mythos das Brauchbare (das Passende und Zutreffende) entnommen werden - es ist noch nicht gebildet zu Formen und Formulierungen. All das, was für die jeweilige Kultur und Epoche einer Menschheit adäquat und nötig ist. 

Dieser Bezug auf den Äther kann nur durch eine besondere Art der Schau, etwa Vision oder Traum authentisch ausgedrückt werden. Mit der Zeit verdichten sich die einzelnen Bezüge zu der Form, die der Mythos schliesslich erhalten hat - eben indem direkt Bezug auf den Äther genommen wird. Eine Verbindung aufgenommen wird zum (kosmisch-irdischen) Äther.

Der Äther ist Bestandteil der - nicht nur symbolischen - Atmosphäre, die alles umgibt und durchdringt, und man kann ihn wohl denken als Vermittler oder Brücke zum Kosmischen.

Der Äther kann beschrieben werden als die Quelle der Antwort auf die Frage nach dem Sinn und der jeweiligen Bedeutung, die stets dem augenblicklichen Zeitstrom entspricht.
Der Äther enthält die Verbindungen zu den wahren Ursachen und der Natur des Kosmos (auch in Bezug zur Schöpfung des Universums). Womöglich ist auch der Fortlauf der Zukunft darin enthalten; - doch die Griechen und andere Naturvölker interessierten sich für das Naheliegende und Grundlegende, auf dem Boden, auf dem sie stehen, nicht für das, was in weiter Ferne liegt; - vermutlich fehlte ihnen auch der Reiz einer solchen Fragestellung oder gar die verstandesmässig genügend ausgebildete Kategorie einer potentiellen Zukunft, weil sie die Konsequenzen aller Taten aus ihrem Umgang mit der Gegenwart erwarteten. Ausserdem kann man annehmen, dass zu jeder Zeit im Menschen eine gewisse Schutzvorrichtung vorliegen könnte, eben nur solche Wahrheiten zu schauen, die unmittelbar Bedeutung für das Hier und Jetzt enthüllen. Anstelle eines Schutzes, könnte es sich auch um eine einfache Pragmatik handeln, die geradezu vom Kosmischen Urgrund nahegelegt ist.

Vielleicht entspricht dieser Äther auch jener allumfassenden, allesdurchdringenden Energie, von der oft erzählt wird. Einer Energie, die alles zusammenhält, und die Dinge an ihrem zugehörigem Platz und in ihrem Zustand oder Prozess hält.

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Ein Rundblick über die Erklärung der Mythen

Die Philologen führen die Mythen meist in einfacher Weise zurück auf frühere Mythen und auf die Übernahme aus anderen Kulturen. Sie lassen so den Eindruck entstehen, als ob der Mythos letztlich aus anfänglichen einfachsten Anschauungen gebildet wurde. Alles weitere läge damit auf der Hand: aus der Phantasie über die einfachsten Grundanschauungen wurden dann etwa die dreiteilige Unterteilung der Welt in einen Bereich des Himmels, der Erde, der Unterwelt vorgenommen, und - wie beispielsweise Ranke-Graves meint - aus zunehmenden Mond, Vollmond und abnehmenden Mond entstand dann die heilige Zahl drei. Es ist viel offensichtlicher, dass diese Einteilungen und hervorstechenden Merkmale oder Symbole (wie die Zahl drei) zu jeder Zeit und zu verschiedenen Anlässen unabhängig geschaut werden können, und - das ist das Wichtige dabei - in ihnen Symbole der universalen Schöpfungsordnung enthalten sind. Die Zahl drei taucht deshalb immer auf, weil sie grundlegend ist. Damit verbunden sind elementare Bedeutungen und Vorgänge der Schöpfung, und nicht etwa zufällige Übereinstimmungen. Ausserdem könnte man auch den Neumond hinzunehmen und käme auf die Zahl vier. Nimmt man nur den Vollmond  und Neumond, haben wir die Zahl zwei. Was Ranke-Graves also als Ansatz für die Vergleiche und Analogien nimmt, ist eher willkürlich und selektiv.

Die Beschreibung der Welt im Mythos ist eine gültige Beschreibung der Wirklichkeit. Es entsteht eine lebendige Beziehung zwischen Wahrnehmenden (Mensch) und Wahrgenommenen (Mythos ist gleich Welt). Sicher stellt der Mythos unser heutiges Bedürfnis nach Erklärungen nicht zufrieden. Die Grundlage für den Mythos ist eine Erzählung, die direkt auf die folgende Wahrheit Bezug nimmt: Dass die Menschen auf Erzähltes wie auch auf Erlebtes reagieren

Das ist sehr wichtig, zu begreifen, der Mythos sollte einen lebendigen Bezug ermöglichen und nicht bloß sagen, "es gibt höhere Mächte". Der Mythos wurde gebildet, aufgrund der Art und Weise, wie man als Mensch reagiert. Alles gegenwärtig Erlebte wird durch einen Mythos auch gesteigert in der Intensität der Wahrnehmung, indem man einen erweiterten Bezug aufstellt, der für den Wahrnehmenden gültig ist. Alle rationalen Erklärungen können (und werden) um diesen Punkt herum gehen und werden deshalb nichts weiter sein als Spekulation.  

Dichter und Philosophen über den Mythos

Am besten lässt man die Dichter selbst zu Worte kommen. Nach Hesiod: "Da die Dichter ihr Wissen von einer höheren Instanz verliehen bekommen, kann der Inhalt ihrer Dichtung nur wahr sein, wobei allerdings die Musen bewußt dem Dichter auch falsches eingeben können". (Theogonie 27f)

"Homer streift in der Odyssee die Reflexion über Entstehung und Wirkung von Dichtung. Penelope reagiert auf den Gesang des Phemios, der die Heimfahrt der Griechen von Troja zum Inhalt hat, mit Tränen, da sie in dem Lied des Rhapsoden ihr eigenes Schicksal wiedererkennt.

Ihr Sohn Telemachos streicht in seiner Antwort dagegen die Freiheit des Dichters bei der Wahl seines Stoffes heraus und lobt sein Bestreben, dem Publikum immer Neues zu bieten. Zudem treffe dem Sänger keine Schuld, da er nicht eigenverantwortlich handle, sondern als Medium zwischen Göttern und Menschen fungiere und durch die göttliche Inspiration erst in die Lage versetzt werde, den Menschen die Welt der Erinnerung (Mnemosyne) zu öffnen." (...) Das Lexikon, aus dem ich zitiere, weiter: "Der Dichter sieht sich als Mittler zwischen der Welt der Götter, der Tradition und Geschichte auf der einen und der Welt der Menschen auf der anderen Seite, denen er durch seine Dichtungen ebenfalls unsterblichen Ruhm, also Zeitlosigkeit verleihen kann." (...) "Verschiedene Dichter, so die Sophisten des 5. Jahrhunderts v. Chr., schrieben der Wirkung von Dichtung einen unmittelbaren Einfluss auf die menschliche Psyche zu. Sie sei in der Lage Emotionen wie Furcht, Trauer, Freude und Mitleid auszulösen."

Gorgias spricht von der Seele des Rezipienten, der den Umschlag von Glück und Unglück in der Illusion des Theaters miterlebt, Affekte wie Schauder, Sehnsucht oder Mitleid auslöst. "Diese psychagogische Wirkung stellt Dichtung und Rede auf eine Stufe mit Magie, Besprechungen und Beschwörungen, die ebenfalls die Psyche wie den Intellekt des Rezipienten beeinflussen können." (Metzler Lexikon S.18; Hervorhebung von mir).

Die meisten solcher Anschauungen stammen bereits aus der rationalistischen Zeit der griechischen Philosophen. Es ist wahrscheinlich, dass die Rezeption des Mythos vor dieser Zeit eine ganz andere war, denn eigentümlich ging es um die Verbindung zu den Göttern, die als höhere Wirkmächte begriffen wurden.

Unsterblichkeit und Tod

Die Unsterblichkeit wird übrigens bei den Griechen tatsächlich oft unterschiedlich eingeschätzt.
Manches Mal taucht der Aspekt des unsterblichen (weltlichen) Ruhmes auf. Andererseits aber wird durchaus auch der Aspekt der Unsterblichkeit der Seele genannt (besonders im orphischen Kult). Dann geht es darum, durch die Erfahrung göttlicher Nähe (Erleuchtung), und die dadurch entstehende Selbst-Reifung und Nährung, der seelischen Substanz einen wichtigen Impuls zuzuführen.

Die Unsterblichkeit anzustreben ist in verschiedenen Mythen ansonsten dem Menschen (im Diesseits) nicht sehr angeraten, denn grundätzlich unterscheiden sich Sterbliche von den untsterblichen Göttern. 

Doch es scheint, als sei die seelische Erfahrung (eines höheren Bewusstseinszustandes, die Schau: epopteia) eine Brücke hin zum Hellen. Zu den Göttern, wie es vor allem in den Mysterien in dieser Weise anklingt. Hin zum Fluidum und der Sphäre des Unendlichen.

Bald folgte die vollendete Esoterik der kritischen Haltung Platons (427-347 v. Chr.). Vor allem in Bezug auf die Kunst der Nachahmung (Mimesis), bei der Platon von der Möglichkeit spricht, dass die Ordnung in der Seele und in der Gesellschaft durcheinandergeraten könne durch eben jene Illusionen der Kunst (und der Rezeption des Mythos). Indem die Kunst der Mimesis bereits einem Abbild der wahren (archetypischen, göttlichen) Ideen entspräche, seien diese Abbilder wertlos, da sie nichts zur Erkenntnis der eigentlichen Ideen beitrage.

Platon bemängelte die Respektlosigkeit der Jungen gegen die Eltern, indem die Kinder ihr ungebührliches Verhalten gegenüber den Eltern mit dem Aufstand des Zeus gegen Kronos verglichen und rechtfertigten. Platon meinte: Die Götter seien ausschliesslich gut und bewirkten nur Gutes, sie hätten keine List und Betrügereien im Sinne. 

Was Platon also kritisiert hatte, ist nicht der Mythos an sich, sondern der Zustand der Gesellschaft, ihr Festhalten an den Abbildern, ohne wirklichen Bezug zu den höheren Wirkkräften. Die inhaltlich leere Auseinandersetzung.

Aristoteles unterschied in Anknüpfung an Platons Kritik dann klar zwischen einer unterweisenden und unterhaltenden Kommunikation zwischen Kunst und Publikum.

Plotin (205-270 vor Chr.) weist darauf hin, dass für ihn Kunst nicht bloßes Kopieren der Wirklichkeit bedeutet, sondern der Künstler dringt in die hinter den Phänomenen liegenden allgemein-gültigen Prinzipien ein und deckt sie in seinem Werk auf. 

Platon stellte den Mythos noch als Unverbürgt oder Lüge hin; - vielleicht "täuschte" er seinerseits die Leute in bewusster Absicht, aufgrund seiner kritischen Haltung gebenüber der Poetik. Denn er gilt als der Esoterik schlechthin verpflichtet, und war bestrebt - entfernt vergleichbar mit Gurdjieff in diesem Jahrhundert - die Menschen direkt zur Erfahrung der Ideen hinter den sichtbaren Phänomenen zu bringen.
Platon erkannte, dass die Menschen begannen, die Kunst nur noch als Zeitverteib zu nutzen. Die Kulte und Mysterien lagen bereits lange zurück und waren nur noch wenigen zugänglich. Das Leben wurde nun weitaus mehr von der Stadt und den dort herrschenden Bedingungen geprägt.

Homer und Hesiod gelten mit ihren epischen Gesängen und Dichtungen als die authentischsten Mythenschreiber, da sie zeitlich gesehen eine frühe Phase der griechischen Antike begleiteten.
In dieser Zeit, so kann man annehmen, waren sich die meisten Menschen noch sehr über die unmittelbare Präsenz höherer Wirkmächte im Klaren. Sinnbildlich gab es die griechischen Götter oben im Olymp, und andererseits die von ihnen beeinflussten Handlungen und Ereignisse auf Erden. Ferner gab es Nymphen und andere beseelte Naturphänomene - kurzum war das Leben eingebettet in eine mythische Atmosphäre, und ein mythisches Denken, so kann angenommen werden, war zwischen 3000-600 v. Chr. weit verbreitet.

Ovid und Vergil sind Dichter, die um die Jahrtausendwende (0) gelebt haben, von denen man zwar keine recht authentische Erzählung erwarten kann, aber dafür eine gute Zusammenfassung der Mythen.

Ovid versuchte vor allem das weniger Bekannte auszuleuchten; - seine Manier war die eines Musikers, daher versuchte er sich auch streng an die "Grammatik der Götter" zu halten.
Aus der Beziehung des Gottes oder des Helden hin zur Welt, suchte Ovid jene Stoffe aus, in denen etwas Bestimmtes noch nicht über die Jahrhunderte von anderen Dichtern behandelt wurde.
So etwa die seelischen Kämpfe der Medea. Während andere Dichter - innerhalb dieses Mythos um Jasons Kampf um das goldene Vließ - stets das Augenmerk auf die Hauptperson Iason richteten.

Lange davor, ich denke um 500-400 v.Chr. verlor sich im Mythos wahrscheinlich dieser besonders durch Musen herbeigeführte Bezug zu den höheren Wirkmächten und wurde mehr und mehr als Volkssage aufgefasst.

Man muss sich nun vorstellen, dass die Sprachbildung in dieser frühen Zeit der griechischen Vorantike (3000-800 v. Chr.) eine ganz andere gewesen sein muss. Es war noch nicht gängig, Erscheinungen so wie heute eindeutig einzuordnen in gewisse unterschiedliche und abstrakte Kategorien. Die Dinge selbst waren als solche Erscheinungen ja eine Kategorie. Zugespitzt formuliert: Man konnte gewissermassen nicht sagen, gib mir ein Messer, sondern gib mir das Messer.

Verkehrt wäre es zu behaupten, dass zuerst die ideelle Vorstellung geboren war..., denn die Schau (epopteia) war zuerst und liess ja erst die Ideen erkennen! Sie nahmen freilich keine Götter war, sondern sozusagen nur die Handschrift verschiedener Prinzipien, die sie mit dem Wirken von Göttern identifizierten.

Nach einer langen Zeit vorangegangen mythischen Erlebens wurden die ersten Kunstgegenstände geschaffen, auf die die Kraft der Mythen übertragen wurde. In einem weiteren Schritt führten die Musen der Dichter nun zur Ästhetik, und fungierten nicht mehr in erster Linie als Eingebung aus höherer Instanz, um eine Gottesnähe zu fördern. Der Dichter wurde nun wirklich ein Dichter.

Die Musen einer archaischen Zeit (anno 800 v. Chr.) können als höhere Instanz aufgefasst werden, die von damaligen Dichter angerufen wurden, und zu ihm sprachen wie ein Orakel.

Es entstanden anno 500 die Komödien; - die Mythen wurden nun aus einer gewissen Distanz betrachtet. Die Götter wurden nicht mehr ehrfürchtig angesehen, sondern mehr und mehr als Ideen aufgefasst. Vielleicht gab es hin und wieder die Auffassung, dass etwas wahres an den Geschichten war. Der unmittelbare Bezug zum wahrnehmbaren Wirken der Götter verlor sich aber zunehmend.

Von Sapphos Zeit (ab 650 v. Chr.), als die Mythen stellenweise noch als Sprache der Götter aufgefasst wurden, bis zu den ersten Rationalisten (500 v. Chr.), sind 150 Jahre vergangen. In 150 Jahren kann viel geschehen - das lohnt sich mal vorzustellen.
Es ist eine solche Zeitspanne, wie die Romantik des 1800ten Jahrhunderts zur Herrschaft des Nationalsozialismus reicht, und in der Kunst die Zeit des modernen und absrakten Realismus begann. Und von 800 bis 400 v. Chr., das ist wie 1400 (die Zeit von Albrecht Dürer) verglichen mit 1900 und Picasso. Aber wir sehen daran auch, wie tief verankert die Götter in das allgemeine Denken über lange Jahrtausende hinweg waren!

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Die Tragödien

Die epischen Gesänge des Homers (Odyssee und Illias) zeigten den Einflußbereich der Götter noch etwas mehr im Hintergrund - im Vordergrund steht bei Homer nämlich die Heldenreise.

Mit der Tragödie wird nun das göttliche Geschehen öffentlich vor großem Publikum inszeniert, und nun - anders als wie bei den Mysterien - ist es möglich, einen breiten Kreis von Zuschauern an einem "Geschehen der Götter" teil haben zu lassen. 

Das Theater war der Zeit neu und es stellte dem Zuschauer potentiell sein eigenes persönliches Schicksal beispielhaft vor Augen.
Gemeint ist jener Umstand, wie es konkret ist, nämlich unter den Gesetzen der Götter zu stehen: Diese Gesetze waren durchaus klar und geordnet, ablesbar an den einzelnen Göttern (ihren Attributen) und ihrem Eingreifen in das Leben eines Helden, und den Konsequenzen bei Missachtung dieser Gesetze. Aber die Götter und das Wirken der beobachtbaren Kräfte waren (und sind) der menschlichen Willkür zugleich ähnlich.

Überaus festgelegt und deterministisch ist die Schöpfungsordnung nicht.
Aber man sieht zum Beispiel an einem Baum, dass es eine gewisse festgelegte Stuktur hat, die einen Rahmen vorgibt für das weitere und mehr willkürliche Wachstum, bzw. die weitere Entfaltung. 
Ob der Ast genau 120° vom Stamm absteht oder 80°, spielt keine so grosse Rolle, als wie man an den Proportionen der einzelnen Äste zueinander ablesen kann, dass etwa der goldene Schnitt immer wieder zur Geltung kommt.

Die Zuschauer erleben durch die Vorführung eines dramaturgisch oft schwerherzigen Stoffes (oft ohne Happy End), eine innere Läuterung und Reinigung. Sie werden so herangeführt an das Gewahrsein höherer Mächte. Ihnen werden durch die Klagelieder, also den Untergang des Helden am Ende, auch nahe gebracht, Elend und Verlust in ihrem eigenen Leben ebenso als Ratschluß der Götter anzusehen, sich also mehr gewahr zu sein, dass das Wirken bzw. Leiden gewiss irgendwo einen Sinn hat - und wenn es darin besteht, dieses Wirken und Leiden anzunehmen und sich ihm weitgehend zu fügen (ein Aufbegehren gegen das Unabwendbare, das zeitigt unsere allgemeine Vernunft auch heute noch, führt oft nur zur weiteren Hybris).

Nun hat man einiges Schicksal in seinem Leben gehabt und noch vor sich, und muss sich nur noch abfinden mit seiner Aufgabe - was leichter fällt, wenn man die Götter und ihr Wirken dazu heranzieht. Es kann keine Rede von Determinismus sein, denn es handelt sich im Grunde nur um eine andere Beschreibung der Wirklichkeit: wie wir Wirklichkeit aber mit Geschick (=Schicksal) verbinden, ist uns selbst auferlegt und die Götter mögen uns dabei inspirieren oder anleiten.

Es steht auch manchmal ausdrücklich die Freude als Schluss des Geschehens auf der Bühne, so heisst es bei der Orestie von Aischylos: "Jubelt und Singt!"

Bei den Tragödiendichtern wird das göttliche Walten und Herrschen gezeigt, der Mensch mal von diesem, bald von einem anderen Gott geführt oder beschützt. Es wird auch die Intrige, das Ränke- und Pläneschmieden der Götter untereinander gezeigt - dann ist der Mensch manches Mal im Mittelpunkt dieses göttlichen Wirkens verstrickt. 
Oft kann der Mensch nicht anders, als den Weg der Vorsehung zu gehen. Oder der einzige Lösungsweg besteht im Verzicht auf etwas bestimmtes, wenn er etwa das Orakel befragt, weil die Götter das Gewollte für ihn nicht vorgesehen haben. Will man es trotzdem, leidet man wohl zwangsläufig.

Mit der Tragödie und dem Theater wird eine Brücke zur breiten Masse geschlagen, um ihnen gewissermaßen hautnah die Archetypen vorzuführen - ansonsten galten etwa die esoterischen Mysterien nur für Eingeweihte. 

Die Tragödie im Theater, mit der Darstellung göttlicher Macht und menschlichen Aufgaben und Prüfungen, geht aus den Mysterien hervor - da es auch im Theater um eine gewisse Art der Berührung mit esoterischen Vorstellungen geht.
In dieser Zeit, noch vor Platon, waren die Götter zumindest eine religiöse Instanz. Im Theater bildet die Schwelle von Schmerz und Tod den Mittelpunkt der Inszenierung (was zur Katharsis führt).

Aischylos (525-456 v. Chr.) war einer der ersten großen Tragödiendichter (es gab davor schon einige Wegbereiter, die geringere Bedeutung erlangten).

Sophokles (496-406 v. Chr.) war ein Schüler von Aischylos. Euripides ist schliesslich der dritte der grossen Tragödiendichter (ca 480-406 v. Chr.). Von Aischylos, Sophokles und Euripides, die je etwa 100 Tragödien geschrieben haben, sind nur jeweils etwa 10, bei Euripides 18 erhalten. Die bekannte Tragödie "Der gefesselte Prometheus" stammt von Aischylos. Es gibt nicht viele erhaltenen Werke dieser frühen Zeit, in der Prometheus zum Thema gemacht wurde.

Mit der Komödie, die nach der Tragödie als Form des Theaters folgt, wird das Götterschauspiel weniger ernsthaft und der "heisse Draht" zum Göttlichen verschwimmt meist in dem Bedürfnis der Menschen nach bloßer Unterhaltung.

Die Mysterienkulte

Im Wechsel von rythmischen Festen, im Rythmus der Jahreszeiten, allein darin wird schon der Einklang mit der Natur, und mit der ganzen Schöpfung deutlich. 

Wir feiern heute zwar auch solche Feste der Jahreszeiten, ohne uns dabei aber bewusst mit der Natur zu verbinden. Sich der Natur auszusetzen im Frühling, um dadurch das kommende Jahr über den Impuls vorzuprägen, oder im Erntedankfest eine Hymne an die Schöpferkräfte der Erde zu zeigen, sich auf einem rechten Weg zu begeben, im Einklang zu sein mit dem Numinosen oder der Mutter Erde, um für den kommenden Winter geradezu Zuversicht zu speisen (dass die Fruchtbarkeit der Natur wiederkehrt).
All das ist aus der Beobachtung natürlicher oder allmächtiger Kräfte entsprungen, aber noch wichtiger ist der Einbezug als Mensch und Lebewesen in diese Vorgänge des natürlichen Lebens, woraus sich konkret ein sinnhafter Bezug entwickeln kann.

Eingeweihte sind es, die an einem Mysterienkult teilnehmen bzw. teilhaben.
Sie sind eingeweiht nicht nur in Geheimnisse, sondern das, was geschaut wird, ist schon Geheimnis; - darüber zu reden, was in visionärer Schau gesehen wurde, erzeugt auch heute noch Verwirrung bei anderen Menschen, wenn man sie mit dem behelligt, was man gesehen hat. Denn was man gesehen hat, ist einmal oft nur in symbolischen Verkleidungen gehüllt und zum anderen kann die Bedeutung nur individuell entschlüsselt werden (weil man selbst diese Schau vollbracht hat und eine persönliche Bestimmung damit verbunden sein kann).

Man wird von den äusseren Dingen des Mysteriums her vielleicht nichts besonderes finden, denn es kommt wirklich nur auf die individuelle Schau (epopteia) an: sich versenken, stille werden, sich dem Göttlichen nähern durch Schau geweihter Gegenstände. Diese geweihten Gegenstände waren sicher auch durch die Aufmerksamkeit der Priester und durch die Anzahl vieler Zeremonien regelrecht energetisch aufgeladen.

Es ist Meditation, Kontemplation und Schau der Kräfte der Schöpfung. Bei Dionysos-Kulten kommt noch die feierliche Handlung als Orgie hinzu, die enthusiastische Verzückung und Aktivierung der emotionalen Kräfte.
Seligkeit und Glückszustand werden in einer besonderen Ebene und Sphäre des Erlebens erfahren, nämlich abgetrennt vom Alltäglichen.

Es ging im Mysterienkult um grundlegende Geheimnistuerei über den tatsächlichen rituellen Ablauf und Inhalt des Mysterienkults, aus welchen Gründen auch immer. Das Verraten von Geheimnissen, also die Kundgabe über Inhalte, wurde mit der Strafe des Todes angedroht.

Viele Geheimlehren sind bekannt. In ihnen wird die magische Kraft des Wortes betont, die Aufmerksamkeit und das Sehen, die innere reine Einstellung und Haltung, die magische Kraft, die sich auf die Gegenstände überträgt und zur Entfaltung kommt.
Gegenstände, durch deren Anordnung und zeremonielle Bewegung diese Kraft eingesetzt wird, zurückgeführt wird auf die Handelnden - im kollektiven Sinn auch potenziert. Diese magische Kraft ist keine Allegorie, sondern tatsächlich wirksam für jene, die sich ihr bedienen können.

Für die Mysterienkulte kamen offensichtlich nur Menschen in Frage, die einigermaßen geläutert waren, die ihre Haltung und Charakter durch verschiedene Proben des Lebens gestärkt hatten oder von sich aus eine besondere Zuwendung zum Göttlichen aufwiesen. Anscheinend durfte jeder, wenn er denn zu der Aufnahme diverser Regeln und Pflichten bereit war, gleich welchen Ranges und Standes, an einem Mysterienkult teilnehmen.

Für einen herkömmlichen Kult, im Gegensatz zu den Mysterien, also etwa ein Stadtkult, war anscheinend die ganze Gemeinschaft aufgerufen, wie später das Christenthum zum Kirchgang aufrief. Und diese Ausübung war an strengen Regeln gebunden: Im Kult wurde ausschliesslich die Stadtgottheit vereehrt, der Schutzpatron des Herrschers oder des Handwerks. Wenn es eine vorübergehende Gefahr gab, etwa wenn es Krieg oder Dürreperioden gab, dann wurden entsprechende Gottheiten gemeinsam im Kult angerufen. 

Doch mit dem Mysterienkult war freiwilliges Kommen verbunden.

Mysterienkulte hatten sich überall in Griechenland verbreitet, einer der ältesten und berühmtesten Kulte, war der Kult um Demeter und Persephone:

Die eleusinischen Mysterien

Mindestens seit 1300 v. Chr., vielleicht schon seit 1500 v. Chr. (oder noch früher) wurde dieser Mysterienkult begangen.
Es gab mit der Zeit diverse Veränderung in der Ausführung, doch die spirituelle Dimension war stets die tragende Säule des Kultes gewesen. 

Viele versprachen sich eine Läuterung der Seele, was ihnen nach dem Tode zugute kommen sollte.
Ich nehme an, dass diese Vorstellung aber erst in der zunehmend rationalistisch werdenden Zeit ab 500 v. Chr. auftauchte.
Ansonsten galt die Teilnahme an den Mysterien als Läuterung und auch als Erlebnis an sich (und wurde nicht auf ein Jenseits verschoben).

Der Tod wurde von den frühen Griechen nicht extensiv in die Vorstellungswelt einbezogen - der Hades existierte als Ort, aber der personifizierte Tod taucht nur sehr selten im Mythos auf.

In den langen Zeiten der Jahrhunderte und trotz der Veränderung von Herrschaftsverhältnissen, wurden die Mysterien stets ehrfürchtig gepflegt und erweitert. Die Haltung beinhaltete eine tiefe Frömmigkeit. Verehrt wurde Demeter.
Erweitert wurde der Kult zum Beispiel durch eine lange Prozession während der Mysterienfeiern - und damit stand der Ablauf der Mysterienfeiern für lange Zeit fest.

Geheiligte Gegenstände wurden in einer 30 km langen Prozession von Eleusis nach Athen überführt, und schliesslich wurde der Weg von Athen zu Eleusis zurück angetreten. 

Am Beginn des Umzuges gab es eine rituelle Reinigung im Meer.
Jeder Teilnehmer trug während der Prozession einen Stab, geschmückt mit Myrtenzweigen und Blumenrosetten, am Ende des Stabs hing ein Beutel mit den neuen Gewändern, dass die Teilnehmer nach der Nacht der Weihe (in Eleusis) anzogen, als Zeichen, dass sie sich gewandelt haben und dass sie ein neuer Mensch geworden sind.
Die Frauen trugen auf dem Kopf ein Keramik-Gefäß mit Gerstenmehl und Minze, die Männer ein Kännchen desselben Saftes.
An diesem Tag vor der Ankunft in Eleusis wurde gefastet. Als man in Eleusis ankam und die Sonne unterging, wurde das Gerstengetränkt (Kykeon) als einzige Mahlzeit des Tages getrunken.
Dann wurden in der grossen Halle des Tempels weitere geheime Riten vollzogen. Einige Priesterinnen strebten dabei auch Visionen an, die sie den anderen Eingeweihten kund taten.
Während der anschliessenden Weihe wurde ein Schwein (Ferkel) geopfert, das jeder Teilnehmer bei sich führte (wahrscheinlich erst in Eleusis nach der Prozession auswählte oder aber während der Prozession die lange Wegstrecke mit sich führte - das würde aber bedeuten, dass man so mit dem Kännchen, dem Stab und dem Ferkel ziemlich beladen gewesen wäre).

Der Verrat der geheimen Vorgänge und einzelnen Inhalte des Ritus innerhalb des Tempels, wurde mit dem Tod angedroht.

Rekonstruiert wurde (aus Quellen der antiken Zeit, vermutlich Leute, die aus irgendeinem Grunde unberührbar waren, oder aus einer Spätzeit der Mysterien, als die Todesstrafe nicht mehr galt usw. , auch aus archäologische Funden etc.), dass beim Einzug in die Weihehalle jeder Teilnehmer aussprach:
"Ich habe gefastet, ich habe vom Kykeon (Gerstensaft) getrunken, ich nahm etwas aus der Cista (ein Gefäß, das die Priesterinnen während der Prozession auf dem Kopf trugen), hantierte damit, legte es dann in den Kalathos (Korb) und aus dem Korb wieder in die Cista."

Auf einigen bildlichen Darstellungen wird diese Cista gezeigt, wo eine Schlange um das Gefäß gewickelt ist. Der Myste (=Teilnehmer) hatte furchtlos diese Bewährung zu bestehen.

Man nimmt an, dass die geheimen Gegenstände Phallus und Mutterschoß symbolisierten.
Etwa der Mörser und Stößel, die hier bei ihrem Zusammenkommen die Umwandlung symbolisieren (die Umwandlung, Verwandlung ist ein wichtiges Attribut der Demeter!), und was symbolisch für den Übergang des Getreidekorns von einem Zustand in einen anderen steht, so wie das Korn seine Verwandlung auf dem Feld erlebt: es wird in die Erde gegeben (Verlust, Tod) und es geht neues Wachstum daraus hervor. 

Es könnte auch anderes in diesem Korb gelegen haben, es wird wahrscheinlich sogar etwas - äußerlich gesehen - sehr banales gewesen sein.
Diese Berührung heiliger Gegenstände finden sich in vielen Kulten und sie hat ganz sicher ihre Wirkung, und verbinden auf jeden Fall den Teilnehmer mit dem Kultischen.

In einem Kultraum, der etwa 3000 Teilnehmern Platz bot, wurde dann eine Art Dienst abgehalten.
Geheime, d.h. geheiligte Gegenstände wurden vor der Versammlung hervorgeholt. Die heilige Schau (epopteia) fand nun statt.

Es waren gewöhnliche Dinge, etwa eine Getreide-Ähre. Aber diese Ähre allein war mit Symbolkraft aufgefüllt und nahm für den Moment dieser Zeremonie (als wertvollste Schau) ihren rituellen Platz ein. Es ging hier um die innere Vision.

Dem Mysten war ein bereits in diesen Mysterien erfahrener Mystagoge beigesellt, der den Neuling weise durch die Mysterien führte.
Teilnehmen an den Mysterien durften neben den Priestern, Priesterinnen und Hierophanten noch junge Initianten, und solche, die bereits an den Mysterien teilgenommen hatten. Und weiterhin einige, die auf sonstige Art in den Kult der Demeter eingeführt waren.
So kamen insgesamt etwa 3000 Teilnehmer für eine Prozession zustande. Während der Umzüge wurden Szenen nachgestellt, die die mythischen Geschichten der Demeter, Persephone und des Zagreus-Dionysos darstellen. 

Verbrecher, Mörder oder andere Unreine waren nicht erwünscht. Ansonsten betrachteten sich die Eingeweihten als fromm und gerecht, und machten keinen moralischen Unterschied zwischen einem Fremden und einem Eingeweihten.
Reinheit ist hier für die Eingeweihten wichtig: wer durch die Myterienweihe ging, erhielt zusätzlich neben den intensiven Erfahrungen eine spirituelle Reinigung von Schuld.

Demeter ist die Göttin der Fruchtbarkeit der Erde, die Spenderin allen Wachstums.
Als Kornmutter schenkte sie die wichtige Nahrung. Als Erdmutter war sie gegenwärtig im Wachsen, Blühen und Gedeihen. Demeter war die Herrin (Göttin) über das Gedeihen. Persephone war das Korn (Kore), das in die Erde gebracht wurde, als notwendiger Übergang zur keimenden Frucht.
In der Umkehrung ihrer Symbolik steht Demeter aber auch für das Vergehen und Verwelken. Woran insbesondere auch ihre Tochter Persephone erinnert, die einst von Hades geraubt wurde und sodann nur noch einen Teil des Jahres auf der Erdoberfläche verbringen darf, und das Kommen des Frühlings einleitet. In dieser Weise wird aus dem eleusinischen Mysterienkult auch ein Initationskult für den Übergang zwischen Jugend und Erwachsen-Sein.
Die mythische Magd Jambe, im Mythos angestellt beim König Keleos, ist auch Bestandteil der Mysterien (manchmal als Baubo bezeichnet): Sie war es, die die verzweifelt nach Persephone suchende Demeter im Mythos zum Lachen bringen konnte und zwar mit obszönen Gesten, bei denen die Baubo/Jambe ihre Geschlechtsteile entblößte, die wahrscheinlich entweder auf die Natürlichkeit des Verlustes der Jungfräulichkeit hinweisen sollten (Hades entführte Persephone schliesslich womit fast sicher auch der Verlust der Unschuld angedeutet ist. Eine weitere Anspielung auf die Jungfräulichkeit kommt in einer weiteren Variante des Mythos zustande: so kommt Demeters Kind Iakchos zwischen Baubos bzw. Jambes Beinen hervor). Oder es deuten die Scherze der Baubo auf den dionysischen Aspekt der Demeter hin, die den Menschen durch ihre Fülle der Gaben Freude und losgelöste Heiterkeit brachte - als ob Baubo die Demeter erinnerte, was ihr (Demeters) wahres Wesen sei: so wurde während der Prozession sehr oft ausgerufen: Iakch' o Iakche! Dieses Iakch' o Iakche deutet auf Iakchos, Zagreus-Dionysos hin, und wird in den Mythen als Sohn entweder der Demeter oder der Persephone (mit Hades) dargestellt.
Im weiteren Verlauf der Wanderung (der Prozession) wurden heitere, obszöne Gesten und Witze gemacht.

Die Persephone wird als Kore (Korn) beschrieben, sie verkörpert hier den Verlust des Getreidekorns, das man der Erde übergibt, und damit scheinbar verloren gibt, bevor aus dem Korn das Wachstum der neuen Pflanze entspringt.

In Eleusis gab es das rharische Feld, das der Demeter geweiht war und schon Eleusis liegt in einer sehr fruchtbaren Gegend - so war dieses rharische Feld Inbegriff der Fruchtbarkeit.
Hier wird die Geschichte erzählt, dass Demeter dem Königssohn von Eleusis, dem Triptolemos ("Dreimalschüttler", der der Getreide gründlich reinigt) die erste Ähre geschenkt und den Getreideanbau gelehrt hatte, um ihn damit auszusenden, nämlich der ganzen Welt die Kunst des Säens und Erntens und damit eine höhere Gesittung zu überbringen.
Dies tat Demeter aus Dank für die Gastfreundschaft des Königs Keleos, als Demeter bei seinem Hause Einkehr fand, während sie auf der Suche nach Persephone war. Dort bei Keleos hütete sie als Amme die Kinder zusammen mit zwei weiteren Ammen, darunter ein Sohn des Königs, Demophon.

Demeter selbst war es im Mythos, die den Ablauf des zu schaffenden Kultes festlegte: das geschah, nachdem die Mutter des Demophon, Metaneira die Demeter überraschte und misstrauisch fragte, warum er Demophon über dem Feuer röstete (Demeter tat das heimlich, um dem Königssohn die Sterblichkeit auszubrennen). Demeter, überrascht von der Entdeckung, beschwert sich bei der Frau über die Beschränktheit menschlicher Wahrnehmung und verlangt, dass man ihr zu Ehren einen Tempel baue und sie selbst werde dir Riten lehren, welche die Eleusiner üben mögen, um damit der Göttin Herz zurückzugewinnen. Göttinnen waren seit eh und je im griechischen Mythos mit dem Attribut der Unnahbarkeit ausgestattet - niemand durfte sie beobachten, ohne dass die Göttin eingewilligt hätte.

Während nun der Tempel gebaut wurde, war Persephone ja noch immer verlustig, und so schickte sich Demeter an, die Saat im Boden zu halten, Acker und Furche blieben fruchtlos. Erst daraufhin kommt der lange Weg zustande, dass Hades, Demeter, Zeus, und Persephone zu einem Kompromiss fanden, so dass Persephone einen Teil des Jahres bei Hades verbrachte und den Rest des Jahres bei Demeter an der Oberfläche.
Keleos war im Mythos auch der erste Priester des Tempels in Eleusis.
Dieser Mythos um Demeters Kummer, die Suche, die Freude der Wiederkehr bildet die heilige Geschichte, die im Kult in Eleusis jährlich erneut begangen wurde.

Persephone kann als Attribut bzw. Teil der Demeter betrachtet werden. Demeter ist die Kornmutter, Persephone das Kornmädchen (Kore). Jeden Frühling kehrt der jugendliche Aspekt der fruchtbaren Weiblichkeit wieder und jeder Frühling erzählt uns von der ewigen Jugend dieser Fruchtbarkeit.

Ein weiterer bedeutender Kultplatz in Eleusis ist eine Höhle mit zwei Kammern, die sinnbildlich für den Eingang des Hades steht. Hier geht es wiederum um die Erfahrung der Schau, Vision oder symbolischen Erfahrung der entführten (verlorenen) Persephone, vermutlich initiiert durch Priesterinnen, die den Teilnehmenden in die Höhle führte. So wie heute eine Museumsführung darin besteht, Gruppen von Leuten mit Worten bestimmte Beschreibungen über die Kunstwerke zu geben, bestand dieser Vorgang in der mythischen Zeit für jeden einzelnen in der Schau und Erfahrung eines gewissen Erlebnisses, vermutlich initiiert durch eigene Empfänglichkeit gegenüber dem Numinosen und einer Art schamanischer Führung der Priesterin (massgeblich durch ihr energetisches Feld hervorgerufen), um eine gefühlsmässige Vision in der Höhle zu erhalten.

Die Mysterien sollten ein besseres Los im Jenseits vermitteln: "Selig, wer dies geschaut hat und so unter die Erde geht... er kennt das Ende des Lebens und den von Zeus gegebenen Anfang..."
Ohne Zweifel waren tiefgehende Visionen über Schöpfung und Sein mit dem Kult verbunden.

Der Dionysoskult

Hier geht es um den Saft der Rebe, die den mühselig Schaffenden den Ausgleich bringt, durch Befreiung von den Sorgen, und der Teilhabe an der entstehenden Freude und Gelassenheit.
Wilde Orgien sind die eine Seite, die in der späten Antike aufkamen, aber der Dionysoskult geht auf alte Kulte des rein Ekstatischen zurück, die anscheinend schon im minoischen Kreta anno 2500 v. Chr. ihren Vorläufer fanden.

Vordergründig ging es hier um das ausgelassene So-Sein, welches ekstatisch betont wurde durch geselliges Tanzen und der Musik. Auch im Schamanismus findet man den Weg zur Trance durch heftige Körperbewegungen.
Das Stirb-Werde Motiv ist hier, weil es ebenfalls um einen Vegetationsgott (Stirb und Werde-Prozesse der Natur) geht, sehr präsent. Der Wein spielt nicht in allen Kulten um Dionysos die entscheidende Rolle, um zur Trance zu gelangen - wohl war der Wein in vielen Fällen nur ein Neben-Mittel.
Der Dionysos-Kult und die Mysterien um Dionysos spiegeln auch den animalischsten Teil jener alten archaischen Archetypen wieder. In antiken Mysterien geht es jedoch immer um die spirituelle Komponente.

Übrigens wurden die Mythen um Dionysos erst klar ausgestaltet und formuliert in der Zeit nach 500 v. Chr.; obwohl es einen solchen Kult um Dionysos als Gott auch schon lange vorher gegeben haben mochte. Bzw. das Wilde und Ekstatische dürfte einer dem Dionysos ähnlichen (göttlichen) Gestalt schon lange zugeschrieben worden sein; - so gab es auf Tontafeln der mykenischen Zeit (1250 v. Chr.) schon einen Diwunusos, der ihn Verbindung mit dem Wein gebracht wurde (auch andere antike Götter tauchen zu dieser Zeit schon in leicht anderer Schreibweise auf; - diese andere Schreibweise bezeichnet wohl stets dieselbe Essenz des gemeinten Gottes wie sie sich später noch genauer kristallierte; - doch die Auffassung der Götter, so kann man annehmen, wandelte sich mit der Zeit und mit der zunehmenden Entfaltung der Kultur leicht, wahrscheinlich wurde alles mit der Zeit etwas verfeinert).

Dionysos wurde dann zum Sohn Zeus und der Tochter der Semele.
Je nach lokalem Ritus und Zuschreibung nahm Dionysos viele Eigenschaften auf, und wurde zu einem vielgestaltigen Gott.

Der Mythos sieht ungefähr so aus:
Dionysos und sein Gefolge brachten den Weinstock über Kleinasien bis nach Indien.
Er wusste seine Anerkennung mit seinen Triumphzug durch freundliche Mittel oder Gewalt durchzusetzen. Am bekanntesten für solche Grausamkeit ist sein Wahnsinn, den er über den Spötter oder Unwilligen ausbreitet, und das Gegenbild dazu bildet der einfache Ausbruch aus der alltäglichen Ordnung, ein wähnendes freies Sinnen, das den Menschen aus seinem Alltagstrott befreit.

Demeter steht für die Kultivierung, den Ackerbau, der die Zivilisation erfordert bzw. mit sich bringt. Dionysos aber macht frei für den ungezähmten, wilden bzw. triebhaften Aspekt des Seins - der apollonischen Ordnung durchaus entgegenstehend. Wo Apollo für das Bilden vom klaren Formen steht (zB Skulptur), da steht Dionysos für die Musik, die sich nicht in klare Ordnung fassen lässt, ist nicht sichtbar, noch greifbar, Musik ist fast so beschaffen wie der Rausch. Apollo strukturiert die Musik und liebt die klare Ordnung. Dionysos erfreut sich an jeglicher Musik.
Hier steht der Aspekt der natürlichen Dinge im Vordergrund, die ihre Form verlieren und sich der Wahrnehmung öffnen, ohne dass eine Kontur oder Form diese Dinge begrenzen würde.
Es geht bei Dionysos um Rausch, Ekstase, Rausfallen aus der normalen Identität, als kraftsteigerndes Mittel; - zur Potenz führend war das Essen - man möge fast sagen fressen - von rohen Fleisch.
Das Zerreissen von Tieren war die höchste Form der Vollendung des natürlichen Impulses der ungebändigten Natur.
Man kennt aus manchen Naturvölkern diese Vorstellung, dass man sich durch den Verzehr des rohen Fleisches, das noch warm ist, die Kraft des Tieres aneignen möchte. Diese Tat galt im Kult als Initation, um sich Bakchos zu nennen, sprich sich zum Gefolge des Dionysos zu zählen. Weitere Anhänger sind die weiblichen Mänaden und Satyre.

Ferner ist das Heraustreten aus der normalen Identität (ekstatis) durch Masken und kostümierte Anzüge begleitet und unterstützt worden. Das Herumtragen des Phallus, durch die dem Dioynsos folgenden Satyren, bringt den Fruchtbarkeitsaspekt des Gottes Dionysos in die Aufmerksamkeit.
Unbeschwerte Fröhlichkeit ist bei Dionysos aber eine gefährliche Gratwanderung.
Im Mythos tauchen etwa Geschichten auf, dass berauschte Hirten den Rausch für Wahn und Gift halten. So wurden Icarius und seine Tochter Erigone wie so viele andere von Dionysos mit Wein beschenkt. Ein fröhlicher Umtrunk sollte folgen und Icarius lud Hirten des Umlandes von Athen ein. Diese berauschten sich schnell, aber sie hielten ihren Zustand für eine Vergiftung, so erschlugen sie, solange sie noch konnten, Icarius und Erigone. Dionysos rächte sich an Athen mit einer Selbstmordplage: junge Mädchen wurden in den Wahnsinn geführt und erhängten sich an den Bäumen.
Ein Orakel bekundete den Athenern, sie sollten die Mörder hängen, damit die Plage aufhöre. So sind Vergehen während des Rausches dennoch nicht folgenlos (und werden als Vergehen an der göttlichen Ordnung aufgefasst bzw. des Gottes, der über ein bestimmtes Gebiet oder eine Stadt herrscht).

Rausch, Wildheit, Sexualität und Ekstase sind menschliche Urerfahrungen, aber für den dionysischen Kult geht es dabei um das Entrücktwerden.
Das Maß des Erlaubten ist hier weit gespannt, im Sinne einer Moral der Losgelöstheit und sinnlichen Freizügigkeit.

Weitere Einzelheiten dieses Kultes ähneln auch anderen Kulten: es geht wieder um Fasten, Musik, Aufspeichern aller Energie (auch sexuelle Enthaltsamkeit), was dann alles sich eruptiv entladen mochte.

Die Kulthandlung sollte zum Göttlichen führen, zur Begegnung mit der göttlichen Lebensmacht.
Es geht auch wieder um manche geheiligten Gegenstände, und weihevolle Worte und Gebete.
Aber natürlich auch um Musik, Tanz, Lebendigkeit, ausgelassene Freizügigkeit - das innere Wollen sollte zur Gotteserfahrung bereit sein, über den Weg der Musik, des Tanzes und Losgelöstheit. Die Erfarhung - egal welcher Art - wurde bereitwillig zugelassen.

Solche Erfahrungen stellen sich in dem einen oder anderen Kult unterschiedlich ein.

Kybele

Ein weiterer typisch griechischer Mysterienkult ist jener um Kybele. Hier geht es um das Thema Wiedergeburt (Stirb und Werde!), und um wieder erlangte Unschuld und eine Vereinigung mit der grossen Erdmutter Kybele, wofür man in eine Höhle steigt und eine Art Todeserlebnis vollzieht.
Auch hier geht es wie bei allen Kulten um das innere Schweigen, die Stille und daraus folgender Ekstase und tiefer Erfahrung.
Bei Demeter taucht der Bezug zum Tod auf, und hier ist es ebenso, nämlich als Hoffnung nach dem Tode (seelisch) weiter zu leben bzw. seelisch sich zu entfalten. Gemeint ist sicher eine Art Reinkarnationslehre; siehe auch weiter unten die Erläuterungen der Seelenwanderung in Bezug zum orphischen Kult; moderne Gelehrten vereinfachen oft die Reinkarnationslehre und sprechen bloss von einem sprichwörtlichen Weiterleben nach dem Tod, vermutlich in Anlehnung der Verzerrungen der Seelenwanderung, in der Lehre des späten und mittelalterlichen Christenthums.

Kybele ist ursprünglich eine Muttergottheit und auch phrygische Berggottheit.
Sie wurde zum Berg Ida in Bezug gesetzt und als Bewohnerin von Höhlen, und deshalb auch nicht immer in Tier- oder Menschengestalt verehrt, sondern meist als Stein.
Sie steht für die Fruchtbarkeit und für das weibliche Geschlecht. Die lebenserzeugende Kraft in Pflanzen- und Tierreich, die Kraft der Tiere und Pflanzen selbst, die Erde, aus der alles entsteht, Meer und Feuer, Getreide, fruchtbringende Bäume für die Menschen, Flüße und Blätter und fette Weide für das Vieh.
Schliesslich galt sie in der späten Antike auch für das Prinzip des Lebens überhaupt. Manchmal hat man sie als Gründerin und Schützerin der Städte gehalten, die sie auf ihrem Rücken trägt. Ursprünglich aber geht es um die fundamentale Lebensmacht.
Und für die Griechen wird sie oftmals als Mutter aller Götter betrachtet, bzw. der Rhea gleichgestellt. Der Stier ist Kybele als Attribut beigestellt.

Themen der Kybele beruhen auf ihre mythischen Geschichte:
Eine wichtige Gestalt in diesem Mythos ist Attis. Die grosse Mutter Kybele hatte einen schönen jungen Geliebten, Attis. Der wurde ihr aber untreu und von der Göttin mit Wahnsinn geschlagen. In einer anderen Version verschmähte Attis der Liebe Kybeles. In diesem Zustand eines Wahnsinns entmannt er sich und stirbt unter eine Pinie.
Trauer und Reue der grausamen Göttin folgen, schliesslich die Bitte an Zeus, dem geliebten Attis das Leben wieder zu schenken, was jedoch nur dazu führt, dass der tote Körper des Attis niemals verwesen wird und seine Haare immer weiter wachsen und nur sein kleiner Finger beweglich bleibt. Raserei, Kastration, Tod und teilweise Wiederherstellung sind die zentralen Motive dieses Mythos.

Es gibt allerdings noch andere Erzählungen des Mythos, in denen Attis von Kybele zwar ebenso geliebt wird, aber von anderen umgebracht wird.
In einer Variante ist es Agdistis, die den Attis durch sein Erscheinen wahnsinnig macht und sich daraufhin die Hoden abschnitt.
Oder Attis geht hervor aus dem Blut, das auf die Erde tropft, oder aus einer Frucht des Mandelbaums, das an der Stelle aus dem Blut wächst - all das, als Agdistis von Dionysos entmannt wurde.
Adgistis selbst ist ein dämonisches Zwitterwesen, zweigeschlechtlich, vor dem die Götter sich fürchteten, und sie schnitten ihm deshalb die Hoden ab, damit dieser Erscheinung beizukommen war.
Attis gilt wohl in jedem Fall als Sohn des Agdistis und Kybele als Liebhaberin des Attis.

Nicht in allen Varianten des Mythos steht der Tod des Attis im Vordergrund - da aber der Kybele Kult den Tod des Attis anscheinend in den Vordergrund gerückt hat, scheint jener Mythos mit dem Tod des Attis auch der ursprünglichste zu sein (oder aber der Mythos wurde vom Kult so angepasst). Denn ein bestehender Kult geht immer auf sehr frühe Formen eines Mythos zurück, die lange beibehalten wurden.

In einer weiteren Variante taucht die Wut der Kybele indes nicht auf, ansonsten ist auch hier Attis kastriert, er macht sich nur im Weinrausch mit einer opfernden Geste an Adgistis selbst diese Entmannung. Die Göttin Kybele, die Attis liebte, habe die Hoden aufgelesen und in der Erde begraben.

In manchen Mythen taucht interessanterweise nicht der Attis auf, welcher nicht verwesen kann, sondern eine Ebengestalt, ein Ebenbild, das hervorgerufen wird nach seinem realen Tod.

Manch ein Deuter aus der Zeit der klassischen Antike (ab 600 v.Chr.) sieht die Erde die Früchte lieben, und die Strafe die Attis erlitt, ist das Sinnbild für den Tod der Frucht, was der Schnitter den reifen Früchten antue.
Der Tod des Attis steht für die Verwahrung der Samen, das Leben (des Attis) steht für die neue Frucht, die ausgebracht wird und heranwächst (aber nicht dieselbe Frucht ist, die einmal abgeschnitten wurde). In dieser Weise hat der Kult um Kybele auch Ähnlichkeiten mit den eleusinischen Mysterien, bzw. mit Demeter und Persephone. In einer Variante des Mythos nämlich wird Attis von Kybele auch vollkommen wiederbelebt.

Im Kult symbolisierte ein schwarzer Stein, ein Meteroit im Zentrum der heiligen Stätte, die Göttin.
Es gab besondere Reinigungsvorschriften und Kultmahlzeiten.
Der Kult findet oftmals blutige Ausprägung, man verstümmelte sich Körperteile, in orgiastisch-ekstatischer Art.
Seine Protagonisten sind die Priester, die sich Kybele zu Ehren entmannt hatten, die Galloi. An der Spitze dieser Eunuchen stand der Oberpriester, Attis genannt bzw. im Rang Archigalli.

Mit dem Mythos gibt es schon Ähnlichkeiten zu Dionysos (das Thema Wahnsinn und das Symbol Pinie zB; - in Phrygien wurde ebenfalls Dionysos vielfach verehrt und Kybele wurde ebenfalls als phrygische Berggottheit verehrt); und auch hier bei Kybele wird wild getanzt, begleitet von ebenso wilder Musik, mit Pauken und Zymbeln (Bronzebecken). Diese Schallbecken erinnern als gewölbte Flächen an den weiblichen Schoß (wird etymologisch so von Hans Kloft gefolgert).
Leoparden und Löwe sind die Attribute der Kybele, die ihren Wagen ziehen, und bewaffnete junge Männer begleiten den Wagen, Kureten oder die Korybanten, tanzend und mit lautem Gebrüll (Korybanten erzeugten schon beim Aufwachsen des Zeus Krach mit ihren Schilden, um die Schreie des kleinen Zeus zu übertönen, und bewachten ihn auf diese Weise vor den Nachstellungen des Kronos, der ja glaubte, wirklich den Zeus anstelle des Stein verschluckt zu haben).
In dieser Weise bilden die Korybanten um Kybele so etwas wie die Mänaden um Dionysos.

Es gibt spätere Erscheinungsformen bzw. Überlieferungen des Kultes in Rom, im nachchristlicher Zeit, dessen Ausprägungen sich vielleicht auf den Kybele-Kult noch zur Zeit der griechischen Antike beziehen lässt: Die Anhänger kamen kultisch in der Zeit zwischen 22. März und 27. März zusammen, eine mit Binden umwickelte Pinie symbolisierte den toten Attis, diese wurde in den Tempel gebracht, worauf ein langes rituelles Klagen folgte.
Am 24. März, dem Blutstag versetzten sich die Anhänger durch wildes Tanzen und aufreizender Musik in Trance und brachten sich mit Messern selbst Wunden bei, bespritzten mit ihrem Blut das Antlitz der Göttin. Eine wenige haben sich in diesem Zustand auch selbst mit einem eigens dafür vorgesehenen Steinmesser oder auch mit einer Tonscherbe entmannt.
Es symbolisiert die Kastration ein partielles Absterben, worauf im zweiten Schritt der kultische Zeugungsakt folgte: Die Hoden dienten nun als männliche Bekräftigung der Zeugungskraft der Erde und wurden in einer Grube vergraben.
Aber gleichwohl nahmen in späterer (römischer) Zeit die Entmannungen an der Zahl ab, auch die Priester und Oberpriester betrachteten es nicht mehr als zwingend, sich selbst entmannt zu haben.

Hier steht wie bei allen Kulten eine individuellen Heilserwartung im Vordergrund, und es geht auch bei Kybele in den frühesten Formen ihrer Kulte um das Berühren von heiligen Gegenständen, um das Essen kultischer Mahlzeiten und um das Trinken ebensolcher Dinge, und das Hinabsteigen (katabasis) in eine dunkle Höhle, Kammer oder ähnliches.
Diese Kammern oder Höhlen stehen zugleich für den inneren Raum, in der die kultische Handlung einen alchemistischen Höhepunkt findet und korrespondieren mit der Eigenschaft der Göttin, eine Berggottheit zu sein. Eine Höhle ist seit je her ein Ort des Ausserweltlichen, d.h. ein Ort, in dem das normale Leben abgeschlossen, aussen vor bleibt. Man steigt hinunter zu einer tiefen Erfahrung, ohne jeglichen Rückhalt.

Anscheinend erwarteten sich auch viele Teilnehmer an diesen (und anderen) Mysterien eine Läuterung für den unsterblichen Teil der Seele.
Allen Kulten gemeinsam ist die Vorbereitung auf den eigentlichen Kult: Tiefste Frömmigkeit, gewöhnlich auch bei allen Kulten der Eid auf Geheimhaltung nach aussen, die Askese und Reinigung (Wasserbäder im Meer oder Flüßen), dann irgendwann während des Kultes ein Fastenbrechen mit ritueller Mahlzeit, und strenge Abfolge der Zeremonie mit Berührung, Schau (epopteia) und Teilhabe an heiligen Gegenständen, wo irgendwann immer auch die mysthisch-spirituelle Schau (epopteia) folgt.
Diese epopteia wird namentlich in Bezug auf die eleusinischen Mysterien genannt, als höchster Grad der Initiation, kann aber, um die Sache zu vereinfachen auch auf vieles weitere bezogen werden, da die Schau als Vergegenwärtigung und Teilnahme am kosmischen Geschehen im Wesen der griechischen Religion liegt: Schau, Wahrnehmung, gesteigertes Bewusstsein.

Orphismus

Ein weiterer Kult ist der Orphismus, oder Orpheus Kult. Der Musiker und Sänger Orpheus kehrte im Mythos einst aus dem Hades zurück, als er versuchte seine Geliebte zurück zu holen. Dazu spielte der in der Musik sagenhaft bewanderte Orpheus auf seiner Leier, und konnte tatsächlich Hades dazu bewegen, ihm Eurydike zurückzugeben, unter der Bedingung, dass Eurydike sich nicht umwenden dürfte, was sie aber kurz vor dem Ausgang des Hades tat und deshalb zurückbleiben musste. (Dieses Motiv wurde übrigens sehr oft in der Kunst der Romantik verwendet).

Laut Aristoteles stand in den orphischen Versen, "dass die Seele aus dem All mit dem ersten Atemzug in das Lebewesen eingehe, getragen von den Winden". Der orphische Kult bezieht sich auf die Seelenwanderung. Dieser Kult taucht etwa 500 v. Chr. deutlich auf und korrespondiert mit den neuen Philosophien (auch unter Bezug auf Pythagoras entstand ein ähnlicher Kult), die von einer unsterblichen Seele beginnen zu sprechen (athánatos); - was sie genauer im lebenden Menschen als psyché bezeichnen: im Menschen ist eine psyché drin: émpsychon.
Man spekulierte: Die Seele ist nicht nur unsterblich, sondern sie stammt von den Göttern und kehrt nach mehrfacher Bewährung zu den Göttern zurück oder läuft für immer durch alle Bereiche des Kosmos (W. Burkert). Über die Wiederverkörperung entschied ein Totengericht oder der pure Zufall. Das bessere Los werde durch moralisch untadeligen Wandel verbürgt.

Auch durch Myterienweihe sei dieses bessere Los möglich: die Weihe, die von Schuld befreit, die Seele läutert - mit der Vorstellung, dass die Seele lichte Himmelssubstanz sei und der Tote letztlich in den Himmel kommen werde, und sich - wenn auch auf langen Wegen - zu dem Reich fügt, wo es hingehört.
In dieser Art erkennt man einige entfernte Ähnlichkeiten mit den Aussagen den Reinkarnationslehren anderer Kulturen oder moderner Spiritisten wie Edgar Cayce.

Strenge Lebensführung (bíos) gilt als Charakteristikum: Orphiker essen kein Fleisch, keine Eier, keine Bohnen. Und sie trinken keinen Wein.
Darin unterscheiden sich die Orphiker deutlich vom Kult des Dionysos. Dionysos wurde im Mythos ja bei seiner Geburt sogar gekocht (als er von Titanen überlistet wurde und von Rhea wieder zusammengesetzt).

Karmisches wird von Platon und Aristoteles (unter Bezug auf alte Lehren der Seher und Mysterienpriester) beim Orpheus Kult angedeutet: Die Seele sei wie in einem Gefängnis im Körper eingeschlossen, und habe Schulden, wofür auch immer, abzutragen. Es sei aber keine Strafe, sondern eher eine Art Wache.
Wir seien in diesem Leben und Leib, weil es (gewaltige) Verfehlungen gegeben habe. Nur lebenslange Reinheit könne die Schuld tilgen.

Oft sind es einfache und arme Menschen, die dem Orpheus Kult anhängen. Beim Kult um Pythagoras geht es unter anderem um das Verwischen und Vermeiden eigener Spuren im Verlauf des Lebens.
Beispielhaft dafür sind alltägliche Riten: Nach dem Aufstehen solle das Bett gemacht werden, als hätte nie jemand darin gelegen, das Heiligtum muss barfuß betreten werden, es darf nicht ohne Licht gesprochen werden, und es darf bei Licht nicht in den Spiegel gesehen werden. Die Spenden (Opfer) für die Götter sollten nur dort am Rande des Trinkgefäßes verschüttet werden, wo man selbst nicht die Lippen ansetzen wird.

Mit der Zeit kamen auch ägyptische Einflüsse zu den Griechen, so entstand der Isiskult und der Mithraskult (ab 300 v. Chr.):

Der Mythos um Isis

Der Mythos um Isis sieht so aus, dass ihr Geliebter Osiris von dem bösen Bruder Seth, einer anderen Götterordnung (vergl. Titanen und Olympier) umgebracht wird und seine Teile werden von Seth auf der ganzen Erde verstreut. Isis gelingt es gemeinsam mit ihrem Sohn Horus die Teile zusammen zu finden, zusammenzusetzen und wieder zum Leben zu erwecken.

Eine andere Variante des Mythos beschreibt nicht Horus als die Hilfe der Isis, sondern Anubis - und Isis setzt sich mit Falkenflügen an des Osiris Körper und fächelt ihm die Luft des Lebens zu. Dann erst wird Horus durch Isis und Osiris gezeugt, als Osiris durch das Zuwedeln der lebendig-machenden Luft neue Kraft erhielt.
Osiris wird es später sein - und zwar wenn er erwachsen geworden ist - der den bösen Seth überwindet. Dann aber muss er dennoch in die Unterwelt.
Nach dem Sieg über Seth wird in der neuen Ordnung Horus als Gott der Oberwelt installiert, die Herrschaft über das Totenreich fällt Osiris zu, die er zusammen mit Isis ausübt, die die Pforte bewacht. In diesem Totenreich ist auch ein erstrebenswertes Jenseits erreichbar, das man nach einer Prüfung vor einem Totengericht und nach einer besonderen Weihe erreicht.
Außerdem galt Isis auch als beinahe allmächtige Zauberin, die alle Geheimnisse und zukünftigen Ereignisse kannte.

Mithras-Kult

Beim Mithras-Kult geht es um den symbolischen Vertrag.
Mithras gilt als Übermittler der Übereinkunft, und verkörpert jene ethisch-religiöse Kraft, die beteiligt ist, um Parteien oder Menschen an einen zu bildenden Vertrag zu binden.
Mithras ist auch göttlicher Träger des Lichts und der Helligkeit. Für den Mysterienkult spielt die Beziehung des Mithras zu Sonne, Mond und Sternen eine Rolle, auch zum (kosmischen) Feuer; schliesslich ist auch das Stieropfer wichtig (als gemeinschaftliche Handlung, bzw. gemeinschaftsstiftende Handlung). Aus dem Körper des getöteten Stiers entsteht schliesslich im Mythos auch alles andere: die Pflanzen, die Welt in ihrer bunten Vielfalt etc. - Mithras steht noch ein für das Heil und die Unversehrtheit.

Ferner gibt es sieben Weihegrade: 1. Merkur, 2. Venus, 3. Mars, 4. Jupiter, 5. Mond, 6. Sonne, 7. Saturn
Hier ist der Aufstieg der Seele über die verschiedenen Sterne und Himmelszonen bis zur obersten Sphäre, Sonne und Saturn gemeint. Der Aufstieg zum Göttlichen.

Die Griechen hatten zwar Priester, bildeten aber keine geschlossene Hierarchie. Das religiöse Leben war weithin offen - und ein Opfer an die Götter konnte jeder vom Range eines Sklaven, über einen Fürsten bis hin Priester vornehmen. Die Priester könnte man einfach bezeichnen als Erfahrende und Kundige.

Ägyptische Einflüsse auf die Antike?

Eine massgebliche Beeinflussung der griechischen Götterwelt durch die ägyptischen Archetypen ist aus vielen Gründen unwahrscheinlich (nicht vor 500 v. Chr.). Die griechischen Götter mögen hier und dort Einflüsse aufgenommen haben, äusserliche und ausschliesslich die Form betreffend, doch die ursprünglichen griechischen Götter sind weitestgehend autark entstanden. Geht man die Zeitlinie zurück, gibt es genügend Hinweise auf diese eigenständige Entwicklung der griechischen Götterwelt und auch Kunstform.

Es gibt nur eine Schöpfungsordnung und es ist zwangsläufig, dass sich deshalb die Mythen diverser Kulturen ähneln.
Erst mit der zunehmenden Vernetzung der Welt ab 500-200 v. Chr. vermischen sich die Vorstellungswelten tatsächlich und der eine nimmt vom anderen, was er brauchen kann (man geht dazu über, das Fremde den eigenen bereits ausgestalteten Vorstellungen anzufügen).

Die Römer selbst behielten die Traditionen von vielen Kulten lange bei, bis dass die Christen das Heidnische verdrängten. Daraus, dass die Römer die Tradition der Griechen weiterführten, darf nicht automatisch geschlossen werden, dass die Griechen ihrerseits etwas ähnliches taten.  

Das Opfer

Für die Griechen konnten die Kräfte, die sie mit den Göttern identifizierten, zwar nicht dem eigenem Willen gemäß beeinflusst werden, aber beschwört. 

Das kann man sich aus heutiger Sicht so vorstellen, dass man ein persönliches Verhältnis zu diesen Kräften aufbaute. Hera war zum Beispiel eine Art Kraft, die wirksam sich aus dem speiste, was real in der Ehe gelebt wurde: nach Auffassung der Griechen konnte man eine Energie (Feld, Gott) nähren, indem man zum Beispiel einen Hera Kult pflegte oder der Hera Opfer darbrachte. Bedingt durch das Opfer entsteht eine reale, psychische, unbewusste Kraft, die man symbolisch mit der Tarot-Karte "Kraft" (Nr. 11) beschreiben kann. Ein Opfer führt zu einem energetischem Sog, der entsprechendes anzieht. Kein Opfer ist also umsonst.
So wurde diese Hera-Energie belebt und in gewisser Weise die Richtung der Energie gerichtet. Im Grunde entspricht sich hier auch entfernt der Karma-Gedanke diverser fernöstlichler Lehren.

Vieles in Bezug zu der Entstehung von Mythen und ihrer Bedeutung für das damalige Alltagsleben können wir aus heutigem Standpunkt nur vermuten. 

Die Griechen gaben stets eine Opferung aus ihren Einkünften oder Ernten den Göttern.

Oft gaben sie auch das Beste, bei Tieropfern allerdings waren es meist nur die Innereien. Vielleicht war das auch jeweils unterschiedlich (in Bezug zu Zeiten und Orten).
Was mag der Grund für diese Opfergaben gewesen sein? Einige meinen, auch die Griechen schliesslich selbst: "damit solle die Kraft erhalten werden". Gemeint ist die Kraft der geopferten Dinge, vielleicht auch die Kraft dieser Dinge, insofern diese Dinge nächstes Jahr wiederkommen.
In der Bibel steht als Ausspruch von Gott: "Was du mir gibst, erhältst du hundertfach zurück." Dies entspricht sich auch mit der einleitend vorgestellten These. 

Das Tieropfer wird bei den antiken Griechen auch schon vor 800 v. Chr. mit einer Mahlzeit verbunden.
Es ist nicht oder nicht mehr die reine Abgabe an die Götter.
Das Tieropfer ist also oft ein ritualisiertes Schlachten.
Auf dem Wege zur Mahlzeit werden genau befolgte Abläufe begangen. Zunächst werden die Hände gewäschen von allen Teilnehmern. Aus einem Opferkorb wird das lebende Tier entnommen, es wird ebenso mit Wasser besprengt. Ein Nicken oder Zucken des Tieres wird dabei als Geste verstanden, dass es einverstanden ist mit seinem Opfer.
Aus einem Korb nehmen die Teilnehmer Gerstenkörner oder kleine Steinchen. Dies alles stellt jedes Mal einen ins Ritual gesetzten Anfang dar. Der Anfang sollte in solcher Art mit Kraft geladen sein, um die ganze Handlung zu bekräftigen. Schliesslich wird vom Priester ein Gebet gesprochen, Anrufung des Gottes, Wunsch, Gelübde, feierlich und laut hallend, die Arme erhoben, und die Körner oder Steine werden von den Teilnehmern nach vorne zum Opfer-Tier und Altar geworfen, dann wird das Opfermesser aus dem Korb genommen und der Priester schneidet Haare von der Stirn des Opfers. Ein letzter Anfang. Jetzt ist das Opfer nicht mehr unversehrt, obwohl noch kein Blut geflossen ist.
Die Anwesenden sind in besondere Kleider gehüllt, was das Profane vom Heiligen ausgrenzen soll. Fromme Pflicht ist es den Altar und auch die Seitenwände des Raumes mit Blut zu bespritzen, wenn dem Tier die Kehle durchgeschnitten wird oder mit der Axt das Genick durchtrennt wird.
In diesem Moment schreien die Frauen schrill und laut, um dadurch (vermutlich) einerseits die Emotionen nicht (künstlich) zu unterdrücken, und in dem ritualisierten Ablauf andererseits in bewusster künstlicher Überhöhung zum Ausdruck zu bringen: dass das Leben den Tod übergellt.

Das Tier wird nun gehäutet, geschlachtet und von den Eingeweiden darf kosten, wer dem Kreis der Ritualteilhaber am nähesten steht. In gewisser Ordnung werden die ungenießbaren Teile und Knochen auf den Scheiterhaufen des Altars gelegt.
Die Götter kriegen hier nur die Reste. Aber es kann auch sein, dass man diese Reste durchaus als besonders wertvoll erachtete, da es bekannt ist, dass die Innereien oft besonders nahrhaft sind. In einer Art Sinnlichkeit wird es hier also dem Menschen leicht gemacht, sich ihrerseits das Beste zu suchen, während die Götter ebenfalls etwas bekommen, was als das Beste angesehen werden kann.

Man kann sicherlich davon ausgehen, dass die Tier-Opfer mit anschliessender Mahlzeit unter einem Aspekt bewusster Achtsamkeit zubereitet wurden, selbst wenn den antiken Griechen dieser Umstand nicht allzu bewusst war. Sie wussten es vielleicht nicht durch Reflektion, es gehörte sich einfach, es war überhaupt der Inbegriff "heiliger Handlung". Eine Art Vernunft, die sich von selbst ergab. Was ich unter einer gewissen Aufmerksamkeit verrichte, das präge und segne ich, oder verfluche ich (durch zB negative Gefühle). 
So assen die Teilnehmer das Fleisch, in das das Ritiual sozusagen eingeflößt wurde, und es potenzierte sich auf diese Weise die Wirkung des Rituals.

"Die Todesbegegnung wandelt sich im folgendem Schmaus um in lebensbejahendes Behagen" (Burkert)
Die Gerstenkörner könnten nun nach Burkert auch Pfeile symbolisieren, und damit die Jagd des Tieres nachahmen, welches beim Ritual oft ein domestiziertes Tier war - andererseits könnten diese Pfeile auch zusätzlich die Weihung des Opfertiers durch alle Teilnehmenden ausdrücken, nachdem sie sich die Hände wuschen.

Auch vor einer Schlacht werden Tiere geschlachtet, und aus den Eingeweiden einerseits von einem Kundigen der Ausgang der Schlacht gelesen, andererseits soll das Blutopfer um des Blutes willen den Anfang der Schlacht markieren, die Soldaten vorbereiten auf das anschliessende Blutfliessen.

Bei einer Totenbestattung werden Tiere geschlachtet und auf dem Scheiterhaufen mit verbrannt. Anscheinend soll hier dem Toten mit Blut wieder Leben zugeflößt werden, mit sozusagen archaischer Schminke der Toten (wir schminken die Toten auch heutzutage, allerdings sind wir uns dessen mehr der ästhetischen Gründe bewusst, als wie vielleicht grundlegend durch Schminken die Lebendigkeit aufrechterhalten werden soll; - auch Urzeitmenschen schienen die Toten mit roter Farbe zu bemalen).

Das Blut fliesst oft in einen eigens gehobenen Graben; - Homer schildert, dass auf diese Weise die toten Seelen noch einmal kurz zu Bewusstsein kommen, um von Blut zu kosten.
Das Blut fungiert als Träger der Lebens- oder der Seelenenergie. Daher war es üblich, auch eine kleine oder grössere Anzahl Opfer (nicht nur eines) darzubringen; - wie ein Blutmeer solle hier noch einmal Atmosphäre des Lebendigen geschaffen sein.

Es ist nicht klar, ob vielleicht dem rituellen Opfer, so wie W. Burkert meint, eine Art psychologischer Ausgleich inne wohnt. Im Angesicht des vielen Blutes und der Gewalt, erlebe die Psyche Kartharsis. Die These wäre: "Die Gesellschaft braucht die Ableitung natürlicher Aggressionen im Opfer".
Das leuchtet ein, indem man den Menschen niemals ohne seinen tief verankerten Jagdinstinkt betrachten mag, den andere auch als Aggressionstrieb bezeichnen. Allerdings muss das nicht die wirkliche Bedeutung des Opfers sein, sondern ergab sich wahrscheinlich nebenher oder ist Teil des Ganzen.

Es gibt natürlich noch das sogenannte Erstlingsopfer. Wenn man ein Mahl zubereitet, gibt man einen Teil den Flammen preis, bevor man selbst kostet, und man lässt diesen Teil in Rauch (für die Götter) aufgehen. Ebenso tut man es mit dem Wein, bevor man trinkt, verschüttet man ein wenig für die Götter.
Es mag hier auch wieder psychologische Effekte auslösen, zB der Habgier entgegenwirken; - aber für die Griechen ging es dabei wesentlich um den eigentlichen Bezug zu den höheren Wirkmächten, zu den Göttern - zu ihnen wollten sie die Verbindung nicht verlieren.

Was mit dem Opfern wirklich materiell und immateriell erreicht wurde, diese Frage bleibt letztlich offen. 

Mythos und Leben

Es ist wahrscheinlich, dass es eine Zeit gab, in der die Mythen so lebendig waren, dass eigentlich nicht die erzählten oder gesungenen Mythen der Grundboden der Erfahrung war, sondern tatsächlich das Spüren der Kräfte der Götter.
Die mythische Erzählung sorgte nur für den Kanon, den allen Stammesteilhabern gemeinsame Hintergrund; - der Mythos deckte sich aber mit der (geistigen) Schau, beides ging Hand in Hand. Die Göttersagen waren auch die ethische Instanz für das gemeinschaftliche Zusammenleben.
Der Kult, Städtekult, Haus- und Familienkult, das Ritual, die Mysterien und das Fest unterstützte die kontinuierliche Aufrechterhaltung der Verbindung zu dieser geistigen Sphäre.

Man kann die frühesten Mythenerzählungen (Homer 800 v. Chr. und Hesiod 700 v. Chr.) noch als lebendige Verkörperung eines authentischen Umgangs mit den Göttern begreifen: Da wird erzählt, was Götter tun, und wie der Mensch sich begreifen kann als jemand, der von diesen Göttern geleitet, verführt oder gejagd (auf Götter Art) wird. Innere Stimmen sind nie klar und eindeutig, sie sind eher wie ein Lufthauch, der vom Selbst ausgeht, eine körperlich subtile Neigung, eine Richtung, was um das Selbst herum weht oder tatsächlich auch von den äusseren Dingen ausgeht. Alles bleibt im Grunde eins.

Die Mythen waren sinnvoll, sie wurden erzählt, in Mündern getragen, von Sängern, derer es viele gab vorgetragen und mit Musik begleitet, auf Keramikvasen erzählt - man konnte das ganze Leben "mythisch denken".

Ein Archetyp ist ein Bewusstseinsinhalt (zB Geburt, Tod in verschiedenen Phasen des Lebens). Er kann aber auch eine gestaltbildende Kraft darstellen.

Es gab mit Sicherheit eine hellenisch-mysthische Zeit, voller Intensität, vermutlich irgendwann zwischen 1500 und 800 v. Chr. - also vor Homer.
Eigentlich ist sogar anzunehmen, dass es eine lange Zeit davor schon eine mythische Zeit war - wenn also nicht hundert Jahre dann tausende oder sogar zehntausende von Jahren.

Die Griechen sprachen von einem heroischen Zeitalter, und es kann sein, dass damit die Zeit um 1500-1200 gemeint ist. Einiges deutet darauf hin, dass die mykenische Epoche dem oft erwähnten heroischen Zeitalter entsprach, von denen Hesiod und andere erzählen - jenes Zeitalter, das für die Griechen bzw. Dichter noch eine vage Ähnlichkeit mit dem goldenen Zeitalter aufwies. Das goldene Zeitalter könnte indes auch niemals in der jetzigen Wirklichkeit manifestiert gewesen sein. Oder es entsprach einer Zeit der Urzeit des Menschen (zB anno 20.000 v. Chr.).

Eine Art von Absicht ist bei den Mythen dadurch gegeben, dass es hier um eine kosmische Geborgenheit geht. Man beabsichtigt den Einbezug des Selbst in diese Geborgenheit.

Was eigentlich als ein Mythos zu gelten hat, ist in der Forschung jedoch bis heute umstritten und es gibt wohl keine klare Trennlinie zwischen ursprünglichen und somit in gewisser Weise reinen Mythen, und späteren womöglich etwas freier gestalteten Mythen. Die Mythen wandeln ihr Anlitz und ihre Rezeption vor allem seit etwa 500 v. Chr., und werden ab 300 n. Chr. zunehmend gänzlich vom Christenthum verdrängt, das ihrerseits in den Heiden die Konkurrenz sieht.

Die moderne Mythentheorie (Ethnologie) widmet sich direkt der Vorstellungswelt der schriftlosen und sog. primitiven Völker, die von den Ethnologen vor allem mit Hilfe von Feldforschung (zB Interviews) rekonstruiert wird.

Das Problem der Übersetzung der Mythen aus der Originalschrift und Originalsprache ins Deutsche muss erwähnt werden. Ein einziges Wort kann (wie geschehen bei drei verschiedenen Übersetzungen) in der einen Übersetzung mal als "Gewaltig" übersetzt werden, dann in einer anderen als "Unheimlich" und in einer weiteren noch als "Wunder"!

Die antiken Griechen kannten den Mythos, und bezogen das Leben auf den Mythos bzw. den Mythos auf das Leben - wir dagegen können das nicht, weil wir in diesen Kontexten nicht aufgewachsen und geprägt worden sind.

Verwandtschaftsbeziehungen im Mythos

Die Kinder der Gottheiten scheinen zwar oft in verschiedenen Varianten eines Mythos mit unterschiedlichen Eltern in Verbindung gebracht zu werden, mal stammt Kadmos von Telephassa ab oder von Argiope - doch in der Regel drücken sich in all diesen verwandtschaftlichen Bezügen unbedingte oder zumindest entferntere Ähnlichkeiten aus, auch ist mindestens ein Elternteil dann oft derselbe und dann also massgeblich.

So drücken der kriegerische Ares und die weise aber nicht weniger im Krieg erprobte Athene Eigenschaften ihrer Eltern Hera und Zeus sehr deutlich aus. Ares verkörpert hier das Prinzip der unmässigen Kriegslust, die Zeus dann zeigt, wenn er in Zorn gerät: grausam und verschlagen zu sein; - und die ebenso bei Ares von Hera herrührt, wenn sie ebenso im Clinch mit Zeus liegt und dabei hera denen hilft, die auf der Erde gegen diejenigen antreten, denen von Zeus geholfen wird. Sie stachelt in dieser Weise an zur Fehde.

Athene wurde parthogen aus Zeus geboren, nachdem Zeus seine erste Gemahlin Methis verschlang (mit dem Verschlingen der Methis vereinnahmte Zeus sich die "Klugheit", ansonsten ist er als Wettergott bekannt; - seine Wolken bringen hier ebenso seine Zeugungskraft als befruchtenden Regen ins Spiel).
In der Furcht vor einem Sohn, der ihm das Himmelsreich streitig machen könnte, gemäß einem Schicksalsspruch, verschlang er also Methis.

Athene scheint etwas schwerer mit Zeus in Einklang zu bringen sein, es hilft hier die Symbolik von Methis als überlieferte "Klugheit". Allerdings gibt es auch Mythen, in denen Athene ohne Methis aus Zeus allein hervorging.
Zeus ist der Lichtstrahl, der alles überschaut, das Aufscheinen. Zeus ist der Herrscher des Himmels und kann die Kräfte des Himmels so anordnen, dass Einfluss auf die Erde ausgeübt wird.
Athene mit ihrer Weisheit wird schliesslich zur energischen Kraft, diese Weisheit ähnlich wie Zeus zu nutzen. Die Eigenschaft der Weisheit hat sie direkt von ihrem Vater Zeus geerbt. Mit Gewalt entspringt sie dem Kopf des Zeus, der erste Laut ist so auch ein Schlachtruf. Die ganze Erde hielt einen Moment inne, Helios habe seine Sonnenrösser angehalten und gewartet, bis dass das Mädchen seine Rüstung von sich legte.
Athene wird als die streitbare Heerführererin beschrieben und ihre Weisheit zeigt sich eher in der Ausführung dieser kriegerischen Handlungen, und nicht im Töten an sich (dafür steht Ares!).
Athene kümmerte sich um alle Angelegenheiten, die mit Kampf zu tun hatten. Dadurch ergab sich wahrscheinlich auch der Bezug zur Weisheit, Handwerk und sogar der Zähmung der Pferde - da dies alles Dinge sind, die auch in einem Kampf benötigt werden. 

So wie Athene aus dem Kopfe Zeus hervorging, als Ableitung, gehen dann auch Weisheit aus der Kriegsgöttin als eine solche Ableitung hervor und können als eigenständige Eigenschaften genutzt werden. So vor allem in der Erweiterung der Athene zur Pallas Athene (solche Beinamen finden sich häufig bei den Göttern: Phoibos Apollo etwa. Solche Erweiterung durch einen Beinamen stehen bei Göttern übrigens oft in Beziehung zu Kulten und einzig Athene scheint hier eine Ausnahme zu sein, da sich Pallas Athene an sich ziemlich durchgesetzt hat).

Schläue und List zeigt sie in Verhandlungen mit anderen Göttern und sie begegnet ihnen zunächst mit Worten. Wer sie huldigte und ihr opferte, dem wurden von ihr Geschick in allerlei Kunstfertigkeiten gewährt.
Sie hat zwei Seiten, die kriegerische und die friedliche Beschützerin ihrer Verehrer, und zeigt sich als Unterweiserin in allen Arten der Beschäftigung, wo es um kunstvolle Dinge geht. So steht sie auch für das Nähen und dem Handwerk. Sie gibt Rat, oder ist sogar im Kult als Ernährerin der Kinder verehrt worden. Sie ist die Lieblingstochter des Zeus.

Hephaistos ist in den meisten Mythen aus Hera selbst parthenogen hervorgegangen, d.h. ganz ohne Vater, der als Erzeuger nötig gewesen wäre.
Hephaistos wird bei seiner Geburt als so schwach überliefert, dass Hera sich aus Abscheu von ihm abwandte und ihn vom Olymp hinunter auf die Erde stieß. Vielleicht erkennt man hier einen verkörperten Wesenszug der Hera, der ja vor allem dann auftaucht, wenn sie die Schwäche des Zeus erblickt, der sich in ihren Augen so schwach zeigt, weil er anderen Frauen nachstellt.
In gewisser Weise bildet die parthenogene Schöpfung des Hephaistos eine Nachahmungstat der Hera, in Bezug auf die parthenogene Schöpfung der Athene.

Am liebsten hätte Hera Zeus verstossen und tatsächlich hat Hera einige Verschwörungen angeleitet, die zum Ziel hatten Zeus vom Thron zu stoßen. Auch hier korrespondiert Hephaistos Sturz vom Olymp also mit einer anderen Geschichte.

Aber Hephaistos kehrt zum Olymp zurück, nachdem Hera ein Schmuckstück der Thetis bewunderte, welches Thetis von dem Hephaistos angefertigt wurde, weil Thetis Hephaistos bei sich aufnahm. So kam es, dass Hera sich mit Hephaistos versöhnte und ihm eine grössere Schmiede im Olymp baute, als sie Thetis dem Hephaistos geschaffen hatte. Bei Hephaistos und Hera weitere Gemeinsamkeiten zu sehen wird allerdings schwierig. Es scheint als sei Hephaistos ein Nebenprodukt, eine Verschleuderung von Energien oder Tatkraft und in gewisser Weise seine Zeugung "nicht ganz ernst" gemeint, bzw. nebensächlich, weswegen Hera sich dann auch nicht um eine besondere Gestaltung bemühte.

Andere Götter und Helden tragen ebenso Züge ihrer Eltern oder einer gemeinsamen Eigenschaft der Eltern.

So kann der Vergleich zwischen den Göttern und ihren Eltern dann fruchtbare Anschauung bringen, wenn man sich etwas mit den verschiedenen Gestalten beschäftigt hat, sich also einigermassen einen Überblick über das Ganze verschafft hat, um verschiedene Beziehungen zwischen den Mythen und Gestalten herzustellen.

Verwandtschaftsbeziehungen der Götter und Helden, und aller in der Erzählung auftauchenden Könige und Menschen - die auch zu Göttern eine Verwandtschaft haben können -, die Abstammung und Verwandtschaft also, bildet unter- und miteinander ein dichtes Netz.
So wird das Netz immer dichter, und man sieht nicht nur in der Landschaft den Geburtsort eines Gottes. Oder es gibt eine mythische Erzählung, die sich an einem Ort abspielte.

Irgendwo gibt es immer einen Auftrag der Götter. Städte gründeten sich in der Sage aufgrund von Orakelsprüchen usw.
Wohin das Auge reicht, die Götter sind allgegenwärtig.

In den erzählten Mythen tauchen Gottheiten und Personen auf, die von Gottheiten gezeugt wurden oder berührt wurden, oder auch sonstwie sich mit den Gottheiten auf ihrem persönlichen Schicksals-Weg kreuzen.
All das Handeln und Schicksal, bei dem eine Gottheit beteiligt ist, trägt manchmal auch die Eigenschaften dieser Gottheit. Eine oder mehrere Gottheiten
- als Archetypen - fliessen sehr oft in die Erscheinung der diesseitigen Welt ein und sind dann ablesbar an den sichtbaren Resultaten der Handlungen oder Ereignisse oder sind Bestandteil davon.

Genauso ergeht es mit den Zeugungen, wo natürlich die Eltern (die Götter) eine wichtige Eigenschaft beigeben, um den Charakter der handelnden Personen weiter in ihren Eigenschaften zu bestätigen, oder aber auch mit weiteren Facetten versehen.

Verlust der Ganzheit

Der Verlust der Ganzheit besteht darin, dass wir heute überhaupt kein Gespür mehr für die echten Wahrheiten einer zugrundeliegenden Schöpfungsordnung haben, weil wir dem Sichtbaren und den Formen in die Falle gehen, während wir die "Dinge an sich" nicht mehr sehen. Es ist nicht genug, diese Schöpfungsordnung bloß zu erkennen, sondern es geht beim Begriff der Ganzheit auch um die Bedeutung, die diese Ordnungt  für uns selbst hat.

Die Schöpfungsmythen der Naturvölker, Griechen, der Ägypter und die Mythen anderer Kulturen beruhen nicht nur auf der Schöpfungsordnung, sondern sollen dem Leben praktischen Nutzen und Sinn verleihen. Dieser Sinn erscheint angepasst an die Bedürfnisse des Menschen, an die Kultur und dem jeweiligen Stand dieser Kultur.

Die kosmische Schöpfungsordnung

Tatsächlich ist alles, was es gibt, Ausdruck einer Schöpfungsordnung. Die Symbole eines Mythos sind nicht nur gleichnishafte Erzählungen, nach dem Schema: "die Griechen brachten Venus-Aphrodite mit Beziehungsfragen in Verbindung", sondern es ist tiefer betrachtet so, dass es hintergründig beobachtbare Prinzipien im Leben gibt, zB ein Prinzip, das durch Venus-Aphrodite (dem Symbol) repräsentiert werden kann.
Ein Mythos versucht diese Prinzipien - aus der jeweiligen Perspektive der entsprechenden Kultur - fassbar zu machen. Verschiedene Kulturen kommen zu verschiedenen Ansichten, was daran liegt, dass diese Prinzipien nicht offensichtlich fassbar sind, sondern ihre Schau von der Perspektive abhängt, mit der man sie im Leben und Walten des Schicksals erblickt.
Diese Prinzipien oder Wirkmächte sind nicht direkt erfahrbar, sondern drücken sich sozusagen nur über die zweite Hand der (Wahrnehmung von) Wirklichkeit aus. Venus-Aphrodite ist nicht direkt erfahrbar, sondern zB nur über die verschiedenen Ausdrucks- und Erscheinungsweisen von Beziehungen (in denen die Liebe und Hinwendung zu anderen Thema sein kann).

Astrologie und griechische Mythologie

Die Symbole der astrologischen Hauptplaneten korrespondieren zwar mit dem antiken griechischen Mythos, sind aber in mancher Hinsicht nicht deckungsgleich mit den mythologischen Gestalten - was vor allem für die neu entdeckten Asteroiden gilt, die zahlreich Namen aus der griechischen Mythologie erhalten haben. Übrigens bestätigt sich dennoch eine Art Verwandtschaft zwischen diesen von Menschen verliehenden Bezeichnungen der Asteroiden mit dem jeweiligen Mythos - in dieser Fügung, die vielen als zufällig erscheinen mag, kommt wieder einmal geheimnisvoll zum Ausdruck, wie sich Gleiches zu seinem Gleichen gesellt.

Mythos und Astrologie handeln von Symbolen und können als Prinzipien aufgefasst werden, die dieselbe Architektur aufweisen.
Jupiter ist zum Beispiel als Prinzip der Expansion mit folgenden Begriffen beschreibbar: Optimismus, Glückserwartung, Glaube an eine höhere Macht oder Glaube auf einen grösseren Plan, Streben nach Vollkommenheit, Entfaltung und Erfüllung. In negativen Entsprechungen auch Faulheit, Besserwisserei oder Arroganz. Jupiter ist sogar als ethisches Empfinden, Gerechtigkeit und Verantwortungsbewusstsein beschreibbar.
Ferner steht er in der Beziehung zur (umfassenden) Wahrnehmung. 

Diese Eigenschaften bündeln sich in einem entfernten Sinne zu einer Essenz, die selbst niemals konkret ausgedrückt werden kann, und im ersten Eindruck sind die einzelnen Ableitungen ziemlich gegensätzlich oder unvereinbar.

Man könnte die Entsprechung der Wahrnehmung aus dem Prinzip der Expansion schon ziemlich direkt ableiten, aber das ethische Empfinden nicht so ohne weiteres.
Es geht jedoch schon eher auf etwas verschlungenden, aber keineswegs konstruierten Umwegen auf, indem man Jupiter als "umfassende Schau" ableitet: Handeln und Tat beruhen auf einer Anschauung der Welt und es gibt eine gewisse Bedingung des Möglichen. Jupiter hat das Mögliche vor Augen, und will möglich machen.
Ethisches Bewusstsein richtet sich nach der grösstmöglichen Freiheit, die begriffen wird. Und Faulheit entsteht, weil diese Tat, die Faulheit mit sich bringt, für denjenigen in diesem Moment eine grosse Freiheit bedeutet oder weil ein Eindruck vorherrscht, dass "man es sich erlauben" kann... - weil man sich gehen lassen kann, was ebenfalls eine Art von Erfüllung des Möglichen darstellt.
Auf diese Weise, dass man Querverbindungen versucht in einem umfassenden Sinn zu integrieren, gelingt es dann auch die verschiedenen Facetten eines Mythos oder Symbols in einem Ganzen zu fassen. Die Essenz, das muss man bedenken, ist wahrscheinlich unaussprechlich, weil zu abstrakt - bzw. sie liegt als unsichtbares Prinzip hinter den Dingen und wird nur durch Dinge oder Ereignisse vermittelt, anschaubar. Ähnlich wie wir im Theater auf der Bühne eine Zurschaustellung von sich bewegenden Ereignissen wahrnehmen, aber nicht diejenigen, die dafür gesorgt haben, dass sich die Dinge in dieser Weise bewegen sollen.

Der Vergleich von Mythen und Astrologie kann nicht einwandfrei eins zu eins übersetzt werden. Zu leicht werden Konstruktionen erfunden. Dennoch findet man sehr leicht in dem Planeten Jupiter der Astrologie eine deutliche Entsprechung zum Zeus der Griechen!
Die Psychologie, die in beiden enthalten ist, kann verglichen werden - weil beides, antiker Mythos und moderne Astrologie, den Menschen ins Auge fassen, und dabei die Wahrnehmung übergeordneter Prinzipien (Symbole, bzw. Essenzen dieser Symbole), die im Leben wirksam in Erscheinung treten, zum Thema haben.

Wir finden im astrologischen Zodiak die Tierkreiszeichen. Viele Mythen - so Liz Greene - können direkt mit einem Tierkreiszeichen in Verbindung gesetzt werden und drücken aus, dass es etwas zu lösen oder zu bewirken gilt. Ich  denke sogar, dass man die einzelnen Helden noch spezieller einordnen kann, indem man sie konkret astrologischen Planeten zuordnet, die als Handelnde erscheinen. Das Zeichen der Tierkreissystems offenbart die näheren Umstände oder Begegnungen auf der Reise. Genau gesehen sind also die Götter, Untergötter und auch Helden der Mythen analog den Planeten und den diversen Mischungen (Aspekte) von Planetenkräften. Und die Handlungen, das Angebot von Szenen, in denen die Helden sich verstrickt sehen wie in einer Landschaft, sind analog den Tierkreiszeichen.

Man darf natürlich nicht missverstehen, dass es zwar sowohl bei der Astrologie als auch in jedem Mythos um universelle Wirkmächte geht (dargestellt in den Symbolen), dass aber die Astrologie ein eigenes System darstellt. Sie ist ihrerseits kein Mythos, sondern bedient sich nur mythologischer Symbole zur Erklärung. Zugrunde liegen im Leben wirksame Prinzipien und Kräfte.

Die Astrologie veranschaulicht im Grunde ebenso die verborgenen Wirkmächte hinter allen Erscheinungen des Lebens, und ist meiner Meinung nach das tauglichste Instrument um solche (ansonsten verborgenen) Wirkmächte im Leben zu untersuchen. Hier ist es ein wahrlich wunderliches Phänomen, wie die Planetenpositionen des Himmels solcherlei Auskunft über diese Wirkmächte erlauben.

Kausalität und Kausalvorstellung

Vieles, was im Mythos behandelt wird, korrespondiert mit unserem "in die Welt gesetzt sein".

Diese Welt hat gewisse Bedingtheiten und Begrenzungen, ebenso wie Möglichkeiten, um sich aus gewissen Beschränkungen zu befreien - eben in dem Rahmen, wie es die Schöpfung erlaubt.
Mit der Schöpfungsordnung kommt auch die soziale Ordnung auf den Plan. Diese soziale Ordnung ist natürlich auch davon abhängig, auf welcher Ebene das Kollektiv sich selbst gestellt hat (Reifegrad, Kultiviertheit etc.).

Die Mythen strebten eine Harmonie zwischen Individuum, Schöpfungsordnung und sozialer Ordnung an.

Wir erklären in den Begriffen der Kausalität zum Beispiel den Einsturz eines Eisstadions weitestgehend mit Zufall. Vielleicht gab es Materialschwächen, sehr wahrscheinlich sogar.
Aber dass zu einem bestimmten Zeitpunkt das Dach einstürzte, während viele Menschen darunter waren, ist in unserem "Verständnis" Zufall. Vielleicht sogar ein "böser Zufall". Wir glauben, es könne nur ein Zufall sein. Mögen wir auch in einem weiteren Schritt dazu kommen, den bösen Zufall mit fehlenden Wartungsarbeiten zu verbinden, das Dach hätte auch einstürzen können, ohne dass sich Menschen darunter befanden.

Gehen wir einen Schritt zu afrikanischen Völkern, den Zande.
Dort bricht ein Getreidespeicher ein. Menschen sitzen darunter und es gibt fatale Folgen. Die Zande wissen, dass Termiten den Stützfpeiler unterhöhlen. Aber sie schreiben es nicht dem Zufall zu, sondern Hexerei: nämlich dass in dem Augenblick, wo der Speicher einstürzt, Menschen sich wie gewöhnlich vor der Hitze schützend unter das Dach des Speichers setzten. Wäre es keine Hexerei, so hätten sich entweder keine Menschen zum Zeitpunkt des Einsturzes dort befunden, oder aber der Speicher wäre nicht eingestürzt, während sich Menschen darunter befanden. Es kann auch sein, dass jene Ahnung durch Hexerei verhindert wurde, mit der Menschen spüren können, dass eine Gefahr von einem Ort ausgeht.

Dieses Verständnis von Kausalität ist typisch für Mitglieder einfacher Gesellschaften. Für bestimmte Ereignisse und Ereignisabfolgen ist ein bestimmtes Regelwissen ausgebildet worden, das durch Erfahrung bestätigt wird (wenn der Getreidespeicher einstürzt, haben etwa Termiten den Stützpfeiler unterhöhlt). Aber weiter werden unerwartete und ungewöhnliche Ereignisse und Ereignisabfolgen, über die kein sicheres Wissen vorliegt, und die nicht erklärt werden können, der Hexerei zugeschrieben.
Diese Hexerei ist im Verständnis der Zande nicht auf andere Menschen zurückzuführen (!), sondern auf das Wirken übernatürlicher Mächte, die als Ursache für das Eintreten des Ereignisses eintreten müssen. Ungünstige Fügungen sprechen daher eigentlich von dem Wirken höherer Kräfte.

Die Struktur des Denkens ist also bei diesem "mythischen Denken" dieselbe wie unsere. Bei dem Zufall hören wir aber in der Regel auf zu denken, gehen nicht darüber hinaus, es ist alles ganz einfach ohne Sinn, weitgehend ohne Kontext; - aber für das Glauben an übernatürliche Mächte, hört das mythische Denken nicht auf, d.h. die Verbindung zur kosmischen Sphäre, der Einbezug in höhere Wirkmächte ist gewährleistet, selbst in Erfahrung von Leid. Dass das Wirken dieser Mächte negativ sein kann, wird nicht beschönigt.

Das Leiden wird in einen Bereich gehoben, an dem das Denken zwar nicht weiter kommt, aber es ergibt alles einfach einen anderen Sinn, als wie nur an Zufall zu denken.

Alltag und Mythos

Um die These, dass die Mythen auch in den Alltag integriert waren zu überprüfen, möge man den Versuch machen, die Themen und Symbole der Mythen in Verbindung mit dazu passenden Abläufen, Handlungen oder Begebenheiten zu verbinden.  

"Homer beschreibt zum Beispiel, wie die Verehrer der Helena um die Hand der Angebetenen losen. Tyndareos, Helenas Vater, läßt die Bewerber dabei über den Körperteilen eines zerlegten Pferdes schwören, daß sie Helena und ihren künftigen Gemahl vor allem Übel bewahren werden, egal, wen das Los erwählt. Anschliessend werden die Eide durch Verbrennen der Pferdeteile "gebunden", wie es in der Magie heißt." (M. Nichols S.82)
Diese Zeremonie hat viel Ähnlichkeit mit noch heute gebräuchlichen Zeremonien auf Standesämtern, nur ersetzten wir das Ritual mit den Pferden durch das Standesamtsgebäude und den vorsitzenden Standesbeamten. Anwesende können sich melden, und Widerspruch gegen die Eheschliessung einlegen. Bei den Griechen erscheint mit dem Los ein Hinweis auf die schicksalshafte Verbindung, die andere Bewerber ausschliesst - was damals sicher noch wichtiger war, als heute.
Der Einbezug des Loses, das Homer erwähnt, ist auch ein deutlicher Hinweis auf den Grad des Bewusstseins, den die Griechen in Bezug zum Umgang mit Schicksal hatten.

Das Los steht für das Schicksal, keineswegs für einen Zufall, denn das Schicksal beinhaltet einen (göttlichen) Plan, eine Fügung, aber der Zufall ist im Prinzip die belanglose Aussage: "Es ist halt so...".

Karl Kerényi betont den festlichen Charakter, welcher sich allgegenwärtig im griechischen Leben findet, als einen Ausdruck des festlichen Zusammenseins. Es geht aber um die Bewusstheit und Geborgenheit, die sich in dem Zusammensein unter den Wirkmächten der Götter ausdrückt, und das Fest knüpft daran an, schafft nicht nur diese Atmosphäre, sondern dient als Ausdruck eines göttlichen Augenblicks.
Opfergaben können demnach auch so gesehen werden, dass durch das Opfer in der kultischen Handlung Bewusstheit über dieses allumfassende Zusammensein geschaffen wird, indem vom bewussten Aspekt her der Mensch einen Bezug zum Göttlichen mit der Opferhandlung aufgebaut hat.
Neben diesen offensichtlich äusseren Bezügen, wird natürlich irgendwo auch noch etwas Numinoses, Magisches, also mit Rationalität oder den fünf Sinnen nicht Erfassbares zugrundeliegen. Nur durch Aufmerksamkeit wird auch unsere Wirklichkeit erschaffen. Die Aufmerksamkeit der Menschen von vor 2000 Jahren  dürfte keineswegs  weniger stark ausgeprägt gewesen sein als wie heute. Doch die Aufmerksamkeit konnte sich ungetrübt durch Zweifel  gewissen numinosen Erfahrungen hingeben.

Die Integration der Götter in die alltägliche Erfahrung war eine spirituelle Hinwendung und Führung des Lebens.

Schaut man sich die Ursprünge der griechischen Mythen in der vorarchaischen Zeit an (das ist konkret das mykenische  und minoische Zeitalter), entdeckt man in diesem Keim der Antike schon die späteren Kulte.
In diesem Zeitalter zwischen 3000 und 1200 v. Chr. wird viel klarer, wie eng verwoben der Mythos mit dem Leben war.
Man gesellte sich zusammen, um den Kult auszuführen, oder ein Opfer darzubieten, mit anschliessendem Mahl des geopferten Tieres. 

Diese Zeit zwischen 3000 bis 1000 v. Chr. kann als die wahre Antike bezeichnet werden; denn das ganzheitliche Bewusstsein wird zu dieser Zeit wahrscheinlich (und paradoxerweise) ausgeprägter gelebt worden sein, als zu der Zeit der Tempel anno 800 v.Chr. - offensichtlich tauchen in den späteren Mythen viele geschichtliche Ereignisse dieser vorarchaischen Zeit wieder auf. 
Sie bezogen das Material der Handlungen wahrscheinlich aus dieser Zeit. Es gibt den König Minos des Minotaurus aus dieser Zeit anno 1600 v. Chr. historisch gesehen wirklich. Die archäologische Einteilung "minoisches Zeitalter" auf Kreta ist nach dem mächtigen König auf Kreta benannt.

Die Ägäer bilden die ursprüngliche Bevölkerung, jene Grundbevölkerung, die noch vor den indogermanischen Einwanderern einheimisch war. Jene Einwanderer, die massgeblich die mykenische Kultur hervorbrachten. Die minoische Kultur ist älter und wurde schliesslich auf dem Festland von der jüngeren mykenischen Kultur verdrängt. Während die minoische Kultur parallel mit der mykenischen noch auf Kreta autark blieb, und sich dort weiter entwickelte .
Homer berichtet, dass in Kreta die mykenischen Griechen des Festlandes und die minoischen Kreter friedlich nebeneinander lebten. Auf diese Weise erklärt sich auch die allmähliche Verschränkung der beiden Kulturen. Obwohl es auch Kriege bzw. Eroberungen zwischen den beiden Kulturen gab, meist ausgehend von den Mykenern mit Ziel Kreta.

Mit Achäer sind festländische Griechen gemeint.
Homer bezeichnet König Minos als Achäer. Aber Minos herrschte auf Kreta. Diese Diskrepanz könnte auf vielerlei hindeuten. Zum einen: Nach Herodot bekämpfte Minos die Piraterie im ägäischen Mittelmeer und übte  durch seinen Einflussbereich eine Seemacht aus. Da dieser König also das Barbarische bekämpfte, könnte die Überlieferung, auf die Homer sich bezog (oder Homer selbst) diesen König Minos als Achäer aufgefasst haben, was vielleicht den Schluss zulässt, dass der Begriff Achäer in Wirklichkeit eine gesittete Gesinnungsart bedeutet.
Die Einflüsse der festländischen Griechen auf Kreta, zB die Besiedlung Kretas durch die Festländer, fand übrigens erst nach der Herrschaft von Minos statt.
Zum anderen kann natürlich auch die gewisse Willkür hier eine Rolle spielen, mit der ein Mythos aus realen Geschehnissen gebildet wird.
Im Mythos wird der König Minos übrigens durchaus als Mensch gezeichnet, der seine Schwächen hat, und welcher Poseidon hintergeht, weshalb das Ungeheuer Minotaurus geschaffen wurde, dem zweimal jährlich Menschen geopfert werden müssen. Minos hält den Minotaurus in einem unterirdischen Labyrinth vor den Augen der anderen gefangen. Töten darf er ihn nicht, dass ahnt er, dann würde die Rache Poseidons noch grausamer werden.

Ein Mythos verschränkt die Geschichte stets auf solche Art, diverse Ereignisplätze, Völker und Namen werden willkürlich verwendet oder vertauscht.
Minotaurus könnte auf die traditionellen Stierspringer von Kreta hindeuten: ein gefährlicher Sport auf Kreta, bei dem Wagemutige über den anrennenden Stier versuchten zu springen, und zwar über die Hörner hinweg, was oft auch Todesfolgen haben musste.
Vielleicht beteiligten sich auch Mykenen (=festländische Griechen), und so wurde die Verbindung zwischen König Minos und den Achäern (=Mykenen) im Mythos geschaffen.

Es gibt natürlich noch weitere Bezüge zwischen Mythos und Realität an anderen Stellen. Nun muss man zweierlei bedenken: zunächst kann auch gemeint sein, dass Minos, da er ein König einer machtvollen kretischen Seemacht war, das achäische Festland unter Herrschaft nahm (und daher Minos als Achäer bezeichnet wird), und dass die Übereinstimmung des Namens Minos einfach nur ein Zufall ist. Man sieht also, es gibt da viele Möglichkeiten und man sollte sich hier nicht festlegen auf eine bestimmte Deutungsart.

Der minoische Kult auf Kreta ist dunkel, irden, und es fehlt ihm wahrlich der helle Olymp.
Die Götter müssen noch vermenschlicht werden. Es könnten tatsächlich die minoische Kultur mit den Titanen gemeint sein (was auch oft schon in der Forschung und heutigen Mythologie erwähnt wurde).
Aber man sollte wiederum die Universalität des Mythos und auch der Symbole bedenken: die Titanen könnten insgesamt für vieles eine Entsprechung sein.
Entsprechende Links zu Seiten der Online-Enzyklopädie "Wikipedia" habe ich in meinem Artikel Der Beginn der Antike aufgelistet (dort ganz unten).

Die Mythen entsprechen in meinen Augen mindestens mehr als nur einer Funktion. Es gibt viele Entsprechungen des Mythos, und das spricht für seine Universalität.
Es gibt in Griechenland winterliche Sturzbäche, die große Zerstörungskraft entfalten können (siehe D. Koch; Pholus - S.98). Es werden Bäume und Felsbrocken entwurzelt und "umhergeschleudert".
Mit solchen Felsbrocken und Bäumen schmeissen die wilden Kentauren der Gebirge am liebsten (im Mythos). Überlegt man sich, in welchen Eindruck sich eine solche Wahrnehmung von umgeworfenen Baumstämmen fügt, wenn man im Gebirge die unzähligen entwurzelten Stämme oder Felsbrocken in Bächen sieht, und sich an die Taten der Kentauren erinnert fühlt, ergibt das alles einen unmittelbar zu fassenden Sinn: Die nüchternen Naturgewalten werden einfach mit kentaurischen Umtrieben gleich gesetzt. Es wird durch den Mythos der Verlust der Mitte abgewendet, also der "Verlust" in eine haltlose Wahrnehmung, in der der Mensch verlassen ist von einer zentrierenden Einrahmung (=sinnhaftes Erleben).

Auch bei Herakles, Peleus, Theseus - da gibt es Elemente, die in der Geschichte auftauchen. Vielleicht lebten die Könige und Helden wirklich, und es wurden diese Gestalten dann überzeichnet. Vielleicht wurde der eine oder andere Held aus realen und bedeutenden historischen Persönlichkeiten gezeichnet.

Es kann auch sein, dass ein erzählter Mythos ein geschichtliches Projekt begleitete, etwa die Beseitigung des Sumpfes von Mykene in einer gross angelegten Arbeit mit Beteiligung vieler Menschen, was in Bezug zur 5. Tat des Herakles steht.
Die Kraft des Symbols sollte das gemeinsame Projekt dann voran treiben. Es gab ferner viele Ingenieurleistungen der antiken Griechen, vor allem in Bezug zu Wasserkanälen - einige moderne Autoren stellen einen (symbolischen) Bezug zwischen den Taten Herakles und diesen Ingenieurleistungen her.

Ähnlich wie in der Astrologie jede Tat und jedes Ereignis unter einem bestimmten Stern steht, kann es sein, dass für den Schauenden diverse geschichtliche Ereignisse sprichwörtlich unter einem bestimmten Symbol (=Wirkmacht, Gott) standen. Die Überschau dieser Ereignisse gab für den Mythenerzähler, der schauen konnte, den Stoff her, und schliesslich verwebte sich alles nahtlos in das mysthische Ganze. 

Wie dem auch sei, darf man nicht vergessen, dass der springende Punkt der Mythos selbst ist, und nicht seine mögliche Herleitung.
Weitgehend halte ich es für überzeugend, dass ein Großteil der Mythen ohne persönliche Willkür oder Selektion zustande kam, und zwar aus rein visionärer Schau, wie ich diese Vermutung anhand des Orakels zu Delphi (siehe obige Ausführungen zu Wissen und Göttliche Macht) schon anstellte.
Solcherlei "Schöpfen des Wissens" aus höherer Instanz bildete zumindest und mit Sicherheit einige gewichtige Eckpunkte der Mythen. Und zwar in dem Sinne, wie die Menschen, Dichter, Sänger und andere Erzähler aus eigenen Bemühungen heraus, solche höheren Instanzen anriefen und Eingebungen, Weisungen, oder Anschauungen erhielten.

Der Traum war auch bei den antiken Griechen eine wichtige Quelle, aus der man erzählte oder dessen Deutung man suchte.

Ein weiterer Punkt ist der Streit der Welten. In vielen Mythen wird erzählt, dass sich göttliche Gestalten, oder manchmal personifizierte Tiergestalten (die die Rolle oder Rang von Göttern einnehmen), sogar Sonne und Mond, am Anfang der Welt stritten und daraus die gegenwärtig erfahrbare Wirklichkeit des Menschen geschaffen wurde.
Zwist und Streit sind daher vielleicht in dem griechischen Mythos so oft anzutreffen, da das ganze Leben, also die Schöpfung aus einem Widerstreit von Kräften besteht.
In einigen Mythen war am Anfang der Urgott, das Absolute usw., dieser wollte etwas erschaffen - da war vorher noch die totale, aber gleichgültige Harmonie, ohne jede weitere Erfahrungsmöglichkeit. Es konnte in dieser Weise nichts erfahren werden. Schafft man zwei gegenteilige Pole, wie Tag und Nacht, wird der Prozess der Erfahrung und die Ausgestaltung von möglichen Erfahrungsbeständen potenziert.
Vor allem, wenn es neben dem Streit und Krieg der Kräfte noch den wohl massgeblichsten Impuls der Liebe und Harmonie gibt. Etwas geht am Anfang aller Dinge auseinander, um sich im weiteren Verlauf in der Liebe zu bewähren und auf dem Weg dorthin Erfahrungen gesammelt zu haben, reifer und gehaltvoller zu werden .

Dass im Mythos ein Gott irgendetwas für oder gegen einen Protagonisten tut, trifft schliesslich auf den Umstand, dass dieser Gott einen anderen Gott als Gegenspieler hat, was in einem Zwist mündet. Der eine Gott tut also etwas gegensätzliches für den Protagonisten und seinen ihm zugeordneten Gott (als Mentor), der als Gegner des einen Gottes aufgefasst wird. 

Sicherlich war diese Zeit eine rauhe Zeit. Gier und Macht dünkte denen, die dazu die Mittel hatten. Vielleicht sind das die Oberflächen des Zeitalters, und jene, die sich arg verhielten, mögen auf ihre Art das Wirken der Götter verstanden haben nach dem Motto: Ich erobere mir ein Königreich und baue dafür Athene oder Apollo einen Tempel.

Der Held

Im Mythos ist der Held so angelegt, dass er oft nicht anders kann. Er muss.
Er hat ein inneres Streben, das ihm über alles geht und das sogar von den Göttern gewürdigt scheint. In manchen Mythen allerdings muss er erst auf dieses innere Streben gerichtet werden, durch besondere Fürsprache, Schicksalsschläge oder den geweckten Glauben an den Nutzen des Unternehmens.

Heldenreise

Helden im Mythen auf ihrer Reise liefern uns nicht einfach nur Symbole, sondern sie veranschaulichen den oft schmerzhaften oder herausfordernden Weg, den wir selbst gehen müssen um auf unserem persönlichen Weg durchs Leben zu wachsen. Ooder um eine Fähigkeit entweder zu integrieren oder zu bereinigen, und um schliesslich Bewusstsein zu entfalten und den inneren Schatz zu heben.
Der mythische Held führt Schlachten gegen äussere Feinde und Gegner, wir können diese Schlachten auf eine Ebene in uns selbst übersetzen, auf eine innere Ebene, auf gewissermaßen innere Feinde oder solche, die archetypisch in uns angelegt sind.

Wir brechen aus dem gewohnten Alltag auf, erkennen eine innere oder äußere Weisung oder Fügung, die uns mahnen, uns auf einen Weg zu machen.
Wir finden Gefallen und Unternehmensgeist, dieser wird sich noch bewähren müssen. Wir finden das Feuer der Begeisterung und auch dieses findet seine Herausforderung in auftauchenden Widrigkeiten - oder wir weigern uns zunächst und erkennen keinen Sinn in dem Verlassen des Vertrauten, des heldenlosen Daseins. 

In irgendeiner Weise wird uns im Mythos dann vorgeführt - entweder durch einen Verlust dieser Sicherheiten oder durch andere langsam sich ausbreitende Überzeugungen-, dass wir schlicht gehen müssen.
Die Herausforderungen und harten Prüfungen werden begleitet von Unterstützung und weiser Führung, und ergeben eine gewisse Balance, bei der aber die Waagschale stets ein Stück auf die Seite der eigenen nötigen Kraftaufbietung sich zuneigt, d.h. wir werden immer selbst gefordert sein, denn sonst wären wir kein Held.
Irgendwann kommt eine Schwelle, ab der es kein Zurück mehr gibt. 

Während des Weges finden wir verschiedene Hilfestellungen (Mentoren), innere oder äussere Gestalten (Archetypen).
Es tauchen ebenso viele Probleme und Krisen zu verschiedenen Etappen des Weges auf. Und irgendwann wird der Schatz gehoben oder das Ungeheuer besiegt und es ist oft noch ein Rückweg anzutreten. Dies gleicht der Rückkehr in das Vertraute, angereichert durch Erfahrung und Weisheit. 

Die Gesellschaft und Kultur entwickelt sich nur durch individuelle Leistungen, durch heroische Taten eines jeden einzelnen. Wobei Ergebnisse, Wissen oder erlangte Fähigkeiten des Heros, von ihm, wenn er von seiner Heldenreise zurückkehrt, auch der Gesellschaft und Kultur zugeführt werden kann.

Die Kultur und Gesellschaft ist vom Held beschenkt, einfordern darf sie nichts.  Der Held gewinnt, nicht die Gesellschaft oder die Kultur, sie ist nur Nutznießer des Weiteren, oder der vollbrachten Ergebnisse des Helden. Diese Ergebnisse bedeuten dem Helden meist etwas ganz anderes als wie der Gesellschaft.

Der Held erweist sich gewissermassen als übermenschlich, da er sich über seine Natur des routinierten Gleichmaßes, der natürlichen Hürden der Veränderung hinwegsetzt. 
Wir finden in uns die vielen Schwächen, von denen man sagt, sie seien eben menschliche Schwächen.

Der Held gewinnt Ansehen, insofern er die Prüfungen besteht.
Der gewöhnliche Mensch beschäftigt sich mit zahlreichen Dingen, die sein Ansehen nicht wirklich steigern. Der moderne Mensch ist oft zur falschen Zeit am falschen Platz, steckt in einer Gefühlsproblematik oder schätzt die Dinge falsch ein, als wäre er in einem falschen Film (seines Schicksals).
Er hat sein Schicksal nicht begriffen und weiss nicht um seine Bestimmung, und hat gewissermaßen eine falsche Wahl getroffen.
Der Held nimmt jede Probe wie sie kommt und ist deswegen ein Held, weil er den Herausforderungen adäquat begegnet, und dabei sich selbst weniger achtet als die Schritte, die nötig sind, um zum Erfolg zu kommen - gleich welchen inneren Preis er dafür zahlen muss, so dass am Ende ein Schatz auf ihn wartet, die Belohnung.

Diese Belohnung und Schatz muss man freilich als alchemistisches Gold auffassen, es ist eine innere Qualität, die man - übertragen auf unser (Er-)Leben - gewinnt. Es ist zudem die Stärkung des Unbewussten, das durch Erfahrung gereift ist. Es ist die wahre Fülle des menschlichen Lebens.

Unsterblichkeit

Es ist klar, dass uns selbst diese weltliche Unsterblichkeit (im Sinne eines Ruhms), die antike Helden anstreben, spirituell gesehen nichts nutzen wird. Es ist eher ein Beigeschmack des Strebens, und sah zu einer damaligen Zeit vielleicht anders aus. Es war die Möglichkeit der Geschichte, da diese immer wieder neu zu Mythen verwoben wird - daher kann die eigene Leistung vielleicht als Ansporn gedient haben, indem man ehrwürdiges Schaffen als unvergänglich projizierte.
Indem wir eine übermenschliche Anstrengung an den Tag legen, unsere Schwächen zu überwinden, werden wir den Göttern zudem ähnlich.

Wir können weiterhin diese Unsterblichkeit transzendieren auf die Ebene des Selbst: Wir sorgen für Taten, die unser ganzen Leben verändern, und dessen Erfahrungen für unseren (seelischen) Wesenskern tatsächlich untserblich werden können.

Weise Führung

Der Weg des Helden ist gefährlich und ohne Hilfe nicht zu schaffen. Was die Helden an Götterstimmen, Einflüsterungen als Hilfe, oder auch Schatten der Verführung und Verlockung hören, scheint nichts anderes zu sein als die wohlwollende Fügung innerer Stimmen, die sich dann einstellen, sobald man auf dem richtigen Weg ist; - der Schatten ist jenes Argument, das es zu überwinden gilt oder eine Falschheit, die es zu meistern oder zu meiden gilt. Solche inneren Stimmen, die falsch sind, und uns zum Verhängnis verführen, gilt es von den "richtigen Stimmen" in uns zu unterscheiden. 

Entwicklungswege

Wäre die Wahl risikolos, so gäbe es kaum einen Mythos. Das Leben ist regelmässig eine Krise der Entscheidung.
Der Held und die Heldin bewähren sich angesichts der Herausforderung, und zwar bewähren sie sich vor sich selbst.
Die Entscheidung, die zu treffen ist, ist ein durchgängiges Motiv: alles muss genau abgewogen oder eine Hemmschwelle überwunden werden.

Liz Greene weist darauf hin, dass mythische Bilder und mythische Erzählungen eine dynamische Entwicklungsgeschichte darstellen. Sie sind eine Landkarte grundlegender Verhaltens- und Erfahrungsmuster.
Was in den Mythen gezeigt wird, offenbart einen Spiegel zu unserer inneren Bedingtheit der Erfahrung. Und es offenbart sich oft eine Dynamik zwischen mehreren Personen, ob diese Dynamik sich im realen Aussen lokalisieren lässt, oder Teil der inneren Dimension des Erlebens sind.

Die Ungeheuer, mit denen man konfrontiert wird, oder die persönlichen Leidensgeschichten, werden von den Göttern oft als "Strafe" in Szene gesetzt, weil ein König oder sonstwer den Göttern ihren Teil - zum Beispiel Ehrerbietung in Form eines Opfers - vorenthalten hat.
Das lässt sich einfach übersetzen. Lässt man sich auf Dinge ein, oder vernachlässigt gewisse Dinge, muss man mit Konsequenzen rechnen. Manchmal sind die Ungeheuer in uns und weisen auf unangenehme Seinstrukturen hin, die sich irgendwie gebildet haben. Ja oft, weil wir uns entsprechend verhalten haben. 

Diese Strukturen der Persönlichkeit können auch als Schatten auftreten, und sind uns nicht bewusst. Wir projizieren dann die Eigenschaften unseres Schatten (=unverarbeitete, rohe oder unausgearbeite Teilstrukturen unserer Persönlichkeit) und nehmen nicht zur Kenntnis, dass diese Eigenschaften zu uns gehören.
Wir meiden normalerweise die Begegnung mit unserem Schatten, eben aus diesem Grunde, weil uns die Eigenschaften fremd erscheinen. Die Fremdheit resultiert aber aus einem Abwehrmechanismus.

Komplizierte Mechanismsen unserer Persönlichkeit sorgen dafür, dass wir diesen Schatten nicht abarbeiten bzw. loslösen. Mit Loslösung ist keineswegs eine Verdrängung gemeint - das tun wir ja gewöhnlich, weil wir dem Schatten aus dem Weg gehen wollen. Nein, die Lösung besteht in einer Konfrontation, um die Eigenschaften als zu uns gehörend zu erkennen, und dann können wir entscheiden und auf den Weg bringen, den wirklichen Kern und Ursache dieses Schattens "in die Wüste" zu schicken. Wir werden erkennen, dass wir etwas bestimmtes loslassen müssen, das sich mit dem ganzen Schatten verstrickt hat und so erst den Schatten als Schatten leben liess. So verliert sich die Verstrickung mit dem Schatten durch Einsicht und Erkenntnisarbeit.

Der Begriff "Integration des Schattens" ist oft irreführend und oft nur ein erster Schritt. Tatsächlich muss es nicht in jedem Fall darum gehen, diesen Schatten zu integrieren, bzw. es kommt drauf an, was man unter Schatten versteht. In Wahrheit geht es oft darum, die Eigenschaften und den Ausdruck dieser Eigenschaften, die mit dem verdrängten Teil unserer Selbst zusammen hängen, zu verfeinern. Sie gehören zu uns, und können eigentlich gar nicht abgelegt werden, aber oft gibt es etwas, zum Beispiel eine Einbildung oder Angst, die man ablegen muss, bevor die Verfeinerung der Eigenschaften wirklich gelingen kann.
Die Integration des Schattens soll eigentlich bedeuten, dass man diese verdrängten oder unbewussten Strukturen seiner Persönlichkeit sich bewusst zu machen lernt und ihnen nicht mehr aus dem Weg geht oder sie auf andere projiziert.

Der Schriftsteller Bruce Chatwin hat sich einigermassen mit den kulturellen Mythen und den menschlichen Instinkten befasst, die das Leben aus dem Hintergrund heraus gestalten, und in einer Art Tagebuch hält er fässt: "Katharsis: griechisch für 'Sühnung', 'Reinigung'.
Eine umstrittene Etymologie leitet es sogar vom griechischen katheiro ab, 'das Land von Ungeheuern befreien'."

Mythisches Denken

Die Götter können nur etwas erteilen, niemals nehmen sie etwas zurück. Daraus ergibt sich ihr ganzes Wirken, d.h. die komplexen Konsequenzen und Verstrickungen. Da nichts zurückgenommen werden kann, existiert eine Tat und Entscheidung also fortdauernd. Zukünftige Taten müssen stets so gesehen werden, dass diese auf das einmal in Anfang gesetzte weiterhin Einfluss ausüben. Das bereits Existierende und in Szene gesetzte wird von den zukünftigen Taten weiterhin noch beeinflusst werden. Wir können in der Realität in der Regel und sehr  offensichtlich nichts mehr rückgängig machen, was wir geschaffen haben. Es kann nur weiter ausgeformt oder zur Richtung gebracht werden.

Dieses Leben wird stets fortentwickelt, wenig kann zurückgenommen, und zB aus einem Vertrag nicht mehr ausgestiegen werden (oder nur unter Konzessionen).
Wenn wir eine Entscheidung getroffen haben, dann haben wir nachher oft die Qual einer Frage, was wäre gewesen, wenn...; aber nach der Tat, gibt es kein Zurück. Nichts kann zurückgenommen werden.

Für die Götter gibt es kein Wenn und Aber. Die Götter tun... 

Man muss prinizipiell in Betracht ziehen, dass der Mythos ein Versuch einer andersartigen Beschreibung kausaler Verhältnisse bedeutet.
Die Babyloner schreiben das Einsetzen des Regens nach einer Dürreperiode dem Flug des Imgugud zu; - wir selbst sagen einfach, "naja, es ist halt ein glücklicher Wetterumschwung."
Aber in einer Art der Beschreibung, wie im Beispiel von den Babyloniern, wird unser Verhältnis zur Natur tatsächlich lebendiger. Es kommt auf die Lebendigkeit und den Bezug zur Natur als "Du" an.

Eine wahre und vielleicht sogar einzig wesentliche Essenz eines Mythos ist die Herbeiführung eines besonderen Bindegliedes zur (kosmisch erfahrbaren und allumfassenden) Wirklichkeit, wie sie nur für den individuellen Menschen erfahrbar sein kann.
Der Mythos existiert nicht in erster Linie für soziale Konventionen, nicht für die Vernunft, nicht für das abstrakte Denken oder für die Begrifflichkeit, Kategorisierung oder Namensgebung, sondern einzig für die Verbindung des Menschen zur kosmischen Sphäre der Wirklichkeit.
All die sozialen Normen oder Werte, Konventionen, Maßstäbe, Vernuftsgründe, und Begrifflichkeiten resultieren in einem Volk, das seine Anschauungen aus Mythen bezieht, erst aus dem Mythos heraus. Diese Verbindung aufrecht zu erhalten - was nur authentisch sein kann, indem es selbst erfahren wird - bedeutet: mythisch zu denken.

Die antiken Götter leben auf dem Olymp. Es gibt antike Säulen, die ebenso zum Himmel wachsen, der Altar ist eine Brücke oder Eingang zu jenem Numinosen, es gibt so viele Dinge, kultisch verehrt, die in den Himmel zeigen und eine Brücke oder Achse der Verbindung darstellen, die Weltenbäume der Germanen, Baum, Berg, Brücke, Treppe, Leiter, Pfeiler, Säule, Achsen, Verbindungen eben, die vom Irdischen zum Himmlischen reichen. Das Prinzip der Verbindung ist wesentlich ausgedrückt in den Mythen und im realen Leben der Naturvölker, dass der obige Bereich (Himmel, Kosmos) alles mit unten (dem Leben) verbindet; - es ist das Paradies nicht nur als begeisterte Wahrnehmung verstanden, sondern auch in einer gesteigerten Wahrnehmung (in Bezug zum kosmischen Oben).

Wie Eliade schreibt: "Der Schamane bemüht sich die Verkehrsmöglichkeit zwischen den Welten wiederherzustellen, welche zwischen dieser Welt und dem Himmel bestand. Denn was heute die Schamanen in Ekstase vollbringen, das war einst, am Morgen der Zeiten, allen Menschen in concreto möglich; - sie stiegen zum Himmel auf und wieder herab, ohne dazu der Trance zu bedürfen." (M. Eliade, in "Schamanismus und archaische Ekstasetechnik"; Suhrkamp Verlag 1975)

Ekstase oder Trance kennzeichnen tiefgehende Erfahrungsebenen, die sich begrifflich von einem "normalen" Wahrnehmungszustand unterscheiden.
Es kann angenommen werden, dass in einer Frühzeit der Menschenheitsgeschichte es sehr viel leichter möglich war, eine solche Verbindung zu höheren Wahrnehmunngsebenen einzuleiten, aber dass vielleicht nicht alle (antiken) Griechen in dieser Weise bewandert waren, aber dass eine Vielzahl regelmässig während der Kulte und Mysterien davon Gebrauch machen und sich durch regelmässige Teilhabe in dem kontinuierlichen Fluß halten konnten. 

Dass der Mensch zu besonderen Leistungen imstande ist, zeigen uns viele Berichte aus allen Ethnologien und spirituellen Auffassungen der Völker. So die indischen Gurus und Fakire oder andere Erzählungen, sogar aus dem Indianismus, dass Menschen sich in Tiere verwandeln können oder, was noch annehmbar scheint: Astralreisen unternehmen. Vielleicht bezieht sich das sagenumwobene goldene Zeitalter auf eine solche Überwirklichkeit, die nicht in der materiellen Wirklichkeit zu suchen ist, aber dennoch erlebbare Wirklichkeit bedeutet, und zwar auf der Ebene von Astralreisen, was aber vermutlich unterschieden werden muss von dem Olymp der unberührbaren Götter - aber wer weiss. Schaut man sich das goldene Zeitalter in seiner Überlieferung an, enthält es einige Ähnlichkeiten mit dem Olymp und diverse Helden hielten sich in der Nähe der Götter auf.

In der Folge mythologischer Geschichten, existiert der Olymp nicht als gegenwärtiger Ort, höchstens als allgegenwärtig, und analog dem Urknall als ein Ort, an dem begonnen hat, was nun noch entfernt weiter wirkt.
Alle weiteren Erscheinungen, die man entfernt wahrnimmt, tragen das Stigma dieses (unsichtbaren, nicht fassbaren, also symbolischen) Ortes des Olymps.

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Archetypen in psychologischer Hinsicht

Archetypen sind nichts anderes als Ausprägungen der Schöpfungsordnung, und zwar erlebbare Inhalte aus dem Standpunkt der menschlichen Wahrnehmung. Wir sind sind ja schon Teil der Schöpfungsordnung.

Da die Archetypen auf den Menschen bezogen sind, ist klar, dass menschliche Handlungen und innere Vorgänge den Kernbestand solcher Archetypen ausmachen.

Wir leben andauernd Helden und Heroen - wir haben in uns (genauer im Unbewussten) Archetypen, die zu uns gehören wie das Fleisch und Blut.

Wir erleben diese Faszination zum Beispiel im Märchen, im Film, im Roman und schliesslich in allen weiteren Symbolsystemen..., - es fasziniert uns.
Moderne Filme sind die Mythen unserer Zeit.

Folgende archetypischen Handlungsmuster tauchen immer wieder auf - jeder Mensch vermag sich in seinem Leben phasenweise in einem solchen Handlungsstrang wiederfinden (auch Lebensthema, Lebensaufgabe).
Man kann aber auch schon die Suche nach dem Selbst und der Entfaltung von Bewusstheit mit diesen Handlungsmustern in analogen Übereinklang bringen:

- Die Suche
- Das Abenteuer
- Die Verfolgung, Jagd
- Die Rettung
- Die Flucht
- Die Rache
- Das Rätsel
- Die Rivalität
- Der Underdog (David gegen Goliath)
- Die Versuchung
- Die Metamorphose (über einzelne zuammengehörende Phasen)
- Die Verwandlung
- Die Reifung
- Die Liebe
- Die verbotene Liebe
- Das Opfer, das Loslassen
- Die Entdeckung
- Aufstieg und Fall

Aus: Ronald B. Tobias, "20 Masterplots - Woraus Geschichten gemacht sind" (1999 Zweitausendeins Verlag).

Ewige Wiederkehr

Die Heroen und auch die Unsterblichen des Mythos sind Figuren auf einer Reise, die verschiedene Etappen durchmachen, infolge derer sich für die Helden vieles gründlich ändern kann.
Wir selbst befinden uns auf einer Reise, alles befindet sich auf einer Reise. Und alles verändert sich.

Der griechische Philosoph Heraklit kann da sehr inspirierend sein mit seiner Aussage: Es gibt keinen einzigen Moment, der jemals wiederkehrt. "Alles ist im Fluß."
Und doch scheint unsere Wahrnehmung und unser So-Sein, nichts anderes als eine ewige Wiederkehr zu sein. Wir lassen nicht ab von den Routinen, und wir halten fest, was uns nicht bestimmt ist, festgehalten zu werden. 

So wiederholt sich unser Dasein tagtäglich in absurder Mühe des Festhaltens, was uns allerdings durch vielerlei und zum Teil natürlicher Umstände auch leicht gemacht wird.

Diese Mythen enthalten so auch Warnungen an den Geist, sich nicht an Dinge zu verhaften.

Es geht ums Schicksal, grandios und abgründig. Hier sind wir, die wir eine Vergangenheit haben, und wir trafen irgendwann Entscheidungen, die unsere Gegenwart und Zukunft noch bestimmen können.
Zum Teil werden wir feststellen, dass, wenn es nicht so gelaufen wäre, es auch hätte ähnlich laufen können, wenn nicht schon ganz anders.

Manches ist uns also bestimmt, aber dann gibt es Schicksale, die auf Entscheidungen basieren, an denen wir noch heute festhalten. Entscheidungen, die wir täglich erneuern, aufrechterhalten, und befinden uns auf einem Kurs, der uns scheinbar Bequemlichkeiten oder reiche Ernte verspricht, uns aber in Wirklichkeit in eine Sackgasse führt. Und wenn wir eine bestimmte höhere Perspektive einnehmen, erscheint es uns oft so, als ob gewisse Lebensrichtungen für uns geeignet sind, weil vom Schicksal unterstützt werden, wenn auch manches unsere Anpassung fordert, und anderes einen Konflikt mit den Mächten des Schicksals verursacht.

Sisyphus am Berg

Sisyphos trägt einen Felsen, den er auf einen Berg schaffen muss. Ist er am Berg oben angekommen, rollt der Fels wieder hinab und er muss erneut seine anstrengende Arbeit beginnen. Erneut wird es vergeblich sein.
Sisyphos galt vor seinem frevelhaften Verbrechen als schlau, ja sogar den Göttern ähnlich in ihrer Weisheit.

Als Autolykus ihm listig Vieh stiehlt, markiert Sisyphos den Tieren die Hufe und überführt so den Meisterdieb.

Aus anderen Versionen des Mythos geht hervor, dass Sisyphos den Menschen sträflich Wissen über Göttliches verraten habe.
Durch sein Talent der Weissagung habe er den Menschen sträflich, in einer dem Sisyphos nicht zukommenden Weise, die Zukunft vorrausgesagt. Bei so viel vorwitziger List legte er sich auch mit den Göttern an. Der Tod sei zu ihm getreten, aber Sisyphos fesselte ihn. Nun starb aber niemand mehr und Hades beauftragte Ares den Tod zu entfesseln.
Als Sisyphos schliesslich sterben muss, beauftragte er seine Frau Merope, die üblichen Totenopfer zu unterlassen, dadurch kann er sich bei Hades und Persephone Urlaub erwirken, kommt aber nicht zurück. Aber Hermes wird ihn wieder in den Hades führen, wo seine Strafe auf ihn wartet.

Tantalus im Wasser

Tantalus ist ewig durstig, und wann immer er sich niedersenkt um aus dem Wasser zu trinken, in dem er ständig bis zur Brust steht, senkt sich der Wasserspiegel unerreichbar für seine Lippen.

Sein Vergehen, das zu dieser Bestrafung führte, wird unterschiedlich berichtet. Am bekanntesten ist die Version, dass er seinen eigenen Sohn Pelops den Göttern als Speise vorsetzte, um zu prüfen, ob diese den Sohn von einem Tier unterscheiden würden.
Einzig Demeter, die gerade verwirrt war durch ihren Verlust der Persephone, aß einen Teil der Schulter. Die übrigen Götter aber merkten den Betrug und erweckten Pelops wieder zum Leben. Das fehlende Schulterstück wurde durch Elfenbein ersetzt.

Nach anderen Versionen stahl er Ambrosia und Nektar, um es unter Freunden zu verteilen. Oder er verbarg Diebesgut, als Pandareos einen goldenen Hund aus dem Tempel des Zeus stahl und schwur dem Hermes, daß er nichts von der Sache wüßte.

In allen Versionen kommt der Zug vor, dass Tantalos der Freundschaft der Götter gewürdigt wurde, sie aber irgendwie mißbrauchte.

Ixion am Rad

Ixion ist an ein ewig rollendes Rad gebunden, von den Rachegöttinnen - den Furien - gequält.
Ixions Vergehen war es, Hera entführen zu wollen. Zur Strafe der Verletzung der Gastfreundschaft wurde er schliesslich bestraft.

Einige Zeit davor hatte er sich eines Vergehens schuldig gemacht, als er dem Eioneus eine Fülle von Brautgeschenken versprach, aber das Versprechen nicht einhielt.
Daraufhin nahm Eioneus die Pferde des Ixions als Pfand. Ixion lud Eioneus daraufhin zu sich ein, und verprach ihm alles Versprochene zu geben.
Als Eioneus allerdings bei Ixion eintraf, warf Ixion den Ahnungslosen in eine Feuergrube.

Das war ein so schweres Vergehen, dass kein Mensch bereit war, Ixion davon zu reinigen. Schliesslich erbarmte sich Zeus aber seiner und entsühnte ihn seiner Taten und machte ihn sogar zu seiner und Heras Vertrauten - bis zu dem verhängnisvollen Frevel, der darin bestand sich in Hera zu verlieben, und sich ihr zu nähern und ihr sogar Gewalt an tun zu wollen.
Hera berichtete dies ihrem Gemahl.
Noch aber zweifelte Zeus und stellte dem Ixion auf die Probe und fertigte ein Wolkenbild der Hera an. Ixion läßt sich sogleich täuschen und beweist damit seine bösen Absichten, worauf er an das Rad als Strafe gebunden wird.

Sisyphos, Tantalos, Ixion, sie alle erleiden ein Schicksal der Wiederkehr.
Eine Bestrafung für ihren Frevel, der vor allem darin zu bestehen scheint, dass sie Wiederholungstäter sind, manchmal auf verschiedenen Ebenen. Wie bei Sisyphos eindeutig zwangsneurotisch. Als müssten sie sich nun mit der Strafe in der Sache in einer Weise arrangieren, die darin bestünde, das Unausweichliche zu akzeptieren.

Es wird ein vergebliches Mühen geschildert. Die Bewusstwerdung scheint durch dieses Arrangement der Strafe, eine Sache der vorgeführten oder zwanghaften Loslösung. Denn sie können nun ihr Dasein nur noch erdulden, indem sie sich ganz davon ablösen, nämlich etwas anderes zu begehren. Sie sind dem einst begehrten unendlich ausgesetzt.
Was sie in ihrem Leben nicht verzichten konnten, wird nun umgekehrt in einer ewigen Aussetzung mit der einstmals begehrten Sache. Hier erscheint ein deutliches Zeichen bezüglich der ewigen Wiederkehr des Gleichen, ja der Ratschluß der kosmischen Allmacht, dass das unstillbare Begehren zur Wiederkehr des Gleichen führt. Die Reinkarnation der seelischen Wesenheit wird hier veranschaulicht, denn was wirklich als Leiden wiederkehrt, ist ja vielfach die Verhaftung an etwas Bestimmtes (ein Begehren, ein Verhalten etc.), was dann übersteigert wird als Verhängnis.

Weitere Frevler sind die Danaiden, die ihre Ehemänner erschlagen haben, und nun mußten sie auf ewig ein großes Wasserfass füllen, welches keinen Boden hatte oder ihre Krüge waren gesprungen, so daß alle ihre Anstrengungen umsonst waren.
Eine Erklärung wäre, dass sie auf diese Weise erfolglos versuchten mussten, ein Bad zu bereiten, das zur Zeremonie der Reinigung von Blutschuld gehörte (Herbert J. Rose)

Ein anderer Frevler ist Oknos. Er muss unablässig ein Strohseil flichten, das sein Esel immer wieder frißt.

Selbst Theseus und Peirithoos wurden den Verdammten zugesellt, weil sie es wagten Persephone entführen zu wollen. Sie mussten schliesslich als Strafe erdulden, auf ewig auf einem Stuhl festzusitzen. Nur Theseus wurde später befreit.

Tierkreiszeichen und Mythen

Folgende Mythen korrespondieren zum Beispiel mit entsprechenden Tierkreiszeichen. Ich fand diese Zuordnungen bei Liz Greene.

Widder- Jason und die Argonauten. Der Kampf um das goldene Vlies, bei dem viele Abenteuer zu bestehen waren und schliesslich die Zauberin Medea als Unterstützung gewann, die sich ihrerseits in Jason verliebte, zurück mit der Beute des goldenen Fließes heirateten sie schiesslich; aber es beinhaltet diese Geschichte auch der spätere Verrat an Medea: Jason vergisst seine Ritterlichkeit nach zehn Jahren Herrschaft über ein Königreich - als er eine andere schöne Frau Glauce, der Tochter des Königs von Corinth zur Gattin nimmt (wohl des Reizes weiterer Abenteuer); - da nimmt Medea mit der Ermordung ihrer und Jasons` Söhne Rache, entflieht - und es folgte die Verzweiflung Jasons und bald sein bitterer Untergang, worauf er sich das Leben nahm.

Stier - König Minos und der Minotaurus. Besitzgier des Minos, er opfert wie von den Göttern verlangt, statt dem schönsten Stier nur einen Ersatz-Stier; daraufhin ersannen die Götter (Poseidon mit der Hilfe Aphrodites) einen Racheplan: Minos Frau wird vom schönsten Stier, der einst geopfert werden sollte, verführt, sie wird schwanger und gebiert den Minotaurus. Diese "Mißgeburt" wird von Minos in einem unterirdischen Labyrinth vor den Augen der Welt verborgen, er schämt sich zu sehr davor; ihm muss aber zweimal jährlich eine Jungfrau und ein Jüngling geopfert werden. Theseus schliesslich tötet das Ungeheuer.

Zwillinge - die Dioskuren: Kastor und Pollux (im griechischen ist Pollux gleich Polydeukes). Einer der beiden ist sterblich, der andere unsterblich. Der sterbliche Bruder stirbt eines Tages im Kampf. Daraufhin bittet der überlebende (göttergleiche) Bruder Zeus ihn wieder zum Leben zu erwecken, aber Hades beansprucht eine Seele für seine Unterwelt, die ihm zusteht. So kommt der Kompromiss zustande, dass abwechselnd Kastor und Pollux/Polydeukes ihre Rollen in der Unterwelt und der Oberwelt tauschen (es gibt mehrere Versionen des Mythos, so auch, dass der eine am Tage existiert und der andere in der Nacht; immer läuft es darauf hinaus, dass beide niemals zur selben Zeit gemeinsam am selben Ort sein können). Beide sehnen sich für immer nach dem anderen.

Krebs - Liz Greene meint, alle Mutter-Sohn Geschichten korrespondieren mit dem Krebs Thema. Es gehe nicht allein um die Mutter, sondern tatsächlich um Mutter und Sohn. Ein Krebs Mensch identifiziert sich entweder mit der Mutter oder mit dem Sohn.
Kybele und Attis. Ishtar und Tammuz. Aphrodite und Adonis.Viele Mutter-Göttinnen bringen Nachwuchs aus sich selbst (ohne Vater) hervor, aus ihren eigenen schöpferischen Quellen. Bei der Mutter geht es zunächst um die Mutterliebe, aber dann kommt der Punkt, an dem der Sohn sich (ob real oder im Geiste) verabschieden muss, um wirklich ein Mann zu werden.
Inzest in den mythologischen Geschichten verbindet Liz Greene mit einem Inzest an der Phantasie und dem Unbewussten. Etwas wird aus sich selbst gebärt, und bringt Leben hervor, hat aber auch seinen Preis und kann bedrohlich sein.

Wassermann - Prometheus.
Weiterhin ist hier auch Epimetheus enthalten und die Pandora.
Bei Prometheus ist es der edle altruistische Impuls, der Menschheit Gutes zu bringen. Doch Zeus wollte die Macht des Menschengeschlechtes begrenzt sehen.

Hier spricht Liz Greene von einem Schuldgefühl. Es sei der Zorn des Unbewussten, der uns plage, sobald wir begönnen bewusst zu werden und ein Stück Land des Unbewussten zu rauben. Es sei der Kampf um Bewusstsein eine Sünde, nämlich gegen die archaische Natur zu handeln. Prometheus als Titan spiegelt auch ein wenig den alten Krieg der Titanen (chtonische Mächte) gegen die Olympier wider. Der Titan Prometheus schuf den Menschen aus der Erde.

Der Wassermann-Geist erhebt sich über diese Natur und strebt die Freiheit von diesen Verankerungen, auch von sozialen Werten an.
Prometheus galt als Schützling und Anwalt der Menschen (auch ein Wassermannthema: Anwalt und Schützling).
So nahm irgendwann Zeus das Feuer den Menschen und Prometheus gab es ihnen durch eine List zurück. Darauf nun wurde die Pandora ins Spiel gebracht mit dem Ausströmen aller Übel der Menschheit.
Vielleicht geht es tatsächlich um eine verlorene Unschuld. Wenn man etwas tut, wird man potentiell schuldig (was natürlich andererseits den Mut zum Wagnis entspricht, der eine zur Menschwerdung wichtige Eigenschaft ist). Im Grunde ist es ein Zwiespalt zwischen Schuld (nicht nur gegenüber der Schöpfungsordnung sondern auch gegenüber der sozialen Ordnung, der sozialen Konvention) und Unschuld (Freiheit des Selbst).
Der Wassermann könnte sich dieser verlorenen Unschuld bewusst sein. Am Felsen gekettet wird Prometheus symbolisch von innen her aufgefressen (der Adler macht es nur sichtbar). Fehlt das Bewusstsein über das Gewissen, dann wird dieser Hochmut vielleicht zunächst durch einen Gewissensbiss und dann meist durch irgendeine Konsequenz des Handelns bestraft, natürlich im Angesicht der Welt und Natur.

Prometheus im Mythos taucht auf bei Aischylos, Hesiod und Platon - und wird teilweise widersprüchlich überliefert und rezeptiert.

Literatur:

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April 2007
Stefan Arens