Seit Anbeginn der Menschwerdung hat sich der Mensch
Vorstellungen
über seine eigene Stellung in der Schöpfung gemacht.
Diese
Vorstellungen waren nicht schiere Produkte der Phantasie, sondern
erwuchsen aus
der Einsicht in die Schöpfungsordnung. Der Standpunkt als erlebender Mensch war massgeblich gewesen.
Diese Einsichten begannen schon vor dem rationalen Zeitalter und begleiten kulturgeschichtlich gesehen die ganze Menschwerdung. Mythen der alten Hochkulturen aber auch vieler Naturvölker bilden sich aus einem Kern heraus, und dieser Kern ist immer eng verbunden mit der Schöpfungsordnung, mit dem Selbst des Menschen und der Ganzheit des Lebens.
Man macht oft den
Fehler
in den Mythen "falsche Erklärungen" zu vermuten, anstatt zu begreifen,
dass der Mythos in einer gewissen Weise beschaffen ist,
damit der
Mensch mit den Wahrheiten
leben kann.
Der
Mensch fand eine Orientierung in diesem Umstand, was man auch kosmische
Begründung des Lebens nennen
kann. Für ihn ergab sich eine souzusagen kosmische Sicht der Begründung
des Lebens allein daraus, dieses Leben zu beobachten und auf
dahinterstehende Kräfte und Archetypen zu schliessen.
Funktional gesehen, erhält der Mythos eine Bedeutung als richtungsweisende Kraft, die das Leben zusammenhält - so wie der Kosmos in den Augen der Mythenträger durch ähnliche Kräfte, die im Mythos abgebildet sind, zusammen gehalten wird.
Insofern ist der Mythos eine Religion. Es war aber nicht
nur ein Glaube, sondern es war ein Wissen um das
Vorhandensein von göttlich bezeichneten Kräften; im Grunde steht mit
dem Wort "Götter" oder "Gott" der Bezug auf eine höhere Welt und höhere
Ordnung im Vordergrund, also so was wie eine die Welt tragende Ordnung;
- freilich gab es die Götter nicht wirklich, weil
diese nur Sinnbild für höhere Wirkmächte sind.
Was im Mythos unter anderem abgebildet wird, sind erfahrbare Archetypen, die man vereinfacht auch als "Energien" oder "Felder" beschreiben kann - was alles die Natur im Bunde mit dem menschlichen Selbst traumähnlich erlebbar machen kann.
Mächte oder Energien der Natur korrespondieren mit dem Selbst des Menschen, und werden so zu Archetypen. Erlebnisse oder Dinge, die geschehen, haben Bedeutung für uns. Und wir sind es, die die zentrale Rolle spielen, wenn wir uns die Frage stellen, was eine Sache bedeuten soll. Mit dem Hintergrund eines mythischen Bezuges werden die Erklärungen des Geschehens immer den Menschen und seinen Standpunkt berücksichtigen, denn ohne den Menschen als Erlebenden, bräuchte es keinen Mythos.
Der Mythos dient im Grunde der Abrundung des Lebens. Das Leben wird als von Kräften durchwachsen und beeinflusst angesehen. Aus heutiger Sicht passt es gut von Energien zu sprechen, die in verschiedener Weise in den Mythen abgebildet werden. Aber was sind "Energien" ? Als was soll man das Wort "Energie" verstehen, vielleicht in Bezug zu Symbolen oder Archetypen? Heute denkt man viel über naturwissenschaftliche Definitionen nach. In Bezug aber zu Mythen muss der Begriff "Energie" auf eine etwas kompliziertere , weil schwerer zu vermittelnde Grundlage gestellt werden.
Energie bedeutet
eine Qualität. Verschiedene Energien weisen unterschiedliche Qualitäten
auf. In diesem Kontext soll der Begriff "Energie"
eine Äquivalenz (Gleichwertigkeit) ausdrücken, so dass jede
Erscheinung und jedes Ding nicht nur als Materie gesehen werden kann,
sondern auch als einer gewissen Energiequalität gleichwertig. So etwa
gibt es in den Mythen oft die vier Elemente: Wasser, Erde, Feuer, Luft.
Weiterhin entsprechen auch die Götter und Helden ähnlichen
"symbolischen
Energien" oder Archetypen.
Mit der Astrologie und der damit
verbundenen Menschenkunde wird offensichtlich, dass das menschliche
Erleben im Grunde als eines gesehen werden kann, in dem einige
hauptsächliche "Energien" beobachtbar sind. Auch der Schamanismus
formuliert zum Beispiel mit dem Ätherkörper massgeblich solche Bezüge
zu energetischen Sachverhalten.
Die Natur liefert uns schon ein Abbild der
Schöpfungsordnung . Die Menschen hatten bald schon ein Gespür
dafür, dass Gesetze der Natur auch in ihrem eigenen
individuellen
Leben wirken, woraus irgendwann
der alchemistische Ausspruch wurde: "wie oben so unten".
Aus
anfänglichen Anschauungen wurden mit der wachsenden
Reflektionsfähigkeit Mythen. Der Mythos diente zur Erinnerung und
Intensivierung des lebendigen Bezugs zum Ganzen und der Mythos war wie
das Selbst
des Menschen ein Teil des
Ganzen, eines Ganzen, in das sich die Menschen eingebettet sahen.
Es
ist Tatsache: vieles im Mythos
ist beliebig erfunden, aber erfunden innerhalb eines
notwendigen
Rahmens.
Der Mythos orientiert
sich an der Schöpfungsordnung, an den einmaligen und immerwährenden
Gesetzen, Kräften, Mächten und Energien, denen wir
als Mensch
und
Lebewesen auf
diesem Planeten
unterworfen sind.
Das Ganze ist das Leben, das eingebettet ist in eine höhere (kosmische) Ordnung.
Erkennt man im Mythos die Welt in ihren Gesetzen, dann ist das immer in Bezug zum individuellen Sein des Menschen. Da sowohl Mensch als auch Welt denselben Kräften und Gesetzen unterstehen, ist die Erkenntnis des einen (Selbst) auch die Erkenntnis des Anderen (Welt) - und vice versa (lat. vice versa=umgekehrt).
Das Leben verändert sich, aber die Griechen kannten eigentlich nur eine Zeit: die Gegenwart. Daher erklärt sich auch dieser Wandel mythischer Geschichten. Es gibt viele Versionen eines Mythos, der in gegebener Gegenwart immer wieder neu angepasst wurde.
Manchmal kann ein Mythos einen zutreffenden Bezug auf vergangene Geschichte haben. Die Geschichte war den Griechen eigentlich unwichtig, aber sie lieferte einen für sie nützlichen Erfahrungsgrund, im Sinne eines kollektiv bedeutsamen Erlebens, das in neuer Fassung des Mythos nachempfunden wurde. Gewesene, das ist immer überlieferte Geschichte.
Das Besondere in der Anschauung der antiken Griechen ist, dass für sie vor dem Zeitalter des Zeus noch das (mythische) Zeitalter des Kronos (römisch: Saturn) vorlag, der die vielen Ausschweifungen des späteren Zeitalters noch nicht kannte.
Dieser Kronos versinnbildlichte eine Ordnung des Lebens, die in sich gediegen war, und passt so gar nicht zu dem heroischen Zeitalter der Griechen unter Zeus. Es kann sein, dass mit eben diesem Kronos in Wirklichkeit eine frühzeitliche Wahrnehmungsart gemeint ist, die in vielerlei Hinsicht der australischen Traumzeit geähnelt haben könnte, und die zur Zeit des Frühmenschen (anno 30.000) vielleicht auch weltumspannend war.
Eine solche Traumzeit hat eine gewisse Begrenzung, man hält sich in dieser auf, und die Wahrnehmung wird aufgrund individueller Selbstentfaltung ausgerichtet. Aber es findet dieser Traum in den massgeblichen Rahmenbedingungen kollektiver Bedingungen statt, also in einem engen Rahmen.
Der freie Wille und die Entscheidung zur Trennung zwischen "Ich" und Welt und damit verbundene neue Vielfalt der Möglichkeiten, hat uns das Zeitalter der Reflektion gebracht. Und die Möglichkeit, neue Wege zu gehen. Es war quasi ein evolutiver Ausbruch zu neuen Ufern und der Erweiterung menschlicher Möglichkeiten. Es war zuvor kein Anlaß, zwischen Ich und Welt zu trennen, doch mit dieser Trennung wurde Vielfalt möglich. Der Mensch wurde fähig, aus seinem eigenen Schatten des Selbst herauszutreten - ob der moderne Mensch damit seine Instinktgrundlage im Zusammenhang mit seiner neuen Reflektionsfähigkeit auf eine neue Stufe stellte, bleibt aber fraglich oder besser gesagt, dieser Prozess der Harmonisierung steht noch aus. Uns fehlt heute ein taugliches Gerüst einer Einheitserfahrung und fühlen uns eher zersplittert im Leben, erkennen kein Ganzes. Dieses Lebensgefühl, was uns heute abgeht, ist bei vielen Mythenträgern oder Naturvölkern jedoch gegeben. Sie brauchten praktisch nur schauen oder inne halten, und sie wissen, dass sie eingebettet sind in eine höhere Ordnung und dass ihr Leben einen Stellenwert in dieser Ordnung hat.
Die griechische Antike bildet eine Brücke von einer archaischen mehr
oder weniger in sich gekehrten Zeit, zu einer modernen expansiven Zeit.
Zeus
erscheint in
dieser Hinsicht des Betretens neuer Pfade als mächtiger Gott, der ein Arrangement mit der
Expansion getroffen hat,
aber durch Sitte und Ethik vorgibt, dass alles Streben auch seinen
Preis hat, wodurch anscheinend bei den Griechen
einige Aspekte des
Kronos (Saturn=Begrenzer) bewahrt wurden. Kronos war den Griechen ja ein Anfang, über den mit Zeus hinweg gegangen wurde.
Jeder Mythos aller Völker sorgte nicht nur für das Potential eines sittsamen Lebens, sondern gab auch Antworten für die vielen Fragen des persönlichen Lebens. Das konkrete (Er-)Leben wird auf mythische Inhalte bezogen, alles war Ausdruck der göttlichen Kräfte und Energien. Das Schicksal hatte Sinn, innerhalb eines von den Göttern gezeichneten Rahmens.
Anknüpfend an die Tatsachen der Kontinuitität und Einprägung von mythischen Denkinhalten, finden wir auch heute ein gewisses mythisches Gebäude vor. Und zwar die Utopie einer Gesellschaft, die sich zB durch Arbeit und wirtschaftlicher Expansion selbst verwirklichen kann. Und dabei ist es keineswegs nebensächlich, dass wir als Heranwachsende ein natürliches Gespür für Ordnung haben, und wir geordnete Strukturen auch im Leben und den möglichen Denkinhalten suchen, und bestehende Ordnungsgefüge (Muster der Lebensplanung) bereitwillig aufnehmen.
Wir finden dann mit dem Heranwachsen eine Möglichkeit, uns innerhalb der Gesellschaft einen Platz vorzufinden oder nach geltenden Mustern einzurichten, was sodann mit Bedeutung und Sinn verbunden ist - ein grundlegendes Bedürfnis ist dabei die der Existenzsicherung, verbunden mit bestimmten Erwartungen an diese Existenz (minimale Anforderung: zB eine eigene Wohnung und Heimstatt).
Wir erleben dann Konflikte in
uns, wenn uns dieser Platz unsicher scheint und wir damit auch erleben,
wie der Sinn und die Bedeutung unseres Lebens bedroht wird.
Wir sehen alle Abläufe als
Teil eines Ganzen: und in der Regel werden wir das Ganze als
"Wirtschaftsstandort" definieren. Die Maxime ist in etwa: Geht es der
Wirtschaft gut, dann geht es allen gut. Aber kaum jemand ist
natürlich so eng an diese gesellschaftlichen Werte und Vorstellung
gebunden; das Denken kreist realistisch gesehen
einfach um alltägliche Belange.
Dennoch ist dieses strukturelle Gebäude
eines "Gesellschaftssystems" analog den Eigenschaften eines jeden
(vorzivilen)
Mythos.
Der
Unterschied ist heute aber auch, dass solche modernen
Mythen, mit denen das Leben und die Gesellschaftsform "erklärt" werden,
hohl und leer sind, denn wenn es der Wirtschaft gut geht, profitieren
oft nur einige wenige und oft geht es der Wirtschaft nur gut, weil
viele ausgebeutet werden. Der Mythos erhält so seine moderne Bedeutung
als Lüge, Illusion, an die viele glauben (wollen oder sollen).
Mit diesem Vergleich "heutiger Mythen" und damaliger Mythen
wird
eigentlich klar, dass - abgesehen vom technisch-medizinischen
Fortschritt, denn hier soll nur der Bezug auf die mentalen
Vorgänge
berücksichtig sein - die damalige Zeit der unseren mental
gesehen überlegen
war, weil die
Mythen auf das Leben vorbereiteten. Während heutige Werte, die wir
übernehmen (moderne Mythen),
offensichtlich nur die Enttäuschung und Entillusionierung erforderlich
machen.
Neue Wertbildungen werden nötig gemacht, und es gibt neue Mythen für jeden
Einzelnen sozusagen.
Sofern man kein Glückspilz
ist und seinen Beruf mit der
Selbstverwirklichung in Übereinklang bringen kann (auch diese
Selbstverwirklichung fördert das Einheitsbewusstsein, nachdem wir
unbewusst immer streben werden) , wird
man die
anfänglichen und subtil vermittelten Utopien der Gesellschaft
zurückweisen
müssen.
Oder aber - wie in den meisten Fällen - wird man mit seinem
alltäglichen
Familienleben und Berufsleben einfach erfahren, ohne es zu reflektieren: dass die damals in der Kindheit
vermittelten
Utopien Geltung als strukturbildende Komponenten aufweisen, aber bloß
rudimentäre Einheitserfahrung bieten. Was letztlich nicht zufrieden
stellen wird.
Es ist so, dass wir uns vor zehntausend Jahren nicht anders als heute einem Leben ausgeliefert sehen, dessen strukturbildende Komponenten wie
bei jedem Leben nicht in der äusseren Realität bestehen (da kommen nur
Anreize und Reize her), sondern immer in den mentalen oder
ideellen Strukturen unserer Anschauungsweise bestehen werden.
Und
heute sieht es so aus: Unzählige politische
Herrschaften und wirtschaftliche Entwicklungen bedrohen mit ihren
Entscheidungen die eigene Position und Stellung innerhalb der
Gemeinschaft (von
bürgerlichen Existenzen). Das war damals nicht anders. Es
ist nie besonders wichtig gewesen, was äusserlich passierte,
sondern was man diesem Geschehen an Bedeutung beimaß. Daraus ergibt
sich die strukturbildende Komponente der Mythen: sie formen unser
Denken und Wahrnehmen. Heute brauchen wir keine Muster, oder
Anhaltspunkte für eine höhere Ordnung - einfach, weil wir es nicht
brauchen. So glauben wir. Aber wir vergessen, dass der Mythos kein
Spiel mit der Phantasie ist, sondern Spiegel der Schöpfungsordnung.
Wir
können das so verstehen, dass die Ordnungen in der Schöpfung
einerseits, in unserem eigenen Erleben und Menschsein
andererseits vorhanden sind. Es ist wie ein fraktales Muster, das im
Grossen eine gewisse Struktur aufweist und im Kleinen eine ähnliche. Es
sind die echten Mythen so etwas wie Stützpfeiler der Menschen
gewesen, da es für die verschiedenen Erlebnisweisen und äusseren
Geschehnisse eine Resonanz
mit dem im Mythos geschilderten Geschehen gab. Natürlich ist das im
Mythos gezeichnete Bild nicht deckungsgleich mit der erlebbaren
Realität. Denn es dreht sich ja nur um die inneren Gehalte, Strukturen,
Archetypen, psychischen Muster, Energien. Es gibt keinen bärtigen Zeus,
aber eine Erfahrung, um es kurz zu sagen: als
wäre man dem Wirken einer Kraft begegnet, die von Zeus hervorgebracht
ist oder stellvertretend auch in Zeus abgebildet ist. Die
Erfahrung als Inhalt des Bewusstseins ist massgeblich, nicht das , was
man durch und mit der Erfahrung bezeichnen kann. Diese Erfahrung sucht
sich in unserem Bewusstsein zwangsläufig ein Konzept, oder sagen wir
eine mögliche Zuordnung, Einordnung. Es geht bildlich gesprochen: Mit
jeder Erfahrung ein Licht in unserem Bewusstsein auf. Wir denken etwas
- um es noch einfacher zu formulieren. Aber wir wollen auch etwas. Und
das kann kein Mythos aufhalten, nur kann ein Mythos Gänge oder Wege
bilden, wo unser Wollen gespiegelt und aufgefangen wird und vielleucht
legitimiert.
Heute legitimieren wir alles mögliche Verhalten. Nichts
davon wird uns direkt gelehrt. Dass wir unser Geschäft machen können,
oder uns legitimieren um gewisse Dinge zu tun, darauf kommen wir
einfach. Das Leben bringt es uns bei.
Aber es gibt Dinge, die wir uns nicht beibringen brauchen, weil sie aus uns bereits heraus drängen . Selbstverwirklichung
ist so etwas, was tief in uns als Bedürfnis eingegraben ist. Wir werden
versuchen uns so zu verhalten, wie es unserem eigenen Selbst
entspricht - ob wir dabei in für uns ungeeignete Rollen oder
Berufsfelder
geraten, oder ob wir in für uns geeignete Strukturen hinein finden.
Doch
auch die
erlesensten Plätze einer Gesellschaft werden
zunehmend bedroht von Bürokratie und Entfremdung. Wir verlieren uns
selbst im Dickicht der Zivilisation und marktwirtschaftlichen
Bedingungen. Wo ist das tragende Konzept für unsere Mentalität und
wohin geht unsere Auffassung von Sinn? Wo wird unser Erleben, unser
alltäglicher Triebkomplex aufgefangen, durch welche legitimierenden
Ansichten und begrenzenden Moralvorstellungen? Klar, das wird alles
aufgefangen, aber irgendwo mehr oder weniger zufällig und richtungslos.
Da uns dieser moderne Mythos nicht
wirklich zufrieden stellen kann, kommen wir zu den
Verdrängungsprozessen, vor allem dem Konsum. Daher ist der Konsum
als Lebensweise vielleicht ebenso ein Mythos. Denn er gibt uns Sinn.
Der höhere
Leitstern, die kollektive Ideologie, das kollektive Ideal, das ist
allein Beschönigung und Schminke der Missstände geworden: "Wenn es
heute
auch nicht annähernd perfekt ist, so wird es morgen so sein." Wir
blicken nach aussen, und sehen Probleme. Würden wir aber nach innen
blicken und viele äußeren Probleme nur als Folge unserer inneren
Richtungslosigkeit entlarven, wäre viel gewonnen.
Es geht auch um einen drohenden Kontrollverlust, der in der Psyche des Menschen begründet liegt.
Wir
finden die Komsumgesellschaft mit ihren Werbestrategien, den
auszuhandelnden Verträgen, die uns locken: "unterschreibe und du bist
gebunden".
Es
ist allerhand Werbung anzutreffen, die
man, bedingt durch die Breite und Unumgänglichkeit der Konfrontation,
auch als
eine den Göttern ähnliche Bereitstellung von Mythen beschreiben kann:
weil diese Botschaften beinahe andauernd wahrnehmbar und omnipräsent
sind. Sie beeinflussen uns nur in einem sehr spärlichen Bereich. Aber
darum geht es kaum, sondern darum, dass die Energien oder
Archetypen immer noch wirken bzw. vorhanden sind. Es ist egal, was
Werbung beabsichtigt, sondern es ist wichtig, was sie ist.
Nun, was zeigt uns das alles? Es gibt immer noch eine
Schöpfungsordnung
und sie wird ausgedrückt in allen Erscheinungen des Lebens, ob wir uns
dessen gewahr sind oder nicht. Die Bilder der Werbung sprechen zu uns,
weil es die Kräfte der "Verführung" gibt (Venus/Pluto). Dahinter steht
mehr die Lüge, der Trick. Schaut man sich alles im Ganzen an, so
muss man wohl für wahr halten: dass der moderne Mythos aus der
Konsumgesellschaft besteht. Nicht die technische Revolution hat uns im
Griff, sondern das Bedürfnis etwas zu haben, um es zu konsumieren.
Die ganze Wirtschaft würde zusammen brechen, wenn keiner mehr
konsumieren würde. Wir gehen arbeiten, kriegen Geld, und der Sinn davon
ist die neue Stereoanlage, oder der nächste "Traum" eines Kaufs.
Im Grunde überlegen wir da nicht lange. Aber wir befinden uns in diesen
Strukturen und "glauben" an sie. Sie sind Ausdruck einer dem Leben
nötigen Sinnhaftigkeit.
Struktruell
gesehen kommt es darauf an, dass man wirklich an Anschauungen
gebunden wird, also dass man nicht davon ablassen kann. Wir brauchen
solche Strukturen und werden sie von unseren Eltern und Umfeld
übernehmen.
Wenn
man so will, beruhen die Strukturen jeder Weltanschauung
auf bloßen Regeln und Mechanismen, nicht auf Namen oder Inhalten.
Diese
Regeln, Funktionen und Strukturen müssen die Lebenszeit (zumindest eines
Lebens)
überdauern, damit sie stabil und gefestigt bleiben. Umso mehr Menschen
eine Weltanschauung miteinander teilen, desto stabiler wird
diese Weltanschauung (der Mythos, der uns leitet und Sinn
vermittelt).
Sehr
gut könnte man
die griechische Mythologie mit der heute
bekannten Astrologie
vergleichen.
Die
Griechen bemühten sich nicht explizit um eine Astrologie, indem sie die
Planeten
beobachteten, oder Kategorisierungen aus einer Arkana herleiteten, die
systematisch zu so
etwas wie einer Astrologie hätte führen können.
Nein, sie sahen die
Energien oder Archetypen, analog den Symbolen der Planeten, direkt bzw. im Hintergrund,
in der
Natur und in den Ereignissen liegend. Eine erlebte Wirklichkeit ist etwas anderes, als eine erdachte Wirklichkeit.
Aus
verschiedenen Gründen ähnelt die Symbolik der Astrologie jener der
griechischen
Mythologie (Zeus=Jupiter, Aphrodite=Venus usw.). Der wichtigste
Grund: es gibt nur eine Schöpfungsordnung, auf die man sich beziehen
kan,
und deshalb ist es zwangsläufig, dass die repräsentierten
Energien/Symbole/Kräfte auch ännähernd gleich sind, bzw. dass sich in
einem
Vergleich dahinterstehende Prinzipien als deckungsgleich erweisen.
Oberflächlich betrachtet erklärt dies nichts oder ist eine Tautologie.
Aber es geht um die Realität gewisser Kräfte, die im
beobachtbaren Leben unterscheidbar und kategorisierbar werden.
Bedeutend an der griechischen Mythologie ist aber die Perspektive, mit
der diese Symbole geschaut wurden - sie standen in Bezug zu einer
natürlichen und uns heute ähnlichen Lebensweise, weitgehend ohne
okkulte oder magische Elemente, wie sie in anderen Mythologien oft
auftauchen. Jedenfalls erscheint der griechische Mythos sehr viel mehr menschenbezogener, anthropomorpher.
Im
Vordergrund - und massgeblich - muss der
Eindruck gestanden haben, dass man in ein grosses Ganzes eingebettet
ist, und dass der Kosmos Kräfte beinhaltet, die an allem Geschehen teil
haben.
Diese Schau von Energien und Kräften, ist eine Schau des für den
Verstand Unbegreiflichen - es ist das Numinose.
Anmerkung:
Den Begriff epopteia,
den ich manchmal verwende, habe ich gewissentlich
aus seiner ursprünglichen Bedeutung gerissen.
Ursprünglich steht dieser
Begriff für einen bestimmten Prozess, zB während den Mysterien, und
soll
die geistige
Schau versinnbildlichen. In Ermangelung eines besseren
Begriffs habe
ich diesen Begriff allgemein dann für jegliche geistige Schau benutzt;
in Anlehnung an die Schau, die man vielleicht in einer Art
Kontemplation erfährt. Bedeutsam ist jedenfalls, dass etwas
"übersinnliches" gemeint ist (das Übersinnliche ist nicht ganz so
abwegig und fern von den Sinnen, wie es der Begriff Übersinnliches
andeuten könnte).
Das Schicksal,
glaube mir,
steht nun bei uns
und wer sich ganz bemüht,
der stärkt die Götterkraft,
die ihn beschützt.
Die mythischen Dichter wie Homer und
Hesiod bezogen sich auf die lange Tradition mündlich vorgetragener
Gesänge der mythischen Vorstellungen (die von Rhapsoden vorgetragen
wurden).
Mit
dem ersten Niederschreiben erhält
der griechische Mythos die feste Form, wie wir sie heute kennen.
Homer war der Zeit noch nahe, in der die Mythen eine
praktische
Verbindung zum alltäglichen Leben herstellten. Homer war der erste, der
anfing,
diese mythischen Vorstellungen in einem literarischen Werk zu sammeln.
Man kann sich zudem fast sicher
sein, dass die Illias des Homers um 850-800 die erste literarische Epik
des gesamten Abendlandes (=Europa) gewesen ist.
Jedoch wurden im orientalischen,
mesopotamischen oder indischen Gebieten schon lange vorher Mythen
schriftlich notiert.
Wer Homer als Person war, ist kaum bekannt - es bildeten sich schon in der klassischen Antike zahlreiche Legenden um seine Person.
Die Entwicklung der griechischen Schrift
bekam 776 v. Chr. mit der Olympiade,
deren Sieger schriftlich notiert wurden, einen immensen Schub,
doch war es nicht der allererste Impuls für die griechische Schrift.
Handelsbeziehungen und Herrscherbeziehungen bildeten vordem sicherlich
ebenso einen Auftrieb der Bildung der heute bekannten griechischen
Schrift.
Man nimmt an, dass die Illias von Homer anno 850-750 v. Chr. verfasst
wurde.
Die endgültige Fassung der beiden homerischen Werke
Illias und Odyssee stammt jedoch von Aristarchos von Samothrake anno
180 v. Chr., etliche
Jahrhunderte nach der ursprünglichen Fassung des Homers.
Es
kursierten mit der Zeit mehrere Versionen der homerischen Schriften und
es war schon damals nicht mehr
ausfindig zu machen, welches der ursprünglichen Fassung am nächsten
kam - Aristarchos sorgte schliesslich für eine
einheitliche
Fassung. Der
wichtigste Grund für die vielen Versionen mag gewesen sein,
dass
die
ursprünglichen Worte, die Homer anno 800 gebrauchte, zu seiner
Zeit ganz andere
Bedeutung hatten, oder mit der nachfolgenden Zeit ihre
Bedeutung verloren hatten. Die Schrift war ja zeitgleich mit Homer
entstanden und im Begriff sich weiter zu entwickeln, ausserdem
veränderte sich die Kultur zu dieser Zeit durch die neuen (technischen
und geistigen) Möglichkeiten.
Die sogenannte homerische
Frage moderner
Gelehrter (ca. ab 1900) drehte sich um die Frage, ob Homer ursprünglich
wirklich
allein
beide Werke (Illias und Odyssee) geschrieben hatte.
Da es gewisse
uneinheitliche Züge in beiden Werken gibt, lag dieser Schluß nahe (dass
Homer alleiniger Verfasser ist, wird
heute aber nicht mehr in Frage gestellt); - es
lässt sich diese Diskussion der Gelehrten dadurch
erklären,
dass eben
der reine
Quelltext des Homer schon in der Antike bald nicht mehr
existierte und beide Werke von der Zeit der Antike und von
Aristarchos in einzelnen Worten oder Versfragmenten
verändert
wurden.
Es kann zudem sein, dass "Homer" ein versierter Dichter und Schreiber war, während es diverse weitere Dichter um ihn herum gab, die dem Schreiber "Homer" unterstützend zur Seite standen und ihm die Sagen zum Beispiel vortrugen.
Gewesene Geschichte wurde wahrscheinlich von den Dichtern als
Vorlage
betrachtet. Aber in
der Dichtung bestehen nur noch Eckpunkte des wahren Geschehens von
geschichtlichen Ereignissen.
Es gab keine exakte Überlieferung der Geschichte, es war
bis zu einem bestimmten Grad der Willkür überlassen, wie man
aus gegenwärtiger Position die Vergangenheit interpretieren wollte. Das
geschah weniger aus Unvermögen, sich Klarheit über die reale
Geschichte schaffen zu können, als viel mehr aus einer Haltung, die das
gegenwärtige Leben als wichtigste Relevanz einstufte. So wurde die
Reflektion über Vergangenheit ein Handlanger der Gegenwart.
Die
Vergangenheit und Geschichte wurde in den Dienst
der mythischen Gegenwart gestellt, weil in der Gegenwart das mythische
Denken vollzogen wurde. Der Mythos lebt in der Gegenwart,
Geschichte ist vergänglich.
Die
Sage um Troja kann auf einen echten Krieg zurückzuführen sein, die Sage
aber will die Geschichte erzählen, indem sie es mit den Göttern und
ihrer Bedeutung verknüpft - die Sage will gewesene Geschichte
nicht exakt wiedergeben, sondern sie will die Gegenwart mit Geschichte
ausfüllen, und ausschmücken, das Gewesene dienstbar machen im Sinne
einer
Förderung der metaphysischen Wahrnehmungskultur.
So
verbinden sich
Städte, Könige, Landschaften und anderes mit den
Göttern in
die Mythen. Man erkannte in allem das Wirken der Götter. Man
verstrickte durch Eingebung der Musen angeleitet, die vorhandene
Realität zu verschiedenen Geschichten des Wirkens der Götter.
Die epische Erzählung (Gesang) über das Wirken der Göttern, und den Menschen, die den Mächten und Kräften ausgesetzt sind, wurde in den folgenden Jahrhunderten durch Tragödien-Dichter wie Euripides, Sophokles und Aischylos auf eine neue Stufe gebracht, die der griechischen Trägödie (in einem Theater).
Nun wurde - zeitgleich mit dem Entstehen der modernen Stadt
(Polis) - die breite Masse angesprochen.
Vorher wurden die Gesänge wohl
meist in kleineren Gruppen vorgetragen, in Familien, im Hirtenleben,
von umherziehenden Rhapsoden (Sängern).
Der Ethnologe Levi-Strauss hat den Mythos als eine der Logik gleichwertige Denkordnung (das "mythische Denken") begriffen, welche ebenso komplex wie die logische Denkrichtung ist, nur nach anderen Regeln aufgebaut und anders geordnet ist. Der Mythos hat notwendige Berührungspunkte mit ganzheitlicher Wahrnehmung.
Mit Siegmund Freud wurde anfang des 1900 Jahrhunderts zunehmend das Symbol in Bezug zur Psychologie erkannt, aber es wurde - bedingt durch seine psychoanalytische Zielrichtung - noch sehr auf den pathologischen Zustand, also auf die mögliche Krankheit bezogen.
Begierig wurde damals um die Jahrhundertwende die sexuelle Komponente aufgegriffen, und zugleich im alltäglichen Leben angestrengt abgelehnt; - keineswegs verwunderlich, da die Zeit von Freud und das gesamte neunzehnte Jahrhundert (1801-1900) durchaus als sexuell verklemmt angesehen werden kann. Und um 1900 langsam ein langsames Aufbrechen dieser starren Verhaltensmuster begann.
Das Symbol war Symptom für etwas Psychologisches. Aus dieser Ausschliesslichkeit, resultierte so manche Ablehnung in der Kulturgeschichte. Eine Kulturgeschichte, die es zunächst ihrerseits versäumte diese Ansätze des Symbolischen weiter zu verfolgen. Denn das Symbol erschien zu seinseitig als intimes Zeichen und war entweder von Angst, Pathologie oder Perversion besetzt.
Mit C.G. Jung wurde Mitte desselben Jahrhunderts endlich das Symbol befreit aus seinen diversen Andichtungen. "C.G. Jung lehnte die zeichenhafte Bedeutung von Freuds Symbolen ab und betonte den ambiguosen, unausschöpfbaren Gehalt der archetypischen Symbole.
Die archetypischen Bilder
können nach Jung überall und spontan auftreten; ihre Ähnlichkeit beruht
auf der Struktureinheit der Seele, nicht auf literarische Übernahme
oder Phantasie.
Der Archetypus
ist nicht fassbar und nicht unbedingt mit mythologischen
Symbolen
identisch, sondern er spiegelt sich, immer variiert und unvollkommen,
in stets neuen Gestaltungen." (E. Frenzel)
Der eigentliche Ursprung der Mythen ist uns ungewiss.
Wir können uns aber annähern an eine Vorstellung über die
Entstehung der Mythen. Hierzu findet sich in meinem
Artikel Der
Beginn der Antike
ein Überblick über die frühe Phase der Antike (3000-1200 v.Ch.), mit
dem Einbezug der Urzeit der Menschheit (bis anno 30.000) und dem ersten
Auftauchen künstlerischer Betätigung anno 30.000 v.Chr.
Um 7000 v. Chr. tauchen die ersten grossen in die Landschaft
gefügten
astronomischen Konstruktionen auf (zB Stonehenge), mit
denen der Sonnengang gemessen
werden konnte. Mit dieser Phase der Kulturleistung passt ins Bild, dass
analog zu dem sich in dieser
Zeit ausbildenden ICH-Bewusstsein,
welches mit der Sonne identifiziert werden kann, und mit dem das
Reflektionsvermögen zunahm, die Sonnensymbolik der Menschwerdung und
der
Ichwerdung (Ich=Sonne) anzutreffen sind. Diese Sonnen-Symbolik
korrespondiert mit
diesen archäologischen Funden zeitlich gesehen.
Der Kern des Bewusstseins als
ICH bildet symbolisch gesehen einen Punkt, inmitten seiner Fähigkeiten
wahrzunehmen, zu fühlen, zu denken und zu empfinden. Ein (zentraler)
Bezugspunkt
wird geschaffen, das "Ich".
Verstand und
Sprache wurde ein ordnender Bezugs-Punkt inmitten der
umgebenden und wahrnehmbaren Wirklichkeit, einer Wirklichkeit, in der
man sich Erfahrungen ausgesetzt sieht. Bevor der Mensch mit der
Sprache und dem Verstand über seine Gegenwart reflektieren konnte, war
dieser innere Punkt nur ein Keim einer Identität, und man sah
sich eingebettet in das kosmische Ganze. Nun begann sich die Identität
mehr und mehr auszukristallisieren. Unter der Erfahrung eines grösseren
Ganzen empfand man zwar seine eigene individuelle Stellung, verlor aber
noch nicht (anders als wie heute) die Bedingtheiten aus dem Auge, mit
der man vom Übrigen des irdischen Geschehens und der ganzen Schöpfung
abhängig ist und bleibt.
Die Bewusstwerdung = Sonnensymbolik, drückt sich also in der Kunst der jeweiligen Zeit folgerichtig aus, da die Entwicklung des Bewusstseins des Menschen eine neue Phase erreichte. Man weiss nur nicht, wie lange diese Phase dauerte, und ob zB Stonehenge einen Endpunkt oder Anfangspunkt dieser Entwicklung kennzeichnet.
Daher, dass eines aus dem anderen hervorgeht, ist die
Betrachtung der Frühzeit des Menschen durchaus sinnvoll, da in dieser
Frühzeit (mit den Höhlenmalereien und dem ersten
Fruchtbarkeitsgöttinnen), dasselbe Bewusstsein wurzelt, das auch die
später ausformulierten Mythen hervorbrachte.
Die Aufmerksamkeit war von
Beginn an vom Numinosen oder dem mysthischen Erleben durchdrungen.
Doch
viele Fragen über die einzelnen Hintergründe können aus heutiger Sicht
nur hypothetisch
beantwortet werden.
Die Zeitgeschichte hat uns als Nachlass gerade über die Vorzeit der griechischen Antike (etwa die Zeit 3000-1200 v. Chr.) meist nur Keramiken hinterlassen oder Bilder auf Siegeln und andere seltene Bebilderungen auf Wänden (meist Ornamente, noch keine Götter und Heldengeschichten). Doch es gibt viele und deutliche Spuren von Kulten, die für diese Vorzeit der Antike dokumentiert sind. Der Tempel und die klare Form der Götter taucht mit oder kurze Zeit nach Homer auf.
Der Mythos ist etymologisch stets auf die "Rede", "Aussage", "Wahrheit" bezogen worden. Das sind die Begriffe, in denen die antiken Menschen an den Mythos dachten, ja eigentlich wussten sie, und dachten nicht - im Mythos wurde etwas sprachlich hingestellt, was ansonsten ein bewährter Erfahrungshintergrund war.
Eine zeitgenössische Erklärung sieht die Schöpfung der Erde als Zufall. Die Schöpfung ist übrigens auch dann beschlossen, eben durch den Zufall. Doch im Grunde stoppt hier das Denken nur vor dem Nicht-Sichtbaren, denn auch der Urknall, der zumeist angeführt wird, hat noch seine Ursachen, seine Hintergründe ("was war vor dem Urknall" usw.).
Ein rationaler Erklärungsgrund folgert sprichwörtlich alles innerhalb einer vernünftigen Ordnung, wie auf einer Insel des Logischen. Dinge, die man deshalb erforschen kann, weil man das Sichtbare oder Messbare als etwas eindeutig Erkennbares heranzieht und auf etwas Bestimmtes beziehen kann, was logische Fügsamkeit aufweisen muss.
Was aber über die Begrenzung der Insel (=Verstand) hinaus geht, kann nicht eingesehen, ja oft noch nicht mal erfasst werden. Tatsächlich hängt das Verständige davon ab, was man bisher gelernt und begreifen konnte.
Diverse Kräfte existieren und wirken, ob innen oder außen. Vermutlich mehr innen als aussen. Ist vielleicht letzten Endes die innere Wirklichkeit viel grösser und besteht diese innere Wirklichkeit eben nicht nur aus eigener Befindlichkeit, weil diese innere Befindlichkeit und Wahrnehmungsfähigkeit in gewissem Sinne den Zugang zu einer viel umfassenderen Wirklichkeit enthält? Aber da man durch sich selbst bedingt wahrnimmt, kann es nur eine solche umfassendere Wirklichkeit sein, die mit deutlichen Bezügen auf das Subjektive ausgerichtet ist - am meisten auf das persönliche Hier und Jetzt und persönliche Bedeutung dieses Hier und Jetzt bezogen.
Die Dinge des Unbeschreiblichen oder die Schöpfungs-Kräfte zu erkennen, sie wahrzunehmen, zu spüren, das verursacht bereits einen sinnhaften Bezug zur Schöpfung (in die der Mensch ja eingeschlossen ist).
Der Mythos erzählte keine Lügen, er erzählte die
Welt so, wie sie von den Menschen als Anschauung und Vision geschaut.
Es wurde geschaut, so wie es die Kräfte und des
Menschen eigener Mittelpunkt vorgaben - es
war eine gewisse Willkür und Ausschmückung natürlich vorhanden, aber
der Sinn des
mythischen Denkens war die Lebendigkeit und angestrebte Geborgenheit.
Das
funktionale Bindeglied zwischen Himmel (zB Geist oder Wahrnehmung) und
Erde (zB alltägliches Leben, Körper oder Existenz): die kosmische Säule.
Der Mythos suchte
eine Funktion zu erfüllen: Sich der allgegenwärtigen Kräfte
und
Mächte zu vergegenwärtigen und sie in einem lebendigen Bezug
zum
Selbst zu stellen.
Ab 500 v.Chr. verlor sich ein ganzheitlicher Bewusstseinszustand, der ein eigenes Logos darstellte, in Form eben des Mythos. Durch die Rationalität und "Verwissenschaftlichung" aller Anschauungen und Ansichten, wurden abstraktere Bezüge zum Inhalt. Das Denken konnte sich nun vermehrt mit den Produkten beschäftigen, die das Denken und die Geschichte selbst hervorbrachte.
Das spätere Denken der Philosophen (ab 500 v. Chr.) hatte mit der Zeit schliesslich einen anderen Ausgangspunkt gewonnen, denn es verlor das ganzheitliche Schauen (die Schau: epopteia). Weil diese Zeit die Sprache und Vernunft umso mehr entdeckte, wie sie die Mythen nicht mehr als Orientierung für das Leben anerkennen wollte.
Heute können wir den Komsum als Ersatzreligion betrachten, wenn wir am Monatsanfang Geld haben, dann sind wir schon fast erlöst von allen Sorgen, können uns beschäftigen. Ähnlich war damals der Verstand ein vollständiger Ersatz für das unmittelbare Schauen geworden. Man brauchte nicht mehr die Urkräfte schauen, und konnte, ja musse sich dem sozialen Faktor anschliessen, der eine allgemeingültige neue Ordnung schuf, die sich vom Mythos umso mehr entfernte, als das Schauen verlernt wurde. Die technischen Errungenschaften machten es leicht, den Blick des Menschen auf neue Dinge zu lenken, die ebenso faszinierend sein konnten. Vieles wurde nun auch leichter und man begriff den Fortschritt als überlegen. Man fühlte sich überlegen gegenüber dem vorherigen Umstand, der Willkür der Götter ausgeliefert zu sein.
Heute
stellt sich heraus, dass wir immer noch den Göttern ausgeliefert sind,
nur im anderen Gewand. Im Chaos der Welt, egal wie sie aussehen mag, ob
diese Welt der Geschehnisse "zivil" oder "rückständig" sei, erscheint uns immer noch das Geschehen
als Sprache von gewaltigen Kräften; wir mögen keine Ehrfurcht mehr
haben, weil es alles nur Materie ist, die irgendwie bewegt ist.
Wir
haben aber den Schleier des Geheimnisvollen nicht von den Dingen
gerissen. Wir richten nur den Blick woanders hin, auf das
Sichtbare, das
viel harmloser ist. Das Unbekannte, also alles, was wir nicht erklären
können, das erklären wir mit Zufall . Es wird einfach nur nicht mehr
wahrgenommen, ohne aber dass es einen Grund dafür gebe (wir machen uns
mit dem Zufall etwas vor).
Oder man verkläre nur fleissig
mit rationalistischen Begründungen die Ansätze zB des Schamanismus als
abwegig.
Dabei böte uns der Schamanismus zwar eine sehr auf
den Menschen bezogene Sicht, in dem wir zum Beispiel das Seelische als Fakt
nehmen. Ungeachtet dass der Rationalismus dem nicht folgen kann,
bietet gerade der Ansatz des Schamanismus ein konkretes
Zeugnis einer "höheren Welt" und ebenso einer Welt, die von gewissen
Kräften getragen wird. Der Schamanisus betont die praktische Sicht auf
den Menschen, der ultimativ den Standpunkt für ale Betrachtungen
vorgibt.
Der
Schamanismus deutet eine Wirklichkeit an, die nicht den
Mitteln der Wissenschaft von der physischen Wirklichkeit erfassbar ist.
Das Wort "höher" oder "höhere Wirklichkeit" ist beliebig austauschbar,
aber nicht dessen Inhalt. Der Mensch trägt in sich einen energetischen
Körper, der
durch seine Resonanz solche Erfahrungen hervorruft, die diesen
Resonanzen entsprechen und ini anderen Worten Archetypen
darstellen.
So versteht sich auch der lebendige Bezug aller
Mythen auf den Standpunkt des Menschen.
Aber
auch Biorythmus oder der Bezug auf die Mondrythmen spielen hier eine
Rolle. Im Grunde erweist sich, dass wir diesen Rythmen nicht trotzen
können. Wir sind ihnen wie die Gesetze der Natur ausgeliefert. Wie den
Göttern.
Aus der einheitlichen Form von
Archetypen bildeten sich Götter, Wesen, Naturkräfte. Alles nur
verschiedene namen für Felder oder Energien. Aber einige gab
und gibt es wirklich, nur in anderer Gestalt, als wie wir sie uns
spontan vielleicht vorstellen mögen, ohne jemals ein Gespür um diese
gehabt zu haben. Schliesslich kann man
davon ausgehen, dass der Mythos nicht nur menschliche Funktionen
(zB betreffend des Unbewussten oder des Bedürfnis nach
Einheitserfahrung) erfüllt, sondern auch - das ist das Wesentliche
daran - eine seelische
Funktion der "Bildung" erfüllt.
Die Bildung besteht in der richtungsweisenden Kraft der Mythen.
Jedenfalls setzt die grundsätzliche
Fürwahrhaltung solcher Wirklichkeiten voraus, sich auf diese
einzulassen - und das geht nur, wenn man vertraut, dass dieser
Schritt nicht bereut werden wird. In Wahrheit ist das mit diesen
Göttern, die Kräfte symbolisieren, keine Erfindung, sondern kommt nahe
der wahren Anordnung von Kräften, die unterscheidbar und im Leben des
Menschen erfahrbar werden (analog der Astrologie, die den antiken
Göttern ähnliche Symbole benutzt: Venus=Aphrodite; Mars=Ares;
Jupiter=Zeus; Neptun=Poseidon usw.). Es sind keine erfundenen Symbole,
sondern Wirklichkeiten.
Damals
interessierte man sich
nicht für die rationale Begründbarkeit, an Götter zu glauben. Sie
nahmen die Kräfte wahr, die da wirken, und die Götter waren
stellvertretend für die Ehrfurcht, die ihnen wohl behagte und eben
nicht Schrecken machte. Es kam darauf an, dass das Bild
(Götterarchetypen) plausibel wird. Sie nahmen die Götterabbilder
nicht sprichwörtlich, sondern stets als Verkörperung. Die Statuen
verkörperten den Gott. Und dieser Gott konnte sich in allem verkörpern,
was seine Signatur trug- also auch in Ereignissen, Situationen,
und sogar Träumen, die die mit Mythen angefüllte Alltäglichkeit
spiegelten.
Stand man unter dem Beistand der Götter, so
kann man ebenso sagen: man stand im Beistand des Momentes, man war zur
richtigen Zeit am richtigen Ort, man wurde geleitet und befand sich in einer "geeigneten Resonanz".
Man
muss sich vielmehr
vorstellen, dass zunächst einmal die Kräfte wahrgenommnen wurden und
unterscheidbar waren, und man sich auf diese Kräfte einlassen konnte
und sich so das Bild vervollständigte, indem Erfahrungen in sich
verschiedene Facetten von Archetypen trugen.
Es ist so: begegne ich einer Situation, ensteht daraus für mich
immer
eine Bedeutung. Immer
gibt es etwas, was einem begegnet und man wird so oder so zu einer
Bedeutung kommen, also wird das einen bewegen. Und alle diese Dinge ,
wie sie von den Mythenträgern wahrgenommen werden, tragen
archetypischen Charakter, sprich: tragen eine wahrnehmbare Kraft in
sich, die unterscheidbar und identifizierbar ist.
Man kann nun unterstellen, dass eine gewisse Intuition
oder Fähigkeit zur Schau weiter verbreitet war, als wie heute. Egal
wie, sie sahen und folgten Kräften, oder stemmten sich dagegen, und
nahmen Folgen wahr - und indem sie sich anhand der
Kräfte , Energien oder Felder (Götter) orientierten, kam damit ein nahezu komplettes
Einheitsgefühl zustande. Alles war ja eingebettet in ein vollständiges Gerüst tragender massgeblicher Kräfte.
Alles, was geschah, stand unter dem Signum dieses "göttlichen
Geschehens". Das Unterscheiden, also das logische Vorgehen an sich, das
war sehr bescheiden ausgeprägt, im Vergleich mit Heute, aber effizient
und zutreffend. Man unterschied , was nötig war zu unterscheiden, aber
man behielt eine Richtschnur bei. Ein Maß sozusagen, über das nicht
hinaus zu gehen war. Man verstand zum Beispiel das Geschehen als Wirken
der Götter bereits. Heute gehen wir darüber hinaus und wollen mehr
verstehen. Und doch verstehen wir immer noch nicht jenen Bereich, ab
dem eigentlich für die Griechen die Götter wirkten: Dort, wo alles
erschaffen wurde und was damit alles für einen Sinn hat...
Das
numinose Erlebnis war intakt und Ausdruck eines Einheitsgefühls, denn
man erkannte sich aufgehoben in einem umfassenden aber mehr oder
weniger geheimnisvollen Etwas - und das zurecht. Aber das numinose
Erlebnis setzte die Schau, die
bereitwillige Schau auf das Wirken dieser Kräfte
voraus. Irgendwann
verbreitete sich eine neue Sichtweise, eine neue Mentalität, eine
rationale Haltung. Um 600 v. Chr.. Bis heute geht das weiter -
heute würden wir sagen: was bei einer
Schau einzig heraus kommen soll, ist was zählbares.
Ein Fakt. Etwas, worin handfeste Bedeutung ist, meist eine solche
Bedeutung, die mit anderen Leuten geteilt werden kann und so erst
Gewicht für uns erhält. Wir
suchen nicht mehr den Wert in uns selbst, etwa in dem Umstand, was
ein wirkliches Einheitsgefühl im Gegensatz zu einem Gefühl der
Zersplitterung ist. Zersplitterung entsteht nicht automatisch, aber
folgerichtig. Das steht auf der Kehrseite der gewonnenen vielfältigen
Sichtweise. Bevor wir manche Mythen als einfältig oder naiv verspotten,
sollten wir überlegen, ob es eine Steigerung der Begriffes Naivität
gäbe, die dann anzuwenden wäre auf unseren Ersatz der Mythen in Form
einer willkürlichen Beeinflussung durch ein Chaos an Wirklichkeit, in
dem es keine Ordnungspunkte gibt, ausser Geld oder Konsum, oder Zeit
tot schlagen. Wo das Leben im Grunde völlig an sich selbst vorbei geht,
und wo im Vergleich der Mythos das Leben in sich verkörpern konnte.
Warum
aber solche kritischen Töne hinsichtlich einer modernen
Veruntreuung des Mythos als Signal deuten, es wäre Zeit zur Steinzeit
zurückzukehren? Ich werde den Verdacht nicht los, dass man meinen Text
zuweilen so verstehen könnte. Als Weckruf zu einer Romantik des
Gestern. Sicher, ich habe Spaß an diesen Gedanken. Aber
realistischerweise denke ich, dass wir einfach vernachlässigen zu oft,
ob wir den antiken Mythos wirklich richtig verstehen. Es zeigt
sich dabei, dass wir auch unser gegenwärtiges Leben nicht verstehen.
Aus einem Kurzschluß heraus mögen wir spontan annehmen, es ginge darum,
wieder das Träumen anzufangen. Ja warum nicht - aber es geht das
freie Spiel mit der Wahrnehmung auch in einer nicht wahnsinnigen Art
und Weise, die sich an real wirkenden oder beobachtenden Kräften
orientiert. Wer mir bis jetzt folgen konnte, wird es
vielleicht als Wiederholung auffassen: Der Inhalt ist bedeutend, das Kleid und die Fassade (zB die Beschreibung mit dem Wort Götter , Archetyp oder Kraft)
unwichtig. Die Wirklichkeit und die Realität unserer Selbst als Mensch
bietet uns Möglichkeiten, diese Wirklichkeit einzuordnen. Die wirkende
Kraft (Inhalt) bleibt dieselbe. Auch wenn wir diese Kraft
oder andere Kräfte nicht wahrnehmen werden.
Wenn wir heute der
Wirklichkeit ein Gesicht geben, das sich von einem anderen
unterscheidet - es ist im Grunde kein Unterschied in einem
funktionalen Aspekt. Dennoch kommt es natürlich darauf an, was wir wie
wahrnehmen. Da gibt es schon einen Unterschied, einen fundamentalen.
Aber
wir REDEN heute viel zu sehr, statt zu SCHAUEN. Mit dem Reden
einigen wir uns, aber im Schauen sehen wir, was von selbst verlangt
Wirklichkeit zu werden - unbeeinflusst durch Moral oder Mode. Im Reden,
ich bezeichne es stellvertretend für eine verdichtete Art zu denken,
wird die Bedeutung verallgemeinert. Im Schauen ist die Bedeutung, die
wir der Wirklichkeit verleihen, mehr auf den einzigartigen Moment an
sich bezogen. Es bleibt unsere Wahrnehmungsleistung näher an der
Realität (immerhin veranschlagt eine verbale Auffassung der
Wirklichkeit mehr psychische Energie und Anstrengung, als das bloße
Schauen; im Denken ordnen wir die Welt, die ansonsten nicht etwa
ungeordnet, aber archaischer wäre; archaischer im Sinne von
ursprünglicher, und das heisst angelehnt an den Umstand, dass wir ein
Zeuge der Wirklichkeit sind, und ein Gespür für das haben, was zurecht
Bedeutung erhalten kann - nur ist das schwer in verbaler Art zu
vermitteln; irgendwie kommen wir mit der verbal vermittelbaren
Sichtweise einer Welt vorbei an den Tiefen der Bedeutung, die das
Geschehen ansonsten noch aufweisen könnte fern ab von den Worten).
Nicht
gleich andere Wirklichkeiten, aber andere Sichtweisen auf dasselbe
Geschehen ergeben sich mit dem Schauen einerseits oder dem Reden
und Benennen andererseits - im letzteren steht der Bezug auf die
Bedeutung, die man mitteilen kann.
Aber was, wenn kein Wort existiert, um etwas allgemein fassbar zu
machen? Wenn wir es fassen können, ist es einerlei, aber was, wenn ein
Wort gar nicht existiert, um den vollen Gehalt der Bedeutung zu
transportieren? Und genau das ist das Problem bei allen ganzheitlichen
Arten , etwas verstehen oder ergründen zu wollen. Im Grunde ist das
Gemeinte ganz einfach. "Ganzheitlich" oder "Schauen" nimmt Bezug auf
zur rechten Gehirnhälfte und das lineare Ordnen mit Worten und ihren
allgemeinen Bedeutungen, folgerichtig und damit verlässlich, weil
allgemein verbürgend, die Koninuität und Logik betreffend, das wäre der
linken Gehirnhälfte zugehörig. Somit wäre es kurz gesagt. Und damals,
so scheint mir, wuchs sich in mehreren Etappen in den letzten 10.000
Jahren wie ein evolutiver Ausbruch das lineare Denken und Reflektieren
über den engen Bereich des vereinheitlichten aber monotonen Seins
hinaus, und heute fehlt nur die Brücke, der Kreisschluß. Kein "zurück
zu den alten Wurzeln" wäre zu fordern, sondern wir haben was wichtiges
vergessen auf unserer abenteuerlichen Reise in die Wirklichkeit, die
wir zu unterscheiden begannen, und wie wir das Vergnügen an Vielfalt
fanden - wir haben etwas vergessen, und was es ist , das wäre am
einfachsten mit dem Einheitsbewusstsein oder stimmiger mit dem Schauen
beschrieben. Was brauchen wir Worte einer von Sinn enthöhlten Welt
- wir brauchen Worte einer Welt, deren Ordnung wir nur
wahrnehmen brauchen, vielleicht im Rückgriff auf bestimmte
Vorlagen oder Konzepte. Da gibt es viele Möglichkeiten und es zählt nur
der Umstand, ob wir mit uns und der wirkenden Natur von Archetypen
zurecht kommen. Heute plagen uns viele Störungen allein deshalb, weil
wir innerlich falsch leben, oder weil wir im Unbewussten alles
abgesperrt haben, wofür wir keine allgemeinen oder gültigen Begriffe
haben. Und dennoch existieren diese unbewussten Inhalte, Komplexe oder
Archetypen.
Wenn wir
schauen, haben wir für uns Worte oder Begriffe, die wir selbst verstehen, aber im Reden werden wir
feststellen, dass andere Leute die jeweilige Bedeutung nicht immer teilen.
Aber
so
funktionierten die Götterwelten: Sie konnten durch jeden zwar nur
individuell erfahrbar
werden, aber insgesamt verstand jeder, dass es solche Kräfte
oder Archetypen gibt, die im Leben oder in der Natur beobachtbar
sind. Man
kann sie auch heute als lebendige
Kräfte auffassen. Was allein davon
abhängt,wie man den Begriff "Leben" definiert und anzuwenden pflegt.
Sie begeistern im Grunde die Welt der physisch leblosen Dinge. Sie, die
Kräfte sind nicht persönlich und nicht konkret, aber sie verhalten sich
wie Energien oder Felder, Ereignisse, Zeichen und kommen nicht
unbedingt aus dem Hier und Diesseits sondern tragen etwas Numinoses an
sich (die Wirklichkeit ist wirklich so beschaffen, was unzählige
Meditationen mir bewiesen haben und jeder, der nur tief genug meditiert
wird dies so erleben und die Wahrnehmungsverschiebung nicht als
zufällige Halluzination abtun, vor allem, wenn sich die Kohärenz dabei
wiederholt). Energien oder Felder, Klänge, Inhalte, Archetypen - es
kommt nur drauf an, was das bedeuten soll. Worte, denen man genauso gut
Götter hinterstellen kann, sofern nur klar ist, dass es dabei
tatsächlich um ein zurecht mysteriösen oder mysthischen Eindruck über
gewisse Facetten der Wirklichkeit geht. Manche würden es auch einfach
"Wirken der Unendlichkeit" nennen, wieder andere Kosmos. Aber einer, in
der auf eine gewisse Weise eine gewisse Ordnung wirkt. Sie steht
aber jenseits und das macht die Sache nicht nur mysteriös, sondern für
ein normal rationales Verständnis völlig unzugänglich.
Mit
der Zeit, so könnte man sagen, wurde mehr geredet. Es entstand auch
mehr Vielfalt, Unterschiedlichkeit, und es fehlte der Rückgriff auf ein
allen bekanntes Muster (Mythos). Nun gab es viele solcher Muster
(philosophische Richtungen). Bis dann eines Tages, heute das
andere Extrem, die fast vollständige Unterwerfung diesmal nicht unter
das Reich der rechten, sondern linken Gehirnhälfte. Vom Schauen ins
Reden, das heisst auch: von der begrenzten Einheitserfahrung, die keine
Unterschiede mehr brauchte, ins Chaos einer Vielfalt, in der bald
niemand mehr versteht, was in dem anderen vor sich geht. Denn ohne
rechte Hälfte des Gehirns (ganzheitliche Wahrnehmung), werden wir auch
kein Gespür haben, was wirklich zählt, und was wirklich in anderen zB
vor sich geht usw.. - mit der linken Hälfte rationalisieren
wir sprichwörtlich und zählen nur abstrakte, über der Wirklichkeit
liegende Ordnungspunkte ab, ob diese erfüllt sind oder nicht. Das
kann durchaus viel mit uns zu tun haben, meist nur mit unseren
Erwartungen und nciht der Realität oder sagen wir: dem Wesentlichen.
Das Wesentliche können wir uns immer aussuchen, denn es ist unsere
Entscheidung, was für uns wesentlich sein soll. Etwas, das wir
wahrnehmen, wird immer wesentlich sein. Das haben wir in der
Hand, was das sein soll - dass etwas eine Bedeutung für uns tragen soll und also sein soll,
das wird sowieso geschehen. Aber wir mit dem linken Sortieren bemühen
uns um eine gewisse Ordnung, und sei es, dass Erwartungen erfüllt
werdern. Erst dann kommt der Sinn. Würden wir "über die rechte
Gehirnhälfte" gehen, wäre der Sinn, den wir finden wollen, ungebunden
an Ordnungspunkte viel schneller für uns spürbar, ohne dass er erfunden
sein muss. Wir bräuchten nicht lange konstruieren, rekonstruieren,
anordnen, denken, linear gliedern, vergleichen, auf Assoziationen oder
Anknüpfpunkte prüfen und uns auf diesen Weg überzeugen, wenn wir einen
Weg finden, einer Wirklichkeit auf den Grund zu kommen. Was aber ist,
wenn Worte gar nicht jenen Weg gehen können, den wir mit Hilfe der
rechten Gehirnhälfte, also mittels ganzheitlichen Wahrnehmens
gehen?
Bei der ganzen Erbsenzählerei verzetteln wir uns in
Millionen Fragmente, und tausende Bedeutungen, und finden doch kein
gescheites Konzept, was unserer rechten Gehirnhälfte und das, wofür sie
steht gefallen würde (auch Gefühle, aber eben auch
Einheitserfahrung). Somit verlieren wir unsere psychische Integrität.
Kein Wunder, dass Zivilisationskrankheiten und psychosomatische
Krankheiten um sich greifen.
Die
Welt unseres Unbewussten mag dieselbe geblieben sein, aber unsere Sicht
auf die Dinge folgt bald mehr einem eingeprägtem Muster, das
nicht mehr viel mit dem Konzept der alten Götter zu tun hatte. es
war eher zersplittert, aufteilend, und trennend. Ersteres
ganzheitlich, bildlich und kurz gesagt: bezogen auf einen
Kreis (Einheitsbewusstsein). Das moderne Denken ist linear und
folgerichtig . Überdies sind es mit dem linearen Denken bezogen
auf die Lebenswirklichkeit solche Muster, die zufällig oder nicht
zufällig keine besondere Sinnhaftigkeit aufkommen lassen, die
sichallenfalls nahtlos und kontinuierlich aneinander reihen können. Uns
ist die Kontuinität und Erwartung viel wichtiger bald, als jeglicher
Inhalt, der ja immer in gewisser Weise hier und jetzt geschaut werden
muss. Kontinuität aber ist jedem Volk, das an Götter glaubt
wichtig (es reicht den Begriff Götter so zu verstehen : wirkende und
als lebendig aufgefasste Kräfte des Universums, mit denen ein Umgang zu
finden war; Kräfte die identifizierbar, weil unterscheidbar
waren; die physische Sichtbarkeit dieser Kräfte war irrelevant, weil
sie in verschiedenen Erscheinungen und Situationen wahrnehmbar wurden:
sie mussten nur als in diesen Erscheinungen liegend wahrgenommen werden
analog einem seherischen Vermögen oder einer Art Omenkunde oder
Intuition).
Jedenfalls:
Aus
der neuen Logik des rationalen Denkens wurde nun gelebt und gehandelt.
So erschien eine
Vorstellung von Göttern zunehmend als Allegorie, als Beschreibung, als
Vergleich, und man erzählte viel mehr das Gewesene, als wie man dieses
Wirken höherer Kräfte schaute.
Und bald schon - für die
ersten kritischen Rationalisten - wurde der Mythos eine Lüge, weil er
sich nicht mit der
sinnlich erfassten Wirklichkeit deckte.
Es ist zutreffend zu behaupten, dass das Übersinnliche in der Praxis des Alltäglichen abhanden kam, und nur noch die Relikte des einstmals Geschauten in Form des Mythos überlebten, der nun, da die unmittelbare Schau fehlte, zu Recht als minderwertig betrachtet wurde, um den Menschen Halt und Ordnung zu verleihen. Ähnliches haben wir mit dem Christenthum und anderen Religionen beobachten können: der ursprüngliche Kern geht mit der Zeit einfach verloren; - es bauen sich die Gebäude von Illusionen und Irrtümern auf einen einstigen Anfang auf.
Ein Mythos stellt
eigentlich ein esoterisches
System dar.
Dieses Gewahrsein eines mythischen Hintergrunds des alltäglichen
Erlebens, ist gleichbedeutend mit einem
ersten Schritt zum
Einheitsbewusstsein. Religion ist im
wahrsten Sinne immer eine Rückverbindung gewesen.
Sich "rückzuverbinden" soll ausdrücken, dass die Einheit mit etwas Grösserem verloren wurde, vielleicht sogar schon beginnend mit der Geburt, als kosmisch beschlossene Sache oder in Folge der Aussetzung mit der irdischen Existenz und den Verlust der Sicherheiten. Aber die Rückverbindung stellt natürlich keine Regression in einen vorgeburtlichen Zustand dar (wie es ein Wissenschaftler ausdrückte).
Die antiken Griechen scheinen mit dem Wort Religion übrigens einfach nur eine Art "Achtsamkeit" verstanden zu haben, was auf dasselbe hinausläuft: Achtsamkeit für das Übersinnliche (die Götter als herrschende Mächte!).
Die Lebensfreude der Griechen war umfassend, die späteren Zeiten boten hier eine andere, gegensätzliche Umfassung, nämlich die Sorge, die Negativität und die dunklen und undurchdringlichen Bestrebungen von königlichen oder päpstlichen Mächten. Das Böse war geboren und konnte nur durch Fügsamkeit gegenüber den Herrschern gebändigt werden. Das Leben wurde sich selbst überlassen, aber ihm, dem Leben, fehlte der Bezug zu einem Quell innerer Zuversicht, weil nun praktisch jeder gesellschaftliche Kreis seine eigenen moralischen Vorstellungen entwickelte..
Da alle späteren Zeitalter stets den geistigen Inhalt der vorangegangenen Zeitalter leicht verkennen werden (weil man sich stets weiterentwickelt und das Alte als überholt auffasst), könnte es für die Menschen aller Zeiten stets eine Aufgabe bedeuten, die Brücke zu den bereits erbrachten Leistungen zu schliessen, und nicht nur stets nach vorne zu pirschen und das, was bereits vollbracht wurde, aus den Augen zu verlieren. Darin könnte auch ein Sinn des Mythos bestehen: Dass eine Brücke von Generation zu Generation gebaut wurde.
Die
Geschichten eines Mythos sollen auch ausdrücken, wie der Anfang der
Zeit und
die
Schöpfung der Welt erklärt werden
kann. Jede jetzige Welt
ist stets eine Welt, die auf verschiedenen Ebenen
die anfängliche Schöpfung wiederholt.
Was einst den Anfang verursachte und mitgestaltete, ist nun
noch in der augenblicklichen Wirklichkeit
ablesbar, die Spuren verschwinden niemals. Ausserdem wirken die
Kräfte des Anfangs einer Sache auch zum Ende hin, wenn es sich um eine
so integrale Schöpfung handelt, wie es mit dem Kosmos gegeben ist.
Wenn ein Mythos erzählt wird, findet das oft (wenn nicht sogar immer) auf einem Hintergrund einer Erklärung der anfänglichen Schöpfung statt.
In dieser Schöpfung wurde diese Schöpfung, einfach gesagt:
beschlossen.
Das ist
der
Sinn, der dem Menschen im Mythos vermittelt wird. Wir sind hier, weil
es beschlossen wurde und andauernd auch beschlossen wird. Ein Mythos
erzählt dabei nicht
irgendeine
Geschichte, sondern bezieht sich stets auf einen zwingenden Grund, auf
etwas, was der Visionär geschaut hat.
Und wir können noch heute eine ungefähre Ahnung erhalten, wie das mit diesen mythischen Vorstellungen ist, wenn wir einsam in den dunklen oder dämmrigen Wald gehen.
Die Naturgeister sind vielleicht nur ein Wort, aber tief in uns, wird etwas angerührt, wenn wir uns öffnen, und einfach vorbehaltlos schauen. Entdecken wir die Relikte eines kollektiven Bewusstseins, oder spüren wir die Natugeister als wesentliche Existenzen?
Die Aborigines in Australien kennen eine Urzeit, eine
Traumzeit, und
sie kennen
Pfade, die sie mit ihren Liedern besingen, Pfade, die mit
Landschaftsformen übereinstimmen. Es sind Landschaften, denen sie auf
ihren
"Traumpfaden"
begegnen.
Da das Gesungene sich an der Landschaft
ausrichtet, wird mit dem Singen des Liedes, der Singende auf dem Weg
voran durch die Landschaft geführt.
Was liegt dem zugrunde? Die Lieder wurden von Generation zu
Generation
überliefert.
Das Singen holt einen Mythos aus
dem Gedächtnis, Archetypen der Landschaft die mit dem Lebendigen
korrespondieren und zum Lebendigen gehört auch der Mensch, der also
folglich in den Landschaften einen Teil seiner Seele wieder erkennen
kann, die ja ein Teil des ganzen (Kosmos) ist.
Gestalten, Ereignisse oder
Geschichten werden konkret in der Landschaft lebendig, und das Singen
führt zu
einer gesteigerten Wahrnehmungsart vergleichbar der Trance,
die zudem
einem Traum ähnelt.
Es ist nicht einfach nur eine
verstandesmässig-sinnliche Operation, sondern hier wird mit dem Singen
eine
Geschichte erzählt, auf die der Singende sich einlässt. Der Singende
muss diesem jeweiligen Mythos zugehören und es ist strenges Gesetz,
dass ein Aborigine zum Singen eines bestimmten Pfades eine Erlaubnis
braucht.
Die Traumzeit der Aborigines ist allerdings gleichbedeutend mit einer Art kollektivem Reservoir, und bezeichnet nicht nur den Traum, sondern stellt einen komplexen Mythos dar. Für die Träumenden der Traumzeit verschwimmen die Grenzen jedoch zwischen alltäglicher Ding-Realität und dem Traum des Selbst. Es kann vermutet werden, dass mit den Traumpfaden auch Entdeckungsreisen des persönlichen Unbewussten verbunden sind. In einer gewissen Art: Reifezeiten.
So wird jedenfalls die Wahrnehmung auf eine höhere Ebene geführt, die den Menschen direkt an (s)einem Traum und dem Mythos teilnehmen lässt. Vielleicht handelt es sich um nichts anderes, als um eine Art von Ekstase-Technik.
Die Buddhisten, Hinduisten und andere konzentrieren in einer kultivierten Meditation diese Art von Methode, sich an eine höhere Wahrnehmungsebene rückzuverbinden (dem Selbst). Sicherlich sind die Resultate von den jeweiligen Absichten abhängig. So hat jede Religion ihre eigenen Archetypen, und jeder Mensch seine eigenen Fragen, die darüber entscheiden, was konkret geschaut wird.
Nahtodeserfahrungen, ausserkörperliche Erfahrungen sind neben Visionen über die Schöpfung oder Visionen über das eigene Leben ebenso möglich.
Die Ebene des Traumes ist diejenige, bei der wir
als "Selbst" berührt werden - in dem Sinne, wie die Welt wirklich
eine
Bedeutung für uns hat (andere Träume mögen für andere Träumer
eine andere Bedeutung aufweisen).
Ähnliches geschieht auch in gesteigerter Wahrnehmung: Die Schau der normalen Welt wird anders, "neue" Bedeutungen enthüllen sich als wahrhaftig und gültig. Neu ist im "Augenblicklichen" immer alles, denn es gibt keine Widerholung der Zeit, so wie Heraklit sagt: man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen. Der Mythos ist wie bereits erwähnt ein Hintergrund der Erfahrung, nicht die Erfahrung selbst. Der Mythos dient der Einordnung von Erfahrung.
Wenn die Australier in einem Mythos eine Urzeit beschreiben,
in der es
noch keine Sonne und nur den Mond und die Sterne gab, aber noch keine
Menschen, aber Tiere und Vögel, dann entspricht das ja nicht der
"physikalisch möglichen" Beschreibung einer Welt (zB kann der
Mond
und sein Widerschein nicht gewesen sein ohne Sonne). Aber
dennoch
drückt sich hier eine (symbolische) Bedeutung
aus. Man kann diese
Aussagen auf eine neue Ebene überführen, man versteht vielleicht
instinktiv oder intuitiv, worauf sich etwas im Mythos (analog oder
symbolisch) bezieht.
Nebenbei gesagt wird gerade dieser erwähnte Mythos dadurch plausibel,
wenn man das leere Weltall symbolisch als analog dem Mond setzt. Denn
Mond und Weltall haben auf einer gewissen Ebene symbolische
Ähnlichkeit. Ein Lichtstrahl kann zB ohne das Vorhandensein eines
Weltalls nicht in der Zeit reisen und ist kein Strahl. Diese
Möglichkeiten des symbolischen Denkens stellen natürlich eine
eigenständige Untersuchung dar und sind nur eine Möglichkeit, sich die
Mythen in immer neuen Bezugspunkten zu "denken".
Im mythischen Bild wird Raum und Zeit vielleicht auf den Kopf gestellt, ohne dass damit etwas unwahres ausgesagt werden würde. Das Bild sagt einfach, wie es gesehen wird, und zwar von denen, die diese visionäre Schau hatten (wenn es sich um einen authentischen Mythos handelt). Es kommt auf die Bedeutung an, nicht auf eine Kategorie des verstandesmässig plausiblen.
Massgeblich im Mythos ist oft die Raffung eines komplexen Bildes in ein überschaubares Bild - ein Bild, mit dem diverse Kräfte in ihrem Sosein (oder ihrem Zusammenwirken) veranschaulicht werden.
In dem bereits kurz erwähnten australischen Mythos handelt es sich um Emu Dinewan und Kranich Bräglah:
Sterne und Mond sind am Himmel, aber keine Sonne, und es war dämmrig.
Emu Dinewahn und Kranich Bräglah gingen spazieren an einem See. Sie fangen an sich zu zanken. Da ging Emu Bräglah auf das Nest des Dinewan, nahm das Ei heraus und schmiss es an den Himmel.
Dinewan und alle Lebewesen staunten nicht schlecht. Denn dort fiel es auf einen Haufen Feuerholz, entzündete ihn und zu aller Verwunderung wurde die ganze Welt hell erleuchtet.
In diesem Mythos scheint der Zwist zu einem Zufall geführt zu haben. Die Helligkeit wurde nun begrüßt und ein guter Geist im Himmel liess es so, dass er nun jeden Tag ein Feuer anzündete. Er meinte, das sei doch eine gute Idee.
So entsteht
manchmal im Mythos eine Art Atmosphäre des Symbolischen, ein
bedeutungsvoller Hintergrund.
Irgendein
"guter" Geist, hat die Welt so geschaffen, wie sie nun ist. Wenn wir
das
Leben betrachten, entdecken wir stets den leisen oder lauten Krieg der
Welten, oder der Kräfte der Welten - so
wie Heraklit sagt: Der
Krieg ist Vater aller Dinge.
Es stellt sich für
den Menschen im oben erwähnten Mythos so dar, dass die Schöpfung auf
einer Art Scherz beruht, dass manches als vermeintlicher Zufall aus
einem
anfänglichen Spiel einiger Kräfte resultiert.
Oder auf einen
Streit (von Kräften) zurückgeht.
Und etwas ist potentiell angelegt (ein
Stapel Feuerholz) und muss nur noch in Funktion gebracht werden.
Hier ein weiterer Mythos der Aborigines bzw. der Traumzeit, der wieder das Thema der Sonne zeigt und dieses Thema in Bezug zu einer Erweckung bringt:
Einst war die Erde ganz dunkel und still, und nichts regte sich auf der kahlen Fläche.
In einer tiefen Höhle unterhalb der Ebene von Nullarbor schlief eine wunderschöne Frau, die Sonne. Sanft weckte der große Vatergeist sie auf und befahl ihr, die Höhle zu verlassen und das Universum mit Leben zu erfüllen.
Die Sonnenmutter öffnete ihre Augen, und als sich ihre Strahlen über dem Land ausbreiteten, verschwand die Dunkelheit.
Die Mythen sprechen immer direkt zu den Menschen, sie beziehen seinen Standpunkt mit ein, seinen menschlichen Standpunkt. Weil die Schöpfung zudem kompliziert ist, muss daher nicht alles so klar und überschaubar sein, wie es der Verstand gerne hätte.
Spektakulär ist es nicht, aufgrund von gewissen Beschreibungen zu symbolischen Wirklichkeiten zu kommen. Es ist ein natürliches Vorgehen, bei dem nur wichtig ist, dass die Erzählungen nicht aus der Phantasie allein zustande kommen, sondern durch taugliche Fügung zwischen Dichtung und Symbol (ein Symbol, das auf die Schöpfungsordnung abzielt).
Oft ertappt
man Wissenschaftler dabei, wenn sie etwa ein archäologisches Fundstück
versuchen mit Bedeutung und Sinn zu verleihen. Sie tun das dann nach
einer Art der Assoziation und mittels eines angestrengten Willens,
einer Wahrheit näher zu kommen, die doch im Grunde oft nur eine
Wahrheit bleibt, die sie vor sich selbst vertreten können (und die mit
ihrem Wissen über die Zeit zusammenhängt).
Das archäologische
Fundstück und alles bereits vorhandene Wissen, liefert die
Beschreibung, die im nächsten Schritt symbolisch weiter
ausartikuliert wird. Durch die Annahmen über die hintergründige
Wirklichkeit des Fundstückes kommt man zu einem angenommenen Sinn und
der
Bedeutung des Fundstückes. Aber einem Mythos kann man durch dieses
lineare Vorgehen nur nahe kommen, wenn man den Mythos begrenzt auf die
Entstehungszeit und -Weise. Aber nicht kann so untersucht werden,
welche Bedeutung ein Mythos hatte und warum er entstanden ist.
Zumindest wird es schwer fallen, weil man der Sache mit gewissen
Vorurteilen begegnen könnte. In der akademischen Wissenschaft hat
spirituelles oder religiöses Leben oft nur die Bedeutung einer gewissen
Suche nach Sinn, aber es wird schwer eine akademische Aussage darüber
zu finden, dass dieser gesuchte Sinn mit der tatsächlichen
Schöpfungsordnung zusammenhängt und daher der Mythos alles andere als
Phantasie bedeutet. Und dass der Mythos für einen geordneten Bezug
zwischen Mensch und Schöpfung sorgt, nicht nur Sinn verleiht, sondern
das Leben in einer Weise ausrichtet, so dass eine Harmonie zwischen den
Menschen und den wirkenden Kräften angestrebt wird.
Die Menschen der Antike sehen sich selbst innerhalb eines Kraftfeldes göttlicher Gewalten. Dieses Bewusstsein um höhere Kräfte und Mächte, erzeugt ein entsprechendes Gewahrsein, aber massgeblich ist nicht eine Halluzination über diese Kräfte, sondern Bestätigung und Verifizierung der Annahme, dass es diese wirkenden Kräfte gibt. Wir können zum Beispiel die Gravitation als physische Kraft definieren, oder als göttliche Kraft. Es ändert nichts daran, dass diese Kraft vorhanden ist. Nur für uns selbst ändert sich eine Menge. Und es ist keineswegs illusionär, dass wir zu bestimmten Kräften in einen Bezug treten können, und dadurch das Wirken der Kräfte beeinflussen, und sei es, dass wir uns selbst entsprechend anders verhalten, als wüssten wir mit den wirkenden Kräften nichts anzufangen, als sei alles Zufall und also bedeutungslos.
Das Orakel zu Delphi, zu Dordona und einige andere öffentlich hoch angesehene Orakel (etwa die Orakel zu Ephyra, Olympia, Klaros, Didymo) waren die höchste Autorität in der Frage der Menschen, wie sie den Göttern Ehre zukommen lassen sollten.
Aus den Sprüchen der Orakel ergaben sich wichtige Antworten auf religiöse Fragen.
So ergaben
sich auch die Opfergaben. Das Orakel sprach: "ein Zehntel der Ernte
soll
dem Tempel zukommen".
Es wurden nicht nur Ratschläge
und Weisungen
in Bezug zu neuen
Siedlungen oder Städten erteilt, um dadurch ein besseres Leben
zu
führen, etwa wenn stellvertretend für eine grössere Gruppe gefragt
wurde. Sondern es wurde auch gefragt,
was man konkret tun kann - für Fragen nach dem persönlichen
Geschick bekam
der Fragende vielleicht solche Antwort (folgendes in real überliefert):
"Mach
dich selbst zum Führer deines Lebens, höre nicht auf den Rat anderer".
Ddas Orakel wurde auch sehr oft gefragt um das rechte Verhalten, um
sich dadurch
die Gunst der Götter zu versichern, und um die
rechte Art des Opfers oder der Weihung etc. zu
erfahren. Sehr
vieles wurde da gefragt und ausgesagt, was alles aus einer höheren
Instanz des Wissens um die herrschenden Bedingungen herrührt, die die
Schöpfungsordnung und alle lebendigen, über den Menschen hinaus
gehenden Kräfte und Mächte angeht.
Für die Griechen bestand (etymologisch gedeutet) eine Nähe zwischen Schau der Zeichen (thésphaton), dem Seher (theoprópós), damit auch der Seherkunst als Tätigkeit (theiázein), Orakelkunde und den Bezeichnungen für Götter (theós). All dies geht (auch heute noch beim zB Kartenlegen) auf Schau des zunächst nicht Offensichtlichen zurück. Und manche Kartenleger stellen die Frage auch in der Weise, "was das Tarot rät", also in Bezug auf eine unpersönliche Schicksalsmacht.
Man kann bezüglich des Orakels annehmen, dass hier die höchste Autorität, die höchste Instanz, nämlich das Wissen selbst sprach, und es sprach das aus, was sich fügen sollte zum Wohle des Fragers, unter der Beachtung kosmischer Gerechtigkeit (das Wohl allen Lebens beinhaltend; auch Karma, das entsteht, wenn man etwa unlautere Absichten hegt).
Natürlich bestand ein allgemeiner kultureller Hintergrund, der vorgab, was ausgesagt werden kann, in welchem Rahmen diese Aussagen getroffen werden können, was aber in Bezug zum Unbewussten immer auch eine Frage des Notwendigen ist (das heisst, das Unbewusste sucht sich taugliche Mittel der zu bildenden Aussagen).
Jeder Mensch hat in sich selbst eine weise Führung, die zu ihm sprechen kann. Tarotkarten und andere Orakeltechniken beziehen sich genau auf diese innere Macht. Eigentlich ist es eine kosmische Macht, die uns und allem Wohle der Lebewesen beisteht und die Wege kennt.
Mit den Tarotkarten kann man auch sehr gut
verstehen, welchen Weg man konkret und augenblicklich gehen muss, um zu
einer anderen Wirklichkeit vorzudringen, was eine esoterische Nutzung
des Tarots bedeuten würde. Da gibt es zwei Wege: den
richtigen indem man sich selbst einstimmt auf das reine Schauen
(mit dem
Höhepunkt visionärer Erkenntnis bzw. Divination über sich selbst oder
seine Zukunft), und den falschen Weg, oft nämlich über den Verstand zu
gehen -
etwa Erlerntes und aus dem Gedächtnis gerufenes
Wissen versuchen zu gebrauchen, um zu dieser Wirklichkeit vorzudringen.
Was von den Orakeln genannt wurde, und insofern es genannt wurde auch betont wurde, waren neben persönlichen Ratschlägen auch tatsächlich die Gottheiten: "Auch aus diesen Städten soll man opfern ein Rind (...) für jede der beiden Göttinnen von der Gerste und vom Weizen, dann für Triptolemos und den Gott und die Göttinund Eubulos jeweils ein vollwertiges Opfertier und für Athena ein Rind mit vergoldeten Hörnern". In dieser Weise zeigt sich wahrscheinlich, wie tief verankert für die Menschen die Vorstellung von Göttern war, und wie selbstverständlich das Opfer für eine gewisse Beschwörung dieser Götter in Frage kam. Worin aber der Nutzen solcher Opfer bestand, und wie der kosmische Mechanismus tatsächlich aussieht, darüber können wir nur spekulieren. Siehe zu möglichen Ansichten darüber, weiter unten den Absatz über den "Opferkult".
Es war im Sinne der Götter, dass die Priester bei einem Opfer in einem Tempel auch ihren kleinen Teil (an Nahrung) bekommen. Die Priester waren den Göttern unterstellt und erfuhren vermutlich durch die Teilnahme an den Opfergaben auch die Bestätigung, sich in dieser Rolle zu befinden.
Für die Griechen stand die religiöse Erfahrung in einem Bezug zur natürlichen Scheu, wenn sie sich in der metaphysischen (=übersinnlich merkbaren) Gesellschaft der Götter sahen. Die Götter sahen und wussten alles, und nichts konnte verborgen werden.
Karl Kerényi versuchte etymologisch aus diversen griechischen Worten, die in Kulten und ähnlichen Kontexten auftauchten, eine Art Scham herzuleiten, die die Menschen spürten, die aber nur zustandekam, indem sie gleichwohl jene (Götter) verehrten, vor denen sie eine solche Scham als Ehrfurcht empfanden.
Dabei geht es nicht um eine geschlechtliche Scham, sondern die Scham der menschlichen Unzulänglichkeit in dem eigenen Wirken, Denken und So-Sein, und zwar gegenüber den Idealgestalten der Götter. Eine solche Scham oder Haltung führt fast zwangsläufig zu einer Läuterung, da man sich um Tugend bemüht und seine eigene Unvollkommenheit als Mensch anerkennt.
Der Begriff Äther soll hier (versuchsweise) kennzeichnen, dass es eine Art der Verbindung zwischen allen Leben und Wissen gibt, welches als Äther wie eine Atmosphäre für jede Kultur bereit vorliegt. Der Äther ist verbunden mit dem Schöpfungsgrund, dem Absoluten oder Schöpfer, dem Gott, der alles hervorbrachte und für den alles Leben sozusagen gemacht ist. Die Physik spricht von einem unsichtbaren und unbekannten Medium, welches dem Licht als Träger dient.
Aus diesem Äther könnte in Bezug zum Mythos das Brauchbare (das Passende und Zutreffende) entnommen werden - es ist noch nicht gebildet zu Formen und Formulierungen. All das, was für die jeweilige Kultur und Epoche einer Menschheit adäquat und nötig ist.
Dieser Bezug auf den Äther kann nur durch eine besondere Art der Schau, etwa Vision oder Traum authentisch ausgedrückt werden. Mit der Zeit verdichten sich die einzelnen Bezüge zu der Form, die der Mythos schliesslich erhalten hat - eben indem direkt Bezug auf den Äther genommen wird. Eine Verbindung aufgenommen wird zum (kosmisch-irdischen) Äther.
Der Äther ist Bestandteil der - nicht nur symbolischen -
Atmosphäre, die alles umgibt und durchdringt, und
man kann ihn wohl denken
als Vermittler oder Brücke zum Kosmischen.
Der Äther kann beschrieben werden als die Quelle der Antwort
auf die
Frage nach dem
Sinn und der jeweiligen Bedeutung,
die stets dem augenblicklichen Zeitstrom
entspricht.
Der Äther enthält die Verbindungen zu den wahren Ursachen
und der
Natur
des Kosmos (auch in Bezug zur Schöpfung des Universums). Womöglich ist
auch der Fortlauf der Zukunft darin enthalten; - doch die
Griechen und andere
Naturvölker interessierten sich für das Naheliegende und Grundlegende,
auf dem Boden, auf dem sie
stehen, nicht für das, was in weiter Ferne liegt; - vermutlich fehlte
ihnen auch der Reiz einer solchen Fragestellung oder gar die
verstandesmässig genügend ausgebildete Kategorie einer potentiellen
Zukunft, weil sie die Konsequenzen aller Taten aus ihrem Umgang mit der
Gegenwart erwarteten. Ausserdem kann man annehmen, dass zu jeder Zeit
im Menschen eine gewisse Schutzvorrichtung vorliegen könnte, eben nur
solche Wahrheiten zu schauen, die unmittelbar Bedeutung für
das Hier und Jetzt enthüllen. Anstelle eines Schutzes, könnte
es sich auch um eine einfache Pragmatik handeln, die geradezu vom
Kosmischen Urgrund nahegelegt ist.
Vielleicht entspricht dieser Äther auch jener allumfassenden,
allesdurchdringenden Energie, von der oft erzählt wird. Einer Energie,
die
alles
zusammenhält, und die Dinge an ihrem zugehörigem Platz und in
ihrem Zustand oder Prozess hält.
Die Philologen führen die Mythen meist in einfacher Weise zurück auf frühere Mythen und auf die Übernahme aus anderen Kulturen. Sie lassen so den Eindruck entstehen, als ob der Mythos letztlich aus anfänglichen einfachsten Anschauungen gebildet wurde. Alles weitere läge damit auf der Hand: aus der Phantasie über die einfachsten Grundanschauungen wurden dann etwa die dreiteilige Unterteilung der Welt in einen Bereich des Himmels, der Erde, der Unterwelt vorgenommen, und - wie beispielsweise Ranke-Graves meint - aus zunehmenden Mond, Vollmond und abnehmenden Mond entstand dann die heilige Zahl drei. Es ist viel offensichtlicher, dass diese Einteilungen und hervorstechenden Merkmale oder Symbole (wie die Zahl drei) zu jeder Zeit und zu verschiedenen Anlässen unabhängig geschaut werden können, und - das ist das Wichtige dabei - in ihnen Symbole der universalen Schöpfungsordnung enthalten sind. Die Zahl drei taucht deshalb immer auf, weil sie grundlegend ist. Damit verbunden sind elementare Bedeutungen und Vorgänge der Schöpfung, und nicht etwa zufällige Übereinstimmungen. Ausserdem könnte man auch den Neumond hinzunehmen und käme auf die Zahl vier. Nimmt man nur den Vollmond und Neumond, haben wir die Zahl zwei. Was Ranke-Graves also als Ansatz für die Vergleiche und Analogien nimmt, ist eher willkürlich und selektiv.
Die Beschreibung der Welt im Mythos ist eine gültige Beschreibung der Wirklichkeit. Es entsteht eine lebendige Beziehung zwischen Wahrnehmenden (Mensch) und Wahrgenommenen (Mythos ist gleich Welt). Sicher stellt der Mythos unser heutiges Bedürfnis nach Erklärungen nicht zufrieden. Die Grundlage für den Mythos ist eine Erzählung, die direkt auf die folgende Wahrheit Bezug nimmt: Dass die Menschen auf Erzähltes wie auch auf Erlebtes reagieren.
Das ist sehr wichtig, zu begreifen, der Mythos sollte einen lebendigen Bezug ermöglichen und nicht bloß sagen, "es gibt höhere Mächte". Der Mythos wurde gebildet, aufgrund der Art und Weise, wie man als Mensch reagiert. Alles gegenwärtig Erlebte wird durch einen Mythos auch gesteigert in der Intensität der Wahrnehmung, indem man einen erweiterten Bezug aufstellt, der für den Wahrnehmenden gültig ist. Alle rationalen Erklärungen können (und werden) um diesen Punkt herum gehen und werden deshalb nichts weiter sein als Spekulation.
Am besten lässt man die Dichter selbst zu Worte kommen. Nach Hesiod: "Da die Dichter ihr Wissen von einer höheren Instanz verliehen bekommen, kann der Inhalt ihrer Dichtung nur wahr sein, wobei allerdings die Musen bewußt dem Dichter auch falsches eingeben können". (Theogonie 27f)
"Homer streift in der Odyssee die Reflexion über Entstehung und Wirkung von Dichtung. Penelope reagiert auf den Gesang des Phemios, der die Heimfahrt der Griechen von Troja zum Inhalt hat, mit Tränen, da sie in dem Lied des Rhapsoden ihr eigenes Schicksal wiedererkennt.
Ihr Sohn Telemachos streicht in seiner Antwort dagegen die Freiheit des Dichters bei der Wahl seines Stoffes heraus und lobt sein Bestreben, dem Publikum immer Neues zu bieten. Zudem treffe dem Sänger keine Schuld, da er nicht eigenverantwortlich handle, sondern als Medium zwischen Göttern und Menschen fungiere und durch die göttliche Inspiration erst in die Lage versetzt werde, den Menschen die Welt der Erinnerung (Mnemosyne) zu öffnen." (...) Das Lexikon, aus dem ich zitiere, weiter: "Der Dichter sieht sich als Mittler zwischen der Welt der Götter, der Tradition und Geschichte auf der einen und der Welt der Menschen auf der anderen Seite, denen er durch seine Dichtungen ebenfalls unsterblichen Ruhm, also Zeitlosigkeit verleihen kann." (...) "Verschiedene Dichter, so die Sophisten des 5. Jahrhunderts v. Chr., schrieben der Wirkung von Dichtung einen unmittelbaren Einfluss auf die menschliche Psyche zu. Sie sei in der Lage Emotionen wie Furcht, Trauer, Freude und Mitleid auszulösen."
Gorgias spricht von der Seele des Rezipienten, der den Umschlag von Glück und Unglück in der Illusion des Theaters miterlebt, Affekte wie Schauder, Sehnsucht oder Mitleid auslöst. "Diese psychagogische Wirkung stellt Dichtung und Rede auf eine Stufe mit Magie, Besprechungen und Beschwörungen, die ebenfalls die Psyche wie den Intellekt des Rezipienten beeinflussen können." (Metzler Lexikon S.18; Hervorhebung von mir).
Die meisten solcher Anschauungen stammen bereits aus der rationalistischen Zeit der griechischen Philosophen. Es ist wahrscheinlich, dass die Rezeption des Mythos vor dieser Zeit eine ganz andere war, denn eigentümlich ging es um die Verbindung zu den Göttern, die als höhere Wirkmächte begriffen wurden.
Die
Unsterblichkeit wird übrigens bei den Griechen tatsächlich
oft
unterschiedlich eingeschätzt.
Manches Mal taucht der Aspekt des
unsterblichen (weltlichen) Ruhmes auf. Andererseits aber wird durchaus
auch der Aspekt
der Unsterblichkeit der Seele genannt (besonders im orphischen Kult).
Dann geht es darum, durch die Erfahrung göttlicher Nähe (Erleuchtung),
und die dadurch entstehende Selbst-Reifung und Nährung, der
seelischen Substanz einen wichtigen Impuls zuzuführen.
Die Unsterblichkeit anzustreben ist in verschiedenen Mythen ansonsten dem Menschen (im Diesseits) nicht sehr angeraten, denn grundätzlich unterscheiden sich Sterbliche von den untsterblichen Göttern.
Doch es scheint, als sei die seelische Erfahrung (eines höheren Bewusstseinszustandes, die Schau: epopteia) eine Brücke hin zum Hellen. Zu den Göttern, wie es vor allem in den Mysterien in dieser Weise anklingt. Hin zum Fluidum und der Sphäre des Unendlichen.
Bald folgte die vollendete Esoterik der kritischen Haltung Platons (427-347 v. Chr.). Vor allem in Bezug auf die Kunst der Nachahmung (Mimesis), bei der Platon von der Möglichkeit spricht, dass die Ordnung in der Seele und in der Gesellschaft durcheinandergeraten könne durch eben jene Illusionen der Kunst (und der Rezeption des Mythos). Indem die Kunst der Mimesis bereits einem Abbild der wahren (archetypischen, göttlichen) Ideen entspräche, seien diese Abbilder wertlos, da sie nichts zur Erkenntnis der eigentlichen Ideen beitrage.
Platon bemängelte die Respektlosigkeit der Jungen gegen die Eltern, indem die Kinder ihr ungebührliches Verhalten gegenüber den Eltern mit dem Aufstand des Zeus gegen Kronos verglichen und rechtfertigten. Platon meinte: Die Götter seien ausschliesslich gut und bewirkten nur Gutes, sie hätten keine List und Betrügereien im Sinne.
Was Platon also kritisiert hatte, ist nicht der Mythos an sich, sondern der Zustand der Gesellschaft, ihr Festhalten an den Abbildern, ohne wirklichen Bezug zu den höheren Wirkkräften. Die inhaltlich leere Auseinandersetzung.
Aristoteles unterschied in Anknüpfung an Platons Kritik dann klar zwischen einer unterweisenden und unterhaltenden Kommunikation zwischen Kunst und Publikum.
Plotin (205-270 vor Chr.) weist darauf hin, dass für ihn Kunst nicht bloßes Kopieren der Wirklichkeit bedeutet, sondern der Künstler dringt in die hinter den Phänomenen liegenden allgemein-gültigen Prinzipien ein und deckt sie in seinem Werk auf.
Platon stellte den Mythos noch als Unverbürgt oder Lüge hin; -
vielleicht
"täuschte" er seinerseits die Leute in bewusster
Absicht, aufgrund
seiner kritischen Haltung gebenüber der Poetik. Denn er gilt als der
Esoterik schlechthin verpflichtet, und war bestrebt - entfernt
vergleichbar
mit Gurdjieff
in diesem Jahrhundert - die
Menschen direkt zur Erfahrung der Ideen hinter den sichtbaren
Phänomenen zu bringen.
Platon erkannte, dass die Menschen begannen, die
Kunst nur noch als Zeitverteib zu nutzen. Die Kulte und Mysterien lagen
bereits lange
zurück und waren nur noch wenigen zugänglich. Das Leben wurde nun
weitaus mehr von der Stadt und den dort herrschenden Bedingungen
geprägt.
Homer und Hesiod gelten mit ihren epischen Gesängen und
Dichtungen als
die authentischsten Mythenschreiber, da sie zeitlich gesehen eine frühe
Phase der griechischen Antike begleiteten.
In dieser Zeit, so kann man
annehmen, waren sich die meisten Menschen noch sehr über die
unmittelbare Präsenz höherer Wirkmächte im Klaren. Sinnbildlich gab es
die griechischen Götter oben im
Olymp, und andererseits die von ihnen beeinflussten Handlungen und
Ereignisse auf Erden. Ferner
gab es Nymphen und
andere beseelte Naturphänomene - kurzum war das Leben
eingebettet
in eine mythische Atmosphäre, und ein mythisches Denken, so kann
angenommen
werden, war zwischen 3000-600 v. Chr. weit verbreitet.
Ovid und Vergil sind Dichter, die um die Jahrtausendwende (0) gelebt haben, von denen man zwar keine recht authentische Erzählung erwarten kann, aber dafür eine gute Zusammenfassung der Mythen.
Ovid
versuchte vor allem das weniger Bekannte auszuleuchten; - seine Manier
war die eines Musikers, daher versuchte er sich auch streng an
die
"Grammatik der Götter" zu halten.
Aus der
Beziehung
des Gottes
oder des Helden hin zur Welt, suchte Ovid jene Stoffe aus, in denen
etwas
Bestimmtes noch
nicht
über die Jahrhunderte von anderen Dichtern behandelt wurde.
So etwa die
seelischen Kämpfe der Medea. Während andere Dichter - innerhalb dieses
Mythos um Jasons Kampf um das goldene Vließ - stets das Augenmerk
auf die Hauptperson Iason richteten.
Lange davor, ich denke um 500-400 v.Chr. verlor sich im Mythos wahrscheinlich dieser besonders durch Musen herbeigeführte Bezug zu den höheren Wirkmächten und wurde mehr und mehr als Volkssage aufgefasst.
Man muss sich nun vorstellen, dass die Sprachbildung in dieser frühen Zeit der griechischen Vorantike (3000-800 v. Chr.) eine ganz andere gewesen sein muss. Es war noch nicht gängig, Erscheinungen so wie heute eindeutig einzuordnen in gewisse unterschiedliche und abstrakte Kategorien. Die Dinge selbst waren als solche Erscheinungen ja eine Kategorie. Zugespitzt formuliert: Man konnte gewissermassen nicht sagen, gib mir ein Messer, sondern gib mir das Messer.
Verkehrt wäre es zu behaupten, dass zuerst die ideelle Vorstellung geboren war..., denn die Schau (epopteia) war zuerst und liess ja erst die Ideen erkennen! Sie nahmen freilich keine Götter war, sondern sozusagen nur die Handschrift verschiedener Prinzipien, die sie mit dem Wirken von Göttern identifizierten.
Nach einer langen Zeit vorangegangen mythischen Erlebens wurden die ersten Kunstgegenstände geschaffen, auf die die Kraft der Mythen übertragen wurde. In einem weiteren Schritt führten die Musen der Dichter nun zur Ästhetik, und fungierten nicht mehr in erster Linie als Eingebung aus höherer Instanz, um eine Gottesnähe zu fördern. Der Dichter wurde nun wirklich ein Dichter.
Die Musen einer archaischen Zeit (anno 800 v. Chr.) können als höhere Instanz aufgefasst werden, die von damaligen Dichter angerufen wurden, und zu ihm sprachen wie ein Orakel.
Es entstanden anno 500 die Komödien; - die Mythen wurden nun aus einer gewissen Distanz betrachtet. Die Götter wurden nicht mehr ehrfürchtig angesehen, sondern mehr und mehr als Ideen aufgefasst. Vielleicht gab es hin und wieder die Auffassung, dass etwas wahres an den Geschichten war. Der unmittelbare Bezug zum wahrnehmbaren Wirken der Götter verlor sich aber zunehmend.
Von Sapphos Zeit (ab 650 v. Chr.), als die Mythen stellenweise
noch als Sprache der Götter aufgefasst wurden, bis zu den ersten
Rationalisten (500 v. Chr.), sind 150 Jahre vergangen. In 150
Jahren kann viel geschehen - das lohnt sich
mal vorzustellen.
Es ist eine solche Zeitspanne, wie die
Romantik
des 1800ten
Jahrhunderts zur Herrschaft des Nationalsozialismus reicht, und in der
Kunst die Zeit des modernen und absrakten Realismus begann. Und von
800
bis 400 v. Chr., das ist wie 1400 (die Zeit von Albrecht Dürer)
verglichen mit 1900 und Picasso.
Aber wir sehen daran auch, wie tief verankert die Götter in das
allgemeine Denken über lange Jahrtausende hinweg waren!
Die epischen Gesänge des Homers (Odyssee und Illias) zeigten den Einflußbereich der Götter noch etwas mehr im Hintergrund - im Vordergrund steht bei Homer nämlich die Heldenreise.
Mit der Tragödie wird nun das göttliche Geschehen öffentlich vor großem Publikum inszeniert, und nun - anders als wie bei den Mysterien - ist es möglich, einen breiten Kreis von Zuschauern an einem "Geschehen der Götter" teil haben zu lassen.
Das Theater war der Zeit neu und es
stellte
dem Zuschauer potentiell sein eigenes persönliches Schicksal
beispielhaft vor
Augen.
Gemeint ist jener Umstand, wie es konkret ist, nämlich unter den
Gesetzen der
Götter zu stehen: Diese Gesetze waren durchaus klar und geordnet,
ablesbar an den einzelnen Göttern (ihren Attributen) und ihrem
Eingreifen in das Leben
eines Helden, und den Konsequenzen bei Missachtung dieser Gesetze. Aber
die Götter und das Wirken der beobachtbaren Kräfte waren (und sind) der
menschlichen Willkür
zugleich ähnlich.
Überaus festgelegt und deterministisch ist die
Schöpfungsordnung nicht.
Aber
man sieht zum Beispiel an einem Baum, dass es eine gewisse festgelegte
Stuktur hat, die einen Rahmen vorgibt für das weitere und mehr
willkürliche
Wachstum, bzw. die weitere Entfaltung.
Ob der Ast genau 120° vom
Stamm absteht oder 80°, spielt keine so grosse Rolle, als wie man an
den Proportionen der einzelnen Äste zueinander ablesen
kann, dass etwa der goldene Schnitt immer wieder zur Geltung kommt.
Die Zuschauer erleben durch die Vorführung eines dramaturgisch oft schwerherzigen Stoffes (oft ohne Happy End), eine innere Läuterung und Reinigung. Sie werden so herangeführt an das Gewahrsein höherer Mächte. Ihnen werden durch die Klagelieder, also den Untergang des Helden am Ende, auch nahe gebracht, Elend und Verlust in ihrem eigenen Leben ebenso als Ratschluß der Götter anzusehen, sich also mehr gewahr zu sein, dass das Wirken bzw. Leiden gewiss irgendwo einen Sinn hat - und wenn es darin besteht, dieses Wirken und Leiden anzunehmen und sich ihm weitgehend zu fügen (ein Aufbegehren gegen das Unabwendbare, das zeitigt unsere allgemeine Vernunft auch heute noch, führt oft nur zur weiteren Hybris).
Nun hat man einiges Schicksal in seinem Leben gehabt und noch vor sich, und muss sich nur noch abfinden mit seiner Aufgabe - was leichter fällt, wenn man die Götter und ihr Wirken dazu heranzieht. Es kann keine Rede von Determinismus sein, denn es handelt sich im Grunde nur um eine andere Beschreibung der Wirklichkeit: wie wir Wirklichkeit aber mit Geschick (=Schicksal) verbinden, ist uns selbst auferlegt und die Götter mögen uns dabei inspirieren oder anleiten.
Es steht auch manchmal ausdrücklich die Freude als Schluss des Geschehens auf der Bühne, so heisst es bei der Orestie von Aischylos: "Jubelt und Singt!"
Bei den Tragödiendichtern wird das göttliche Walten und
Herrschen
gezeigt, der Mensch mal von diesem, bald von einem anderen Gott geführt
oder beschützt. Es wird auch die
Intrige, das Ränke- und Pläneschmieden der Götter untereinander
gezeigt -
dann ist der Mensch manches Mal im
Mittelpunkt dieses göttlichen Wirkens verstrickt.
Oft
kann der Mensch nicht
anders, als den Weg der Vorsehung zu gehen. Oder der einzige Lösungsweg
besteht im Verzicht auf etwas bestimmtes, wenn er etwa das Orakel
befragt, weil die Götter das Gewollte für ihn nicht vorgesehen haben.
Will man
es trotzdem, leidet man wohl zwangsläufig.
Mit der Tragödie und dem Theater
wird eine Brücke zur breiten Masse geschlagen, um ihnen gewissermaßen
hautnah die Archetypen vorzuführen - ansonsten galten etwa die
esoterischen
Mysterien nur für Eingeweihte.
Die Tragödie im Theater, mit
der Darstellung
göttlicher Macht und menschlichen Aufgaben und Prüfungen, geht
aus den
Mysterien hervor - da es auch im Theater um eine gewisse Art der
Berührung mit
esoterischen Vorstellungen geht.
In dieser Zeit, noch vor Platon,
waren die Götter zumindest eine religiöse Instanz. Im Theater bildet
die
Schwelle von
Schmerz und Tod
den Mittelpunkt der Inszenierung (was zur Katharsis führt).
Aischylos (525-456 v. Chr.) war einer der ersten großen Tragödiendichter (es gab davor schon einige Wegbereiter, die geringere Bedeutung erlangten).
Sophokles (496-406 v. Chr.) war ein Schüler von Aischylos. Euripides ist schliesslich der dritte der grossen Tragödiendichter (ca 480-406 v. Chr.). Von Aischylos, Sophokles und Euripides, die je etwa 100 Tragödien geschrieben haben, sind nur jeweils etwa 10, bei Euripides 18 erhalten. Die bekannte Tragödie "Der gefesselte Prometheus" stammt von Aischylos. Es gibt nicht viele erhaltenen Werke dieser frühen Zeit, in der Prometheus zum Thema gemacht wurde.
Mit der Komödie, die nach der Tragödie als Form des Theaters folgt, wird das Götterschauspiel weniger ernsthaft und der "heisse Draht" zum Göttlichen verschwimmt meist in dem Bedürfnis der Menschen nach bloßer Unterhaltung.
Im Wechsel von rythmischen Festen, im Rythmus der Jahreszeiten, allein darin wird schon der Einklang mit der Natur, und mit der ganzen Schöpfung deutlich.
Wir feiern heute zwar auch solche Feste der
Jahreszeiten, ohne uns dabei aber bewusst mit der
Natur zu verbinden. Sich der Natur auszusetzen im Frühling, um dadurch
das kommende Jahr über den Impuls vorzuprägen, oder im Erntedankfest
eine Hymne an die Schöpferkräfte der Erde zu zeigen, sich auf einem
rechten Weg zu
begeben, im Einklang zu sein mit dem Numinosen oder der Mutter Erde, um
für den kommenden Winter geradezu Zuversicht zu speisen (dass
die Fruchtbarkeit der Natur wiederkehrt).
All das ist aus der
Beobachtung natürlicher oder
allmächtiger Kräfte entsprungen, aber noch wichtiger ist der Einbezug
als Mensch und Lebewesen in diese Vorgänge des natürlichen Lebens,
woraus
sich konkret ein sinnhafter Bezug entwickeln kann.
Eingeweihte sind es, die an einem Mysterienkult teilnehmen
bzw.
teilhaben.
Sie sind eingeweiht nicht nur in Geheimnisse, sondern das,
was geschaut wird, ist schon Geheimnis; - darüber zu reden, was in
visionärer Schau gesehen wurde,
erzeugt auch heute noch Verwirrung bei anderen Menschen, wenn man sie
mit dem behelligt, was man gesehen hat. Denn was man gesehen hat, ist
einmal oft nur in symbolischen Verkleidungen gehüllt und zum
anderen kann die Bedeutung nur individuell entschlüsselt werden (weil
man selbst diese
Schau vollbracht hat und eine persönliche Bestimmung damit verbunden
sein kann).
Man wird von den äusseren Dingen des Mysteriums her vielleicht nichts besonderes finden, denn es kommt wirklich nur auf die individuelle Schau (epopteia) an: sich versenken, stille werden, sich dem Göttlichen nähern durch Schau geweihter Gegenstände. Diese geweihten Gegenstände waren sicher auch durch die Aufmerksamkeit der Priester und durch die Anzahl vieler Zeremonien regelrecht energetisch aufgeladen.
Es ist Meditation, Kontemplation und Schau
der Kräfte der Schöpfung. Bei Dionysos-Kulten kommt noch die feierliche
Handlung als Orgie hinzu, die enthusiastische Verzückung und
Aktivierung der emotionalen Kräfte.
Seligkeit und Glückszustand werden
in einer besonderen Ebene
und Sphäre des Erlebens erfahren, nämlich abgetrennt vom Alltäglichen.
Es ging im Mysterienkult um grundlegende Geheimnistuerei über den tatsächlichen rituellen Ablauf und Inhalt des Mysterienkults, aus welchen Gründen auch immer. Das Verraten von Geheimnissen, also die Kundgabe über Inhalte, wurde mit der Strafe des Todes angedroht.
Viele Geheimlehren sind bekannt. In ihnen wird die magische
Kraft
des Wortes betont, die Aufmerksamkeit und das Sehen, die innere reine
Einstellung und Haltung, die magische Kraft, die sich auf die
Gegenstände überträgt und zur Entfaltung kommt.
Gegenstände, durch
deren Anordnung und zeremonielle Bewegung diese Kraft eingesetzt wird,
zurückgeführt wird auf die Handelnden - im kollektiven Sinn auch
potenziert.
Diese magische Kraft ist keine Allegorie, sondern tatsächlich wirksam
für jene,
die sich ihr bedienen können.
Für die Mysterienkulte kamen offensichtlich nur Menschen in Frage, die einigermaßen geläutert waren, die ihre Haltung und Charakter durch verschiedene Proben des Lebens gestärkt hatten oder von sich aus eine besondere Zuwendung zum Göttlichen aufwiesen. Anscheinend durfte jeder, wenn er denn zu der Aufnahme diverser Regeln und Pflichten bereit war, gleich welchen Ranges und Standes, an einem Mysterienkult teilnehmen.
Für einen herkömmlichen Kult, im Gegensatz zu den Mysterien, also etwa ein Stadtkult, war anscheinend die ganze Gemeinschaft aufgerufen, wie später das Christenthum zum Kirchgang aufrief. Und diese Ausübung war an strengen Regeln gebunden: Im Kult wurde ausschliesslich die Stadtgottheit vereehrt, der Schutzpatron des Herrschers oder des Handwerks. Wenn es eine vorübergehende Gefahr gab, etwa wenn es Krieg oder Dürreperioden gab, dann wurden entsprechende Gottheiten gemeinsam im Kult angerufen.
Doch mit dem Mysterienkult war freiwilliges Kommen verbunden.
Mysterienkulte hatten sich überall in Griechenland verbreitet, einer der ältesten und berühmtesten Kulte, war der Kult um Demeter und Persephone:
Mindestens seit 1300 v. Chr., vielleicht schon
seit 1500 v. Chr. (oder noch früher) wurde dieser Mysterienkult
begangen.
Es gab mit der
Zeit diverse Veränderung in der Ausführung, doch die spirituelle
Dimension war stets die tragende Säule des Kultes
gewesen.
Viele versprachen sich eine Läuterung der Seele, was ihnen
nach dem
Tode zugute kommen sollte.
Ich nehme an, dass diese Vorstellung aber
erst in der zunehmend rationalistisch werdenden Zeit ab 500 v. Chr.
auftauchte.
Ansonsten
galt die Teilnahme an den Mysterien als Läuterung und auch als Erlebnis
an sich (und wurde nicht auf ein Jenseits verschoben).
Der Tod wurde von den frühen Griechen nicht extensiv in die Vorstellungswelt einbezogen - der Hades existierte als Ort, aber der personifizierte Tod taucht nur sehr selten im Mythos auf.
In den langen Zeiten der Jahrhunderte und trotz der
Veränderung von
Herrschaftsverhältnissen, wurden die Mysterien stets ehrfürchtig
gepflegt und erweitert. Die Haltung beinhaltete eine tiefe Frömmigkeit.
Verehrt wurde Demeter.
Erweitert wurde der Kult zum Beispiel durch eine lange Prozession
während der
Mysterienfeiern - und damit stand der Ablauf
der Mysterienfeiern für lange Zeit fest.
Geheiligte Gegenstände wurden in einer 30 km langen Prozession von Eleusis nach Athen überführt, und schliesslich wurde der Weg von Athen zu Eleusis zurück angetreten.
Am Beginn des Umzuges gab
es eine rituelle Reinigung im Meer.
Jeder Teilnehmer trug während der Prozession einen Stab,
geschmückt mit
Myrtenzweigen und Blumenrosetten, am Ende des Stabs hing ein Beutel mit
den
neuen Gewändern, dass die Teilnehmer nach der Nacht der Weihe (in
Eleusis) anzogen, als Zeichen, dass sie sich gewandelt haben und dass
sie ein
neuer Mensch geworden sind.
Die Frauen trugen auf dem Kopf ein Keramik-Gefäß mit Gerstenmehl
und Minze, die Männer ein Kännchen desselben Saftes.
An diesem Tag vor der Ankunft in
Eleusis wurde gefastet. Als man in Eleusis ankam und die Sonne
unterging, wurde das Gerstengetränkt (Kykeon) als einzige Mahlzeit des
Tages
getrunken.
Dann wurden in der grossen Halle des Tempels weitere
geheime Riten vollzogen. Einige Priesterinnen strebten dabei auch
Visionen an, die sie den anderen Eingeweihten kund taten.
Während der anschliessenden Weihe
wurde ein Schwein (Ferkel) geopfert, das jeder
Teilnehmer bei
sich führte (wahrscheinlich erst in Eleusis nach der Prozession
auswählte
oder aber während der Prozession die lange Wegstrecke mit sich führte -
das würde aber bedeuten, dass man so mit
dem
Kännchen, dem Stab und dem Ferkel ziemlich beladen gewesen wäre).
Der Verrat der geheimen Vorgänge und einzelnen Inhalte des Ritus innerhalb des Tempels, wurde mit dem Tod angedroht.
Rekonstruiert wurde (aus Quellen der antiken Zeit, vermutlich
Leute,
die aus irgendeinem Grunde unberührbar waren, oder aus einer Spätzeit
der
Mysterien, als die Todesstrafe nicht mehr galt usw. , auch aus
archäologische
Funden etc.), dass beim Einzug in die Weihehalle jeder Teilnehmer
aussprach:
"Ich
habe gefastet, ich habe vom Kykeon (Gerstensaft) getrunken, ich nahm
etwas aus der
Cista (ein Gefäß, das die Priesterinnen während der Prozession auf dem
Kopf trugen), hantierte damit, legte es dann in den Kalathos (Korb) und
aus dem Korb wieder in die Cista."
Auf einigen bildlichen Darstellungen wird diese Cista gezeigt, wo eine Schlange um das Gefäß gewickelt ist. Der Myste (=Teilnehmer) hatte furchtlos diese Bewährung zu bestehen.
Man nimmt an, dass die geheimen Gegenstände Phallus
und Mutterschoß symbolisierten.
Etwa der Mörser und Stößel, die hier bei ihrem
Zusammenkommen die Umwandlung
symbolisieren (die Umwandlung, Verwandlung ist ein wichtiges Attribut
der Demeter!),
und was symbolisch für den Übergang des Getreidekorns von einem Zustand
in einen anderen steht, so wie das Korn seine
Verwandlung auf dem Feld erlebt: es wird in die Erde gegeben (Verlust,
Tod) und es geht neues Wachstum daraus hervor.
Es könnte auch anderes in diesem Korb gelegen haben, es wird
wahrscheinlich sogar etwas -
äußerlich gesehen - sehr banales gewesen sein.
Diese Berührung heiliger
Gegenstände finden sich in vielen Kulten und sie hat ganz sicher ihre
Wirkung, und verbinden auf jeden Fall den Teilnehmer mit dem
Kultischen.
In einem Kultraum, der etwa 3000 Teilnehmern Platz
bot, wurde dann
eine Art
Dienst abgehalten.
Geheime, d.h. geheiligte Gegenstände wurden vor der
Versammlung hervorgeholt. Die heilige Schau (epopteia)
fand nun
statt.
Es waren gewöhnliche Dinge, etwa eine Getreide-Ähre. Aber diese Ähre allein war mit Symbolkraft aufgefüllt und nahm für den Moment dieser Zeremonie (als wertvollste Schau) ihren rituellen Platz ein. Es ging hier um die innere Vision.
Dem Mysten war ein bereits in diesen Mysterien erfahrener
Mystagoge
beigesellt, der den Neuling weise durch die Mysterien führte.
Teilnehmen an
den Mysterien durften neben den Priestern, Priesterinnen und
Hierophanten noch junge Initianten, und solche, die bereits an den
Mysterien teilgenommen hatten. Und weiterhin einige, die auf sonstige
Art in den Kult der Demeter eingeführt waren.
So kamen insgesamt etwa
3000 Teilnehmer für eine Prozession zustande. Während der Umzüge wurden
Szenen nachgestellt, die die mythischen Geschichten der Demeter,
Persephone und
des Zagreus-Dionysos darstellen.
Verbrecher, Mörder oder andere Unreine waren nicht erwünscht.
Ansonsten betrachteten sich die
Eingeweihten als fromm und gerecht, und machten
keinen moralischen Unterschied zwischen einem Fremden und einem
Eingeweihten.
Reinheit ist hier für die Eingeweihten wichtig: wer durch die
Myterienweihe ging, erhielt zusätzlich neben den intensiven Erfahrungen
eine spirituelle Reinigung von Schuld.
Demeter ist die Göttin der Fruchtbarkeit der Erde, die
Spenderin allen
Wachstums.
Als Kornmutter schenkte sie die wichtige Nahrung. Als
Erdmutter war sie gegenwärtig im Wachsen, Blühen und Gedeihen. Demeter
war die Herrin (Göttin) über das Gedeihen. Persephone
war das Korn (Kore), das in die Erde gebracht wurde, als notwendiger
Übergang zur keimenden Frucht.
In der
Umkehrung ihrer Symbolik steht Demeter aber auch für das
Vergehen und Verwelken. Woran
insbesondere auch ihre Tochter Persephone erinnert, die einst von Hades
geraubt wurde und sodann nur noch einen Teil des Jahres auf der
Erdoberfläche verbringen darf, und das Kommen des Frühlings einleitet.
In
dieser Weise wird aus dem eleusinischen Mysterienkult auch ein
Initationskult für den Übergang zwischen Jugend und Erwachsen-Sein.
Die
mythische Magd Jambe, im Mythos angestellt beim König Keleos, ist auch
Bestandteil der Mysterien (manchmal als Baubo bezeichnet): Sie war es,
die die verzweifelt nach Persephone suchende Demeter im Mythos zum
Lachen bringen konnte und zwar mit obszönen Gesten, bei denen
die Baubo/Jambe ihre Geschlechtsteile entblößte, die wahrscheinlich
entweder auf die
Natürlichkeit des Verlustes der Jungfräulichkeit hinweisen sollten
(Hades entführte Persephone schliesslich womit fast sicher auch der
Verlust der Unschuld angedeutet ist. Eine weitere Anspielung auf die
Jungfräulichkeit kommt in einer weiteren Variante des
Mythos zustande: so kommt Demeters Kind Iakchos zwischen Baubos bzw.
Jambes Beinen
hervor). Oder es deuten die Scherze der Baubo auf den dionysischen
Aspekt der Demeter hin, die den Menschen durch ihre Fülle der Gaben
Freude und
losgelöste Heiterkeit brachte - als ob Baubo die Demeter erinnerte, was
ihr (Demeters) wahres Wesen sei: so wurde während der
Prozession sehr oft ausgerufen: Iakch' o Iakche! Dieses Iakch' o
Iakche deutet auf Iakchos, Zagreus-Dionysos hin, und wird in
den
Mythen als Sohn entweder der Demeter oder der Persephone (mit Hades)
dargestellt.
Im weiteren Verlauf der Wanderung (der Prozession)
wurden heitere, obszöne Gesten und Witze gemacht.
Die Persephone wird als Kore (Korn) beschrieben, sie verkörpert hier den Verlust des Getreidekorns, das man der Erde übergibt, und damit scheinbar verloren gibt, bevor aus dem Korn das Wachstum der neuen Pflanze entspringt.
In Eleusis gab es das rharische Feld, das der Demeter
geweiht
war
und schon Eleusis liegt in einer sehr fruchtbaren Gegend - so war
dieses
rharische Feld Inbegriff der Fruchtbarkeit.
Hier wird die Geschichte
erzählt, dass Demeter dem Königssohn von
Eleusis, dem
Triptolemos ("Dreimalschüttler",
der der Getreide gründlich reinigt) die erste Ähre geschenkt und den
Getreideanbau
gelehrt hatte, um ihn damit auszusenden, nämlich der ganzen Welt die
Kunst
des Säens und Erntens und damit eine höhere Gesittung zu überbringen.
Dies tat Demeter aus Dank für die Gastfreundschaft des Königs
Keleos,
als Demeter bei seinem Hause Einkehr fand, während sie auf der Suche
nach
Persephone war. Dort bei Keleos hütete sie als Amme die Kinder zusammen
mit
zwei weiteren Ammen, darunter ein Sohn des Königs, Demophon.
Demeter selbst war es im Mythos, die den Ablauf des zu schaffenden Kultes festlegte: das geschah, nachdem die Mutter des Demophon, Metaneira die Demeter überraschte und misstrauisch fragte, warum er Demophon über dem Feuer röstete (Demeter tat das heimlich, um dem Königssohn die Sterblichkeit auszubrennen). Demeter, überrascht von der Entdeckung, beschwert sich bei der Frau über die Beschränktheit menschlicher Wahrnehmung und verlangt, dass man ihr zu Ehren einen Tempel baue und sie selbst werde dir Riten lehren, welche die Eleusiner üben mögen, um damit der Göttin Herz zurückzugewinnen. Göttinnen waren seit eh und je im griechischen Mythos mit dem Attribut der Unnahbarkeit ausgestattet - niemand durfte sie beobachten, ohne dass die Göttin eingewilligt hätte.
Während nun der Tempel gebaut wurde, war Persephone ja noch
immer
verlustig, und so schickte
sich Demeter an, die Saat im Boden zu halten, Acker und Furche blieben
fruchtlos. Erst daraufhin kommt der lange Weg zustande, dass Hades,
Demeter, Zeus, und Persephone zu einem Kompromiss fanden, so dass
Persephone einen Teil des Jahres bei Hades verbrachte und den Rest des
Jahres bei Demeter an der Oberfläche.
Keleos war im Mythos auch der erste Priester des Tempels in
Eleusis.
Dieser Mythos um Demeters Kummer, die Suche, die Freude der Wiederkehr
bildet die heilige Geschichte, die im Kult in Eleusis jährlich erneut
begangen wurde.
Persephone kann als Attribut bzw. Teil der Demeter betrachtet werden. Demeter ist die Kornmutter, Persephone das Kornmädchen (Kore). Jeden Frühling kehrt der jugendliche Aspekt der fruchtbaren Weiblichkeit wieder und jeder Frühling erzählt uns von der ewigen Jugend dieser Fruchtbarkeit.
Ein weiterer bedeutender Kultplatz in Eleusis ist eine Höhle mit zwei Kammern, die sinnbildlich für den Eingang des Hades steht. Hier geht es wiederum um die Erfahrung der Schau, Vision oder symbolischen Erfahrung der entführten (verlorenen) Persephone, vermutlich initiiert durch Priesterinnen, die den Teilnehmenden in die Höhle führte. So wie heute eine Museumsführung darin besteht, Gruppen von Leuten mit Worten bestimmte Beschreibungen über die Kunstwerke zu geben, bestand dieser Vorgang in der mythischen Zeit für jeden einzelnen in der Schau und Erfahrung eines gewissen Erlebnisses, vermutlich initiiert durch eigene Empfänglichkeit gegenüber dem Numinosen und einer Art schamanischer Führung der Priesterin (massgeblich durch ihr energetisches Feld hervorgerufen), um eine gefühlsmässige Vision in der Höhle zu erhalten.
Die Mysterien sollten ein besseres Los im Jenseits vermitteln:
"Selig,
wer dies geschaut hat und so unter die Erde geht... er kennt das Ende
des Lebens und den von Zeus gegebenen Anfang..."
Ohne Zweifel waren
tiefgehende Visionen über Schöpfung und Sein mit dem Kult verbunden.
Hier
geht es um den
Saft der Rebe, die den mühselig Schaffenden den Ausgleich bringt, durch
Befreiung von den Sorgen, und der Teilhabe an der entstehenden Freude
und
Gelassenheit.
Wilde Orgien sind die eine Seite, die in der späten
Antike
aufkamen, aber der Dionysoskult geht auf alte Kulte des rein
Ekstatischen zurück, die
anscheinend schon im minoischen Kreta anno 2500 v. Chr. ihren Vorläufer
fanden.
Vordergründig ging es hier um das ausgelassene So-Sein,
welches ekstatisch betont wurde durch geselliges Tanzen und der
Musik. Auch im Schamanismus findet man den Weg zur Trance durch heftige
Körperbewegungen.
Das Stirb-Werde Motiv ist hier, weil es ebenfalls um
einen Vegetationsgott (Stirb und Werde-Prozesse der Natur) geht, sehr
präsent. Der Wein spielt nicht in allen Kulten um Dionysos die
entscheidende
Rolle, um zur Trance zu gelangen - wohl war der Wein in vielen Fällen
nur ein
Neben-Mittel.
Der Dionysos-Kult
und die Mysterien um Dionysos spiegeln auch den
animalischsten Teil jener alten archaischen Archetypen wieder. In
antiken Mysterien geht es jedoch immer um die spirituelle Komponente.
Übrigens wurden die Mythen um Dionysos erst klar ausgestaltet und formuliert in der Zeit nach 500 v. Chr.; obwohl es einen solchen Kult um Dionysos als Gott auch schon lange vorher gegeben haben mochte. Bzw. das Wilde und Ekstatische dürfte einer dem Dionysos ähnlichen (göttlichen) Gestalt schon lange zugeschrieben worden sein; - so gab es auf Tontafeln der mykenischen Zeit (1250 v. Chr.) schon einen Diwunusos, der ihn Verbindung mit dem Wein gebracht wurde (auch andere antike Götter tauchen zu dieser Zeit schon in leicht anderer Schreibweise auf; - diese andere Schreibweise bezeichnet wohl stets dieselbe Essenz des gemeinten Gottes wie sie sich später noch genauer kristallierte; - doch die Auffassung der Götter, so kann man annehmen, wandelte sich mit der Zeit und mit der zunehmenden Entfaltung der Kultur leicht, wahrscheinlich wurde alles mit der Zeit etwas verfeinert).
Dionysos wurde dann zum Sohn Zeus und der Tochter der Semele.
Je nach
lokalem Ritus und Zuschreibung nahm Dionysos viele Eigenschaften auf,
und
wurde zu einem vielgestaltigen Gott.
Der Mythos sieht ungefähr so aus:
Dionysos und sein Gefolge brachten
den Weinstock über Kleinasien bis nach Indien.
Er wusste seine
Anerkennung mit seinen Triumphzug durch freundliche Mittel oder Gewalt
durchzusetzen. Am bekanntesten für solche Grausamkeit ist sein
Wahnsinn, den er über den Spötter oder Unwilligen ausbreitet, und das
Gegenbild dazu bildet der einfache Ausbruch aus der
alltäglichen Ordnung, ein wähnendes freies Sinnen, das den Menschen aus
seinem Alltagstrott befreit.
Demeter steht für die Kultivierung, den Ackerbau, der die
Zivilisation
erfordert bzw. mit sich bringt. Dionysos aber macht frei für den
ungezähmten, wilden bzw. triebhaften Aspekt des Seins - der
apollonischen Ordnung durchaus
entgegenstehend. Wo Apollo für das
Bilden vom klaren Formen steht (zB
Skulptur), da steht Dionysos für die Musik, die sich nicht in klare
Ordnung fassen lässt, ist nicht sichtbar, noch greifbar, Musik ist fast
so
beschaffen wie der Rausch. Apollo strukturiert die Musik und liebt die
klare Ordnung. Dionysos erfreut sich an jeglicher Musik.
Hier steht der Aspekt der natürlichen
Dinge im Vordergrund, die ihre Form verlieren und sich der Wahrnehmung
öffnen, ohne dass eine Kontur oder Form diese Dinge begrenzen würde.
Es geht bei Dionysos um Rausch, Ekstase, Rausfallen aus der
normalen Identität, als kraftsteigerndes Mittel; - zur Potenz führend
war
das Essen - man möge fast sagen fressen
- von rohen Fleisch.
Das Zerreissen von Tieren war die höchste Form der
Vollendung des natürlichen Impulses der ungebändigten Natur.
Man kennt aus manchen Naturvölkern diese Vorstellung, dass man
sich durch
den Verzehr des rohen Fleisches, das noch warm ist, die Kraft
des
Tieres aneignen möchte. Diese Tat galt im Kult als Initation, um sich
Bakchos
zu nennen, sprich sich zum Gefolge des Dionysos zu zählen. Weitere
Anhänger sind die weiblichen Mänaden und Satyre.
Ferner ist das Heraustreten aus der normalen Identität (ekstatis)
durch Masken und kostümierte Anzüge begleitet und unterstützt worden.
Das Herumtragen
des Phallus, durch die dem Dioynsos folgenden Satyren, bringt den
Fruchtbarkeitsaspekt des Gottes Dionysos in die Aufmerksamkeit.
Unbeschwerte Fröhlichkeit ist bei Dionysos aber eine gefährliche
Gratwanderung.
Im Mythos tauchen etwa Geschichten auf, dass berauschte
Hirten den Rausch für Wahn und Gift halten. So wurden Icarius und seine
Tochter Erigone wie so viele andere von Dionysos mit Wein beschenkt.
Ein fröhlicher Umtrunk sollte folgen und Icarius lud Hirten des
Umlandes von Athen ein. Diese berauschten sich schnell, aber sie
hielten ihren Zustand für eine Vergiftung, so erschlugen sie, solange
sie noch konnten, Icarius und Erigone. Dionysos rächte sich an Athen
mit einer Selbstmordplage: junge Mädchen wurden in den Wahnsinn geführt
und erhängten sich an den Bäumen.
Ein Orakel bekundete den
Athenern,
sie sollten die Mörder hängen, damit die Plage aufhöre. So sind
Vergehen während des Rausches dennoch nicht folgenlos (und werden als
Vergehen an der göttlichen Ordnung aufgefasst bzw. des Gottes, der über
ein bestimmtes Gebiet oder eine Stadt herrscht).
Rausch, Wildheit, Sexualität und Ekstase sind menschliche
Urerfahrungen, aber für den dionysischen Kult geht es dabei um das
Entrücktwerden.
Das Maß des Erlaubten ist hier weit gespannt, im Sinne
einer Moral der Losgelöstheit und sinnlichen Freizügigkeit.
Weitere Einzelheiten dieses Kultes ähneln auch anderen Kulten: es geht wieder um Fasten, Musik, Aufspeichern aller Energie (auch sexuelle Enthaltsamkeit), was dann alles sich eruptiv entladen mochte.
Die
Kulthandlung sollte zum Göttlichen führen, zur Begegnung mit der
göttlichen Lebensmacht.
Es geht auch wieder um manche geheiligten
Gegenstände, und weihevolle Worte und Gebete.
Aber
natürlich auch um
Musik, Tanz, Lebendigkeit, ausgelassene Freizügigkeit - das innere
Wollen sollte zur Gotteserfahrung bereit sein, über den Weg der Musik,
des Tanzes und Losgelöstheit. Die Erfarhung - egal welcher Art - wurde
bereitwillig zugelassen.
Solche Erfahrungen stellen sich in dem einen oder anderen Kult unterschiedlich ein.
Ein weiterer typisch griechischer Mysterienkult ist jener um
Kybele. Hier geht es um das
Thema Wiedergeburt (Stirb und Werde!), und um wieder erlangte Unschuld
und
eine Vereinigung mit der grossen Erdmutter Kybele, wofür man
in
eine
Höhle steigt und eine Art Todeserlebnis vollzieht.
Auch
hier geht es wie bei allen Kulten um das innere Schweigen, die
Stille und daraus folgender Ekstase und tiefer Erfahrung.
Bei
Demeter taucht der Bezug zum
Tod auf, und hier ist es ebenso, nämlich als Hoffnung nach dem Tode
(seelisch) weiter zu
leben bzw. seelisch sich zu entfalten. Gemeint ist sicher eine Art
Reinkarnationslehre; siehe auch weiter unten die Erläuterungen der
Seelenwanderung in Bezug zum orphischen Kult; moderne Gelehrten
vereinfachen oft die Reinkarnationslehre und sprechen bloss von einem
sprichwörtlichen Weiterleben nach dem Tod, vermutlich in Anlehnung der
Verzerrungen der Seelenwanderung, in der Lehre des späten und
mittelalterlichen Christenthums.
Kybele ist ursprünglich eine Muttergottheit und auch
phrygische
Berggottheit.
Sie wurde zum Berg Ida in Bezug gesetzt und als
Bewohnerin von Höhlen, und deshalb auch nicht immer in Tier- oder
Menschengestalt verehrt, sondern meist als Stein.
Sie steht für die Fruchtbarkeit und für das weibliche
Geschlecht. Die lebenserzeugende Kraft in Pflanzen- und Tierreich, die
Kraft der Tiere und Pflanzen selbst, die Erde, aus der alles entsteht,
Meer und Feuer, Getreide, fruchtbringende Bäume für die Menschen, Flüße
und Blätter und fette Weide für das Vieh.
Schliesslich galt sie in der
späten Antike auch für das Prinzip des Lebens überhaupt. Manchmal hat
man sie als Gründerin und Schützerin der Städte gehalten, die sie auf
ihrem Rücken trägt. Ursprünglich aber geht es um die fundamentale
Lebensmacht.
Und für die Griechen wird sie oftmals als Mutter aller
Götter betrachtet, bzw. der Rhea gleichgestellt. Der Stier ist Kybele
als Attribut beigestellt.
Themen der Kybele beruhen auf ihre mythischen Geschichte:
Eine wichtige Gestalt in diesem Mythos ist Attis. Die
grosse Mutter
Kybele hatte einen schönen jungen Geliebten, Attis. Der wurde ihr aber
untreu und von der Göttin mit Wahnsinn geschlagen. In einer anderen
Version verschmähte Attis der Liebe Kybeles. In diesem Zustand eines
Wahnsinns
entmannt er sich und stirbt unter eine Pinie.
Trauer und Reue der
grausamen Göttin folgen, schliesslich die Bitte an Zeus, dem geliebten
Attis
das
Leben wieder zu schenken, was jedoch nur dazu führt, dass der
tote
Körper des
Attis niemals verwesen wird und seine Haare immer weiter wachsen und
nur
sein kleiner Finger beweglich bleibt. Raserei, Kastration, Tod und
teilweise
Wiederherstellung sind die zentralen Motive dieses Mythos.
Es gibt allerdings noch andere Erzählungen des Mythos, in
denen Attis
von Kybele zwar ebenso geliebt wird, aber von anderen
umgebracht
wird.
In einer Variante ist es Agdistis, die den Attis durch sein Erscheinen
wahnsinnig macht und sich daraufhin die Hoden abschnitt.
Oder Attis
geht hervor aus dem Blut, das auf die Erde tropft, oder aus einer
Frucht des Mandelbaums, das an der Stelle aus dem Blut wächst
- all das, als
Agdistis von Dionysos entmannt wurde.
Adgistis
selbst ist ein dämonisches Zwitterwesen, zweigeschlechtlich, vor dem
die Götter sich
fürchteten, und sie schnitten ihm deshalb die Hoden ab, damit dieser
Erscheinung beizukommen war.
Attis gilt wohl in jedem Fall als Sohn des
Agdistis und Kybele als Liebhaberin des Attis.
Nicht in allen Varianten des Mythos steht der Tod des Attis im Vordergrund - da aber der Kybele Kult den Tod des Attis anscheinend in den Vordergrund gerückt hat, scheint jener Mythos mit dem Tod des Attis auch der ursprünglichste zu sein (oder aber der Mythos wurde vom Kult so angepasst). Denn ein bestehender Kult geht immer auf sehr frühe Formen eines Mythos zurück, die lange beibehalten wurden.
In einer weiteren Variante taucht die Wut der Kybele indes nicht auf, ansonsten ist auch hier Attis kastriert, er macht sich nur im Weinrausch mit einer opfernden Geste an Adgistis selbst diese Entmannung. Die Göttin Kybele, die Attis liebte, habe die Hoden aufgelesen und in der Erde begraben.
In manchen Mythen taucht interessanterweise nicht der Attis auf, welcher nicht verwesen kann, sondern eine Ebengestalt, ein Ebenbild, das hervorgerufen wird nach seinem realen Tod.
Manch ein Deuter aus der Zeit der klassischen Antike (ab 600
v.Chr.)
sieht die
Erde
die Früchte lieben, und die Strafe die Attis erlitt, ist das
Sinnbild für
den Tod der Frucht, was der Schnitter den reifen Früchten antue.
Der
Tod des Attis steht für die Verwahrung der Samen, das Leben (des
Attis) steht für die neue Frucht, die ausgebracht wird und heranwächst
(aber nicht dieselbe Frucht ist, die einmal abgeschnitten wurde). In
dieser
Weise hat der Kult um Kybele auch Ähnlichkeiten mit den eleusinischen
Mysterien, bzw. mit Demeter und Persephone. In einer Variante des
Mythos nämlich wird Attis von Kybele auch vollkommen wiederbelebt.
Im Kult symbolisierte ein schwarzer Stein, ein Meteroit im
Zentrum der
heiligen Stätte, die Göttin.
Es gab besondere Reinigungsvorschriften und
Kultmahlzeiten.
Der Kult findet oftmals blutige Ausprägung, man verstümmelte sich
Körperteile, in orgiastisch-ekstatischer
Art.
Seine Protagonisten sind die Priester, die sich Kybele zu Ehren
entmannt hatten, die Galloi.
An der Spitze dieser Eunuchen stand der Oberpriester,
Attis genannt bzw. im Rang Archigalli.
Mit dem Mythos gibt es schon Ähnlichkeiten zu
Dionysos (das
Thema
Wahnsinn und das Symbol Pinie zB; - in Phrygien wurde ebenfalls
Dionysos vielfach verehrt und Kybele wurde ebenfalls als phrygische
Berggottheit verehrt); und auch hier bei Kybele wird wild
getanzt,
begleitet von ebenso wilder Musik, mit Pauken und Zymbeln
(Bronzebecken). Diese Schallbecken erinnern als gewölbte Flächen an den
weiblichen Schoß (wird etymologisch so von Hans Kloft gefolgert).
Leoparden und Löwe sind die Attribute der Kybele, die ihren
Wagen
ziehen, und bewaffnete junge Männer begleiten den Wagen, Kureten
oder die Korybanten, tanzend und mit lautem Gebrüll
(Korybanten erzeugten
schon beim Aufwachsen des Zeus Krach mit ihren
Schilden, um die Schreie des kleinen Zeus zu übertönen, und
bewachten ihn auf diese Weise vor den
Nachstellungen des Kronos, der ja glaubte, wirklich den Zeus anstelle
des
Stein verschluckt zu haben).
In dieser Weise bilden die Korybanten um
Kybele so etwas wie die Mänaden um Dionysos.
Es gibt spätere Erscheinungsformen bzw. Überlieferungen des
Kultes in
Rom, im
nachchristlicher Zeit, dessen Ausprägungen sich vielleicht auf
den Kybele-Kult noch zur
Zeit der griechischen Antike beziehen lässt: Die Anhänger kamen
kultisch in der Zeit zwischen 22. März und 27. März zusammen, eine mit
Binden umwickelte Pinie symbolisierte den toten Attis, diese wurde in
den
Tempel gebracht, worauf ein langes rituelles Klagen folgte.
Am 24.
März, dem Blutstag versetzten sich die Anhänger durch wildes Tanzen und
aufreizender Musik in Trance und brachten sich mit Messern selbst
Wunden bei, bespritzten mit ihrem Blut das Antlitz der Göttin. Eine
wenige haben sich in diesem Zustand auch selbst mit einem eigens dafür
vorgesehenen Steinmesser oder auch mit einer Tonscherbe entmannt.
Es symbolisiert die Kastration ein partielles Absterben, worauf im
zweiten Schritt der kultische Zeugungsakt folgte: Die Hoden dienten nun
als männliche Bekräftigung der Zeugungskraft der Erde und wurden in
einer Grube vergraben.
Aber gleichwohl nahmen in späterer (römischer) Zeit die
Entmannungen an
der Zahl ab, auch die Priester und Oberpriester betrachteten es nicht
mehr als zwingend, sich selbst entmannt zu haben.
Hier steht wie bei allen Kulten eine individuellen
Heilserwartung im Vordergrund, und es geht auch bei Kybele in den
frühesten Formen ihrer Kulte um das Berühren von heiligen Gegenständen,
um das
Essen kultischer Mahlzeiten und um das Trinken ebensolcher
Dinge, und das Hinabsteigen (katabasis)
in eine dunkle Höhle, Kammer oder ähnliches.
Diese Kammern oder Höhlen
stehen zugleich für den inneren Raum, in der die kultische Handlung
einen alchemistischen Höhepunkt findet und korrespondieren mit der
Eigenschaft der Göttin, eine Berggottheit zu sein. Eine Höhle ist seit
je her ein Ort des Ausserweltlichen, d.h. ein Ort, in dem das normale
Leben
abgeschlossen, aussen vor bleibt. Man steigt hinunter zu einer tiefen
Erfahrung, ohne jeglichen Rückhalt.
Anscheinend erwarteten sich
auch viele Teilnehmer an diesen (und anderen) Mysterien eine Läuterung
für den unsterblichen Teil der Seele.
Allen Kulten gemeinsam ist die Vorbereitung auf den eigentlichen Kult:
Tiefste Frömmigkeit,
gewöhnlich auch bei allen Kulten der Eid auf Geheimhaltung nach aussen,
die
Askese und Reinigung (Wasserbäder im Meer oder Flüßen), dann irgendwann
während des Kultes ein Fastenbrechen mit ritueller Mahlzeit, und
strenge Abfolge der
Zeremonie mit Berührung, Schau (epopteia)
und Teilhabe an heiligen Gegenständen, wo
irgendwann immer auch die mysthisch-spirituelle Schau (epopteia)
folgt.
Diese epopteia
wird namentlich
in Bezug auf die eleusinischen Mysterien genannt, als höchster Grad der
Initiation, kann aber, um die Sache zu vereinfachen auch auf vieles
weitere bezogen werden, da die Schau als Vergegenwärtigung und
Teilnahme am kosmischen Geschehen im Wesen der
griechischen Religion liegt: Schau, Wahrnehmung, gesteigertes
Bewusstsein.
Ein weiterer Kult ist der Orphismus, oder Orpheus Kult. Der Musiker und Sänger Orpheus kehrte im Mythos einst aus dem Hades zurück, als er versuchte seine Geliebte zurück zu holen. Dazu spielte der in der Musik sagenhaft bewanderte Orpheus auf seiner Leier, und konnte tatsächlich Hades dazu bewegen, ihm Eurydike zurückzugeben, unter der Bedingung, dass Eurydike sich nicht umwenden dürfte, was sie aber kurz vor dem Ausgang des Hades tat und deshalb zurückbleiben musste. (Dieses Motiv wurde übrigens sehr oft in der Kunst der Romantik verwendet).
Laut Aristoteles stand in den orphischen Versen, "dass die
Seele aus
dem All mit dem ersten Atemzug in das Lebewesen eingehe, getragen von
den Winden". Der orphische Kult bezieht sich auf die Seelenwanderung.
Dieser Kult taucht etwa 500 v. Chr. deutlich auf und korrespondiert mit
den neuen Philosophien (auch unter Bezug auf Pythagoras entstand ein
ähnlicher Kult), die von einer unsterblichen Seele beginnen zu
sprechen (athánatos);
- was sie genauer im lebenden Menschen als psyché
bezeichnen:
im Menschen ist eine psyché
drin: émpsychon.
Man spekulierte: Die Seele ist nicht nur
unsterblich,
sondern
sie stammt von den Göttern und kehrt nach mehrfacher Bewährung zu den
Göttern zurück oder läuft für immer durch alle Bereiche des Kosmos (W.
Burkert). Über die Wiederverkörperung entschied ein Totengericht oder
der pure Zufall. Das bessere Los werde durch moralisch untadeligen
Wandel verbürgt.
Auch durch Myterienweihe sei dieses bessere Los möglich: die
Weihe, die
von Schuld befreit, die
Seele läutert - mit der Vorstellung, dass die Seele lichte
Himmelssubstanz sei und der Tote letztlich in den Himmel kommen werde,
und sich - wenn auch auf langen Wegen - zu dem Reich fügt, wo
es hingehört.
In dieser Art erkennt man einige entfernte Ähnlichkeiten mit
den
Aussagen den Reinkarnationslehren anderer Kulturen oder moderner
Spiritisten wie Edgar Cayce.
Strenge Lebensführung (bíos)
gilt als Charakteristikum: Orphiker essen kein Fleisch, keine Eier,
keine Bohnen. Und sie trinken keinen Wein.
Darin
unterscheiden sich die Orphiker deutlich vom Kult des Dionysos.
Dionysos wurde im Mythos ja bei seiner Geburt sogar gekocht (als er
von Titanen überlistet wurde und von Rhea wieder zusammengesetzt).
Karmisches wird von Platon und Aristoteles (unter Bezug auf
alte Lehren
der Seher und Mysterienpriester) beim Orpheus Kult angedeutet: Die
Seele sei wie in einem Gefängnis im Körper eingeschlossen, und
habe Schulden, wofür auch immer, abzutragen. Es sei aber keine Strafe,
sondern eher eine
Art Wache.
Wir seien in diesem Leben und Leib, weil es (gewaltige)
Verfehlungen gegeben habe. Nur lebenslange Reinheit könne die
Schuld
tilgen.
Oft sind es einfache und arme Menschen, die dem Orpheus Kult
anhängen.
Beim Kult um Pythagoras geht es unter anderem um das Verwischen und
Vermeiden eigener Spuren im Verlauf des Lebens.
Beispielhaft dafür sind
alltägliche Riten: Nach dem Aufstehen solle das Bett gemacht
werden, als hätte nie jemand darin gelegen, das Heiligtum muss barfuß
betreten werden, es darf nicht ohne Licht gesprochen werden, und es
darf bei Licht nicht in den Spiegel
gesehen werden. Die Spenden (Opfer) für die Götter sollten nur
dort
am Rande des Trinkgefäßes verschüttet werden, wo man selbst nicht die
Lippen ansetzen wird.
Mit der Zeit kamen auch ägyptische Einflüsse zu den Griechen, so entstand der Isiskult und der Mithraskult (ab 300 v. Chr.):
Der Mythos um Isis sieht so aus, dass ihr Geliebter Osiris von dem bösen Bruder Seth, einer anderen Götterordnung (vergl. Titanen und Olympier) umgebracht wird und seine Teile werden von Seth auf der ganzen Erde verstreut. Isis gelingt es gemeinsam mit ihrem Sohn Horus die Teile zusammen zu finden, zusammenzusetzen und wieder zum Leben zu erwecken.
Eine
andere Variante des Mythos beschreibt nicht Horus als die Hilfe der
Isis, sondern Anubis - und Isis setzt sich mit Falkenflügen an des
Osiris Körper und fächelt
ihm die Luft des Lebens zu. Dann erst wird Horus durch Isis und Osiris
gezeugt, als Osiris durch das Zuwedeln der lebendig-machenden Luft neue
Kraft erhielt.
Osiris wird es später sein - und zwar wenn er erwachsen
geworden ist - der
den bösen Seth überwindet. Dann aber muss er dennoch in die Unterwelt.
Nach dem Sieg
über Seth wird in der neuen Ordnung Horus als Gott der Oberwelt
installiert, die Herrschaft über das Totenreich fällt Osiris zu, die er
zusammen mit Isis ausübt, die die Pforte bewacht. In diesem Totenreich
ist auch ein
erstrebenswertes Jenseits erreichbar, das man nach einer Prüfung vor
einem Totengericht und nach einer besonderen Weihe erreicht.
Außerdem galt Isis auch als beinahe allmächtige Zauberin, die alle
Geheimnisse und zukünftigen Ereignisse kannte.
Beim Mithras-Kult geht
es um den
symbolischen Vertrag.
Mithras gilt als Übermittler der Übereinkunft,
und verkörpert jene ethisch-religiöse Kraft, die beteiligt ist, um
Parteien
oder Menschen an einen zu bildenden Vertrag zu binden.
Mithras
ist auch göttlicher Träger des Lichts und der Helligkeit. Für den
Mysterienkult spielt die Beziehung des Mithras zu Sonne, Mond und
Sternen eine Rolle, auch zum (kosmischen) Feuer; schliesslich ist auch
das
Stieropfer wichtig (als gemeinschaftliche Handlung, bzw.
gemeinschaftsstiftende
Handlung). Aus dem Körper des getöteten Stiers entsteht schliesslich im
Mythos
auch alles andere: die Pflanzen, die Welt in ihrer bunten Vielfalt etc.
- Mithras steht noch ein für das Heil und die Unversehrtheit.
Ferner gibt es sieben Weihegrade: 1. Merkur, 2. Venus, 3.
Mars, 4.
Jupiter, 5. Mond, 6. Sonne, 7. Saturn
Hier ist der Aufstieg der Seele über die verschiedenen Sterne und
Himmelszonen bis zur obersten Sphäre, Sonne und Saturn gemeint. Der
Aufstieg zum Göttlichen.
Die Griechen hatten zwar Priester, bildeten aber keine geschlossene Hierarchie. Das religiöse Leben war weithin offen - und ein Opfer an die Götter konnte jeder vom Range eines Sklaven, über einen Fürsten bis hin Priester vornehmen. Die Priester könnte man einfach bezeichnen als Erfahrende und Kundige.
Eine massgebliche Beeinflussung der griechischen Götterwelt durch die ägyptischen Archetypen ist aus vielen Gründen unwahrscheinlich (nicht vor 500 v. Chr.). Die griechischen Götter mögen hier und dort Einflüsse aufgenommen haben, äusserliche und ausschliesslich die Form betreffend, doch die ursprünglichen griechischen Götter sind weitestgehend autark entstanden. Geht man die Zeitlinie zurück, gibt es genügend Hinweise auf diese eigenständige Entwicklung der griechischen Götterwelt und auch Kunstform.
Es gibt nur eine
Schöpfungsordnung und es ist
zwangsläufig, dass sich deshalb die Mythen diverser Kulturen ähneln.
Erst mit der zunehmenden Vernetzung der Welt ab
500-200 v. Chr. vermischen sich die Vorstellungswelten tatsächlich und
der eine nimmt vom anderen, was er brauchen kann (man geht dazu über,
das
Fremde den eigenen bereits ausgestalteten
Vorstellungen anzufügen).
Die Römer selbst behielten die Traditionen von vielen Kulten lange bei, bis dass die Christen das Heidnische verdrängten. Daraus, dass die Römer die Tradition der Griechen weiterführten, darf nicht automatisch geschlossen werden, dass die Griechen ihrerseits etwas ähnliches taten.
Für die Griechen konnten die Kräfte, die sie mit den Göttern identifizierten, zwar nicht dem eigenem Willen gemäß beeinflusst werden, aber beschwört.
Das kann man sich aus heutiger Sicht so vorstellen, dass man
ein persönliches Verhältnis zu diesen Kräften aufbaute. Hera war zum
Beispiel eine Art Kraft, die wirksam sich
aus dem speiste, was real in der Ehe gelebt wurde: nach
Auffassung der Griechen konnte man eine Energie (Feld, Gott) nähren,
indem man zum Beispiel
einen Hera Kult pflegte oder der Hera Opfer darbrachte. Bedingt durch
das Opfer entsteht eine reale, psychische, unbewusste Kraft,
die man
symbolisch mit der Tarot-Karte "Kraft" (Nr. 11) beschreiben
kann.
Ein Opfer führt zu einem energetischem Sog, der entsprechendes anzieht.
Kein Opfer ist also umsonst.
So wurde diese
Hera-Energie
belebt und in gewisser Weise die Richtung der Energie
gerichtet. Im Grunde entspricht sich hier auch entfernt der
Karma-Gedanke diverser fernöstlichler Lehren.
Vieles in Bezug zu der Entstehung von Mythen und ihrer Bedeutung für das damalige Alltagsleben können wir aus heutigem Standpunkt nur vermuten.
Die Griechen gaben stets eine Opferung aus ihren Einkünften oder Ernten den Göttern.
Oft
gaben sie auch das Beste, bei Tieropfern allerdings waren es meist nur
die Innereien. Vielleicht war das auch jeweils unterschiedlich (in
Bezug zu Zeiten und Orten).
Was mag der Grund für diese Opfergaben gewesen sein?
Einige meinen, auch die Griechen schliesslich selbst: "damit
solle
die
Kraft erhalten werden". Gemeint ist die Kraft der geopferten Dinge,
vielleicht auch die Kraft dieser Dinge, insofern diese Dinge nächstes
Jahr wiederkommen.
In der Bibel steht als Ausspruch von Gott: "Was
du mir gibst, erhältst du hundertfach zurück." Dies entspricht sich
auch mit der einleitend vorgestellten These.
Das Tieropfer wird bei den antiken Griechen auch schon vor 800
v. Chr.
mit einer Mahlzeit verbunden.
Es ist nicht oder nicht mehr die reine
Abgabe an die Götter.
Das Tieropfer ist also oft ein ritualisiertes
Schlachten.
Auf dem Wege
zur Mahlzeit werden genau befolgte Abläufe begangen. Zunächst
werden
die Hände gewäschen von allen Teilnehmern. Aus einem Opferkorb wird das
lebende Tier entnommen, es wird ebenso mit Wasser besprengt. Ein Nicken
oder Zucken des Tieres wird dabei als Geste verstanden, dass es
einverstanden ist mit seinem Opfer.
Aus einem Korb nehmen die Teilnehmer
Gerstenkörner oder kleine Steinchen. Dies alles stellt jedes Mal einen
ins Ritual gesetzten Anfang dar. Der Anfang sollte in solcher Art mit
Kraft geladen sein, um die ganze Handlung zu bekräftigen. Schliesslich
wird vom Priester ein
Gebet gesprochen, Anrufung des Gottes, Wunsch, Gelübde, feierlich und
laut
hallend, die Arme erhoben, und die Körner oder Steine werden von den
Teilnehmern nach vorne
zum Opfer-Tier und Altar geworfen, dann wird das
Opfermesser aus dem
Korb genommen und der Priester schneidet Haare von der Stirn des
Opfers. Ein letzter Anfang. Jetzt ist das Opfer nicht mehr unversehrt,
obwohl noch kein Blut geflossen ist.
Die Anwesenden sind in besondere Kleider gehüllt, was das Profane vom
Heiligen ausgrenzen soll. Fromme Pflicht ist es den Altar und auch
die Seitenwände des Raumes mit Blut zu bespritzen, wenn dem Tier die
Kehle durchgeschnitten wird oder mit der Axt das Genick durchtrennt
wird.
In diesem Moment schreien die Frauen schrill und laut, um dadurch
(vermutlich) einerseits die Emotionen nicht (künstlich) zu
unterdrücken, und in dem
ritualisierten Ablauf andererseits in bewusster künstlicher Überhöhung
zum Ausdruck zu bringen: dass das Leben den Tod übergellt.
Das Tier wird nun gehäutet, geschlachtet und von den
Eingeweiden darf
kosten, wer dem Kreis der Ritualteilhaber am nähesten steht. In
gewisser
Ordnung werden die ungenießbaren Teile und Knochen auf den
Scheiterhaufen des Altars gelegt.
Die Götter kriegen hier nur die Reste. Aber es kann auch sein, dass man
diese Reste durchaus als besonders wertvoll erachtete, da es bekannt
ist, dass die Innereien oft besonders nahrhaft sind. In einer Art
Sinnlichkeit wird es hier also dem Menschen leicht gemacht, sich
ihrerseits das Beste zu suchen, während die Götter ebenfalls etwas
bekommen, was als das Beste angesehen werden kann.
Man
kann sicherlich davon ausgehen, dass die Tier-Opfer mit anschliessender
Mahlzeit unter einem Aspekt
bewusster Achtsamkeit zubereitet wurden, selbst wenn den antiken
Griechen dieser Umstand
nicht allzu bewusst
war. Sie wussten es vielleicht nicht durch Reflektion, es
gehörte sich einfach, es war überhaupt der Inbegriff "heiliger
Handlung". Eine Art Vernunft, die sich von selbst ergab. Was ich unter
einer gewissen Aufmerksamkeit verrichte, das präge und segne ich, oder
verfluche ich (durch zB negative Gefühle).
So assen die Teilnehmer das Fleisch, in das
das Ritiual sozusagen eingeflößt wurde, und es potenzierte sich auf
diese Weise die Wirkung des Rituals.
"Die Todesbegegnung wandelt sich im folgendem Schmaus um in
lebensbejahendes Behagen" (Burkert)
Die Gerstenkörner könnten nun nach
Burkert auch Pfeile symbolisieren, und damit die Jagd des Tieres
nachahmen, welches beim Ritual oft ein domestiziertes Tier war -
andererseits könnten diese Pfeile auch zusätzlich die
Weihung
des Opfertiers durch alle Teilnehmenden ausdrücken, nachdem sie sich
die Hände wuschen.
Auch vor einer Schlacht werden Tiere geschlachtet, und aus den Eingeweiden einerseits von einem Kundigen der Ausgang der Schlacht gelesen, andererseits soll das Blutopfer um des Blutes willen den Anfang der Schlacht markieren, die Soldaten vorbereiten auf das anschliessende Blutfliessen.
Bei einer Totenbestattung werden Tiere geschlachtet und auf dem Scheiterhaufen mit verbrannt. Anscheinend soll hier dem Toten mit Blut wieder Leben zugeflößt werden, mit sozusagen archaischer Schminke der Toten (wir schminken die Toten auch heutzutage, allerdings sind wir uns dessen mehr der ästhetischen Gründe bewusst, als wie vielleicht grundlegend durch Schminken die Lebendigkeit aufrechterhalten werden soll; - auch Urzeitmenschen schienen die Toten mit roter Farbe zu bemalen).
Das Blut fliesst oft in einen eigens gehobenen Graben; - Homer
schildert,
dass auf diese Weise die toten Seelen noch einmal kurz zu Bewusstsein
kommen, um von Blut zu kosten.
Das Blut fungiert als Träger der Lebens-
oder der Seelenenergie. Daher war es üblich, auch eine kleine oder
grössere Anzahl
Opfer
(nicht nur eines) darzubringen; - wie ein Blutmeer solle hier noch
einmal
Atmosphäre des Lebendigen geschaffen sein.
Es ist nicht klar, ob vielleicht dem rituellen Opfer, so wie
W. Burkert meint, eine Art psychologischer Ausgleich inne wohnt. Im
Angesicht des vielen Blutes und der Gewalt, erlebe die Psyche
Kartharsis. Die These wäre: "Die Gesellschaft braucht die Ableitung
natürlicher Aggressionen im Opfer".
Das leuchtet ein, indem man den Menschen niemals
ohne seinen tief verankerten Jagdinstinkt betrachten mag, den andere
auch als Aggressionstrieb bezeichnen. Allerdings muss das nicht die
wirkliche Bedeutung des Opfers sein, sondern ergab sich wahrscheinlich
nebenher oder ist Teil des Ganzen.
Es gibt natürlich noch das sogenannte Erstlingsopfer. Wenn man
ein Mahl
zubereitet, gibt man einen Teil den Flammen preis, bevor man selbst
kostet, und man lässt diesen Teil in Rauch (für die Götter) aufgehen.
Ebenso tut
man
es mit dem Wein, bevor man trinkt, verschüttet man ein wenig für die
Götter.
Es mag hier auch wieder psychologische Effekte auslösen, zB der Habgier
entgegenwirken; - aber für die Griechen
ging es dabei wesentlich um den eigentlichen Bezug zu den höheren
Wirkmächten, zu
den Göttern - zu ihnen wollten sie die Verbindung nicht verlieren.
Was mit dem Opfern wirklich materiell und immateriell erreicht wurde, diese Frage bleibt letztlich offen.
Es ist wahrscheinlich, dass es eine Zeit gab, in der die
Mythen so
lebendig waren, dass eigentlich nicht die erzählten oder
gesungenen Mythen
der Grundboden der
Erfahrung war, sondern
tatsächlich das Spüren der Kräfte der Götter.
Die mythische Erzählung
sorgte nur für den Kanon, den allen Stammesteilhabern gemeinsame
Hintergrund; - der
Mythos deckte sich aber mit der (geistigen) Schau, beides ging
Hand in Hand. Die Göttersagen waren auch die ethische Instanz für das
gemeinschaftliche Zusammenleben.
Der Kult, Städtekult, Haus- und Familienkult, das Ritual, die
Mysterien und das Fest unterstützte die kontinuierliche
Aufrechterhaltung der Verbindung zu dieser geistigen Sphäre.
Man kann die frühesten Mythenerzählungen (Homer 800 v. Chr. und Hesiod 700 v. Chr.) noch als lebendige Verkörperung eines authentischen Umgangs mit den Göttern begreifen: Da wird erzählt, was Götter tun, und wie der Mensch sich begreifen kann als jemand, der von diesen Göttern geleitet, verführt oder gejagd (auf Götter Art) wird. Innere Stimmen sind nie klar und eindeutig, sie sind eher wie ein Lufthauch, der vom Selbst ausgeht, eine körperlich subtile Neigung, eine Richtung, was um das Selbst herum weht oder tatsächlich auch von den äusseren Dingen ausgeht. Alles bleibt im Grunde eins.
Die Mythen waren sinnvoll, sie wurden erzählt, in Mündern getragen, von Sängern, derer es viele gab vorgetragen und mit Musik begleitet, auf Keramikvasen erzählt - man konnte das ganze Leben "mythisch denken".
Ein Archetyp ist ein Bewusstseinsinhalt (zB Geburt, Tod in verschiedenen Phasen des Lebens). Er kann aber auch eine gestaltbildende Kraft darstellen.
Es gab mit Sicherheit eine hellenisch-mysthische Zeit,
voller Intensität, vermutlich irgendwann zwischen 1500 und 800 v. Chr.
- also vor Homer.
Eigentlich
ist sogar anzunehmen, dass es eine lange Zeit davor schon eine
mythische Zeit war - wenn also nicht hundert Jahre dann tausende oder
sogar zehntausende von Jahren.
Die Griechen sprachen von einem heroischen Zeitalter, und es kann sein, dass damit die Zeit um 1500-1200 gemeint ist. Einiges deutet darauf hin, dass die mykenische Epoche dem oft erwähnten heroischen Zeitalter entsprach, von denen Hesiod und andere erzählen - jenes Zeitalter, das für die Griechen bzw. Dichter noch eine vage Ähnlichkeit mit dem goldenen Zeitalter aufwies. Das goldene Zeitalter könnte indes auch niemals in der jetzigen Wirklichkeit manifestiert gewesen sein. Oder es entsprach einer Zeit der Urzeit des Menschen (zB anno 20.000 v. Chr.).
Eine Art von Absicht ist bei den Mythen dadurch gegeben, dass es hier um eine kosmische Geborgenheit geht. Man beabsichtigt den Einbezug des Selbst in diese Geborgenheit.
Was eigentlich als ein Mythos zu gelten hat, ist in der Forschung jedoch bis heute umstritten und es gibt wohl keine klare Trennlinie zwischen ursprünglichen und somit in gewisser Weise reinen Mythen, und späteren womöglich etwas freier gestalteten Mythen. Die Mythen wandeln ihr Anlitz und ihre Rezeption vor allem seit etwa 500 v. Chr., und werden ab 300 n. Chr. zunehmend gänzlich vom Christenthum verdrängt, das ihrerseits in den Heiden die Konkurrenz sieht.
Die moderne Mythentheorie (Ethnologie) widmet sich direkt
der Vorstellungswelt der schriftlosen und sog. primitiven Völker, die
von den Ethnologen vor allem mit Hilfe von Feldforschung (zB
Interviews) rekonstruiert wird.
Das Problem der Übersetzung der Mythen aus der Originalschrift und Originalsprache ins Deutsche muss erwähnt werden. Ein einziges Wort kann (wie geschehen bei drei verschiedenen Übersetzungen) in der einen Übersetzung mal als "Gewaltig" übersetzt werden, dann in einer anderen als "Unheimlich" und in einer weiteren noch als "Wunder"!
Die antiken Griechen kannten den Mythos, und bezogen das Leben auf den Mythos bzw. den Mythos auf das Leben - wir dagegen können das nicht, weil wir in diesen Kontexten nicht aufgewachsen und geprägt worden sind.
Die Kinder der Gottheiten scheinen zwar oft in verschiedenen Varianten eines Mythos mit unterschiedlichen Eltern in Verbindung gebracht zu werden, mal stammt Kadmos von Telephassa ab oder von Argiope - doch in der Regel drücken sich in all diesen verwandtschaftlichen Bezügen unbedingte oder zumindest entferntere Ähnlichkeiten aus, auch ist mindestens ein Elternteil dann oft derselbe und dann also massgeblich.
So drücken der kriegerische Ares und die weise aber nicht weniger im Krieg erprobte Athene Eigenschaften ihrer Eltern Hera und Zeus sehr deutlich aus. Ares verkörpert hier das Prinzip der unmässigen Kriegslust, die Zeus dann zeigt, wenn er in Zorn gerät: grausam und verschlagen zu sein; - und die ebenso bei Ares von Hera herrührt, wenn sie ebenso im Clinch mit Zeus liegt und dabei hera denen hilft, die auf der Erde gegen diejenigen antreten, denen von Zeus geholfen wird. Sie stachelt in dieser Weise an zur Fehde.
Athene wurde parthogen aus Zeus
geboren, nachdem Zeus seine erste Gemahlin Methis verschlang (mit dem
Verschlingen der Methis vereinnahmte Zeus sich die "Klugheit",
ansonsten ist er als Wettergott bekannt; - seine Wolken bringen hier
ebenso seine Zeugungskraft als befruchtenden Regen ins Spiel).
In der
Furcht vor einem Sohn, der ihm das Himmelsreich streitig machen könnte,
gemäß einem Schicksalsspruch, verschlang er also Methis.
Athene scheint etwas schwerer mit Zeus in
Einklang zu bringen sein, es hilft hier die Symbolik von Methis als
überlieferte "Klugheit". Allerdings gibt es auch Mythen, in denen
Athene ohne Methis aus Zeus allein hervorging.
Zeus ist der
Lichtstrahl, der alles überschaut, das Aufscheinen. Zeus ist der
Herrscher
des Himmels und kann die Kräfte des Himmels so anordnen, dass Einfluss
auf die Erde ausgeübt wird.
Athene mit ihrer Weisheit wird schliesslich zur
energischen Kraft, diese Weisheit ähnlich wie Zeus zu nutzen. Die
Eigenschaft der Weisheit hat sie direkt von ihrem Vater Zeus geerbt.
Mit
Gewalt entspringt sie dem Kopf des Zeus, der erste Laut ist so auch ein
Schlachtruf. Die ganze Erde hielt einen Moment inne, Helios habe seine
Sonnenrösser angehalten und gewartet, bis dass das Mädchen seine
Rüstung von sich legte.
Athene wird als die streitbare Heerführererin
beschrieben und ihre Weisheit zeigt sich eher in der Ausführung dieser
kriegerischen Handlungen, und nicht im Töten an sich (dafür steht
Ares!).
Athene kümmerte sich um alle Angelegenheiten,
die mit Kampf zu tun hatten. Dadurch ergab sich wahrscheinlich auch der
Bezug zur Weisheit, Handwerk und sogar der Zähmung der Pferde - da dies
alles Dinge sind, die auch in einem Kampf benötigt werden.
So wie Athene aus dem Kopfe Zeus hervorging, als Ableitung, gehen dann auch Weisheit aus der Kriegsgöttin als eine solche Ableitung hervor und können als eigenständige Eigenschaften genutzt werden. So vor allem in der Erweiterung der Athene zur Pallas Athene (solche Beinamen finden sich häufig bei den Göttern: Phoibos Apollo etwa. Solche Erweiterung durch einen Beinamen stehen bei Göttern übrigens oft in Beziehung zu Kulten und einzig Athene scheint hier eine Ausnahme zu sein, da sich Pallas Athene an sich ziemlich durchgesetzt hat).
Schläue und List zeigt sie in Verhandlungen mit anderen
Göttern und sie
begegnet ihnen zunächst mit Worten. Wer sie huldigte und ihr opferte,
dem wurden von ihr Geschick in allerlei Kunstfertigkeiten gewährt.
Sie
hat zwei Seiten, die kriegerische und die friedliche Beschützerin ihrer
Verehrer, und zeigt sich als Unterweiserin in allen Arten der
Beschäftigung, wo es um kunstvolle Dinge geht. So steht sie auch für
das Nähen und dem Handwerk. Sie gibt Rat, oder ist sogar im Kult als
Ernährerin der Kinder verehrt
worden. Sie ist die Lieblingstochter des Zeus.
Hephaistos ist in den meisten Mythen aus Hera selbst
parthenogen
hervorgegangen, d.h. ganz ohne Vater, der als Erzeuger nötig gewesen
wäre.
Hephaistos wird bei seiner Geburt als
so schwach überliefert, dass Hera sich aus Abscheu von ihm
abwandte und ihn vom Olymp hinunter auf die Erde stieß. Vielleicht
erkennt man hier
einen verkörperten Wesenszug der Hera, der ja vor allem dann auftaucht,
wenn sie die Schwäche des
Zeus erblickt, der sich in ihren Augen so schwach zeigt, weil er
anderen Frauen nachstellt.
In gewisser Weise bildet die parthenogene Schöpfung
des Hephaistos eine Nachahmungstat der Hera, in Bezug auf die
parthenogene
Schöpfung der Athene.
Am liebsten hätte Hera Zeus verstossen und tatsächlich hat Hera einige Verschwörungen angeleitet, die zum Ziel hatten Zeus vom Thron zu stoßen. Auch hier korrespondiert Hephaistos Sturz vom Olymp also mit einer anderen Geschichte.
Aber Hephaistos kehrt zum Olymp zurück, nachdem Hera ein Schmuckstück der Thetis bewunderte, welches Thetis von dem Hephaistos angefertigt wurde, weil Thetis Hephaistos bei sich aufnahm. So kam es, dass Hera sich mit Hephaistos versöhnte und ihm eine grössere Schmiede im Olymp baute, als sie Thetis dem Hephaistos geschaffen hatte. Bei Hephaistos und Hera weitere Gemeinsamkeiten zu sehen wird allerdings schwierig. Es scheint als sei Hephaistos ein Nebenprodukt, eine Verschleuderung von Energien oder Tatkraft und in gewisser Weise seine Zeugung "nicht ganz ernst" gemeint, bzw. nebensächlich, weswegen Hera sich dann auch nicht um eine besondere Gestaltung bemühte.
Andere Götter und Helden tragen ebenso Züge ihrer Eltern oder einer gemeinsamen Eigenschaft der Eltern.
So kann der Vergleich zwischen den Göttern und ihren Eltern dann fruchtbare Anschauung bringen, wenn man sich etwas mit den verschiedenen Gestalten beschäftigt hat, sich also einigermassen einen Überblick über das Ganze verschafft hat, um verschiedene Beziehungen zwischen den Mythen und Gestalten herzustellen.
Verwandtschaftsbeziehungen der Götter und Helden, und aller in
der
Erzählung auftauchenden Könige und Menschen - die auch zu Göttern eine
Verwandtschaft haben können -, die Abstammung und
Verwandtschaft also, bildet unter- und miteinander ein dichtes Netz.
So
wird das Netz immer dichter, und man sieht
nicht nur in der Landschaft den Geburtsort eines Gottes. Oder es gibt
eine mythische Erzählung, die sich an einem Ort abspielte.
Irgendwo
gibt es immer einen Auftrag der Götter. Städte gründeten sich in der
Sage aufgrund von Orakelsprüchen usw.
Wohin
das Auge reicht, die Götter sind allgegenwärtig.
In den erzählten Mythen tauchen Gottheiten und Personen auf,
die von
Gottheiten gezeugt wurden oder berührt wurden, oder auch sonstwie sich
mit den
Gottheiten auf ihrem persönlichen Schicksals-Weg kreuzen.
All das
Handeln und Schicksal, bei dem eine Gottheit beteiligt ist, trägt
manchmal
auch die Eigenschaften dieser Gottheit. Eine oder mehrere Gottheiten
- als
Archetypen - fliessen sehr oft in die Erscheinung der diesseitigen Welt
ein und sind dann ablesbar an den sichtbaren Resultaten der Handlungen
oder Ereignisse oder sind Bestandteil davon.
Genauso ergeht es mit den Zeugungen, wo natürlich die Eltern (die Götter) eine wichtige Eigenschaft beigeben, um den Charakter der handelnden Personen weiter in ihren Eigenschaften zu bestätigen, oder aber auch mit weiteren Facetten versehen.
Der Verlust der Ganzheit besteht darin, dass wir heute überhaupt kein Gespür mehr für die echten Wahrheiten einer zugrundeliegenden Schöpfungsordnung haben, weil wir dem Sichtbaren und den Formen in die Falle gehen, während wir die "Dinge an sich" nicht mehr sehen. Es ist nicht genug, diese Schöpfungsordnung bloß zu erkennen, sondern es geht beim Begriff der Ganzheit auch um die Bedeutung, die diese Ordnungt für uns selbst hat.
Die Schöpfungsmythen der Naturvölker, Griechen, der Ägypter und die Mythen anderer Kulturen beruhen nicht nur auf der Schöpfungsordnung, sondern sollen dem Leben praktischen Nutzen und Sinn verleihen. Dieser Sinn erscheint angepasst an die Bedürfnisse des Menschen, an die Kultur und dem jeweiligen Stand dieser Kultur.
Tatsächlich ist alles, was es gibt,
Ausdruck einer Schöpfungsordnung. Die Symbole eines Mythos sind nicht
nur
gleichnishafte Erzählungen, nach dem Schema: "die Griechen brachten
Venus-Aphrodite mit Beziehungsfragen in Verbindung", sondern es ist
tiefer betrachtet so, dass es hintergründig beobachtbare Prinzipien im
Leben gibt, zB ein Prinzip, das durch
Venus-Aphrodite (dem Symbol) repräsentiert werden kann.
Ein Mythos
versucht diese Prinzipien - aus der jeweiligen Perspektive der
entsprechenden Kultur
- fassbar zu machen. Verschiedene Kulturen kommen zu verschiedenen
Ansichten, was daran liegt, dass diese Prinzipien nicht offensichtlich
fassbar sind,
sondern ihre Schau von der Perspektive abhängt, mit der man sie im
Leben und Walten des Schicksals erblickt.
Diese Prinzipien oder
Wirkmächte sind nicht direkt erfahrbar, sondern drücken sich sozusagen
nur über die zweite Hand der (Wahrnehmung von) Wirklichkeit aus.
Venus-Aphrodite ist
nicht direkt erfahrbar, sondern zB nur über die verschiedenen
Ausdrucks- und Erscheinungsweisen von Beziehungen (in denen die Liebe
und Hinwendung zu anderen Thema sein kann).
Die Symbole der astrologischen Hauptplaneten korrespondieren zwar mit dem antiken griechischen Mythos, sind aber in mancher Hinsicht nicht deckungsgleich mit den mythologischen Gestalten - was vor allem für die neu entdeckten Asteroiden gilt, die zahlreich Namen aus der griechischen Mythologie erhalten haben. Übrigens bestätigt sich dennoch eine Art Verwandtschaft zwischen diesen von Menschen verliehenden Bezeichnungen der Asteroiden mit dem jeweiligen Mythos - in dieser Fügung, die vielen als zufällig erscheinen mag, kommt wieder einmal geheimnisvoll zum Ausdruck, wie sich Gleiches zu seinem Gleichen gesellt.
Mythos
und Astrologie handeln von Symbolen und können als Prinzipien
aufgefasst
werden, die dieselbe Architektur aufweisen.
Jupiter
ist zum Beispiel als Prinzip der Expansion mit folgenden Begriffen
beschreibbar: Optimismus,
Glückserwartung, Glaube an eine höhere Macht oder Glaube auf einen
grösseren
Plan, Streben nach Vollkommenheit, Entfaltung und Erfüllung.
In negativen Entsprechungen auch
Faulheit, Besserwisserei oder Arroganz. Jupiter ist sogar als ethisches
Empfinden, Gerechtigkeit und
Verantwortungsbewusstsein beschreibbar.
Ferner
steht er in
der Beziehung zur (umfassenden) Wahrnehmung.
Diese Eigenschaften bündeln sich in einem entfernten Sinne zu einer Essenz, die selbst niemals konkret ausgedrückt werden kann, und im ersten Eindruck sind die einzelnen Ableitungen ziemlich gegensätzlich oder unvereinbar.
Man könnte die Entsprechung der Wahrnehmung aus dem Prinzip
der
Expansion schon ziemlich direkt ableiten, aber das ethische
Empfinden nicht so ohne weiteres.
Es geht jedoch schon eher auf etwas verschlungenden, aber keineswegs
konstruierten Umwegen auf, indem
man Jupiter als "umfassende Schau" ableitet: Handeln und Tat beruhen
auf einer Anschauung der Welt und es gibt eine gewisse Bedingung des
Möglichen.
Jupiter hat das Mögliche vor Augen, und will möglich machen.
Ethisches
Bewusstsein richtet sich nach der grösstmöglichen
Freiheit, die begriffen wird. Und Faulheit entsteht, weil diese Tat,
die
Faulheit mit sich bringt, für denjenigen in diesem Moment eine grosse
Freiheit bedeutet oder weil ein Eindruck vorherrscht, dass "man es sich
erlauben" kann... - weil man sich gehen lassen kann, was ebenfalls eine
Art von Erfüllung des Möglichen darstellt.
Auf diese Weise, dass man
Querverbindungen versucht in einem umfassenden Sinn zu integrieren,
gelingt es dann auch die verschiedenen Facetten eines Mythos oder
Symbols in einem Ganzen zu
fassen. Die Essenz, das muss man bedenken, ist wahrscheinlich
unaussprechlich, weil zu abstrakt - bzw. sie liegt als unsichtbares
Prinzip hinter den Dingen und wird nur durch Dinge oder
Ereignisse
vermittelt, anschaubar. Ähnlich wie wir im Theater auf der Bühne eine
Zurschaustellung von sich bewegenden Ereignissen wahrnehmen, aber nicht
diejenigen, die dafür gesorgt haben, dass sich die Dinge in dieser
Weise bewegen sollen.
Der Vergleich von Mythen und Astrologie kann nicht einwandfrei
eins zu
eins übersetzt werden. Zu leicht werden Konstruktionen erfunden.
Dennoch findet man sehr leicht in dem Planeten Jupiter der Astrologie
eine deutliche Entsprechung zum Zeus der Griechen!
Die Psychologie, die in beiden enthalten ist, kann verglichen
werden - weil beides, antiker Mythos und moderne Astrologie, den
Menschen ins Auge fassen, und dabei die Wahrnehmung
übergeordneter
Prinzipien (Symbole, bzw. Essenzen dieser Symbole), die im
Leben wirksam in Erscheinung treten, zum
Thema haben.
Wir finden im astrologischen Zodiak die Tierkreiszeichen. Viele Mythen - so Liz Greene - können direkt mit einem Tierkreiszeichen in Verbindung gesetzt werden und drücken aus, dass es etwas zu lösen oder zu bewirken gilt. Ich denke sogar, dass man die einzelnen Helden noch spezieller einordnen kann, indem man sie konkret astrologischen Planeten zuordnet, die als Handelnde erscheinen. Das Zeichen der Tierkreissystems offenbart die näheren Umstände oder Begegnungen auf der Reise. Genau gesehen sind also die Götter, Untergötter und auch Helden der Mythen analog den Planeten und den diversen Mischungen (Aspekte) von Planetenkräften. Und die Handlungen, das Angebot von Szenen, in denen die Helden sich verstrickt sehen wie in einer Landschaft, sind analog den Tierkreiszeichen.
Man darf natürlich nicht missverstehen, dass es zwar sowohl bei der Astrologie als auch in jedem Mythos um universelle Wirkmächte geht (dargestellt in den Symbolen), dass aber die Astrologie ein eigenes System darstellt. Sie ist ihrerseits kein Mythos, sondern bedient sich nur mythologischer Symbole zur Erklärung. Zugrunde liegen im Leben wirksame Prinzipien und Kräfte.
Die Astrologie veranschaulicht im Grunde ebenso die verborgenen Wirkmächte hinter allen Erscheinungen des Lebens, und ist meiner Meinung nach das tauglichste Instrument um solche (ansonsten verborgenen) Wirkmächte im Leben zu untersuchen. Hier ist es ein wahrlich wunderliches Phänomen, wie die Planetenpositionen des Himmels solcherlei Auskunft über diese Wirkmächte erlauben.
Vieles, was im Mythos behandelt wird, korrespondiert mit unserem "in die Welt gesetzt sein".
Diese Welt hat gewisse Bedingtheiten und
Begrenzungen, ebenso
wie
Möglichkeiten, um sich aus gewissen Beschränkungen zu befreien - eben
in
dem Rahmen, wie
es die Schöpfung erlaubt.
Mit
der
Schöpfungsordnung kommt auch die soziale Ordnung auf den Plan. Diese
soziale Ordnung ist natürlich auch davon abhängig, auf welcher Ebene
das Kollektiv sich
selbst gestellt hat (Reifegrad, Kultiviertheit etc.).
Die
Mythen strebten eine Harmonie zwischen Individuum, Schöpfungsordnung
und sozialer Ordnung an.
Wir erklären in den Begriffen der Kausalität zum Beispiel den
Einsturz
eines
Eisstadions weitestgehend mit Zufall. Vielleicht gab es
Materialschwächen, sehr wahrscheinlich sogar.
Aber dass zu einem bestimmten
Zeitpunkt das Dach einstürzte, während viele Menschen darunter waren,
ist in unserem "Verständnis" Zufall. Vielleicht sogar ein "böser
Zufall". Wir glauben, es könne nur ein Zufall sein. Mögen wir auch in
einem weiteren Schritt dazu kommen, den bösen Zufall mit fehlenden
Wartungsarbeiten zu verbinden, das Dach hätte auch einstürzen können,
ohne dass sich Menschen darunter befanden.
Gehen wir einen Schritt zu afrikanischen Völkern,
den Zande.
Dort
bricht ein Getreidespeicher ein. Menschen sitzen darunter und es gibt
fatale Folgen. Die Zande wissen, dass Termiten den Stützfpeiler
unterhöhlen. Aber sie schreiben es nicht dem Zufall zu, sondern
Hexerei: nämlich dass in dem Augenblick, wo der Speicher einstürzt,
Menschen
sich wie gewöhnlich vor der Hitze schützend unter das Dach des
Speichers setzten. Wäre es keine Hexerei, so hätten sich entweder keine
Menschen zum Zeitpunkt des Einsturzes dort befunden, oder aber der
Speicher wäre nicht eingestürzt, während sich Menschen darunter
befanden. Es kann auch sein, dass jene Ahnung durch Hexerei verhindert
wurde, mit der Menschen spüren können, dass eine Gefahr von einem Ort
ausgeht.
Dieses Verständnis von Kausalität ist typisch für Mitglieder
einfacher
Gesellschaften. Für bestimmte Ereignisse und Ereignisabfolgen ist ein
bestimmtes Regelwissen ausgebildet worden, das durch Erfahrung
bestätigt wird (wenn der Getreidespeicher einstürzt, haben etwa
Termiten den Stützpfeiler unterhöhlt). Aber weiter werden unerwartete
und ungewöhnliche Ereignisse und Ereignisabfolgen, über die
kein
sicheres Wissen vorliegt, und die nicht erklärt werden können, der
Hexerei zugeschrieben.
Diese Hexerei ist
im Verständnis der Zande nicht auf andere Menschen zurückzuführen (!),
sondern auf das Wirken übernatürlicher Mächte, die als Ursache für das
Eintreten des Ereignisses eintreten müssen. Ungünstige Fügungen
sprechen daher eigentlich von dem Wirken höherer Kräfte.
Die Struktur des Denkens ist also bei diesem "mythischen Denken" dieselbe wie unsere. Bei dem Zufall hören wir aber in der Regel auf zu denken, gehen nicht darüber hinaus, es ist alles ganz einfach ohne Sinn, weitgehend ohne Kontext; - aber für das Glauben an übernatürliche Mächte, hört das mythische Denken nicht auf, d.h. die Verbindung zur kosmischen Sphäre, der Einbezug in höhere Wirkmächte ist gewährleistet, selbst in Erfahrung von Leid. Dass das Wirken dieser Mächte negativ sein kann, wird nicht beschönigt.
Das Leiden wird in einen Bereich gehoben, an dem das Denken
zwar nicht
weiter
kommt, aber es ergibt alles einfach einen anderen
Sinn, als wie nur an Zufall zu denken.
Um die These, dass die Mythen auch in den Alltag integriert waren zu überprüfen, möge man den Versuch machen, die Themen und Symbole der Mythen in Verbindung mit dazu passenden Abläufen, Handlungen oder Begebenheiten zu verbinden.
"Homer beschreibt zum Beispiel, wie
die Verehrer der Helena um die Hand der Angebetenen losen. Tyndareos,
Helenas Vater, läßt die Bewerber dabei über den Körperteilen eines
zerlegten Pferdes schwören, daß sie Helena und ihren künftigen Gemahl
vor allem Übel bewahren werden, egal, wen das Los erwählt.
Anschliessend werden die Eide durch Verbrennen der Pferdeteile
"gebunden", wie es in der Magie heißt." (M. Nichols S.82)
Diese
Zeremonie hat viel Ähnlichkeit mit noch heute gebräuchlichen Zeremonien
auf Standesämtern, nur ersetzten wir das Ritual mit den Pferden durch
das Standesamtsgebäude und den vorsitzenden Standesbeamten. Anwesende
können sich melden, und Widerspruch gegen die Eheschliessung einlegen.
Bei den Griechen erscheint mit dem Los ein Hinweis
auf die schicksalshafte Verbindung, die andere Bewerber
ausschliesst - was damals sicher noch wichtiger war, als heute.
Der Einbezug des Loses, das Homer erwähnt, ist auch ein deutlicher
Hinweis auf den
Grad des Bewusstseins, den die Griechen in Bezug zum Umgang mit
Schicksal hatten.
Das Los steht für das Schicksal, keineswegs für einen Zufall, denn das Schicksal beinhaltet einen (göttlichen) Plan, eine Fügung, aber der Zufall ist im Prinzip die belanglose Aussage: "Es ist halt so...".
Karl Kerényi betont den festlichen Charakter, welcher sich
allgegenwärtig im griechischen Leben findet, als einen
Ausdruck
des festlichen Zusammenseins. Es geht aber um die Bewusstheit und
Geborgenheit, die
sich in dem Zusammensein unter den Wirkmächten der Götter ausdrückt,
und das Fest knüpft daran an, schafft nicht nur diese Atmosphäre,
sondern dient als Ausdruck eines göttlichen Augenblicks.
Opfergaben können demnach auch so
gesehen werden, dass durch das Opfer in der kultischen Handlung
Bewusstheit über dieses allumfassende
Zusammensein geschaffen wird, indem vom
bewussten Aspekt her der Mensch einen Bezug zum Göttlichen mit der
Opferhandlung aufgebaut hat.
Neben
diesen offensichtlich
äusseren Bezügen, wird
natürlich irgendwo auch noch etwas Numinoses, Magisches, also mit
Rationalität oder
den fünf Sinnen nicht Erfassbares zugrundeliegen. Nur durch
Aufmerksamkeit wird auch unsere Wirklichkeit erschaffen. Die
Aufmerksamkeit der Menschen von vor 2000 Jahren dürfte
keineswegs weniger stark ausgeprägt gewesen sein als wie heute.
Doch die Aufmerksamkeit konnte sich ungetrübt durch Zweifel
gewissen numinosen Erfahrungen hingeben.
Die Integration der Götter in die alltägliche Erfahrung war eine spirituelle Hinwendung und Führung des Lebens.
Schaut man sich die Ursprünge der griechischen Mythen in der
vorarchaischen Zeit an (das ist konkret das mykenische und minoische
Zeitalter), entdeckt
man in diesem Keim der Antike schon die späteren Kulte.
In diesem
Zeitalter zwischen 3000 und 1200 v. Chr. wird viel klarer, wie eng
verwoben der Mythos mit dem Leben war.
Man
gesellte sich
zusammen, um den Kult auszuführen, oder ein Opfer darzubieten, mit
anschliessendem Mahl des geopferten Tieres.
Diese
Zeit zwischen 3000 bis 1000 v. Chr. kann als die wahre Antike
bezeichnet werden; denn das ganzheitliche Bewusstsein wird zu dieser
Zeit wahrscheinlich (und paradoxerweise) ausgeprägter gelebt worden
sein, als zu der Zeit der Tempel anno 800 v.Chr. - offensichtlich
tauchen in den späteren Mythen viele
geschichtliche Ereignisse dieser vorarchaischen Zeit wieder auf.
Sie bezogen das
Material der Handlungen wahrscheinlich aus dieser Zeit. Es gibt den
König Minos des Minotaurus aus dieser Zeit anno 1600 v. Chr. historisch
gesehen
wirklich.
Die archäologische Einteilung "minoisches Zeitalter" auf Kreta
ist nach dem mächtigen König auf Kreta benannt.
Die
Ägäer bilden die ursprüngliche Bevölkerung, jene Grundbevölkerung, die
noch vor den indogermanischen Einwanderern einheimisch war. Jene
Einwanderer, die massgeblich die mykenische Kultur hervorbrachten. Die
minoische Kultur ist älter und wurde schliesslich auf dem Festland von
der jüngeren mykenischen Kultur verdrängt. Während
die minoische Kultur parallel
mit der mykenischen noch auf Kreta autark blieb, und sich dort weiter
entwickelte .
Homer berichtet, dass in Kreta die mykenischen
Griechen des Festlandes und die minoischen Kreter friedlich
nebeneinander
lebten. Auf diese Weise erklärt sich auch die allmähliche Verschränkung
der beiden Kulturen. Obwohl es auch Kriege bzw. Eroberungen zwischen
den beiden Kulturen gab, meist ausgehend von den Mykenern mit Ziel
Kreta.
Mit Achäer sind festländische Griechen gemeint.
Homer
bezeichnet König Minos als Achäer. Aber Minos herrschte auf
Kreta.
Diese Diskrepanz könnte auf vielerlei hindeuten. Zum einen: Nach
Herodot bekämpfte Minos die Piraterie im ägäischen Mittelmeer und
übte durch seinen Einflussbereich eine Seemacht aus. Da dieser
König also das Barbarische bekämpfte, könnte die Überlieferung, auf die
Homer sich bezog (oder Homer selbst) diesen König Minos als Achäer
aufgefasst haben, was vielleicht den Schluss zulässt, dass der Begriff
Achäer in Wirklichkeit eine gesittete Gesinnungsart bedeutet.
Die
Einflüsse der festländischen Griechen auf Kreta, zB die Besiedlung
Kretas durch die Festländer, fand übrigens erst nach der Herrschaft von
Minos statt.
Zum anderen kann natürlich auch die gewisse
Willkür hier eine Rolle spielen, mit der ein Mythos aus realen
Geschehnissen gebildet wird.
Im
Mythos wird der König Minos übrigens durchaus als Mensch gezeichnet,
der seine Schwächen hat, und welcher Poseidon hintergeht, weshalb das
Ungeheuer Minotaurus geschaffen wurde, dem zweimal jährlich Menschen
geopfert werden müssen. Minos hält den Minotaurus in einem
unterirdischen Labyrinth vor den Augen der anderen gefangen. Töten darf
er ihn nicht, dass ahnt er, dann würde die Rache Poseidons noch
grausamer werden.
Ein Mythos verschränkt die Geschichte stets auf
solche Art, diverse Ereignisplätze, Völker und Namen werden willkürlich
verwendet oder vertauscht.
Minotaurus könnte auf die traditionellen Stierspringer von
Kreta
hindeuten: ein gefährlicher
Sport auf Kreta, bei dem Wagemutige über den anrennenden Stier
versuchten zu springen, und zwar über die Hörner hinweg, was oft auch
Todesfolgen haben musste.
Vielleicht beteiligten sich auch Mykenen (=festländische Griechen),
und so wurde die Verbindung zwischen König Minos und
den Achäern (=Mykenen) im
Mythos geschaffen.
Es gibt natürlich noch weitere Bezüge zwischen Mythos und Realität an anderen Stellen. Nun muss man zweierlei bedenken: zunächst kann auch gemeint sein, dass Minos, da er ein König einer machtvollen kretischen Seemacht war, das achäische Festland unter Herrschaft nahm (und daher Minos als Achäer bezeichnet wird), und dass die Übereinstimmung des Namens Minos einfach nur ein Zufall ist. Man sieht also, es gibt da viele Möglichkeiten und man sollte sich hier nicht festlegen auf eine bestimmte Deutungsart.
Der minoische Kult auf Kreta ist dunkel, irden, und es fehlt
ihm
wahrlich der helle Olymp.
Die Götter müssen noch vermenschlicht werden.
Es könnten tatsächlich die minoische Kultur mit den Titanen gemeint
sein (was auch oft schon in
der Forschung und heutigen Mythologie
erwähnt wurde).
Aber
man sollte wiederum die Universalität des Mythos und auch der Symbole
bedenken: die Titanen könnten insgesamt für vieles eine Entsprechung
sein.
Entsprechende Links zu Seiten der Online-Enzyklopädie "Wikipedia" habe
ich in meinem Artikel Der
Beginn der Antike aufgelistet (dort ganz unten).
Die Mythen entsprechen in meinen Augen mindestens mehr als nur
einer
Funktion. Es gibt viele Entsprechungen des Mythos, und das
spricht für seine Universalität.
Es gibt in Griechenland winterliche
Sturzbäche, die große Zerstörungskraft entfalten können (siehe D. Koch;
Pholus - S.98). Es werden
Bäume und Felsbrocken entwurzelt und "umhergeschleudert".
Mit
solchen
Felsbrocken und Bäumen schmeissen die wilden Kentauren der Gebirge am
liebsten (im Mythos). Überlegt man sich, in welchen Eindruck sich eine
solche Wahrnehmung von umgeworfenen Baumstämmen fügt, wenn man im
Gebirge die unzähligen
entwurzelten Stämme oder Felsbrocken in Bächen sieht, und sich an die
Taten der Kentauren erinnert fühlt, ergibt das alles einen unmittelbar
zu fassenden Sinn: Die nüchternen Naturgewalten werden einfach
mit
kentaurischen Umtrieben
gleich gesetzt. Es wird durch den Mythos der Verlust
der Mitte abgewendet, also der "Verlust" in eine haltlose
Wahrnehmung, in der der Mensch verlassen ist von einer zentrierenden
Einrahmung (=sinnhaftes Erleben).
Auch bei Herakles, Peleus, Theseus - da gibt es Elemente, die in der Geschichte auftauchen. Vielleicht lebten die Könige und Helden wirklich, und es wurden diese Gestalten dann überzeichnet. Vielleicht wurde der eine oder andere Held aus realen und bedeutenden historischen Persönlichkeiten gezeichnet.
Es kann auch sein, dass ein erzählter Mythos ein
geschichtliches
Projekt begleitete, etwa die Beseitigung des Sumpfes von Mykene in
einer gross angelegten Arbeit mit Beteiligung vieler Menschen,
was in
Bezug zur 5. Tat des Herakles steht.
Die Kraft des Symbols sollte das
gemeinsame Projekt dann voran treiben. Es gab ferner viele
Ingenieurleistungen der
antiken Griechen, vor allem in Bezug zu Wasserkanälen - einige
moderne Autoren stellen einen (symbolischen) Bezug zwischen den Taten
Herakles und diesen Ingenieurleistungen her.
Ähnlich wie in der Astrologie jede Tat und jedes Ereignis unter einem bestimmten Stern steht, kann es sein, dass für den Schauenden diverse geschichtliche Ereignisse sprichwörtlich unter einem bestimmten Symbol (=Wirkmacht, Gott) standen. Die Überschau dieser Ereignisse gab für den Mythenerzähler, der schauen konnte, den Stoff her, und schliesslich verwebte sich alles nahtlos in das mysthische Ganze.
Wie dem auch sei, darf man nicht vergessen, dass der
springende Punkt
der Mythos selbst ist, und nicht seine mögliche Herleitung.
Weitgehend halte ich es für überzeugend, dass ein
Großteil der Mythen ohne persönliche Willkür oder Selektion zustande
kam, und zwar aus rein visionärer Schau, wie ich diese Vermutung anhand
des Orakels zu Delphi (siehe
obige
Ausführungen zu Wissen und Göttliche Macht)
schon anstellte.
Solcherlei "Schöpfen des Wissens" aus höherer
Instanz bildete zumindest und mit Sicherheit einige gewichtige
Eckpunkte der
Mythen. Und zwar in dem Sinne, wie die Menschen, Dichter, Sänger
und andere Erzähler aus eigenen Bemühungen heraus, solche höheren
Instanzen anriefen und
Eingebungen, Weisungen, oder Anschauungen erhielten.
Der Traum war auch bei den antiken Griechen eine wichtige Quelle, aus der man erzählte oder dessen Deutung man suchte.
Ein weiterer Punkt ist der Streit der Welten. In vielen Mythen
wird
erzählt, dass sich göttliche Gestalten, oder manchmal personifizierte
Tiergestalten (die die Rolle oder Rang von Göttern
einnehmen), sogar Sonne und Mond, am Anfang der Welt stritten
und
daraus die
gegenwärtig erfahrbare Wirklichkeit des Menschen geschaffen wurde.
Zwist und Streit sind daher vielleicht in dem griechischen
Mythos
so oft anzutreffen, da das ganze Leben, also die Schöpfung aus einem
Widerstreit
von Kräften besteht.
In einigen Mythen war am Anfang der Urgott, das Absolute usw.,
dieser wollte etwas
erschaffen - da war vorher noch die totale, aber
gleichgültige
Harmonie, ohne jede weitere Erfahrungsmöglichkeit. Es konnte in dieser
Weise nichts erfahren werden. Schafft man
zwei gegenteilige Pole, wie Tag und Nacht, wird der Prozess der
Erfahrung und
die Ausgestaltung von möglichen Erfahrungsbeständen potenziert.
Vor allem, wenn es
neben dem Streit und Krieg der Kräfte noch den wohl massgeblichsten
Impuls der Liebe und
Harmonie gibt. Etwas geht am Anfang aller Dinge auseinander, um sich im
weiteren Verlauf in der Liebe zu bewähren und auf dem Weg dorthin
Erfahrungen gesammelt zu haben, reifer und gehaltvoller zu werden .
Dass im Mythos ein Gott irgendetwas für oder gegen einen Protagonisten tut, trifft schliesslich auf den Umstand, dass dieser Gott einen anderen Gott als Gegenspieler hat, was in einem Zwist mündet. Der eine Gott tut also etwas gegensätzliches für den Protagonisten und seinen ihm zugeordneten Gott (als Mentor), der als Gegner des einen Gottes aufgefasst wird.
Sicherlich war diese Zeit eine rauhe Zeit. Gier und Macht dünkte denen, die dazu die Mittel hatten. Vielleicht sind das die Oberflächen des Zeitalters, und jene, die sich arg verhielten, mögen auf ihre Art das Wirken der Götter verstanden haben nach dem Motto: Ich erobere mir ein Königreich und baue dafür Athene oder Apollo einen Tempel.
Im Mythos ist der Held so angelegt, dass er oft
nicht
anders
kann. Er muss.
Er hat ein inneres Streben, das ihm über alles geht und
das sogar
von den Göttern gewürdigt scheint. In manchen Mythen allerdings muss er
erst auf dieses innere Streben gerichtet werden, durch besondere
Fürsprache, Schicksalsschläge oder den geweckten Glauben an den Nutzen
des Unternehmens.
Helden im Mythen
auf ihrer Reise liefern uns nicht einfach nur Symbole, sondern sie
veranschaulichen den
oft schmerzhaften oder herausfordernden Weg, den wir selbst gehen
müssen um
auf unserem persönlichen Weg durchs Leben zu wachsen. Ooder um eine
Fähigkeit entweder zu integrieren
oder zu bereinigen, und um schliesslich Bewusstsein zu
entfalten und den
inneren Schatz zu heben.
Der mythische Held führt Schlachten gegen
äussere
Feinde und Gegner, wir können diese Schlachten auf eine Ebene in uns
selbst
übersetzen, auf eine innere Ebene, auf gewissermaßen innere Feinde oder
solche, die archetypisch in uns angelegt sind.
Wir brechen aus dem gewohnten Alltag auf, erkennen eine innere
oder
äußere Weisung oder Fügung, die uns mahnen, uns auf einen Weg zu
machen.
Wir finden Gefallen und Unternehmensgeist, dieser wird sich noch
bewähren müssen. Wir finden das Feuer der Begeisterung und
auch dieses findet seine
Herausforderung in auftauchenden Widrigkeiten - oder wir weigern uns
zunächst und erkennen keinen
Sinn
in dem Verlassen des Vertrauten, des heldenlosen Daseins.
In irgendeiner Weise wird uns im
Mythos dann vorgeführt - entweder durch einen Verlust dieser
Sicherheiten oder durch andere langsam sich ausbreitende
Überzeugungen-,
dass wir schlicht gehen müssen.
Die
Herausforderungen und harten Prüfungen werden begleitet von
Unterstützung
und weiser Führung, und ergeben eine gewisse Balance, bei der aber
die
Waagschale stets ein Stück auf die Seite der eigenen nötigen
Kraftaufbietung
sich zuneigt, d.h. wir werden immer selbst gefordert sein, denn
sonst
wären wir kein Held.
Irgendwann kommt eine Schwelle, ab der es kein
Zurück mehr gibt.
Während des Weges finden wir verschiedene
Hilfestellungen (Mentoren), innere oder äussere Gestalten (Archetypen).
Es tauchen ebenso viele Probleme und Krisen zu verschiedenen Etappen
des Weges auf. Und irgendwann wird der
Schatz gehoben oder das Ungeheuer besiegt und es ist oft noch ein
Rückweg
anzutreten. Dies gleicht der Rückkehr in das Vertraute, angereichert
durch Erfahrung und Weisheit.
Die Gesellschaft und Kultur entwickelt sich nur durch individuelle Leistungen, durch heroische Taten eines jeden einzelnen. Wobei Ergebnisse, Wissen oder erlangte Fähigkeiten des Heros, von ihm, wenn er von seiner Heldenreise zurückkehrt, auch der Gesellschaft und Kultur zugeführt werden kann.
Die Kultur und Gesellschaft ist vom Held beschenkt, einfordern darf sie nichts. Der Held gewinnt, nicht die Gesellschaft oder die Kultur, sie ist nur Nutznießer des Weiteren, oder der vollbrachten Ergebnisse des Helden. Diese Ergebnisse bedeuten dem Helden meist etwas ganz anderes als wie der Gesellschaft.
Der Held erweist sich gewissermassen als
übermenschlich, da er sich über
seine
Natur des routinierten Gleichmaßes, der natürlichen Hürden der
Veränderung
hinwegsetzt.
Wir finden in uns die vielen Schwächen,
von denen man sagt, sie seien eben menschliche
Schwächen.
Der
Held gewinnt Ansehen, insofern er die Prüfungen besteht.
Der
gewöhnliche Mensch beschäftigt sich mit zahlreichen Dingen, die sein
Ansehen nicht wirklich steigern. Der moderne Mensch ist oft zur
falschen Zeit am
falschen Platz, steckt in einer Gefühlsproblematik oder schätzt die
Dinge falsch ein, als wäre er in einem falschen Film (seines
Schicksals).
Er hat sein Schicksal nicht begriffen und weiss nicht um
seine Bestimmung, und hat gewissermaßen eine falsche Wahl getroffen.
Der Held nimmt jede Probe wie sie kommt und ist
deswegen ein Held, weil er den Herausforderungen adäquat begegnet, und
dabei sich selbst weniger achtet als die Schritte, die nötig sind, um
zum Erfolg zu kommen - gleich welchen inneren Preis er dafür zahlen
muss, so
dass am Ende ein Schatz auf ihn wartet, die Belohnung.
Diese Belohnung und Schatz muss man freilich als alchemistisches Gold auffassen, es ist eine innere Qualität, die man - übertragen auf unser (Er-)Leben - gewinnt. Es ist zudem die Stärkung des Unbewussten, das durch Erfahrung gereift ist. Es ist die wahre Fülle des menschlichen Lebens.
Es ist klar, dass uns selbst diese weltliche Unsterblichkeit
(im
Sinne
eines
Ruhms), die antike Helden
anstreben, spirituell gesehen nichts nutzen wird. Es ist eher ein
Beigeschmack des Strebens, und sah zu einer damaligen Zeit vielleicht
anders aus. Es war die Möglichkeit der Geschichte, da diese immer
wieder neu zu Mythen verwoben wird - daher kann die eigene Leistung
vielleicht als Ansporn gedient haben, indem man ehrwürdiges Schaffen
als unvergänglich projizierte.
Indem wir eine
übermenschliche Anstrengung an den Tag legen, unsere Schwächen zu
überwinden, werden wir den Göttern
zudem ähnlich.
Wir können weiterhin diese Unsterblichkeit transzendieren auf die Ebene des Selbst: Wir sorgen für Taten, die unser ganzen Leben verändern, und dessen Erfahrungen für unseren (seelischen) Wesenskern tatsächlich untserblich werden können.
Der Weg des Helden ist gefährlich und ohne Hilfe nicht zu schaffen. Was die Helden an Götterstimmen, Einflüsterungen als Hilfe, oder auch Schatten der Verführung und Verlockung hören, scheint nichts anderes zu sein als die wohlwollende Fügung innerer Stimmen, die sich dann einstellen, sobald man auf dem richtigen Weg ist; - der Schatten ist jenes Argument, das es zu überwinden gilt oder eine Falschheit, die es zu meistern oder zu meiden gilt. Solche inneren Stimmen, die falsch sind, und uns zum Verhängnis verführen, gilt es von den "richtigen Stimmen" in uns zu unterscheiden.
Wäre die Wahl risikolos, so gäbe es kaum einen Mythos. Das
Leben ist regelmässig eine Krise der Entscheidung.
Der Held und die
Heldin bewähren sich angesichts der Herausforderung, und zwar bewähren
sie sich vor sich selbst.
Die Entscheidung, die zu treffen ist,
ist ein durchgängiges Motiv: alles muss genau abgewogen oder eine
Hemmschwelle überwunden werden.
Liz
Greene weist darauf hin, dass mythische Bilder und mythische
Erzählungen eine dynamische Entwicklungsgeschichte darstellen. Sie sind
eine Landkarte grundlegender Verhaltens- und Erfahrungsmuster.
Was in
den Mythen gezeigt wird, offenbart einen Spiegel zu unserer inneren
Bedingtheit der Erfahrung. Und es offenbart sich oft eine Dynamik
zwischen
mehreren Personen, ob diese Dynamik sich im realen Aussen lokalisieren
lässt,
oder Teil der inneren Dimension des Erlebens sind.
Die
Ungeheuer, mit denen man konfrontiert wird, oder die persönlichen
Leidensgeschichten, werden von den Göttern oft
als "Strafe" in Szene gesetzt, weil ein König oder sonstwer den Göttern
ihren Teil - zum Beispiel Ehrerbietung in Form eines Opfers -
vorenthalten hat.
Das lässt sich einfach übersetzen. Lässt man sich auf
Dinge ein, oder vernachlässigt gewisse Dinge, muss man mit Konsequenzen
rechnen. Manchmal sind die
Ungeheuer in uns und weisen auf unangenehme Seinstrukturen hin, die
sich irgendwie gebildet haben. Ja oft, weil wir uns entsprechend
verhalten haben.
Diese Strukturen der Persönlichkeit können auch als
Schatten auftreten, und sind uns nicht bewusst. Wir projizieren dann
die Eigenschaften unseres Schatten (=unverarbeitete, rohe oder
unausgearbeite Teilstrukturen unserer
Persönlichkeit) und nehmen nicht zur Kenntnis, dass diese Eigenschaften
zu uns gehören.
Wir meiden normalerweise die Begegnung mit unserem
Schatten, eben aus diesem Grunde, weil uns die Eigenschaften fremd
erscheinen. Die Fremdheit resultiert aber aus einem Abwehrmechanismus.
Komplizierte Mechanismsen unserer Persönlichkeit sorgen dafür, dass wir diesen Schatten nicht abarbeiten bzw. loslösen. Mit Loslösung ist keineswegs eine Verdrängung gemeint - das tun wir ja gewöhnlich, weil wir dem Schatten aus dem Weg gehen wollen. Nein, die Lösung besteht in einer Konfrontation, um die Eigenschaften als zu uns gehörend zu erkennen, und dann können wir entscheiden und auf den Weg bringen, den wirklichen Kern und Ursache dieses Schattens "in die Wüste" zu schicken. Wir werden erkennen, dass wir etwas bestimmtes loslassen müssen, das sich mit dem ganzen Schatten verstrickt hat und so erst den Schatten als Schatten leben liess. So verliert sich die Verstrickung mit dem Schatten durch Einsicht und Erkenntnisarbeit.
Der
Begriff "Integration des Schattens" ist oft irreführend und oft nur ein
erster Schritt. Tatsächlich muss es nicht in jedem Fall darum gehen,
diesen Schatten zu integrieren, bzw. es kommt drauf an, was man unter
Schatten versteht. In Wahrheit geht es oft darum, die Eigenschaften und
den
Ausdruck dieser Eigenschaften, die mit dem verdrängten Teil unserer
Selbst zusammen hängen, zu verfeinern. Sie gehören zu uns, und können
eigentlich gar nicht abgelegt werden, aber oft gibt es etwas, zum
Beispiel eine Einbildung oder Angst, die man ablegen muss, bevor die
Verfeinerung der Eigenschaften wirklich gelingen kann.
Die Integration
des Schattens soll eigentlich bedeuten, dass man diese verdrängten oder
unbewussten Strukturen seiner Persönlichkeit sich bewusst zu machen
lernt und ihnen nicht mehr aus dem Weg geht oder sie auf andere
projiziert.
Der
Schriftsteller Bruce Chatwin hat sich
einigermassen mit den kulturellen Mythen und den menschlichen
Instinkten befasst, die das Leben aus dem Hintergrund heraus gestalten,
und in einer Art
Tagebuch hält er fässt: "Katharsis:
griechisch für 'Sühnung', 'Reinigung'.
Eine umstrittene
Etymologie
leitet es sogar vom griechischen katheiro ab, 'das Land von Ungeheuern
befreien'."
Die Götter können nur etwas erteilen, niemals nehmen sie etwas zurück. Daraus ergibt sich ihr ganzes Wirken, d.h. die komplexen Konsequenzen und Verstrickungen. Da nichts zurückgenommen werden kann, existiert eine Tat und Entscheidung also fortdauernd. Zukünftige Taten müssen stets so gesehen werden, dass diese auf das einmal in Anfang gesetzte weiterhin Einfluss ausüben. Das bereits Existierende und in Szene gesetzte wird von den zukünftigen Taten weiterhin noch beeinflusst werden. Wir können in der Realität in der Regel und sehr offensichtlich nichts mehr rückgängig machen, was wir geschaffen haben. Es kann nur weiter ausgeformt oder zur Richtung gebracht werden.
Dieses
Leben wird stets fortentwickelt, wenig kann zurückgenommen, und
zB aus einem Vertrag nicht mehr ausgestiegen werden (oder nur unter
Konzessionen).
Wenn wir eine Entscheidung getroffen
haben, dann haben wir nachher oft die Qual einer Frage, was
wäre gewesen, wenn...;
aber nach der Tat, gibt es kein Zurück. Nichts kann zurückgenommen
werden.
Für die Götter gibt es kein Wenn und Aber. Die Götter tun...
Man muss prinizipiell in Betracht ziehen, dass der Mythos ein
Versuch
einer andersartigen Beschreibung
kausaler Verhältnisse bedeutet.
Die
Babyloner schreiben das Einsetzen des Regens nach einer Dürreperiode
dem Flug des Imgugud
zu; - wir selbst sagen einfach, "naja, es ist halt
ein glücklicher Wetterumschwung."
Aber in einer Art der Beschreibung, wie im Beispiel
von den Babyloniern, wird unser
Verhältnis zur Natur tatsächlich lebendiger. Es kommt auf die
Lebendigkeit und den Bezug zur Natur
als "Du" an.
Eine wahre und vielleicht sogar einzig wesentliche Essenz
eines Mythos ist die
Herbeiführung eines besonderen Bindegliedes zur (kosmisch erfahrbaren
und
allumfassenden) Wirklichkeit,
wie sie nur für den individuellen Menschen erfahrbar sein kann.
Der
Mythos
existiert nicht in erster Linie für soziale
Konventionen, nicht für die Vernunft, nicht für das abstrakte Denken
oder für die Begrifflichkeit, Kategorisierung oder Namensgebung,
sondern einzig für die
Verbindung des Menschen
zur kosmischen Sphäre der Wirklichkeit.
All die sozialen Normen oder
Werte, Konventionen, Maßstäbe, Vernuftsgründe, und Begrifflichkeiten
resultieren in einem Volk, das seine Anschauungen aus Mythen bezieht,
erst aus dem Mythos heraus. Diese Verbindung aufrecht zu erhalten - was
nur
authentisch
sein kann, indem es selbst
erfahren wird - bedeutet: mythisch zu denken.
Die antiken Götter leben auf dem Olymp. Es gibt antike Säulen, die ebenso zum Himmel wachsen, der Altar ist eine Brücke oder Eingang zu jenem Numinosen, es gibt so viele Dinge, kultisch verehrt, die in den Himmel zeigen und eine Brücke oder Achse der Verbindung darstellen, die Weltenbäume der Germanen, Baum, Berg, Brücke, Treppe, Leiter, Pfeiler, Säule, Achsen, Verbindungen eben, die vom Irdischen zum Himmlischen reichen. Das Prinzip der Verbindung ist wesentlich ausgedrückt in den Mythen und im realen Leben der Naturvölker, dass der obige Bereich (Himmel, Kosmos) alles mit unten (dem Leben) verbindet; - es ist das Paradies nicht nur als begeisterte Wahrnehmung verstanden, sondern auch in einer gesteigerten Wahrnehmung (in Bezug zum kosmischen Oben).
Wie Eliade schreibt: "Der Schamane bemüht sich die Verkehrsmöglichkeit zwischen den Welten wiederherzustellen, welche zwischen dieser Welt und dem Himmel bestand. Denn was heute die Schamanen in Ekstase vollbringen, das war einst, am Morgen der Zeiten, allen Menschen in concreto möglich; - sie stiegen zum Himmel auf und wieder herab, ohne dazu der Trance zu bedürfen." (M. Eliade, in "Schamanismus und archaische Ekstasetechnik"; Suhrkamp Verlag 1975)
Ekstase oder Trance kennzeichnen
tiefgehende Erfahrungsebenen, die sich
begrifflich von einem "normalen" Wahrnehmungszustand unterscheiden.
Es
kann angenommen werden, dass in einer Frühzeit der
Menschenheitsgeschichte es sehr viel leichter möglich war, eine solche
Verbindung zu höheren Wahrnehmunngsebenen einzuleiten, aber dass
vielleicht nicht alle (antiken) Griechen in
dieser Weise bewandert waren, aber dass eine Vielzahl regelmässig
während der Kulte und Mysterien davon Gebrauch machen und sich durch
regelmässige Teilhabe in dem kontinuierlichen Fluß halten
konnten.
Dass der Mensch zu besonderen Leistungen imstande ist, zeigen uns viele Berichte aus allen Ethnologien und spirituellen Auffassungen der Völker. So die indischen Gurus und Fakire oder andere Erzählungen, sogar aus dem Indianismus, dass Menschen sich in Tiere verwandeln können oder, was noch annehmbar scheint: Astralreisen unternehmen. Vielleicht bezieht sich das sagenumwobene goldene Zeitalter auf eine solche Überwirklichkeit, die nicht in der materiellen Wirklichkeit zu suchen ist, aber dennoch erlebbare Wirklichkeit bedeutet, und zwar auf der Ebene von Astralreisen, was aber vermutlich unterschieden werden muss von dem Olymp der unberührbaren Götter - aber wer weiss. Schaut man sich das goldene Zeitalter in seiner Überlieferung an, enthält es einige Ähnlichkeiten mit dem Olymp und diverse Helden hielten sich in der Nähe der Götter auf.
In
der Folge mythologischer Geschichten, existiert der Olymp nicht als
gegenwärtiger Ort, höchstens als allgegenwärtig, und
analog dem Urknall als ein Ort, an dem begonnen hat, was nun noch
entfernt weiter wirkt.
Alle
weiteren Erscheinungen, die man entfernt wahrnimmt, tragen das Stigma
dieses
(unsichtbaren, nicht fassbaren, also symbolischen) Ortes des Olymps.
Archetypen sind nichts anderes als Ausprägungen der Schöpfungsordnung, und zwar erlebbare Inhalte aus dem Standpunkt der menschlichen Wahrnehmung. Wir sind sind ja schon Teil der Schöpfungsordnung.
Da die
Archetypen auf den Menschen bezogen sind, ist klar, dass menschliche
Handlungen und innere Vorgänge den Kernbestand solcher Archetypen
ausmachen.
Wir leben andauernd Helden und Heroen - wir haben in uns (genauer im Unbewussten) Archetypen, die zu uns gehören wie das Fleisch und Blut.
Wir
erleben diese Faszination zum Beispiel im Märchen, im Film, im
Roman und schliesslich in
allen weiteren Symbolsystemen..., - es fasziniert uns.
Moderne Filme sind die Mythen unserer Zeit.
Folgende
archetypischen Handlungsmuster tauchen immer wieder auf
- jeder
Mensch vermag sich in seinem Leben phasenweise in einem solchen
Handlungsstrang wiederfinden (auch Lebensthema, Lebensaufgabe).
Man
kann aber auch schon die Suche nach dem Selbst
und der
Entfaltung von
Bewusstheit mit diesen Handlungsmustern in analogen Übereinklang
bringen:
- Die Suche
- Das Abenteuer
- Die Verfolgung, Jagd
- Die Rettung
- Die Flucht
- Die Rache
- Das Rätsel
- Die Rivalität
- Der Underdog (David gegen Goliath)
- Die Versuchung
- Die Metamorphose (über einzelne zuammengehörende Phasen)
- Die Verwandlung
- Die Reifung
- Die Liebe
- Die verbotene Liebe
- Das Opfer, das Loslassen
- Die Entdeckung
- Aufstieg und Fall
Aus: Ronald B. Tobias, "20 Masterplots - Woraus Geschichten gemacht sind" (1999 Zweitausendeins Verlag).
Die Heroen und auch die Unsterblichen des
Mythos sind Figuren
auf
einer Reise, die verschiedene Etappen durchmachen, infolge derer sich
für die Helden vieles gründlich ändern kann.
Wir selbst befinden uns auf einer
Reise, alles befindet
sich auf einer Reise. Und alles verändert sich.
Der griechische
Philosoph Heraklit kann da sehr
inspirierend sein mit seiner Aussage: Es gibt keinen einzigen Moment,
der jemals
wiederkehrt. "Alles ist im Fluß."
Und doch scheint unsere Wahrnehmung und
unser So-Sein, nichts
anderes als eine ewige Wiederkehr zu sein. Wir lassen nicht ab von den
Routinen, und wir halten fest, was uns nicht bestimmt ist, festgehalten
zu werden.
So wiederholt sich unser Dasein tagtäglich in absurder Mühe des Festhaltens, was uns allerdings durch vielerlei und zum Teil natürlicher Umstände auch leicht gemacht wird.
Diese Mythen enthalten so auch Warnungen an den Geist, sich nicht an Dinge zu verhaften.
Es
geht ums Schicksal, grandios und abgründig. Hier sind wir, die wir eine
Vergangenheit haben, und wir trafen irgendwann Entscheidungen,
die unsere Gegenwart und Zukunft noch bestimmen können.
Zum
Teil
werden wir feststellen, dass, wenn es nicht so gelaufen wäre, es auch
hätte ähnlich laufen können, wenn nicht schon ganz anders.
Manches ist uns also bestimmt, aber dann gibt es Schicksale, die auf Entscheidungen basieren, an denen wir noch heute festhalten. Entscheidungen, die wir täglich erneuern, aufrechterhalten, und befinden uns auf einem Kurs, der uns scheinbar Bequemlichkeiten oder reiche Ernte verspricht, uns aber in Wirklichkeit in eine Sackgasse führt. Und wenn wir eine bestimmte höhere Perspektive einnehmen, erscheint es uns oft so, als ob gewisse Lebensrichtungen für uns geeignet sind, weil vom Schicksal unterstützt werden, wenn auch manches unsere Anpassung fordert, und anderes einen Konflikt mit den Mächten des Schicksals verursacht.
Sisyphos
trägt einen Felsen, den er auf einen Berg schaffen muss. Ist er am Berg
oben angekommen, rollt
der Fels wieder hinab und er muss erneut seine anstrengende Arbeit
beginnen. Erneut wird es vergeblich sein.
Sisyphos galt vor seinem frevelhaften Verbrechen als
schlau, ja sogar
den Göttern ähnlich in ihrer Weisheit.
Als Autolykus ihm listig Vieh stiehlt, markiert Sisyphos den Tieren die Hufe und überführt so den Meisterdieb.
Aus anderen
Versionen
des Mythos geht
hervor, dass
Sisyphos den Menschen sträflich Wissen über Göttliches verraten habe.
Durch sein Talent der Weissagung habe er den Menschen sträflich, in
einer dem Sisyphos nicht zukommenden Weise, die Zukunft vorrausgesagt.
Bei so viel vorwitziger List legte er sich auch mit den Göttern an. Der
Tod sei zu ihm getreten, aber Sisyphos fesselte ihn. Nun starb aber
niemand
mehr und Hades beauftragte Ares den Tod zu entfesseln.
Als Sisyphos
schliesslich sterben muss, beauftragte er seine Frau Merope, die
üblichen Totenopfer zu unterlassen, dadurch kann er sich bei Hades und
Persephone Urlaub erwirken, kommt aber nicht zurück. Aber Hermes wird
ihn wieder in den Hades
führen, wo seine Strafe auf ihn wartet.
Tantalus ist ewig durstig, und wann immer er sich niedersenkt um aus dem Wasser zu trinken, in dem er ständig bis zur Brust steht, senkt sich der Wasserspiegel unerreichbar für seine Lippen.
Sein Vergehen, das
zu
dieser Bestrafung
führte, wird unterschiedlich
berichtet. Am bekanntesten ist die Version, dass er seinen eigenen Sohn
Pelops den Göttern als Speise vorsetzte, um zu prüfen, ob diese den
Sohn von einem Tier unterscheiden würden.
Einzig Demeter, die gerade verwirrt
war durch ihren Verlust der Persephone, aß einen Teil der Schulter. Die
übrigen Götter aber merkten den Betrug und erweckten Pelops wieder zum
Leben. Das fehlende Schulterstück wurde durch Elfenbein ersetzt.
Nach anderen Versionen stahl er Ambrosia und Nektar, um es unter Freunden zu verteilen. Oder er verbarg Diebesgut, als Pandareos einen goldenen Hund aus dem Tempel des Zeus stahl und schwur dem Hermes, daß er nichts von der Sache wüßte.
In allen Versionen kommt der Zug vor, dass Tantalos der Freundschaft der Götter gewürdigt wurde, sie aber irgendwie mißbrauchte.
Ixion
ist
an ein ewig rollendes Rad gebunden, von den Rachegöttinnen - den Furien
- gequält.
Ixions Vergehen war es, Hera entführen zu wollen. Zur Strafe der
Verletzung der Gastfreundschaft wurde er schliesslich bestraft.
Einige Zeit davor
hatte er sich eines
Vergehens schuldig gemacht, als er dem
Eioneus eine Fülle von Brautgeschenken versprach, aber das Versprechen
nicht einhielt.
Daraufhin nahm Eioneus die Pferde des Ixions als Pfand.
Ixion lud Eioneus daraufhin zu sich ein, und verprach ihm alles
Versprochene zu geben.
Als Eioneus allerdings bei Ixion eintraf, warf
Ixion den Ahnungslosen in eine Feuergrube.
Das war ein so
schweres
Vergehen, dass kein Mensch bereit war, Ixion davon zu reinigen.
Schliesslich erbarmte sich Zeus aber seiner und entsühnte ihn seiner
Taten und machte ihn sogar zu seiner und Heras Vertrauten - bis zu dem
verhängnisvollen Frevel, der darin bestand sich in Hera zu verlieben,
und sich ihr zu nähern und ihr sogar Gewalt an tun zu wollen.
Hera
berichtete dies ihrem Gemahl.
Noch aber zweifelte Zeus und
stellte dem
Ixion auf die Probe und fertigte ein Wolkenbild der Hera an. Ixion läßt
sich sogleich täuschen und beweist damit seine bösen Absichten, worauf
er an das Rad als Strafe gebunden wird.
Sisyphos, Tantalos, Ixion, sie
alle erleiden ein Schicksal der Wiederkehr.
Eine Bestrafung für ihren
Frevel, der vor allem darin zu bestehen scheint, dass sie
Wiederholungstäter sind, manchmal auf verschiedenen Ebenen. Wie bei
Sisyphos eindeutig zwangsneurotisch. Als müssten sie
sich nun mit der Strafe in der Sache in einer
Weise arrangieren,
die darin bestünde, das Unausweichliche zu akzeptieren.
Es wird ein
vergebliches Mühen geschildert. Die
Bewusstwerdung scheint durch dieses Arrangement der Strafe, eine Sache
der vorgeführten oder zwanghaften Loslösung. Denn sie können nun ihr
Dasein nur noch erdulden, indem sie sich ganz davon ablösen, nämlich
etwas
anderes zu begehren. Sie sind dem einst begehrten unendlich ausgesetzt.
Was sie in
ihrem
Leben nicht verzichten konnten, wird nun umgekehrt in einer ewigen
Aussetzung mit der einstmals begehrten Sache. Hier erscheint ein
deutliches Zeichen bezüglich der ewigen Wiederkehr des Gleichen, ja der
Ratschluß der kosmischen Allmacht, dass das unstillbare Begehren zur
Wiederkehr des Gleichen führt. Die Reinkarnation der seelischen
Wesenheit wird hier veranschaulicht, denn was wirklich als Leiden
wiederkehrt, ist ja vielfach die Verhaftung an etwas Bestimmtes (ein
Begehren, ein Verhalten etc.), was dann übersteigert wird als
Verhängnis.
Weitere Frevler sind die Danaiden, die
ihre
Ehemänner
erschlagen haben,
und nun mußten sie auf ewig ein großes Wasserfass füllen, welches
keinen Boden hatte oder ihre Krüge waren gesprungen, so daß alle ihre
Anstrengungen umsonst waren.
Eine Erklärung wäre, dass sie auf diese
Weise erfolglos versuchten mussten, ein Bad zu bereiten, das
zur
Zeremonie der Reinigung von Blutschuld gehörte (Herbert J. Rose)
Ein anderer Frevler ist Oknos. Er muss unablässig ein Strohseil flichten, das sein Esel immer wieder frißt.
Selbst Theseus und Peirithoos wurden den Verdammten zugesellt, weil sie es wagten Persephone entführen zu wollen. Sie mussten schliesslich als Strafe erdulden, auf ewig auf einem Stuhl festzusitzen. Nur Theseus wurde später befreit.
Folgende Mythen korrespondieren zum Beispiel mit entsprechenden Tierkreiszeichen. Ich fand diese Zuordnungen bei Liz Greene.
Widder- Jason und die Argonauten. Der Kampf um das goldene Vlies, bei dem viele Abenteuer zu bestehen waren und schliesslich die Zauberin Medea als Unterstützung gewann, die sich ihrerseits in Jason verliebte, zurück mit der Beute des goldenen Fließes heirateten sie schiesslich; aber es beinhaltet diese Geschichte auch der spätere Verrat an Medea: Jason vergisst seine Ritterlichkeit nach zehn Jahren Herrschaft über ein Königreich - als er eine andere schöne Frau Glauce, der Tochter des Königs von Corinth zur Gattin nimmt (wohl des Reizes weiterer Abenteuer); - da nimmt Medea mit der Ermordung ihrer und Jasons` Söhne Rache, entflieht - und es folgte die Verzweiflung Jasons und bald sein bitterer Untergang, worauf er sich das Leben nahm.
Stier - König Minos und der Minotaurus. Besitzgier des Minos, er opfert wie von den Göttern verlangt, statt dem schönsten Stier nur einen Ersatz-Stier; daraufhin ersannen die Götter (Poseidon mit der Hilfe Aphrodites) einen Racheplan: Minos Frau wird vom schönsten Stier, der einst geopfert werden sollte, verführt, sie wird schwanger und gebiert den Minotaurus. Diese "Mißgeburt" wird von Minos in einem unterirdischen Labyrinth vor den Augen der Welt verborgen, er schämt sich zu sehr davor; ihm muss aber zweimal jährlich eine Jungfrau und ein Jüngling geopfert werden. Theseus schliesslich tötet das Ungeheuer.
Zwillinge - die Dioskuren: Kastor und Pollux (im griechischen ist Pollux gleich Polydeukes). Einer der beiden ist sterblich, der andere unsterblich. Der sterbliche Bruder stirbt eines Tages im Kampf. Daraufhin bittet der überlebende (göttergleiche) Bruder Zeus ihn wieder zum Leben zu erwecken, aber Hades beansprucht eine Seele für seine Unterwelt, die ihm zusteht. So kommt der Kompromiss zustande, dass abwechselnd Kastor und Pollux/Polydeukes ihre Rollen in der Unterwelt und der Oberwelt tauschen (es gibt mehrere Versionen des Mythos, so auch, dass der eine am Tage existiert und der andere in der Nacht; immer läuft es darauf hinaus, dass beide niemals zur selben Zeit gemeinsam am selben Ort sein können). Beide sehnen sich für immer nach dem anderen.
Krebs - Liz
Greene meint, alle Mutter-Sohn
Geschichten korrespondieren mit dem Krebs Thema. Es gehe nicht allein
um die Mutter, sondern tatsächlich um Mutter und Sohn.
Ein
Krebs Mensch identifiziert sich entweder mit der Mutter oder mit dem
Sohn.
Kybele
und Attis. Ishtar und Tammuz. Aphrodite und Adonis.Viele
Mutter-Göttinnen bringen Nachwuchs aus sich selbst
(ohne Vater) hervor,
aus ihren eigenen schöpferischen Quellen. Bei der Mutter geht es
zunächst um die Mutterliebe, aber dann kommt der Punkt, an dem der Sohn
sich (ob real oder im Geiste) verabschieden muss, um wirklich ein Mann
zu werden.
Inzest in den mythologischen Geschichten verbindet Liz Greene mit einem
Inzest an der Phantasie und dem Unbewussten. Etwas wird aus sich selbst
gebärt, und bringt Leben hervor, hat aber auch seinen Preis und kann
bedrohlich sein.
Wassermann -
Prometheus.
Weiterhin ist hier auch Epimetheus enthalten und die Pandora.
Bei Prometheus ist es der edle altruistische Impuls, der
Menschheit Gutes zu bringen. Doch Zeus wollte die Macht des
Menschengeschlechtes begrenzt sehen.
Hier spricht Liz Greene von einem Schuldgefühl. Es sei der Zorn des Unbewussten, der uns plage, sobald wir begönnen bewusst zu werden und ein Stück Land des Unbewussten zu rauben. Es sei der Kampf um Bewusstsein eine Sünde, nämlich gegen die archaische Natur zu handeln. Prometheus als Titan spiegelt auch ein wenig den alten Krieg der Titanen (chtonische Mächte) gegen die Olympier wider. Der Titan Prometheus schuf den Menschen aus der Erde.
Der Wassermann-Geist erhebt sich über
diese Natur und strebt die Freiheit von diesen Verankerungen, auch von
sozialen Werten an.
Prometheus galt als
Schützling und Anwalt der Menschen (auch ein Wassermannthema: Anwalt
und Schützling).
So nahm irgendwann Zeus das Feuer den Menschen und Prometheus
gab es ihnen durch eine List zurück. Darauf nun wurde die Pandora
ins Spiel gebracht mit dem Ausströmen aller Übel der Menschheit.
Vielleicht geht es tatsächlich um eine
verlorene Unschuld. Wenn man etwas tut, wird man potentiell schuldig
(was natürlich andererseits den Mut zum Wagnis entspricht, der eine
zur Menschwerdung wichtige Eigenschaft ist). Im Grunde ist es ein
Zwiespalt zwischen Schuld (nicht nur gegenüber der Schöpfungsordnung
sondern auch gegenüber der sozialen Ordnung, der sozialen Konvention)
und Unschuld (Freiheit des Selbst).
Der Wassermann könnte sich dieser verlorenen Unschuld bewusst
sein. Am
Felsen gekettet wird Prometheus symbolisch von innen her aufgefressen
(der Adler macht es nur sichtbar). Fehlt das Bewusstsein über das
Gewissen, dann wird dieser Hochmut vielleicht zunächst durch einen
Gewissensbiss und dann meist durch irgendeine Konsequenz
des Handelns bestraft, natürlich im Angesicht der Welt und Natur.
Prometheus im Mythos taucht auf bei Aischylos, Hesiod und Platon - und wird teilweise widersprüchlich überliefert und rezeptiert.