Hypothese eines frühzeitlichen Ganzheitsbewusstseins

Mythologen, Anthropologen und Esoterikern erscheint es wahrscheinlich, dass in der Frühzeit  des Menschen eine besondere Wahrnehmungsart dem Menschen gegeben war (weit vor 10.000 v. Chr.). 

Eine Wahrnehmungsart, die der uns heute gegebenen ausgeprägten Reflexionsfähigkeit entwicklungsgeschichtlich voraus ging.

Dieses frühzeitliche Bewusstsein war archaisch entstanden aus den vitalen Urkräften des Seins - dennoch ist es keine primitive Bewusstseinsart, sondern eine archaische Ganzheit. Wesentlich zugrunde liegt diesem Bewusstsein das unmittelbare Schauen. Einem Schauen, aus dem Bedeutung dadurch zustande kommt, weil die Ereignisse oder Dinge unmittelbar die Schöpfungsordnung wiederspiegeln, ohne Vermittlung durch sprachliche Abstraktion. Die Schau nimmt die Inhalte des Wahrgenommenen in solcher Form dar, dass diese Form aus sich selbst heraus von seiner Bedeutung kündet. Es ist daher eine Art archaische Wahrnehmung der Realität - archaisch, weil Realität aus erster Hand.

Bevor man sich über ein frühzeitliches Ganzheitsbewusstsein Gedanken macht, ist es sicher eine gute Vorbereitung, zu klären, was uns heute von einem solchen Einheitsbewusstsein trennt, oder in welcher Weise wir eine Art Surrogat eines Einheitsbewusstseins erreicht haben.

Inhalt

Verlust an Ganzheit

Das heutige Wahrnehmungsmuster des Menschen ist komplex, und genau darin könnte auch einer von vielen Gründen liegen, warum wir so wenig vom unmittelbaren Schauen berührt werden und dieser Anschauungsart nichts (mehr) abgewinnen können.
Das ganzheitliche Erfassen der Wirklichkeit ist vielen unbegreiflich, wozu besonders die Wahrnehmung der symbolischen Qualität einer Wirklichkeit gehört.
Hinter der physischen Wirklichkeit steht eine energetische Wirklichkeit, und alle diese Energien besitzen eine Entsprechung mit Symbolen oder korrelieren mit einer symbolisch beschreibbaren Ordnung.

Die komplexe moderne Erfahrung der Realität erfordert eigentlich mehr Anstrengungen, und es sind mehr Einflüsse für uns zu bewältigen - die moderne Zerstreuung ist nicht zu unterschätzen (seit 800 v. Chr. zunehmend). Der ganze psychische und mentale Apparat muss dafür jene psychische Energie aufwenden, die für die ganzheitliche Wahrnehmungsart erforderlich wäre. Man könnte meinen, die Zerstreuung aller Wahrnehmung und die zeitgeschichtlich neu gewonnene Selbstidentität diene nur der Ausblendung jener Zerstreuung, die wir bereits erfahren haben - womit sich sozusagen ein "Teufelskreislauf" ergeben hat.
Der klare Kern von Wahrheiten - nach dem wir uns als Menschen seit je und eh richten - ist diffus geworden. Heutzutage  suchen wir unsere Mitte in der Gesellschaft, in der Herde des sesshaften Lebens, und den von dieser aufgestellten Rahmenbedingungen der Existenz, nicht in der Natur oder unserem Selbst. 

Wir erleben uns getrennt von der Natur (was besonders den Bereich unserer Instinkte einschließt). Die technische Zivilisation und der Egozentrismus bildet einen Gegenpol zur Kenntnis natürlicher Rythmen und der Natürlichkeit.

Ich denke, dass man aufgrund der Hybris des modernen Menschen, seinen psychosomatischen Katalog von Beschwerden, den vielen verdrängten Ängsten und Hoffnungen, davon sprechen müsste, dass der jetzige Zustand des Menschen sogar eine Mutation eines ursprünglich ganzheitlichen Bewusstseins darstellt. Darin ist viel Potential, also Möglichkeit der weiteren (geistigen) Evolution enthalten, aber es ist vom Selbst und Sein ungeregelt.

Zwar ist die Reflektion über alle mögliche Sachverhalte gegeben, doch hat diese Reflektion sich im Bunde mit dem Egozentrismus verselbstständigt und den Kontakt zu den Wurzeln des Seins weitgehend verloren. Jetzt ist die Frage, aber nicht die wichtigste, ob diese Mutation uns zu neuen Ebenen tragen kann, oder durch eine entgegengesetze Pendelbewegung aus dem Extrem auszugleichen sein kann.
Es wäre natürlich wiederum ein Extrem, wenn wir etwa statt ultimativer Rationalität, nun zur übertriebenen Irrationalität kämen und uns in Phantasien über die Hintergründe der Realität verlieren.
Unmittelbares Schauen, wenn aufrichtig vollzogen, tut nichts anderes als die Dinge so wahrzunehmen, wie sie sind, und nicht wie wir ihnen durch Gewöhnung und Prägung schon Bedeutung verleihen und ausserdem durch den damit verbundenen Fokus also zu einer ausgesprochenen Dingwelt kommen, und zu den sichtbaren Kausalitäten. Ein Denken in, wie ich selbst an anderer Stelle geschrieben habe: "einfachen Kausalitäten". In der sichtbaren Erscheinungswelt enthalten sind objektiv betrachtet viel komplexere und tiefgründigere Ursachen, als diese an bloß mechanistischen und materiellen Zusammenhängen festmachen zu wollen.

Die höheren Gefühls- und Verstandesfunktionen, wie sie durch Meditation, spirituelle Läuterung oder andere bewusstseinssteigernde Anstrengungen erfahrbar werden, sind im Menschen als Potential bereits angelegt - warum aber, so eine Frage, sind sie nicht primär ausgeprägt, das heisst: warum muss man sie erst durch schwierige mentale Anstrengungen erwecken?

Dazu könnte es die folgerichtige Antwort geben, dass die Menschen während der letzten 2000 Jahre durch ihre komplexer werdende Art zu denken und zu fühlen, in eine Art Verwirrung geraten sind, in der sie ihre psychische und strukturelle Ganzheit verloren haben. Dies könnte allein betrachtet falsch sein. Wahrscheinlich ist nämlich, dass wir uns in in einer Übergangsphase befinden, und sozusagen neue Mittel sich aus dem Potential unseres Menschseins erhoben haben - aus welchem Grund und warum zu diesem Zeitpunkt auch immer. Dieses neue Potential ist uns aber noch nicht im Umgang vertraut und so liesse sich erklären, warum wir seit 2000 Jahren so getrennt von der "Ganzheit dieses Potentials" sind. 

Psychische Muster beginnen ein eigenes Feld der Wahrnehmung zu erzeugen und verdichten sich zu einer Konstruktion, die bereits alle rudimentären Eigenschaften einer für uns gewollten, weil wichtigen Ganzheit enthalten. Wir wollen zum Beispiel in irgendeiner Weise Teil eines grösseren sein, und wenn es der Freundeskreis ist, der Arbeitsplatz oder die Familie. Dadurch ergibt sich uns eine Art Geborgenheit. Und ein Feld der Ganzheit erzeugt immer eine solche abgeschlossene Sicherheit. Aber darüberhinaus spüren wir, dass wir von einem natürlichen Prozess beeinflusst werden, uns Ganzheiten zu suchen. Selbst wenn dann einzelne Komponenten, zum Beispiel das Denken und Fühlen, inkompatibel bleiben.

Das Unbewusste hat einen Auftrag zu befolgen:

Wir werden ja schon in eine soziale Welt hinein geboen aber auch hinein gedrängt, und müssen gewisse Strukturen des Verhaltens aufbauen - nicht von der Hand zu weisen ist es, dass die Einflüße auf ein Kind selten fein oder ausgewogen sind. 

Aber wir benötigen diese (soziale, kollektive) Welt, sie ist für uns eine notwendige Vervollständigung. Es bilden sich strukturelle Komponenten aus dem Nachahmen des Verhaltens der anderen, die uns zunächst mal ein Gleichgewicht vermitteln, oder die Sehnsucht nach Gleichheit stillen. Im weiteren Verlauf sorgen die psychischen Muster, die wir in uns heranbilden, dass wir stets nach irgendetwas suchen, um nicht aus dem Gleichgewicht zu fallen.
Es ist so, dass wir keine wirklichen Mittel errungen haben, sondern nur Makulatur, um ein echtes, weil psychisch fundiertes Gleichgewicht zu erreichen. Wir sind zu abhängig von dem, was aussen stattfindet. 

Darüberhinaus ist unser Denken aus Polaritäten aufgebaut, und auch aus dem Mangel, etwas zur Synthese zu bringen. Wir erleben daher ständig Gegensätze und Widersprüche, aufgrund eines Subjektivismus.
Es gibt viel öfter Gegensätze und Unverständnis, als dass wir zu einer objektiven Sicht imstande wären. Denn paradox zu unserer fehlenden eigenen Mitte, suchen wir diese Mitte aussen, suchen wir diese Mitte dennoch durch eine Art Egozentrismus, der sich bemüht, die eigene Position zu verteidigen oder in ihrer Gültigkeit bestätigt zu finden - und am besten ist es für uns anscheinend, wenn andere sich unserer Position einfach fügen. Ob wir unsere Position irgendwann von anderen übernommen haben spielt keine Rolle, sie korrespondiert mit unseren Anlagen und wir suchten sie einst, weil sie am besten zu uns passte.
Das ist alles keine wirkliche Ganzheit, sondern nur das Symptom der fehlenden Ganzheit unseres Selbst - wir sehen die Dinge verzerrt, bedingt durch die mit der Zeit gebildeten Seinsstrukturen und aufgesetzten Haltungen. 

Man hat heute Ängste, die weitgehend auf Illusionen beruhen, man hat verdrängte Gefühle, oder offenen Hass, Zorn, Widerwille, den man doch nicht wirklich abreagieren kann sondern nur weiter nährt, falls man dies tut, und ähnliche drastische Aufwallungen, oder das genaue Gegenteil (Passivität, Hemmung, Erleidensform) - meist handelt es sich nur um weitere Anpassungen, die uns vom Augenblicklichen fern halten. Das nicht nur einmal in der Woche, sondern täglich und man verfestigt sich in der Persönlichkeit. Diese Seinsstrukturen verschliessen sich zu einem Komplex, und die Persönlichkeit wird aus diesen Reaktionen heraus gebildet, die wir aufbringen, um unsere Ängste oder Illusionen zu begegnen. Was im Grunde bloß einen Schutz vor den von uns selbst geschaffenen Illusionen und von aussen erlittenen Konditionierungen bedeutet. 

Der Verlust an Ganzheit bedeutet einen Verlust an Selbst. Irgendwie erscheint es uns als ein zwangsläufiger Prozess, den wir alle in der einen oder anderen Weise erleiden, und vermutlich spricht der eine oder andere sogar von Normalität.

Die künstliche Blase unserer Vorstellung

Im gewissen Sinne leben wir mit unser mentalen Aufmerksamkeit in einer Art künstlicher Blase, die wir mit uns herum tragen, und die aus verschiedenen Intentionen und Absichten besteht, die selten mit der konkreten Situation zu tun haben (die Situation liefert nur Reize für unsere psychische Ausrichtung). 

Wir sind damit beschäftigt, eine Vorstellung von der Welt aufrecht zu erhalten und investieren (ohne darum zu wissen) eine Menge Energie in diesen mentalen Prozess. 

Ausserdem, und das mag entscheidend sein, erachten wir die Reflektion um einen zentralen Punkt (ICH) als sehr wichtig.
Es ist wichtig für uns, wie wir uns vor anderen präsentieren, besser gesagt, wie wir die künstliche Blase an Vorstellungen eines anderen beeinflussen, woraus sich letzten Endes auch all die Rollenspiele ergeben, in denen wir verwickelt sind und in denen es auch um soziale Macht und Einfluß geht, inklusive der Abwehr solcher Einflußnahmen. 

Verschiedene Rollenspiele werden in dieser Weise gespielt, weil die verschiedenen Teilhaber an dem Theaterstück mit ihrer Rolle einverstanden sind, bzw. sie bestärken oder verteidigen. Der Sog, um diese Rolle zu spielen, geht vom Einsatz der Energien aus, und das Problem ist nicht, Energie einzusetzen (weil dies im praktischen Leben immer nötig sein wird), sondern das Problem besteht in dem Überschuß an psychischen Energien, weil wir oft geradezu nicht gelernt haben, unsere Energien in eine gewisse Richtung zu bringen oder auszurichten. In der unkontrollierten Aufwühlung dieser uns zugehörenden Energien liegt schließlich ein Teufelskreislauf.

Manchmal werden wir nur auf etwas aufmerksam, wenn es unserer "Blase an Vorstellungen", Erwartungen, und den Wünschen darin entspricht, oder jenen der anderen - denn auf andere achten wir sicher mehr als uns bewusst ist.
Ausserdem verursacht diese Blase unser massgebliches Verhalten, weil Erwartungen und Wertvorstellungen aufgrund unserer uneingestandenen oder auch bewussten Schwäche darin enthalten sind. Wir stehen in der Aufrechterhaltung dieser Blase, die unsere Wahrnehmungen bestimmt, auf uns selbst und wollen kaum fähig sein, die Welt auch mal anders zu betrachten und jenen Schattenwurf dieser Blase zu verlassen. Wir werden zwar generell nur in dem Maße handeln können, wie es unsere Anlagen vorgeben, doch die Blase sorgt dafür, dass wir uns an einen ganz bestimmten uns vertrauten Ausdruck dieser Anlagen binden.

Meist ist diese Blase ein einfaches Mittel, sich vor Einflüssen zu schützen, weil diese Blase uns einen Wahrnehmungsfilter bedeutet.
In extremen Fällen ist diese Blase sehr stumpf geworden, und nicht mehr aufnahmebereit, um etwa  neues zu erfahren oder zu erkennen - aber auch hier handelt es sich um eine Anpassungsleistung des Menschen, die nicht ohne den Einsatz psychischer Energien zustande kommt.
Das andere Extrem ist die geöffnete Blase, die die einzelnen Wahrnehmungen ncht mehr ordnen und auftrennen kann zwischen innen und außen, die Folge können Depressionen und auch stärkere psychische Störungen und auch Krankheiten sein. Hier fehlt keineswegs die Anpassungsleistung, nur ist diese falsch und nicht geeignet. Festhalten, das heisst nicht ändern können, das tut der eine wie der andere. Sich vom Leben bewegen lassen, heisst nicht nur, Erfahrungen zu machen, sondern sie auch weiter zu gestalten, was aus diesen Wahrnehmungen werden soll oder zu entscheiden, was werden kann.

Es ist tatsächlich diese Anpassungsleistung, unsere Realität aufrecht zu erhalten, die verhindert, dass wir unsere Wahrnehmungsfunktionen befreien können, weil die Energie schon vollständig eingesetzt wird, für diese Anpassungsleistung. Es handelt sich um eine Aufrechterhaltung eingeübter Wahrnehmungsmuster. Ursache sind normale oder auch heftige Herausforderungen des Lebens gewesen, doch die Anpassungsleistung wurde aus irgendeinem Grunde verwirrt und zu einem starren Muster, aus dem man sich nicht mehr befreien konnte.

Die erzeugte Wirklichkeit 

Wir verleihen von je her, als wahrnehmende Wesen, die wir sind, der Wirklichkeit Sinn. 

Mit dem Sprachvermögen und der Fähigkeit der Reflektion, des abstrakten Denkens und der verstandesmäßigen Kategorisierung kommt nun das Idealbild, welches aus dem geschauten Objekt "Wiese" oder "Finger" eine gedachte Idealgestalt macht. Es wird nun das Abbild eines "Ding an sich" ins Leben gerufen. 

Das Ding an sich ist jeweils nur einmalig, es gibt keine zwei selben Finger oder die zwei selben Wiesen, aber in unserer Vorstellung existieren diese Begriffe als Idealbild, sie sind allgemein, vereinheitlicht - und diese Idealbilder werden mit weiterer Bedeutung ausgefüllt. Wir "denken" uns schliesslich das Ding, wenn wir davon hören, und so auch die ganze Welt.
Noch bevor wir eine Wiese wahrnehmen, rufen wir die Idealgestalt ab, und etwaige Besonderheiten, die wir wahrnehmen, werden auf diese Idealgestalt bezogen, welche stets hintergründig in unserer Gedankenwelt präsent ist. Ab und zu mag sich diese Idealgestalt verändern.
Falls wir jemals etwas erkennen, und nicht einordnen können, wundern wir uns, strengen uns an, und siehe da, aus den schattenhaften Umrissen erscheint das Ding nun doch als das, was uns vertraut ist. Es gibt nichts, was wir auf diese Weise nicht fassbar machen können, und wenn am Ende der Schluß zustande kommt, dass zum Beispiel ein Maler einen realen Gegenstand sehr schlecht gemalt hat oder sehr abstrakt.
Wie die Welt wirklich beschaffen ist, existiert aber in einem Unterschied zu dem gedachten Idealbild, das Anleitung für die erzeugte Wirklichkeit wird.

Die Welt ist so, wie wir sie in unserer bewussten Haltung und in unseren Augen erschaffen, und das Hauptgewicht dieses Mechanismus liegt dabei nicht auf den Resultaten einer äußeren Welt, die wir wahrnehmen würden, als vielmehr auf den Resultaten einer inneren Welt. Wir können die Dinge nur wahrnehmen, mit unseren eigenen Augen, nicht mit denen der Welt. Durch unsere Augen erfahren wir, was an der Welt wirklich ist und Bedeutung hat.
Und gerade diese innere Welt haben wir aus der Wahrnehmung verloren, und paradoxerweise uns einer anderen Art Innerlichkeit verschrieben, die zum grössten Teil aus Projektionen oder Vorurteilen besteht. 

Der Philosoph Schopenhauer spricht von einer Welt als Wille und Vorstellung. Der Philosoph Husserl von einer Welt, die durch unsere Intention (Absicht) entsteht. Viele Bewusstseinsforscher haben längst bewiesen, wie die Wirklichkeit erst in unserem Gehirn entsteht, doch scheinen sie die Tragweite dieser Feststellung schnell aus den Augen zu verlieren, und kommen zu keinen weiteren Schlüßen, bzw. die öffentliche Meinung greift diese Wahrheiten nicht auf.

Wesentlich ist in jedem Fall, dass wir die Wirklichkeit aufgrund von Urteilen und Absichten wahrnehmen, die wir von der uns umgebenden Kultur und bedingt durch die Sozialisierung der Kindheit uns angeeignet haben. Und in der Folge unseres Daseins vertiefen, verinnerlichen und verfestigen.

Wir sehen uns selbst (oder das, was wir dafür halten), und können begreifen, dass unsere Gedanken und Vorstellungen aus sich selbst heraus eine Wirklichkeit erzeugen

Doch in Wahrheit ist uns der Modus der Wahrnehmung selbstverständlich geworden. Wir bemerken alle die Dinge unseres Alltages, den Tisch, die Wand, die Tür, unseren Nachbar, und wissen sofort, was ist (eigentlich begutachten wir, was für uns oder andere sein sollte).
Wir haben eine Vorstellung, was dies oder anderes bedeutet, oder bedeuten soll, wir haben ein Gedächtnis, Assoziationen und Erinnerungen, die sich untereinander vermengen. Wir wissen eigentlich nur, was wir irgendwann bereits einmal interpretiert haben, und oft "kalkulieren" wir eine vermutete Wirklichkeit.

Es gibt da ein anschauliches Gleichnis, das der Psychologe Watzlawick erwähnt: Da will jemand ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, aber keinen Hammer. Er weiss, dass sein Nachbar einen Hammer hat. "Aber der Nachbar, hmmm, er hat mich schon gestern so komisch und flüchtig begrüßt, vielleicht war er in Eile, aber vielleicht hat er es auch nur vorgetäuscht? Wahrscheinlich hat er sogar etwas gegen mich? Dabei habe ich ihm doch gar nichts angetan, der bildet sich da was ein." Nun wird er langsam sauer. "Wenn jemand von mir ein Werkzeug haben will, ich würde es ihm geben." Nun geht er wütend rüber zum Nachbar und schellt: die Tür öffnet sich und bevor der Nachbar etwas sagen kann (zB "Guten Tag"), brüllt er ihn an: "Behalten Sie ihren verfluchten Hammer!"

Solche Interpretationen und Deutungen der Wirklichkeit nehmen wir sehr oft vor, meist läuft es dabei nur sehr subtil ab, und endet längst nicht so fatal wie im obigen Fall.

Assoziationen, Gedankenketten, eingeübtes Verhalten und Einschätzungen der momentanen Lage, all das wird absichtsvoll hervorgerufen. Bei jedem Impuls oder Reiz von aussen (und innen) findet eine Kette mentaler Vorgänge statt.

Der springende Punkt ist: Wir sehen nicht diese Welt, wie sie ist, wie sie in ihren Gehalten zB als Energie und Archetypen existiert, sondern wir sehen nur die gedachten, verdichteten Vorstellungen, die wir uns mit der Zeit angeeignet haben, und woraus die Dinge in unseren Augen ihre festen Formen und Bedeutungen erhalten.
Es ist eigentlich geradezu kein Vorgang des Sehens, sondern das, was wir zu sehen glauben, wird durch unsere bewusstseinsmässige Haltung sogleich interpretiert und erscheint uns im Auge als das, was wir zu sehen bereit sind. Das hört sich vielleicht befremdlich an, doch wer über Erfahrungen in Meditation, Fasten usw. verfügt, wird dem ohne weiteres zustimmen. 

Man könnte sogar die Hypothese aufstellen, dass die Wirklichkeit, die wir erzeugen und die wir kollektiv mit anderen teilen, eine Art Traum darstellt. Nur fehlt diesem Traum die bewusste Durchdringung, denn wir erkennen nicht, wie viel "künstlich und blind erzeugte Wirklichkeit" darin ist. Wir haben den Traum nicht unter Kontrolle. 

Das ist ein wichtiger Punkt und man muss ihn sich vergegenwärtigen, wie unsere Wirklichkeit aufgebaut wird: Es ist sehr oft ein permanentes Kontrollieren, ob die Erwartungen und unsere Assoziationen in den alltäglichen Fluß des Bewusstseinsstromes passen. Tut es das nicht, sind das meist Anläße, uns zu sorgen oder wir verlieren schlichtweg die Laune. Wir fühlen uns schon verloren in einer unvertrauten Umgebung. Als ob wir noch kleine Kinder wären, die das Abenteuer des Unbekannten nicht ertragen können.
Der Augenblick, so wie er ist, ist für uns gar nicht gegeben. Er ist uns neu, unbekannt, und alles Neue erzeugt erst mal instinktiv eine Art Scheu.

Bei vielen Dingen ist diese Weise des Denkens, das einem Erfüllen von Plänen gleicht, und gewissen Regeln folgt, natürlich sehr vorteilhaft. Alleine das Lesen kann nur so geschehen. Doch in der alltäglichen Laune, in der alltäglichen Befindlichkeit drücken wir, anders als wie die Frühmenschen dazu in der Lage gewesen wären, die erfahrene und erwünschte Welt mit unseren Gedanken aus, und bewegen uns wie in einer Blase von Konstruktionen. Wir sehen in der Regel nicht mehr richtig hin oder halten uns größtenteils an Ideale, Moralvorstellungen oder Einbildungen, die uns das Urteil über eine Sache vermitteln. Das heisst, es feht nicht um Wahrheit, sondern um eine Art normative Wirklichkeit.

Die Illusion einer Ganzheit


Einer der grösseren Täuschungen, die man sich heute macht, ist meiner Meinung nach die, dass man der realen Dingwelt, die gleichermaßen beschreibbar und nachvollziehbar ist, eine viel zu hohe Ebene des Wirklichen bemisst. Aufgrund dieser Dingwelt, wie sie sich uns fügt und wie wir sie kontrollieren können, bestimmen wir sodann unsere Art von Ganzheit. Es ist tatsächlich nur einer sehr tief stehende Ebene, die allerdings für viele Dinge ausreichend ist, und für die Medizin in einer Art zutreffend ist, dass viele (aber nicht alle) Probleme auf dieser Ebene gelöst werden können.

In geringfügigen Maße erfreuen wir uns allerdings auch in der normalen Alltagsbewusstheit an Spuren der Ganzheit, immer dann, wenn uns Lebensfreude aufkeimt und wir den verschiedenen Beschäftigungen und Interessen mit innerer Genugtuung nachkommen, oder wenn wir uns einfach gesund fühlen.
Und wir finden Ganzheit in der Anpassung an bestehende Gesellschaftsstrukturen, auch wenn diese uns eigentlich selbstentfremden. Die Anpassung vermittelt einen gewissen Eindruck, uns zu vervollständigen, und eben nicht uns zu verlieren. Wir finden darin die Möglichkeit, mit unserem Leben eine vitale Aufgabe zu verknüpfen.

Keine Frage, die Gegenwart und die gegenwärtig verbreitete Wahrnehmungsart, enthüllt eine wundervolle Welt voller Möglichkeiten.
Und in irgendeiner Weise muss das Kollektiv irgendwelche strukturellen Stützen errichten, täte sie das nicht, gäbe es kein Kollektiv, und das Individuum könnte, weil ohne Eltern, Umfeld usw., ja nicht existieren - anders gesagt: solange es ein Kollektiv gibt, werden tiefe Furchen ins Bewusstsein eines jeden Mitglieds gegraben, in und mit denen er sich in der aktuellen Welt orientieren wird.
Die moderne Welt hat ihre Stützen in der Beschreibung einer Dingwelt gefunden, was einen Prozess bedeutet, der vielleicht erst vor zehntausend Jahren wirklich begonnen hat. Vor zehntausend Jahren begann der Mensch zur Technik und Keramik zu kommen, einer neuen Struktur des Haushalts, nachdem er sesshaft wurde.
Hier begann nun die eingehende Beschäftigung mit einer äußeren Wirklichkeit. Und die Trennung einer Welt nach aussen und nach innen, wurde vermutlich durch die Beschäftigung mit den festen und künstlich geschaffenen Dingen erleichtert, aber auch durch die Kontinuitität gleichlautender Erfahrungen, die durch Sesshaftigkeit entsteht.

Die andere Wirklichkeit

Ein Traum erscheint uns oft widersinnig. Wir erkennen solange keine Bedeutung darin, bis wir uns damit abfinden, dass die Traumsprache eine andere Sprache ist, als wie die Sprache der Vernunft und des "geordneten Daseins". Die Traumsprache ist symbolisch. 

Um es ganz einfach zu machen, kann man zwischen der Dominanz der rechten und linken Hirnsphäre unterscheiden. Also zwischen verbal, analytisch, rational, zeit-orientiert, Fähigkeit des Lesens, Technik und ganzheitlich, visuell, bildlich-symbolisch, räumlich, augenblicklich.

Man kann den Verstand auf die verbale, logische und sprachliche linke Hirnhemisphäre lokalisieren und die ganzheitliche bzw. symbolisch-bildliche Wahrnehmung auf die rechte Hirnhemisphäre; mit letzterer erfassen wir prompt eine Bedeutung, die im Ganzen angelegt ist, aber auch mit uns selbst zusammenhängt.

Es ist natürlich die Frage, ob die rechte Hirnsphäre vielleicht sogar eine Dominanz verdient? Aber dem ist wohl nicht so, oder vielleicht doch?; - normal würden wir meinen, eine ausgeglichene Haltung wäre die Beste. 

Tatsächlich zeigen Hirnforschungen, dass die Wahrnehmung einer ganzen Situation an die rechte Hirnsphäre geleitet wird, auch die Wahrnehmung gefühlsbeladener Reize, aber die Kontrolle darüber liegt eindeutig auf der linken Hirnhälfte, jener Hälfte des Analytischen. So gesehen ist es also wirklich zwecklos, das eine auf Kosten des Anderen zu verwerfen, und es kommt auf die Balance an. Aber man kann sich auch denken, dass man in zwei Wirklichkeiten zuhause sein kann, und die Dauer des Aufenthaltes frei wählt. Solange man immer wieder zurück zur geordneten Welt des Vertrauten findet. 

Wahnsinn oder psychische Verirrung kommt meist zustande durch eine unkontrollierte Auslebung der rechten Hirnhälfte, aber auch unter massgeblichen und vorherigen Verzerrungen durch schlimme Erfahrungen oder erlittenen Traumata. Diese sind dann noch unverarbeitet.

Die linke Hirnhälfte kann unter manchen psychischen Belastungen auch keine Ordnung und Haltung mehr bewahren, weil die Macht der rechten Hirnhälfte anscheinend unter bestimmten Umständen umfassendere Bezüge aufstellt. Dann fehlen die Ansätze oder Ordnungspunkte, um diese Erfahrungen oder Eindrücke zu bewältigen. Aber es muss auch nicht heissen, dass man mit dem Verstand nur Dinge bewertet, und Sprache bildet, sondern ein Teil der Aufgabe des Verstandes ist auch einfach nur die Unterscheidung und auch Entscheidung. So kann man zum Beispiel einen Erfahrungsgrund verlassen und sich einen anderen zuwenden.

Gewöhnlich liefert uns der Verstand aber ein ständiges Hinzufügen von Bedeutung, die alle aus unserem eigenen Reservoir herrühren (was wir jemals gelernt oder bewertet haben).

Mit dem Verstand vergleichen wir zwei Dinge, zum Beispiel eine äussere Erfahrung und inneres Wissen. Dann bildet sich ein Urteil. Oft gibt uns die äussere Erfahrung etwas vor, das nicht mit unseren Annahmen oder unserem Wissen übereinstimmt. Es ist also wichtig, zu zweifeln und nichts blind zu glauben. Verantworten müssen wir das ganz allein - denn vieles, was man uns weise gemacht hat, könnte sich als falsch, einseitig oder nicht ganz richtig herausstellen.

Die Fähigkeit des Zweifelns ist ursprünglich vielleicht eine Art Organ des Herantastens gewesen. Heute steht hinter dem Zweifel eine fertige Welt von Idealen und Vorstellungen: wir prüfen alle eingehende Wahrnehmung, ob sie mit der uns vertrauten oder erwarteten Wirklichkeit zusammenpasst. Die Logik ist ein Instrument, um zum Beispiel die Richtigkeit der Grammatik oder mathematiischer Formeln zu überprüfen. Aber der Zweifel kann oft keine so sicheren Urteile bilden, dennoch bilden wir uns ein, wir wüssten oft schon alles. 

Im Grunde kann man diesen natürlichen Zweifel auch anwenden auf die uns vertraute Wirklichkeit - ist sie denn tatsächlich so zwingend? Man beginnt den Gedanken, die man über die Welt hat, zu misstrauen und öffnet sich damit den Weg zum ganzheitlichen Bewusstsein.

Wenn nun die gewöhnliche Wahrnehmungsart, zum Beispiel durch Meditation ausgesetzt wird, verschwindet die Wirklichkeit ja nicht, aber die Abbilder schon. Es ist natürlich auch nicht so einfach, ohne Rückhalt dazustehen,  und immer wieder vor neuen Situationen zu stehen, die - weil neu und ohne das vertraute Weltbild im Reservoir zu haben - es wiederum nötig machen, sich an diese leicht andere Wahrnehmungsart zu gewöhnen. Wir stehen in einer Straße, sehen eine dunkle Gestalt auf uns zukommen, und was tun wir? Wir fangen zu denken an, und das nicht zu tun, ist sehr viel schwieriger. Haben wir aber ein Instrument, das uns vor wirklichen Gefahren warnt? Ja, den Instinkt. Dieser aber ist durch jahrelange Missachtung oft nicht mehr vertrauenswürdig, weil auch Emotionen wie Angst und Vertrauen sich mit dem Instinkt vermischen können und ihn verzerren. Aber haben wir mit den Gedanken denn genügend Mittel, um Gefahren abzuschätzen? Meist erkennen wir Botschaften oder Zeichen, die wir bewerten - und wir können durchaus, diese Bewertung vereinfachen und es ist so, dass Instinkt und Gedanken zusammenhängen, dass zu einer Instinktregung dann ein entsprechender Gedanke kommt. Es ist nicht nötig, sich im Vorhinein einen ganzen Kreislauf von Gedanken zu bilden, um Gefahren abzuschätzen und sich insgeheim vorzubereiten. Damit würden wir nur dafür sorgen, dass wir in einem angestammten Muster der Wahrnehmungsart bleiben.

Vielleicht versucht deshalb der Mensch sich so sehr an die Welt der kognitiven Wirklichkeit, der Sprache und der Vor-Einstellungen zu klammern, weil hier ein allgemeiner Fluß des Lebens erzeugt ist, in dem wir uns seit Beginn der Kindheit eingerichtet haben: Diese Welt ist uns vertraut und schafft (vermeintlichen) Rückhalt, die Furcht verschwindet, weil das Unbekannte verschwunden ist. Und dabei ist es immer noch um uns herum, die ganze Zeit: das grosse unbekannte Reich...: eine andere Wirklichkeit. Tatsächliche Gefahren vermitteln uns die Instinkte, für die wir aber klar im Geiste und Gefühl sein müssen.
Die Instinkte sind zu einem guten Teil Ahnung. Es ist die Spürnase, die uns allerdings - im modernen Zeitalter - verloren gegangen ist. Auf der anderen Seite stehen die Instinkte für das zu Erwartende überhaupt, also auch für das Angenehme.

Dualität

Verstandesmässige Wirklichkeit: Man ist an einer gewissen Sichtweise gewöhnt und wechselt nicht so einfach die Art der Orientierung, zeigt wenig Flexibilität. Man sortiert und ordnet alle einströmenden Bilder in einer Weise, wie es der vetrauten Sicht und einer angenommen Instanz der Ordnung gemäß ist. 

Verliehener Sinn und verliehene Bedeutung fügen sich entsprechend zu den wahrgenommenen Dingen. Das alles ist vor allem die Arbeit der verstandesmässigen Sicht.

Nun kann man in einem weiteren Schritt annehmen, dass Naturvölker oder Völker, die sich dem Numinosen nicht verschlossen haben, ihre Vernunft so weit entwickelt haben, dass die ganzheitliche Wirklichkeit und das unmittelbare Schauen dadurch ihren gebührenden Platz erhält, ohne dass der Mensch dabei den Eindruck hat, etwas "unvernünftiges" zu tun. Die moderne Haltung, dass die Auffassung einer Dingwelt die einzige verlässliche Richtschnur der Wahrnehmung bedeutet, kann als Extrem einer verstandesmässig erzeugten Wirklichkeit aufgefasst werden.

Ganzheitliche Wirklichkeit: Für die unmittelbare Erfassung der Wirklichkeit gibt es andere Instrumente, die dann ebenso über Wert und Gültigkeit von wahrgenommenen Phänomenen zeugen können. 

Die höheren Gefühls- und Verstandesfunktionen benötigen einen bestimmten Stoffwechsel.
Dieser Stoffwechsel kann für das Verständnis weitgehend als ein energetischer beschrieben werden, und besteht aus (psychischer) Energie, die vom gesamten Körper zur Verfügung gestellt und entsprechend aufbereitet werden kann.

Das moderne und gewöhnliche Leben verschleudert jene psychischen Energien nach allen Richtungen der Aufmerksamkeit, oft willkürlich und leicht bewegt von äusseren Reizen.
Energien, die ansonsten ganz in die Wahrnehmung einfließen würden, und damit in einen verdichteten Augenblick des Seins münden würden. Eingebettet in einem persönlich-individuellen Zeitstrom, der genau den Anforderungen entspricht, die unser Selbst aufstellt. Jeder gewollte Gedanke, jedes gewollte Schauen, jede gewollte Erwartung, und jeder Eifer beansprucht einen Teil dieser psychischen Energie, die nicht für die Einübung der "höheren Wahrnehmungsfunktionen" zur Verfügung stehen. Allein dass man den Begriff Erleuchtung mit einem Klischee des Wunderbaren oder sprichwörtlich Merkwürdigen versieht, dass man also den Eindruck hat, da redet jemand, der von Größenwahnsinn spricht, ist ein deutlicher Beleg und Ausdruck der Tatsache, wie weit weg wir von diesen höheren Wahrnehmungsfunktionen sind. Wir haben keine Ahnung, was auf dieser Ebene stattfindet oder stattfinden kann. Diese Wahrnehmungsart führte die Menschen in einem frühen Stadium der Zeitgeschichte zu einer Welt der Archetypen. Möglicherweise fehlte damals die ausgeprägte Instanz der mentalen und kognitiven Reflektion, und es ist die Frage noch offen, wo uns diese heute hinführen kann. Jede Vervollkommnung oder Erweiterung muss immr als Potential angesehen werden. So gesehen haben wir etwas in die Hand bekommen und müssen nur noch lernen, damit umzugehen.

Im Grunde beruht alles auf irgendwelchen Eindrücken, die gewöhnlich vom Verstand bewertet werden, aber bei der ganzheitlichen Wahrnehmung sind die Instrumente der Bewertung vor allem energetische Qualitäten, die wahrgenommen werden.
Und auch die Gefühle spielen eine gewisse Rolle, die uns eine erfahrbare Wirklichkeit mit Bedeutung stützen.
Gefühle können davon zeugen, was einer Sache tatsächlich inne wohnt. Form und Farbe sind Energien, und es ist tatsächlich so, dass alle Realitäten der Wirklichkeit auch aus Energien und Äquivalenzen zu archetypischen Inhalten bestehen. Daraus ergibt sich letzten Endes die ganze Bedeutung und Wahrheit dieser Wirklichkeiten.
Das ist auch der Grund, warum viele spirituellen Lehren so grossen Wert auf die Reinigung der Gefühle legen, da zum Beispiel negative Emotionen den Platz versperren, um ganzheitliche Wirklichkeiten zu erfassen oder schlimmstenfalls unangenehme Begleiteffekte hervorbringen könnten, wie Angstzustände oder ähnliches.

Im Grunde ist die uns erzeugte Wirklichkeit, ob normal oder "andersartig", immer auch ein Resultat unseres ganzen psychischen Seins. Was wir sehen, und denken, das sind wir. Wir bilden andauernd Inhalte der Wahrnehmung, und wir sind immer.
Dinge des Wirklichen kennen aber noch andere Inhalte, als wie Form und Farbe: eine Eiche hat eine andere energetische Konfiguration als wie eine Esche. Aber im Detail hat auch jede individuelle Eiche einen Unterschied zu anderen Eichen, und sei es, weil diese an verschiedenen Plätzen stehen, die wiederum andere energetisch fassbare Äquivalenzen aufweisen (Äquivalenz bezeichnet "gleichlautendes: den Dingen wohnt entsprechend ihrer inneren Wesensnatur eine Energie inne).

Wer sich in diesem Blick übt, kann allein vom äußeren Eindruck, ohne genau (also im Detail) hinzuschauen, die Dinge aufgrund ihrer verschiedenen energetischen Konfiguration unterscheiden. tatsächlich besteht die Welt der Dinge und Menschen aus Energien, die sich auch wahrnehmen lassen. Das typischste Beispiel, um das anschaulich zu machen, ist die mesnchliche Aura. Doch gibt es weitaus mehr energetische "Felder", und die ganze Luft ist voll davon.

Schamanen bezeichnen die ganzheitliche Wirklichkeit auch als "andere Wirklichkeit". Dieser Ausdruck "andere Wirklichkeit" bezieht sich auf die Dualität oder Polarität zwischen der 1. alltäglichen Verstandeswelt (Interpretation, Kategorisierung und Kontinuität einer Vorstellungswelt durch Gedankenketten und Absichten, diese hervorzurufen) und der 2. unmittelbar gechauten Wirklichkeit (verschiedene Dinge mit ihren Energien weisen als Entsprechung zugehörige Symbole auf; symbolische Wirklichkeit; nur die Symbole sind als Mittel geeignet, diese wahrnehmbaren Energien wirklich fassbar zu machen). 

Beide Wahrnehmungsarten stehen im Grunde in einem Konflikt zueinander, die eine Sichtweise kann die jeweils andere nicht ergründen oder verstehen. Allerdings kann der persönliche Verstand sich Klarheit darüber verschaffen, dass es andere Wahrnehmungsarten gibt.
Und die logische Vernunft eines jeden Menschen vermag natürlich mit aussergewöhnlichen Wahrnehmungsinhalten umzugehen, aus ihnen zum Beispiel Schlüße ziehen. Die Gefahr dabei ist, dass das Wissen oder ursprünglich Geschaute dabei verzerrt wird, zB durch die Ideale oder Konstruktionen des Verstandes.

Energien sind es, die von Dingen ausstrahlen, und auch an ihnen angeheftet sind, und die auch wieder beiseitige "gewischt" werden können. Jeses Ding hat eine eigene energetische Konfiguration, aber Gruppen von Dingen können eine ähnliche Qualität haben. Und es gibt auch eine Ebene, auf der Menschen diese Dinge berührt haben, und ihre eigene (durch Aufmerksamkeit geprägte) Energie hinterlassen und damit für eine Ähnlichkeit der Dinge sorgen, unabhängig ob diese Dinge sich materiell oder auf anderen energetischen Ebenen wirklich gleichen.
Alles kann so gesehen eine energetische Information beinhalten oder tragen.

Symbole sind im Grunde energetische Äquivalente. Das heisst, man kann unmittelbar eine Energie wahrnehmen, eine Form oder Struktur, die einer Sache inne wohnt, und das Symbol, aber auch ein Archetyp ist eine Beschreibung dieser energetischen Struktur auf einer anderen Weise.

Das Selbst, das Unbewusste und das unermessliche Reich der symbolischen Wirklichkeit gehen über die üblichen Vorstellungen von Raum und Zeit hinweg. So können auch Bilder aus diesem Reich des Unbewussten oder Unbekannten auftauchen, die uns beunruhigen - dann kann der Verstand Ordnung schaffen, so weit und so gut, wie wir dies tun wollen, oder es nötig ist. 

Letzten Endes sind aber viele sehr darin geübt, überhaupt jede vermeintlich unverständliche Regung des Unbewussten zu entwerten als Zufall oder Phantasieprodukt.
Wir erleben das innere Selbst (aus dem die Regungen des Unbewussten vielleicht oder tatsächlich herrühren) als bedrohlich - aus der Position unseres ICH-Bewusstseins heraus.
Das ist aber nur deshalb der Fall, da der Verstand hier an seine Grenzen stößt und wir uns gelinde gesagt an diese Variablen des Verstandes zu klammern lernten, anstatt die Botschaften des Unbewussten zu integrieren (das heisst erst zu verstehen und dann etwas daraus zu machen, zB weiterverabeiten). Denn es handelt sich oft um Hinweis auf eine Möglichkeit, dass wir uns zB mit unseren Schattenseiten auseinandersetzen und letztendlich zu einem gestärkten Lebensgefühl gelangen.

Wir hatten in der Kindheit noch einen losen Kontakt zum unmittelbaren Schauen, zu einer Wahrnehmungsart, die noch keine Urteile kannte. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Situation in meiner Kindheit, an ein Dia, das auf den Kopf stand und eine Autobahn auf der Leinwand zeigte. Nun war es so, als würde diese Autobahn eine steile Felswand hinauf fahren. Im Nachhinein erscheint mir diese Wahrnehmung als traumähnlich. Damals war mir die Präsenz der Erwachsenen gegenwärtig, sie erklärten und beschrieben, dass das Dia falsch herum stand, aber was ich sah, war fast wie eine andere Welt (anders als jene rationale Welt der Erwachsenen). Die Erwachsenen beschäftigten sich mit etwas anderen, ja mit einer anderen Welt, die sich von der Welt unterschied, wie ich sie gerade mit der Autobahn und der steilen Felswand erlebte. Mir war deshalb egal, was sie darüber sagten. Ich sah eine steile Felswand, auf der Autos hochfuhren.
Mir scheint dieser Vergleich sehr tauglich, denn tatsächlich können wir auch als Erwachsene die Welt zweigeteilt erleben. Auf der einen Seite steht die verdichtete Wirklichkeit, wie wir sie durch Reflektion und sozialer Interaktion für uns erfahrbar machen. Auf der anderen Seite steht eine Welt der unmittelbaren Wahrnehmung, die das Interesse und die Neugierde fesseln kann, umso mehr wir an deren Gültigkeit nicht zweifeln.
Klar ist, dass wir die urtümliche Freiheit der Kindheit natürlich nicht wieder haben werden können, aber wir können jetzige Augenblicke der Wahrnehmung befreien vom Urteil, und damit authentische ganzheitliche Wahrnehmung anstreben, die sich ergibt, oder aber nicht. Wenn sie sich ergibt, dann ist das ein grosser Schritt. Doch es bedarf unablässiger Übungen. Und wenn dies gelingt, werden wir nur den Moment wahrnehmen, und es gibt keine Erinnerung. Es gibt unser Sein, und Erfahrung eines Hier und Jetzt in einer usprünglichen und reinen Qualität, also sehr viel symbolischer und befreit von Bewertungen. Am besten geschieht das Üben unter den Kräften der äusseren Natur (Wald, Wiese, Gebirge usw.).

Ursprüngliche Lebenskraft

Wir fühlen uns heutzutage "ganz", wenn wir eine Bestimmung haben, an die wir uns halten können und die uns erfüllt und wenn wir gesund sind. Oder wenn ein Ziel, auf das wir hin leben, erfüllbar scheint und wir uns ihm näher kommen sehen, es zu erreichen. 

Vor einer langen Zeit - noch bevor die Menschen sesshaft wurden-, war ein ganzheitliches Bewusstsein zwar archaischer, aber dafür auch umso ursprünglicher. Die Wahrnehmung richtete sich noch nicht nahezu ausschliesslich auf die eigenen Produkte des Denkens oder dinglichen Schaffens, sondern die Wahrnehmung richtete sich wegen der noch unentwickelten, vorerst rudimentären Reflektionsfähigkeit, auf die Inhalte des Wahrgenommenen selbst: auf die Objekte, die sich gleich blieben oder wandelten, und zwar wandelten sie sich in Resonanz des Beobachters, der denselben Einflüssen von Kräften und Energien unterlag. Und es waren Kräfte, die er später in Mythen als Götter beschrieb. Auch der Religionswissenschaftler Leeuw war der Ansicht, dass die frühen Formen der Religion nicht von einer Transzendenz des Göttlichen, sondern von einem Empfinden von Mächten geprägt war, was er im Sinne des Mana der polynesischen Völker verstand. „Gott“ sei hierbei nur ein anderes Wort für solche Mächte. Man erkannte die prägende Kraft dieser Mächte - so machte es Sinn, einen Bezug zu diesen Mächten aufzubauen. Mächte, die frühe Menschen nicht so als Autoritäten verstanden wie wir es heute tun würden, sondern sie schauten mit Ehrfurcht zu diesen Mächten und fühlten sich eingebunden. 

Die Mythen, wie wir sie heute kennen, kamen aber erst viel später nach diesem ursprünglkichen Empfinden; zunächst war dem schauenden Menschen nur eine ganz simple Möglichkeit der Wahrnehmung gegeben -  er spürte nicht nur, sondern war Teil des ganzen Prozesses der Wahrnehmung: Innen und Außen mögen nahezu in einem Zusammenhang gewesen sein, jedenfalls betrachteten und empfanden die frühen Menschen es so. Nun kann man einen Schritt weiter denken und annehmen: Diese Phase in der Entwicklungsgeschichte des Menschen konnte einer Art Traum geähnelt haben. Das war auf eine gewisse Art einem Paradies vergleichbar, weil dem Menschen, aus seinem Standpunkt heraus, nichts fehlte.
Nahrung wurde gefunden, weil sich das, was nötig war, und was möglich war, entweder ohne grössere Umstände gefunden wurde, oder sich ein Fundort dem Bewusstsein eingab (man sucht, und die Instinkte regen sich, in einer bestimmten Himmelsrichtung zu suchen).
Das sind natürlich zum Teil übersinnliche Bezüge (fern ab der uns normal bekannten Sinne), wie man dazu kommt, einen Weg zum Überleben zu finden; aber kommt man auf den Instinkt, auch zB den von Tieren, so ist es gar nicht mehr "übersinnlich", in der Weise wie wir heute über das sogenannte Übersinnliche denken mögen... - Instinkt und Eingebung kann man in einen Zusammenhang stellen.

Später formierte sich sozusagen eine Art Flucht aus diesem "Paradies", angespornt durch die Möglichkeit der Freiheit der Erweiterung, die sich ergab durch eine künstliche Realität des Denkens, die sich über die faktische Wahrnehmeung hinweg setzen konnte - mitsamt der Willensbekundungen, denen man Ausdruck verleihen konnte. Ein Traum ist auch in sich selbst gefangen, zumindest vom Eindruck her: Der Traum erzeugt eine Wirklichkeit, dessen Inhalte massgeblich vom Selbst vorgegeben sind. Und der von der Vorgabe einer natürlich gewollten Harmonie beeinflusst sind, zu der instinktiv hingestrebt wird. Diesem frühen Traum der Urzeit fehlt die Expansion durch den freien Willen. In der Folgezeit will die natürliche Harmonie schließlich durchbrochen werden, um gewissermaßen den freien Willen zu erproben, der uns im - Gegensatz zu Tieren - ja auszeichnet.

Man wird es sicher sehr plausibel finden, die frühen 3000 Jahre vor Christus bis etwa 600 v. Chr. als eine Zeit zu sehen, in der die rechte Gehirnhälfte dominierte, und damit das Einheitsbewusstein und auch zum Teil die "unrefektierte Verklebung" an die Mythen, ja vielleicht sogar umfasste der gesamte Menschwerdungsprozess bis anno dem rationalen Zeitalter der ersten Philosophen diese Dominanz der rechten Gehirnhälfte. Seit 600 v. Chr. dominiert die linke, verbale Gehirnhälfte und damit auch die Kritik und der Argwöhn gegenüber den Mythen. Barbara Clow sieht die kommende Zeit (seit Entdeckung des Chirons 1977) als eine Zeit, in der wir beide Gehirnhälften zum Ausgleich bringen können und so aus beiden "Welten" Gewinn ziehen können.

So begannen mit der beginnenden Reflektion der linken Gehirnhälfte die frühen Menschen sich herauszulösen aus diesem Ur-Traum des Selbst - und dennoch verloren sie zunächst nicht das Spüren von den Ursachen der Erscheinungen - es war ein langsamer Prozess von dort bis zu der heutigen Zeit. Immerhin erweiterte sich auch das Verständnis der sie umgebenden Kräfte und Mächte. Denn mit den ersten einfachen Kategorien des Verstandes kam auch die Unterscheidung von Dingen und Erfahrungen zustande, und damit ein Differenzieren und Einordnen der verschiedenen Wahrnehmungen und wahrgenommenen Qualitäten (zB von Erfahrungen).
Sie sahen und spürten vielleicht bald auf eine andere Art, dass es gewisse Energien gab, die allem zugrundelagen - das führte die Griechen letztlich zu einer Interpretation und Einordnung von gewissen Hautpgöttern. Den Griechen war die Reflektion und Begriffsbildung gegeben, die den Frühmenschen fehlte.

Ordnung ist etwas, das anzustreben wir beginnen, oder versuchen zu finden - so wie die Pflanzen zum Licht treiben. Der Frühmensch begreift, dass dieses Ganze um ihn herum und was ihn auch selbst einschliesst, ein Ausdruck der vitalen Schöpferkraft ist. Das, was natürlicherweise in der Schöpfung angelegt ist (und die Schöpfungsordnung offenbart), hat in sich selbst bereits eine Ordnung, in der sich der Schauende eingebettet sieht. Er selbst erkennt, dass er ebenso vital und lebendig ist, wie alles andere um ihn herum.
Und er sieht die Kräfte der Natur in einem bestimmten Rythmus, auf die kalte Nacht der Entbehrungen folgt der segensreiche Tag.

Er begreift, dass es hier auch um Ordnungen geht, und kommt mit der Sesshaftigkeit bald auch zu den ersten grossen Mythen der Hochkulturen.
Es gibt Ansichten, dass die Inder noch weit weit vor den anderen bekannten Mythen bereits solche Mythen gebildet haben, und tiefes Wissen über die Schöpfungsordnung darin zum Ausdruck brachten.

Natürlich ist mit der unmittelbaren Schau auch die Vision nicht mehr fern. All dies beruht immer auch auf der ursprünglichen Lebenskraft, den Instinkten. Solche Kräfte sind es, die uns empor streben lassen, und uns neben den Visionen (Vision=konkrete Zugänge zur symbolischen Wirklichkeit), Erkenntnisse vermitteln. Visionen zeigen uns, was die Wahrheiten des Seins sind und die der Welt. Und das, was wahr ist, und zu schauen ist, ist ja nicht erst seit 2000 oder 10.000 Jahren gegeben, sondern war und ist von Anfang an vorhanden gewesen. Ab wann es geschaut wurde, muss genauer betrachtet werden, als eine Frage darüber, ab wann es bewusst wurde. 

Schöpfungsordnung

Der klassische Mythos bezog sich auf die Schöpfungsordnung. Er trug die Inhalte eines natürlichen und vitalen Strebens in sich, da auch das Leben der Menschen dieser Ordnung unterliegt.

Ein Mythos ist dazu da, an die Schöpfungsordnung zu erinnern, und eine Brücke zu bauen, hin zu einer urtümlichen Erfahrungswelt, zu einer Verdichtung. Hier hat die Bedeutung des Wortes "Hier und Jetzt" seinen Rang und Klang, denn es gibt nichts anderes als das Hier und Jetzt für den Frühmenschen. 

Man kann das unmittelbare Schauen als ein ganzheitliches Schauen bezeichnen, weil es sich erweist, dass physische Prozesse (vor allem die Physiologie) bei dieser Art des Schauens ausschlaggebend sind, und mehr als nur den Bereich des Gehirns betreffen, sondern auch den Körper als Ganzes betreffen. Da der Frühmensch sich noch nicht ultimativ mit der künstlichen Welt des Denkens befasste, hatte er die nötige physiologische Energie zur Verfügung.
Die Eindrücke jenes ganzheitlichen Schauens erfassen uns gänzlich, und nun ist die Frage, ob dabei nicht auch viel mehr Realität von aussen erfasst werden kann, da der Frühmensch sich vielleicht viel mehr öffnete, als wir das heutzutage tun (wir verschließen uns eher vor Einflüßen). Der Urmensch hat sich an seine Umgebung angepasst, und wenn diese auch eine wilde Natur war, konnte er mit diesen Einflüssen umgehen - und es handelt sich bei allen Erscheinungen um Einflüsse, da gewöhnlich eine Instinktregung mit Wahrnehmung verbunden sein wird.

Es ist eine Schöpfungsordnung, die alles das hervorbringt, was wir wahrnehmen können und auch das hervorbringt, was uns nicht wahrnehmbar ist. Das Selbst ist Teil dieser Schöpfung und so ist alles, was man in einem Aussen schaut, zugleich eine Selbsterfahrung, weil außen und innen auf denselben Kräften und Gesetzen aufgebaut ist - und umgekehrt ist die Erfahrung des Selbst, auch eine Erfahrung des Kosmischen.

Einheitsbewusstsein

Es lässt sich zur allgemeinen Entwicklung des Menschen (vom Urmensch zum modernen Menschen) eine Paralelle in der Entwicklung des Kindes erkennen: Bis zum Alter von etwa 6 hat das Kind eine unmittelbare Wahrnehmung der Umgebung, sieht sich selbst noch nicht allzusehr getrennt vom übrigen. Kann vielleicht ein äusseres Objekt von sich unterscheiden, aber ist nicht fähig, gewisse Vermittlungen anzuwenden, oder die eigenen Empfindungen, die es selbst hat, vom anderen zu trennen, denn es meint, sie gingen vom anderen aus oder umgekehrt.
Mit der Zeit übernimmt und ahmt das Kind die kollektiven Werte und das kollektive Verhalten nach, verleiht Bedeutungen nach "Art des Hauses und der umgebenden Zivilisation", und kommt zu einer individuellen Variante dieser Grundbezüge (zum Beispiel gibt es politisch linke Gesinnungen und politisch eher rechte usw.).

Wir müssen freilich diesen Zustand des Kindes differenzieren von dem des Ur- und Frühmenschen, da auch der Urmensch aus einer Kindheit hervorgeht. Beide Wachstumsphasen sind aber innerhalb verschiedener Rahmenbedingungen eingebettet, und es mag auch noch andere gewichtige Dinge geben, die psychologisch gesehen hinzukommen und die Analogie zwischen Frühmensch und einer bestimmten Entwicklungsphase des Kindes vage machen.

Es scheint Tatsache zu sein, dass eine ausgeprägte kognitive Fähigkeit beim Urmenschen vor 100.000 Jahren bis mind. 40.000 v.Chr. noch nicht anzutreffen ist. Ebensowenig das analytische Vermögen mit dem er durch Plan und Tat die reale Welt an seine kognitive Strukturen hätte anpassen können.
Diese Werdung vollzog sich langsam über gewisse zeitliche Phasen. Um 30.000 v.Chr. treten die ersten Kunstgegenstände auf, vermehrt Höhlenmalereien.
Ab 8.000 v.Chr. beginnt die Sesshaftigkeit, der Viehzucht und der Ackerbau. Ab dieser Zeit beginnt vermutlich auch die zunehmende Ausbildung des komplexen sprachlichen Vermögens.

Frühzeitliches Bewusstsein

Nun, mir fällt es schwer darüber Formulierungen zu bilden, wie man sich eine solche Wahrnehmungsart vorstellen könnte, da mir ehrlich gesagt nur eine ungefähre Vorstellung gegeben ist. Am ehesten tendiere ich zum Vergleich mit der uns bekannten Traumwelt (der Nacht). Diese Träume sind nicht immer chaotisch, es gibt Träume, die sehr viel Ähnlichkeit mit der uns bekannten Alltagsrealität haben, und erst wenn wir aufwachen, merken wir, dass wir geträumt haben. Diese Art Träume veranschaulichen meiner Meinung nach am besten einen möglichen frühzeitlichen Bewusstseinszustand, denn in diesen Träumen ist der Bezug auf uns Selbst, auch auf die Instinkte ein ganz unmittelbarer Bezug. Die Wahrnehmung und Erfahrung ist intensiv. Und viele Bedeutungen, die man in Inhalten des Traumes feststellen kann, haben mit unserem Selbst und unserem Leben zu tun.

In welchen Zeitraum fand nun diese besondere Wahrnehmungsart statt? Wahrscheinlich gab es eine "optimale Epoche dieses Bewusstseins", sie könnte allerdings ebensogut zwischen 6.000 und 1200 v. Chr. gelegen haben, wie vielleicht etwa um 18.000 v. Chr., vielleicht aber auch erst um 35.000 v. Chr; es ist übrigens fraglich, ob diese Bewusstseinsstufe gegeben war, als die Eiszeit vorherrschte;
Eiszeiten:
75.000 bis 47.000,
32.000-27.000
23.000-18.000.

Die Eiszeit stellt erschwerte Bedingungen zum Überleben und forderte den Menschen vermutlich gänzlich. Zum Beispiel waren die Zyklen der Jahreszeiten kaum ausgeprägt. Es ging um die Existenz und das Überleben. Auch ist es natürlich eine Frage, über welche Zeitspanne dieses Bewusstsein gegeben war, also wie lange dieses vorherrschte - und war es lokal begrenzt oder global? Waren es ein paar tausend Jahre, oder zehntausende Jahre? Ich tendiere eher zur letzteren Auffassung und empfinde die zeitliche Zuordnung etwa 26.000 - 23.000 v. Chr. plausibel.

Wir finden eine solche Andeutung auch in den Mythen der griechischen Antike, die von einem goldenen Zeitalter sprechen. Ebenso gibt es vereinzelte Hinweise auf diesen Bewusstseinszustand bei schamanischen Schriftstellern oder solchen, die von den Äusserungen der Schamanen berichten.

Wie dem auch sei, massgeblich für das Vorhandensein ganzheitlichen Bewusstseins erscheint mir: Der Mensch sieht sich eingebettet in ein grösseres Ganzes, der Mutter Erde und des Kosmos und nimmt die prägenden und wirkenden Kräfte als solche wahr.

Mehr zum Begriff der Ganzheit und des Einheitsbewusstseins, auch in meinem kurzen Artikel: Ganzheitliches Bewusstsein.

Für einen rationalen Zugang und weitere Informationen über Erleuchtung, Mythos, Ritual und Ekstase kann ich Mircea Eliade empfehlen: http://de.wikipedia.org/wiki/Mircea_Eliade 

Oder, wer sich bereits dem Schamanismus hingezogen fühlt, sind solche Bücher wie von Joan Halifax empfehlenswert: "die andere Wirklichkeit der Schamanen". Oder: Holger Kalweit "Die Welt der Schamanen" (Traumzeit und innerer Raum).

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Dezember 2007
Stefan Arens