Link: Artikel zur astrologischen Bedeutung des Chirons
Über die
Kentauren und Chiron berichten Mythen, Erzählungen von
Epikern, Dichter und
Dramaturgen der Antike, in manchmal verschiedenen und oft
übereinstimmenden Varianten.
Ein gemeinsamer Nenner lässt
sich wie
folgt
beschreiben:
Chiron galt (besonders laut Homer) als der Gerechteste und Edelste unter den Kentauren und auch unter den Menschen.
Chiron
wird im Mythos von einem Pfeil des Herakles verletzt. Dieser
Pfeil war mit dem Blut der Hydra vergiftet. Daraufhin
wird der unsterbliche Chiron auf ewig von Schmerzen gegeisselt.
Aufgrund dieser Verletzung begann Chiron unaufhörlich nach einem
Heilmittel zu suchen.
Nun wird es im Mythos nicht ganz
offensichtlich,
aber es scheint, dass er dabei eben nicht wie ein Wahnsinniger nach
einem Heilmittel suchte, sondern er war bereit zu finden, leidete
unterdessen zwar weiter, aber ging seinen üblichen Beschäftigungen
nach.
Diese Sichtweise würde jedenfalls mit seiner
astrologischen
Bedeutung sehr genau übereinstimmen. Denn er verlor sich nicht in der
Suche, sondern trug eine Verletzung mit sich, und war stets bereit
ein Heilmittel zu finden, fand daraufhin viele andere nützliche Dinge,
denn seine Aufmerksamkeit für die Bedeutung dieser Dinge oder Mittel
war geweckt.
Hinsichtlich der astrologischen Bedeutung von
Chiron
geht es um diese Reinheit der Suche - man sollte versuchen, nicht mehr
besessen davon zu sein, etwas Bestimmtes finden zu wollen. Die
Verletzung, die man mit Chiron spürt, kann man als einen Mangel
betrachten, und insofern man sich gedrängt sieht, diesen
Mangel
direkt zu beheben, kann man oft feststellen, dass etwas gefunden wird,
was aber gar nicht adäquat oder angemessen ist. Daher sollten wir mit
Chiron nicht aufhören zu suchen, indem wir glauben, etwas Bestimmtes
bereits gefunden zu haben.
In günstiger Weise bietet uns
Chirons
Position im Radix oft die Gelegenheit.
Eine Gelegenheit zum Beispiel, in dem betreffenden Hausbereich Mittel
oder Ergänzung zu finden, ein wachsames Auge zu haben und einschätzen
zu können, was für eine bestimmte Sache oder ein Thema gebraucht werden
kann.
Über die Geburt der Kentauren im Mythos lässt sich aus den mythologischen Geschichten folgendes heraus kristallisieren:
Die Kentauren wurden aus der Verbindung Ixions mit einem Trugbild, genannt Nephele, gezeugt. Ixion, Sohn des lapithischen Königs (Phlegyas) hatte sich einst des Betrugs und Mordes schuldig gemacht. Ixion heiratete Dia, die Tochter des Eioneus und versprach dem Eioneus reiche Brautgeschenke und als Eioneus wartete und schliesslich die versprochenen Gaben verlangte, nahm er die Pferde des Ixions als Pfand. Nun lud Ixion den Eioneus zu sich ein, um ihn die versprochenen Gaben zu geben, legte aber vor seinem Tor eine Fallgrube an, in der ein grosses Holzkohlefeuer brannte. Der arglose Eioneus stürzte hinein. Zeus, der ansonsten sich nicht viel gefallen liess und harte Strafen verhängte, fand aus einem Grunde jedoch Gefallen an Ixion und Ixion durfte sogar zu Gast beim olympischen Tisch sein. Da verliebte Ixion sich nun in Hera; eine Version des Mythos berichtet, dass Ixion Hera verführen wollte und ihr sogar Gewalt androhte. Hera berichtete Zeus davon, der aber war noch skeptisch und beschloss Ixion zu prüfen mit einem Trugbild der Hera, der Nephele. Ixion liess sich darauf ein und zeugte mit diesem Trugbild den Kentauros (bzw. die Kentauren).
Ixion war einSterblicher, der nun von Zeus in die Unterwelt verbannt wurde, geheftet an ein flammendes Rad, das ewig drehte.
Aus dieser Verbindung zwischen Ixion und Nephele entsprang also der erste Kentaure namens Kentauros, der später zum Vater aller anderen Kentauren wurde.
Es gibt auch einige Erwähnungen, dass man Ixion und die Kentauren in Bezug zum Regenzauber stellte.
Der Sohn Ixions, und damit Halbbruder von
Kentauros war Peirithoos (im Mythos taucht auch die Schreibweise
Pirithous auf), der über
das friedliche thessalische Volk der Lapithen herrschte.
Theseus war
der Freund von Peirithoos, der ihn auf zahlreichen Abenteuern
begleitete.
Peirithoos
vermälte sich mit Hippodamia und lud seine Gefährten
und Verwandten, also auch die Kentauren ein. Die
Kentauren aber fielen in dieser Hochzeitsnacht über alle
Frauen her. Es
entbrannte ein wilder Kampf, in welchen viele Kentauren getötet
wurden (Kampf der Lapithen bzw. Kentauromachie, also Kentaurenkampf).
Es gibt auch eine Erwähnung von Palaiphatos, dass der Ursprung aller
Kentauren darin läge, dass Ixion König von Thessalien war, und sein
Land von Horden wilden Viehs heimgesucht wurde. Nachdem er
eine
Belohnung für deren Vernichtung ausgesetzt hatte, machten sich einige
unternehmende Bogenschützen aus einem Nephele genannten Dorf zu Pferde
auf und schossen sie nieder. Daraus erwuchs - mit den Augen Palaiphatos
- die Sage, dass Ixion durch Nephele (Wolke) der Vater eines
Geschlechtes von Wesen war, die man Kentauroi (Stierstecher) nannte und
die Mischwesen aus Mensch und Pferd waren.
Palaiphatos galt allerdings als Rationalist, der die Hinterlegung des
Mythos mit ihrem Wunder, als unglaubwürdie Geschichte darzustellen
trachtete. Die Kentauren entstammen seiner Meinung nach dem Anblick von
auf Pferden reitenden Menschen. Zumindest die Bezeichnung Stierstecher
taucht in Bezug zu den Kentauren etymologisch einige Male auch an
anderen Stellen auf, ebenso wie die Anschauung von auf Pferden
reitenden Menschen.
Der Ausdruck Nephele muss nach Herbert Rose`s Meinung als "von der
Wolke geboren" verstanden werden.
Die erste Darstellung von den Kentauren ähnlichen Wesen waren
Männerköpfe
auf Pferdeleibern (in der mykenischen Epoche 1700-1300 v.Chr.). Sie
stehen einander gegenüber und tanzen. Auch die Satyrn (Gefolge des
Pans,
Dionysos) werden später als Pferdemenschen dargestellt, später nur
noch als Ziegenböcke.
Das Bild der Kentauren erinnert an das Bild von Reitern auf Pferden.
Weiterhin ist das Pferd auch stets Sinnbild für fortschrittliche
Bewegungsart. Burkert spricht an, dass die frühen Bilder der Kentauren
im antiken Mythos Masken oder Vermummungen darstellen könnten. Diese
traten auch oft bei Kulten mit Dionysos auf. Eine
früharchaische Darstellung zeigt den Kentauren als normalen Mann mit
Menschenfüßen, und angesetzten Pferdehinterleib, wobei die
Unbeweglichkeit des hinteren Teils offensichtlich sei. (Burkert S. 269;
Anmerk. 10)
Die Kentauren werden allgemein als Bewohner der Bergwälder des
nördlichen Thessalien, der Halbinsel Malea (Peloponnes) und
des
westlichen Arkadien betrachtet. Auf Zypern soll es eine
besondere
Art von Kentauren gegeben haben (nach Nonnos), sie seien zweifarbig und
Hera habe ihnen eine Menschengestalt mit Hörnern gegeben. Sie seien
Kinder von Wassernymphen in sterblichen Körpern gewesen. Man nannte sie
Hyaden.
Das Wort Kentaure
weist
etymologisch (kentéo) wahrscheinlich eine Nähe
zu "anstacheln",
"stacheln", "antreiben", "anspornen", "martern" auf, und als kéntauros:
"angestachelt". Tauros
(Stier) rührt anscheinend daher, da die Kentauren einst die Rinder des
Ixions mit ihren Stacheln (Treibstecken, lat. stimuli) wieder
zurücktrieben. Manchmal werden die Kentauren auch als nubigenae
bezeichnet, als "Wolkengeborene".
Es gibt im Mythos auf der einen Seite die wilden Kentauren, die sich alles nahmen und völlig aus ihren Instinkten heraus lebten, und dann mit Pholos und Chiron die ersten Kentauren, die sich als gastfreundschaftlich und edel erweisen. Die wilden Kentauren galten als rauhe Gesellen, lüsterne Burschen, und weingierig, rauflustig und gewalttätig.
Genau gesehen handelt es sich bei Kentauren um Mischwesen, vierbeinig, mit einem Pferdeleib statt Hals und Kopf des Tiers dann aber einen Oberkörper des Menschen, etwa vom Nabel aufwärts. Manchmal auch als Hippo-Kentauren bezeichnet, während der Ono-Kentaure eine zeitgeschichtlich spätere Mischung zwischen (häßlicherem) Esel und Mensch kennzeichnet.. Der Liber Monstrorum (Buch der Ungeheuer) schreibt zum ippocentauri: Ihr Haupt ist borstig wie das eines Tiers, in Teilen aber menschenähnlich und mit einer Anlage zum Sprechen, doch ihr Mund und ihre Stimme könne die Worte nicht formen.
Weitgehend etabliert ist
die
Sichtweise, dass Chiron von Saturn (=Kronos) und Philyra gezeugt
wurden. Als Zeus von Rhea versteckt wure, entdeckte Saturn auf der
Suche nach dem jungen Zeus die Okeanostochter auf einer Insel.
Okeanos ist ein Gott, daher ist Philyra göttlicher Abstammung.
Saturn verliebt sich in sie, und um vor Rhea verborgen zu
sein,
verwandelt er sich in einen Hengst. In einer Version des Mythos wird
beschrieben, dass er erst die Gestalt des Pferdes annahm, als Rhea ihn
ertappte, und zwar im Augenblick der Ejakulation. In diesem Moment
springt er auf und flieht.
Es gibt viele Erklärungen über Chirons Geburt. In einer
anderen
Version wird Chirons Ursprung
auf Ixion und Nephele zurückgeführt, und wird damit auch in die Nähe
der allerersten Geburt von Kentauren gerückt. Denn aus Ixion und
Nephele ging der Urvater aller Kentauren hervor (Kentauros). Auch
Neptun (=Poseidon) wird einmal als Vater von Chiron
erwähnt.
Indem Chiron dann durch Philyra geboren wurde, schämte sie sich über
diese Schöpfung der "Missgeburt" und erbat sich von Zeus in eine Linde
verwandelt zu werden. Bei der Geburt weist Philyra Chiron also zurück.
Die Zurückweisung durch Philyra korrespondiert durchaus mit der astrologischen Bedeutung Chirons. Denn Chiron verweist in der Hinterhand auf den Umstand, dass man Angst vor Zurückweisung hat. Im positiven Sinne kann sich allerdings auch die unabhängige Kraft aus dem Einzelgängertum entfalten. Chiron wurde von Zane B. Stein zuvor schon als Maverick (=Einzelgänger) bezeichnet und bezieht sich auf eine Äusserung von Brian G. Marsden (Chefastronom beim Smithsonian Institut), der Chiron aufgrund seiner Bahneigenschaften (und der angenommenen Tatsache, dass er von ausserhalb des Sonnensystems zu uns kam als Einzelgänger charakterisierte). Im Englischen ist die passende Bezeichnung dazu maverick.
In einer Version des Mythos wird Chiron nach seiner Verletzung nicht lange Zeit von seinen Schmerzen gequält, sondern sofort nachdem er vom Pfeil getroffen wurde, von Zeus wegen seiner Frömmigkeit und dem unglücklichen Ereignis an das Firmament gesetzt (Eratosthenes, Catasterismorum Reliquiae).
Es gibt auch eine Erwähnung, dass Chiron nicht immer als Kentaure dargestellt wurde, sondern in einer Zeit bekannt war, als die Kentauren noch nicht im Mythos auftauchten. Chiron ist in dieser Variante also kein Kentaure. Doch ist diese Variante ein Einzelfall und vermutlich nicht überzubewerten, obwohl diese vereinzelte Variante durchaus stimmig Chirons menschliches Wesen beschreibt, da er so wenig gemein zu haben scheint mit den übrigen Kentauren. Die Besonderheit dieses Mythos ist es, dass der Begriff der Kentauren in jener Zeit, als der Mythos gebildet wurde, noch gar nicht bekannt war; Chiron in Bezug zu diesem Mythos dagegen schon.
Chiron findet im Mythos
nicht nur in Bezug
zur Heilkunst
Erwähnung,
sondern auch
zur Kriegskunst und soll an einigen Kriegszügen sogar teilgenommen
haben.
Er ist berühmt für sein Wissen um Heikunde,
Heilkräuter, Jagd, Gymnastik, Musik. Chiron verkörpert die Weisheit und
ist Lehrer, Ratgeber und
beherrscht die Kunst der Weissagung. Als Heilgott wird er in den Bergen
des Pelion angesiedelt.
Aischylos und Sophokles nennen ihn einen "Gott". Pindar lässt den Argonauten Jason von Chiron als einen göttlichen Kentaur sprechen. In den Erzählungen wird er meist als alt beschrieben, welches mit der Vorstellung von seiner Weisheit einher geht. Dabei hat er, gemäß eines Kentauren einen großen Wuchs, Knaben können auf ihn reiten, mächtige Händeund breite Schultern. Seine Körperfarbe wird einmal als goldgelb beschrieben. Sein Wesen erscheint als freundlich und gütig, und in jeder Situation, in der wir ihn sehen als bedachtsam (interessant dass die Verletzung bei Chiron durch einen verirrten Pfeil hervorgerufen ist und die Verletzung von Pholos, der wohl weniger bedachtsam ist, durch Unachtsamkeit).
Großmut zeigt er auch bei Diodor: Der Gigant Mimas vertrieb
Pelias aus
seiner Heimat und da habe Chiron mit ihm sein Land geteilt. Das war
wohl, bevor Pelias die Macht über Iolkos an sich riss (Jason und die
Argonauten).
Hygin meint, seine Rechtschaffenheit überträfe alle Menschen. Das
prädestiniert ihn zum Arzt und Richter, der seinen Spruch über die
Leider (Musikinstrument) verkündet.
Er konnte auch mit Tieren kundig und einfühlsam umgehen: wenn er als Jäger dem Wild begegnete, wusste er, wie das Wild reagiert, und er musste dies wissen, um durch Nahrung sein Überleben zu sichern.
Indem Chiron das Animalische zu Diensten macht, spricht Machiavelli davon, dass ein Herrscher es verstehen muss, beide Naturen des Geistes und des Tieres zu vereinigen. Denn die eine sei ohne die andere nicht von Bestand
Anders als die übrigen Kentauren wird Chiron um 800 v. Chr. oft als bekleidet gezeigt. Später um 500 v. Chr. ähnelt er dagegen schon seinen Artgenossen. Häufig trägt er einen Ast oder einen kleinen Baumstamm, an dem seine Jagdbeute gehangen ist. Sonstige Attribute ausser der Lyra oder Kithara hat er nicht.
In seiner Höhle leben neben seiner Mutter Philyra und seiner Frau, die Nymphe Chariklo, einige Töchter und weitere Wassernymphen (Nejaden) und Musen. Letztere, Nymphen und Musen, unterstützen ihn in der Erziehungsarbeit der Helden (Clemens Alexandrinus, Protreptikos III, 36; zitiert nach Dieter Koch S.89). Er unterrichtete Achilles, Jason, Aesculap, Actäon, Telamon, Peleus, Theseus, Medeus, Cephalus, Milanion, Nestor, Amphiaraus, Meleager, Hippolytus, Palamedes, Ulysses, Menestheus, Diomedes, Castor, Pollux, Machaon, Podalirius, Antilochus, Aeneas.
Es wird von
manchen (modernen)
Autoren fälschlicherweise
erwähnt, dass
auch Herakles von Chiron
erzogen
wurde. So kommt man dann zu entsprechenden Schlussfolgerungen, wie
etwa, "dass Chiron durch seinen einstigen
Schüler verletzt
wurde" -
woraus dann entsprechende symbolische Bedeutungen abgeleitet werden; -
es
werden
pauschal alle Helden unter die Schirmherrschaft Chirons gestellt;
- es taucht jedoch in keiner mythologischen Variante auf,
dass
Herakles auch
der Schüler von Chiron war.
Wenn auch manchmal die mythischen Elemente bei
den vielen Varianten der Erzählungen nicht einfach zu durchschauen
sind, ist dieser Bezug zwischen der nicht stattgefundenen
Leher-/Schülerbeziehung
von Herakles und Chiron doch geradezu markant und geht aus jeder
Erzählung
über Herakles Werdegang hervor. In jedem Lexikon werden zahlreiche
Helden als Schüler des Chirons aufgelistet, aber niemals Herakles.
Herakles
wurde
nach wütenden Auftritten gegenüber seinen Erziehern des Hofes,
aufs
Land zu den Ochsenherden des Stief-Vaters
(Amphitryon)
geschickt.
Dort ergab sich sein weiterer Entwicklingsweg von selbst, ohne
weiteren Lehrer. Es sprachen von
Anfang besondere Fähigkeiten und Gaben aus
Herakles' Verhalten, er hatte keinen besonderen Lehrer nötig.
In
einer
Version des Mythos übernahm ein einfacher Kuhhirte seine
Ausbildung zum Bogenschützen. Manche nennen den eleusinischen König
Eumolpos oder Rhadamantus als seinen Lehrer im Umgang mit Waffen und in
Bezug zum Musikunterricht.
So gesehen scheint es eher umgekehrt von symbolischen
Belang,
dass
ausgerechnet Herakles, der nicht von Chiron erzogen wurde,
später Chiron verletzte.
Chiron und Heracles waren freundschaftlich verbunden.
Daneben wird im Mythos selbst, in Bezug zur ursächlichen Verletzung, oft auch nicht ausdrücklich zwischen Chiron und Pholus unterschieden, so dass entweder Chiron am Fuß/Knie verletzt wurde, und in anderen mythischen Geschichten jedoch Pholus; - vielleicht ein Hinweis auf die Ähnlichkeit beider. Nur im weiteren Verlauf des Mythos wird anscheinend die Geschichte der Verletzung um Chiron fortgeführt. Und somit gilt vermutlich die Suche nach dem Heimittel explizit Chiron, die Verletzung aber steht in Bezug zu jenen Kentauren, die ihre Triebhaftigkeit mit menschlichen Eigenschaften erweitern konnten, und das sind eigentlich nur Chiron und Pholus.
Chiron
galt als unsterblich und litt deshalb - in
der am
meisten
bekannten Variante des Mythos - auf
ewig an seiner durch Herakles zugefügten Wunde. Er suchte deshalb nach
einem Mittel und das ist meiner Meinung nach
ausschlaggebend,
und nicht die Verletzung an sich!
Alle anderen
Kentauren
galten als wild
und besessen von ihren Trieben und Launen. Wäre die Verwundung
übrigens
im
oberen Brust-Bereich, drückte sich eine etwas andere Symbolik
aus.
In
Chiron und noch mehr bei Pholus
stoßen wir auf das typische Sinnbild der Kentauren, welches den
Widerstreit zwischen Tierischem
und Menschlichem in uns zum Gegenstand hat. Bei den übrigen Kentauren
jedoch, wurde der menschliche Teil zum Werkzeug des animalischen, bei
Chiron aber wurde das Animalische zum Werkzeug des Menschen (vrgl.
Instinkte, Gespür im Dienste des Geistes). Pholus könnte man ansehen
als "an der Schwelle" dieser Kontrolle über das Animalische,
Pholus ragt nicht an Chirons Menschlichkeit heran, aber ist
auch
nicht mehr ganz im Bann seiner animalischen Triebe, es schlägt jedoch
zuweilen durch.
Nur Chiron und Pholus tragen
typisch menschliche Züge.
So kann man Chiron verstehen als Veranschaulichung der Einsicht, dass der Mensch zum Überleben eine Harmonie braucht zwischen dem, was geistig-menschlich ist in ihm, und dem, was sinnlich-animalisch ist an ihm, und auch um ihn herum. Da die Kentauren eine wilde Bande bildeten.
So erhält Chiron auch die für einen Kentauren zunächst befremdliche Eigenschaft, der Erfinder einer so wesentlichen Kunst wie die Medizin zu sein. Es ist eine Kunst, die Leben erhalten will, und dieses tut er, indem er zum Beispiel in den Kräutern eine natürliche Kraft kennt und zu handhaben weiß, die den Kranken wieder harmonisch in das Leben einzufügen vermag (Cornutus spricht von der Wirkung des Sanften um das Wilde zu besänftigen). Genauso verhält es sich mit der Musik als dem Gefüge der natürlicher Ordnung der Dinge, wie sie sich eher dem Geistigen offenbart. Chiron spielt ein Saiteninstrument (Pan und andere die Flöte). "Das ist apollonische Musik, an der wir teilhaben an einem kosmischen Prinzip des Beständigen, das dem Vergänglichen Halt gebietet." (Lücke S.190f)
Der Bezug Chirons zu Prometheus mag interessant sein, da Chiron durch den Tausch mit Prometheus von seiner Unsterblichkeit und damit von seinen ewigen Leiden erlöst wird. Chiron als Kentaure kommt mit Prometheus in Kontakt; hier ist Prometheus wieder jemand, der anderen aus den Fesseln der Bedingtheiten befreit, aber gleichwohl auch sich selbst dadurch befreit (von den Qualen des Adlers).
Zeus hat jedenfalls Mitleid mit dem unglücklichen Tugendhaften (dem Chiron), als Prometheus den Zeus um den Tausch bittet, da Chiron nach Erlösung strebe. Daraufhin stirbt Chiron, weil er seine Unsterblichkeit verliert. Der Tod als Erlöser.
Lücke spricht davon, dass im Treffen mit Prometheus, hier Heilgott und Handwerksgott aufeinander treffen, Götter zu Nutzen und Frömmigkeit des Menschen.
Weitere Bezüge sind: Eurystheus als der Auftraggeber Herakles, weil Herakles nur deswegen bei Pholus zu Gast war - in Folge dessen sich Chiron verwundete - weil er den vierten Auftrag erledigte; Hera, weil sie die lernäische Schlange schuf, aus dessen Gift Chirons Verletzung herrührte; Hermes und Pallas Athene, weil sie auf einer Vase (ebenso als Teil des Mythos zu betrachten) abgebildet waren, die Pholus und Herakles in der besagten Höhle zeigen. Und es gibt sicher noch einige "Zusammenkünfte".
Nicht in allen Varianten des Mythos wird Chiron zudem als Erlöser von Prometheus dargestellt, sondern oft ist es Herakles, der einfach den Adler abschoss; jener Adler, der tagsüber die Leber von Prometheus ständig auffraß, während sie des Nachts wieder neu wuchs. Dann aber ist Herakles vielleicht von einem gewissen Gewicht in Bezug zu Chiron? (Wenn denn Prometheus so oft in Bezug mit Chiron gesetzt wird, so wäre dies logische Folge).
Ansonsten ist meines Erachtens nach der Zusammenhang zwischen Chiron und Prometheus ist nicht sehr deutlich und die Versuche Chiron mit Prometheus in Verbindung zu bringen können nur eine Facette (das Ende Chirons) widerspiegeln, jedoch wird oft mit der Verbindung beider viel mehr gedeutet als wie es plausibel wäre.
Aeschylus, Prometheus 1026 ff.:
"Ein Ende der so
beschaffenen Qual erwarte nicht, bevor nicht einer der Götter als
Stellvertreter deiner Leiden erscheint und gehen will in den lichtlosen
Hades und den finsteren Tiefen des Tantaros."
Uranus korrespondiert mit der mythologischen Gestalt von Prometheus, denn beiden geht es um den Freiraum des Mensch-Seins, der auch dadurch geschaffen wird, indem neue Möglichkeiten zur Verfügung stehen (das Feuer symbolisiert den Aufbruch zu neuen Ufern). Da Chiron an die Umlaufbahn von Uranus nahe heran kommt, wäre der Bezug zwischen Prometheus und Chiron tatsächlich nicht abwegig. Es passt auch, dass Chiron im Mythos mit Prometheus (aber nur anekdotisch) verbunden ist.
"(2,38) Der Kentaur (Centaurus).
Von diesem sagt man, er sei (der) Sohn des Saturn und der Philyra
namens Chiron, von dem man der Meinung ist, daß er nicht nur die
übrigen Kentauren, sondern auch die Menschen an Gerechtigkeit
(iustitia) übertroffen und den Aesculap und den Achilles aufgezogen
habe. Durch Treue (pietas) und Gewissenhaftigkeit (diligentia) hat der
bewirkt, daß er unter die Gestirne gezählt wurde. Als Herakles bei
diesem einkehrte und zusammen mit Chiron sitzend (seine) Pfeile
betrachtete, - so wird berichtet - sei einer von ihnen auf (einen) Fuß
Chirons herabgefallen und habe ihn so umgebracht. Andere abder sagen,
der Kentaur habe sich gewundert, daß (Herakles) mit so kurzen Pfeilen
so große Kentaurenkörper umbringen konnte, habe selbst versucht, den
Bogen zu spannen, und so sei ein Pfeil aus seiner Hand geglitten und in
seinen Fuß gefallen. Deswegen habe sich Jupiter seiner erbarmt und ihn
unter die Gestirne versetzt mit einem Opfertier (hostia,
auch ein
Sternbild), das er auf den Altar (ara,
auch ein Sternbild) zu halten und zu opfern scheint. Von diesem
(Kentauren) haben andere gesagt, er sei der Kentaur Pholos, derjenige,
der durch (seine) Eingeweidenschau (haruspicium)
über die übrigen hinaus am meisten gegolten habe; und so stelle man
sich vor, daß er nach dem Willen Jupiters mit dem Opfertier zum Altar
komme.
(3,37) Der Kentaur (Centaurus).
Diesen stellt man sich so vor, daß er mit den Füßen auf dem südlichen
Polarkreis zu stehen und mit den Schultern den winterlichen
(Wendekreis) zu tragen scheint, wobei er mit dem Kopf beinahe an den
Schwanz der Hydra stößt, mit der rechten Hand das Opfertier (Hostia)
auf dem Rücken liegend hält, das mit den Füßen und der Maulspitze den
Winterwendekreis berührt und zwischen diesem und dem Südpolarkreis
gelegen ist. Des Kentauren Beine aber trennt vom übrigen Körper der
Kreis, der der milchige genannt wird. Er blickt zu den Aufgängen der
Zeichen, und geht ganz unter, wenn Wassermann und Fische
aufgehen,
geht hingegen auf mit Skorpion und Schütze.
Er hat drei schwache Sterne über dem Kopf, in jeder der beiden
Schultern helle Einzel(sterne), im linken Ellenbogen einen, in der Hand
einen, in der Mitte der Pferdebrust einen, in den beiden vorderen
Kniekehlen je einen, zwischen den Schulterblättern vier, im Bauch zwei
helle, im Schwanz drei, im Pferdekreuz einen, in den hinteren Knien
Einzelsterne, in den Kniekehlen Einzelsterne, insgesamt 26.
Das Opfertier (hostia) hat aber im Schwanz zwei Sterne, im ersten
Hinterfuß einen und zwischen beiden Füßen einen, zwischen den
Schulterblättern einen hellen und im vorderen Bereich der Füße,
darunter einen zweiten, im Kopf drei angeordnet, insgesamt zehn."
Übersetzung von Dieter Koch, zitiert aus: Koch/Heeren "Pholus - Wandler
zwischen Saturn und Neptun"; Chiron Verlag 1995. S. 260/261.
Dieter Koch merkt an, dass diese Bezüge zur
Astronomie (centaurus,
ara, hostia)
heute wegen der Präzession nicht mehr zutreffen. Es kann gut sein, dass
hier in diesem Text auch zum Ausdruck kommt, wie im Mythos die
Begrifflichkeit des Chiron und der übrigen Kentauren nicht eindeutig
voneinander getrennt sind. Auch Chirons und Pholos`
Eigenschaften sind oft nicht eindeutig
voneinander zu trennen, wenn im Mythos von ihnen erzählt wird.
Andererseits stellen diese symbolischen und astronomischen
Beschreibungen vielleicht einen Kern der damaligen antiken Auffassung
dar und
könnten für die Einschätzung Chirons schon entfernt nützlich
sein. Hier geht es um die Bezüge
Opfertier und Altar. Das Pferd nimmt in der griechischen
Kulturgeschichte einen bedeutsamen Platz ein und wurde oft
geopfert.
Pholos ist jemand, der die Gabe der Weissagung hat.
Hier wird jedenfalls auch Chirons Verletzung am Fuß
im Gegensatz
zum Knie erwähnt.
Die Lernäische Hydra, aus der das Gift stammte, mit welchem
Chiron
von Herakles so sehr verletzt wurde, war ein Schlangenungeheuer mit
neun Köpfen (andere Versionen des Mythos erzählen von fünf oder gar von
hundert Köpfen).
Diese Hydra versetzte die Landbevölkerung in Angst und
Schrecken mit ihrem giftigen Atem und dem Verwüsten der
Felder.
Herakles musste als zweite seiner zwölf Aufgaben auch die
Hydra
besiegen, stellte zu seinem Erstaunen aber fest, dass wenn ein Kopf
abgeschlagen wurde, sogleich zwei neue Köpfe aus dem Stumpf hervor
wuchsen. Mit einem
Trick gelang es Herakles und seinem Gefährten schliesslich, mit Feuer
die Schlangenstümpfe anzusengen, so dass keine neuen Köpfe
hervorwuchsen konnten.
Herakles nutzte später das Gift der Hydra für seine Giftpfeile.
Eines Tages, während Herakles mühevoll den erymantischen Eber
verfolgte
- als vierten
Teil seiner zwölf Aufgaben (bei anderen werden übrigens die Aufgaben
von
Herakles anders gezählt, dort ist es die siebte Aufgabe) - ,
kam er zu Pholus (im Mythos
Pholos geschrieben), einem edlen und gesitteten Kentauren,
der in einer
Höhle lebte und sich vom rohen Fleisch ernährte.
Herakles wurde gastfreundschaftlich aufgenommen, und ihm zu Ehren
röstete Pholos ein schönes Stück Fleisch. Herakles bat nun auch um
einen guten Schluck Wein zum Mahl. Pholos aber erwiderte, dass er nur
ein einziges Fass Wein besäße, das allen Kentauren des umliegenden
Gebirges gemeinsam gehörte. Herakles beharrte auf seinen Wunsch und
Pholos gab schliesslich nach und öffnete das Faß und servierte den
köstlichen Wein mit dem starken Aroma. Bald wurden jedoch die Kentauren
durch den starken Duft angelockt, der sich im ganzen umliegenden Wald
verbreitete. Sie rannten herbei und eilten wütend zur Höhle. Allein vom
Weinduft waren sie schon so berauscht, dass sie sofort Streit anfingen.
Herakles sah sich bedroht und erlegte nun der Reihe nach etliche
Kentauren mit seinen Giftpfeilen. Daraufhin verletzte sich Chiron
entweder versehentlich beim Betrachten eines solchen Pfeils (je nach
Variante des Mythos) oder durch einen im Kampfgetümmel verirrten
Giftpfeil, der durch Herakles abgeschossen wurde.
Manchmal wird auch dieselbe Geschichte der Verletzung in Bezug zu
Pholos berichtet; nur zu Chiron gibt es allerdings die Verknüpfung mit
der ewigen Qual dieser Verletzung, da Chiron als unsterblich gilt.
Am Fuß verletzt zu sein, macht sich bei jeder Berührung mit dem Boden bemerkbar: man möchte den Fuß vom Boden abheben.
Für
das Knie steht vor allem das steife Bein im
Vordergrund. Wenn man am Knie verletzt ist, wird das ganze Bein steif
und die Beweglichkeit wird eingeschränkt. Man wird stets erinnert,
dass ein Verbindungsgelenk (Knie) beschädigt ist. Ich denke gerade
dieses Verbindungsgelenk könnte in Bezug zu Chiron auch symbolisch
entscheidend sein. Denn Saturn wird dem Knie symbolisch zugeordnet.
Weiterhin ist so ein steif gewordenes Bein nicht mehr flexibel.
Man kennt vielleicht diese Schilderungen eines Mottos, wonach die
Beweglichkeit und Flexibilität in der Natur einen Vorteil gegenüber der
Steifheit hat, die irgendwann zerbricht, während eine flexible Sache
nachgibt und damit erhalten bleibt in ihrer strukturellen Ganzheit.
Kommt
man zurück auf den griechischen Mythos mit den Kentauren, so steht die
untere Seite des Körpers insgesamt für den instinktiven Bereich, für
die Wildheit der Triebe, das Tier im Menschen, auch für das verletzte
Tier (animalischer Teil des Menschen), für den Trieb im weitesten
Sinne, für die Abhängigkeit durch mechanische Gewohnheit und
Verwurzelung des Verhaltens in den Gründen des Unbewussten.
Es passt ins Bild der Instinkte, dass das Gift, mit dem Chiron
so sehr verletzt wurde, von der Hydra stammt, deren Köpfe so zahlreich
waren, und bei der zwei Köpfe nachwuchsen, wenn man einen abschlug.
Denn so sind die Instinkte, mit einer Instinktregung geht oft eine
andere einher. Und beschränkt man den einen Instinkt, bleibt oft ein
noch viel grösserer. So kann es darum gehen, die Instinkte eben nicht
zu begrenzen, oder zu verdrängen, sondern kontrolliert auszuleben.
Melanie Reinhart spricht in Beug zu dem unteren Teil der Kentauren vom niederen Selbst. Dieser Teil des Seins strebt unwillkürlich zur Entfaltung - auf dieser Ebene beginnt auch das menschliche bzw. körperliche Wachstum bei der Geburt.
Insofern könnte eine Verletzung des Triebes oder Instinktbereiches auch den Geist lähmen. Der Geist wird abgelenkt durch einen aus den Tiefen empor dringenden Stöhnen. Emotionale Schmerzen und Leiderfahrungen aller Art, Druck aufgrund von Sanktionen oder Entbehrungen sind hier durchaus ähnlich, weil auch hier der Geist seine Klarheit verliert und korrumpierbar wird für die Triebe und Instinktreaktionen, Reflexe und Konditionierungen (die mächtigsten Konditionierungen sind die, die wir an uns selbst vornehmen). Dabei besteht kein rationaler Grund dafür, dass wir irgendein Leiden hinnehmen sollten, aber wir können das mit dem Verstand noch so sehen, doch unsere menschlichen Wurzeln vermögen nicht drüber hinweg sehen.
Ferner könnte ein
Zusammenhang mit dem unbewältigten Unbewussten bestehen. Eine
Verletzung des instinktiven Bereiches der Bedürfnisse
ruft Alarmsignale hervor,
die nicht überhört werden können bzw. nicht überhört werden wollen,
und
verlangen eine Lösung oder Auseinandersetzung. Der Schrei rührt aus den
Tiefen und gemahnt an
eine Behebung. Es ist eine Ablenkung entstanden. Für den Menschen kann
man den Zustand der Ablenkung übertragen, auf seine Eigenschaft "Geist"
zu haben, denn wenn man sich den höherem Geistigen zuwendet
(spirituelle Evolution), dann rührt sich aus der Instinktsphäre ein
kleiner Kummer, der nach Genuß und Bequemlichkeit der Routinen heischt.
Melanie
Reinhart sprach
bereits an, dass Chiron - in gewissen Versionen des Mythos - durch die
unablässige Suche nach einem Heilmittel auch fähig wird, viele andere
Leiden zu heilen, weil er während der Suche nach dem Heilmittel zu
seinem speziellen Leiden, diverse andere Heilmittel findet. Meiner
Meinung nach ist das Finden von Mitteln im Allgemeinen auch die
Hauptbedeutung des Chirons.
Ein Kentaure wird mythologisch als das Wesen betrachtet, welches sich seiner animalischen Seite bewusst geworden ist, und durch diese Instinkte heraus handelt; der Kentaure hat zur Hälfte den Unterleib eines Tiers, und zur anderen Hälfte ist er Mensch.
Der Kentaure ist zu Bewusstsein und zur weiteren Entfaltung von menschlich-kultivierten Bewusstsein fähig, aber offenbar hindert ihn der animalische Teil daran. Die meisten Kentauren leben allein aus der Sphäre der Instinkte, sie sind besessen von ihren Trieben, und die Triebe kontrollieren bei ihnen alles.
Es geht bei den Kentauren nicht nur um das Ausleben der Instinkte, sondern auch um die Wiederkehr der Instinkte. Eine Instinktregung, dem nachgegangen wird, wurde nun Nahrung zum Wachstum gegeben. Daraufhin folgt die Erwartung und Aussicht auf weitere Entfaltung, und solange der Instinktregung nicht nachgekommen wird, ergibt sich für den Menschen aus seinen animalischen Bereichen herrührend die Erfahrung eines Mangels. Ohne Disziplin, Selbstbeherrschung oder auch Norm und Sitte würden diese Triebe sich in einer Weise durchsetzen, dass den stärksten Triebregungen stets die Oberhand zukäme und sie dann das ganze Wesen in seiner Bewegungsrichtung massgeblich bestimmen würden. Aber wir sind ja nun als Menschen in der Lage, und manchmal ist das zwingend, uns zu beherrschen. Viele verlieren aber durch eine Überanpassung an die Norm, durch die Entfremdung von sich selbst, den Kontakt zu ihren Urgründen sehr weitreichend, und auf verschiedenen Arten kommen so Kompensationen und Hemmungen zustande, die zum Beispiel die Sexualität betreffen, aber auch berufliche Zielsetzungen. Denn nicht alle Triebe müssen ja gleich mit der Sexualität zu tun haben, sie betreffen eigentlich unsere ganze Wunschnatur. Und eben diese kann nicht hundert prozentig ausgelebt werden, denn das hätte die Konsequenz, den Instinkten ausgeliefert zu sein und man würde gewiss viele Gebote und Verbote der gesellschaftlichen Norm berühren. Der Kriminelle und Straftäter lebt seine Wunschnatur gewöhnlich ungehemmt aus, wobei das Wort 'Hemmung' in einem Kontext des natürlichen Gewissens gestellt werden muss.
Die Instinkte fesseln das Bewusstsein, also wie wir uns selbst wahrnehmen.
Ixion als Vater der Kentauren wird im Mythos in die lichtlose (!) Unterwelt verbannt, und an ein flammendes Rad (=Aspekt der Wiederholung) gebunden, von den Rachegöttinnen, den Furien, gequält.
In der astrologischen Bedeutung von Chiron könnte es um einen Übergang oder eine Brückenbildung von Tier/Instinkt zu Mensch/Kultur gehen. Das Tier ist begrenzt auf seine Triebe, der Geist sprengt diese Begrenzung auf und kann die Triebe nach seinem Willen nutzen.
Chirons astronomische Umlaufbahn scheint
instabil zu sein; eines Tages könnte er aus dem Sonnensystem
geworfen werden. Sein Auftreten begleitet uns also vielleicht nur über
einige hundertausend bis einige Millionen Jahre.
Es ist also
vielleicht ein
grundsätzlich nur
vorübergehender Prozess, ein Teilstück des Weges angesprochen, welches
dem Chiron
Prinzip innewohnt - Chiron als Brückenschläger, uns ans Ziel
eines evolutionären Fortschritts zu bringen.
In dieser Hinsicht soll vielleicht der Menschheit das Bewustsein für die potentielle Verletzung und auch die Konsequenzen aus dem Ausbruch aus bestehenden Ordnungen und Zuständen geschärft werden (alles Neue hat seinen Preis), und das Gelernte in das kollektive Erbe eingehen. Es ist die Frage: Wie es ist, eine Verletzung oder Beschränkung zu erfahren - um auf diese Weise Strategien oder ein Bewusstsein zu entwickeln, welche es erlaubt, mit Schwierigkeiten des Mangels und der Möglichkeit von Verletzung umzugehen; man stelle sich eine neue Lebensart vor, wo ein Wunsch prompt in die Tat umgesetzt wird? Das ginge in dem jetzigen Zustand der Menschheit wohl nicht, es ist der alte Hut: der Begrenzung unserer Möglichkeiten zum eigenen Schutz und zum Schutz der anderen. Die prompte Ausführung eines Wunsches, der Zauberei ähnlich, würde das Chaos heraus beschwören, weil der Mensch dazu noch nicht reif ist, aber es gibt esoterische Ansichten, dass eines fernen Tages die Menschheit eine neue Stufe der Evolution erreichen werde, wo der Körper nicht mehr zwingende Vorraussetzung zur Existenz ist, und so gesehen der Wunsch die Mutter aller Taten werden kann, weil das Bewusstsein in einer ganz anderen Weise Konsequenzen schafft, vielleicht in einem allen gemeinsamen Bereich der bloßen Wahrnehmung, also einem (kollektiv gelebten) Traum vergleichbar, in denen dennoch jeder mit jedem verbunden ist. Das wäre nun allerdings für uns Zukunftsmusik.
Es kann auch so gesehen werden: Ein jeder Zustand kann aufgebrochen werden: indem dies geschieht, wird ein Prozess hervorgerufen, der vielleicht als leidvoll erfahren wird, weil die alte Ordnung verlassen wird.
Das im Chiron angelegte Prinzip der Beschränkung soll vielleicht darauf verweisen, dass man sich momentan an den alten Zustand gewöhnt hat, und es gilt nun zu akzeptieren, dass der Aufbruch zu neuen Ufern erfolgen muss, was zum Beispiel heutzutage ökologisch zwingend ist, und Chiron wurde offiziell entdeckt, als das Thema Ökologie mit der Gründung der grünen Partei hoch aktuell geworden war - aber der Aufbruch zu neuen Ufern kann auch an der Innovation der Computer und digitalen Welt gesehen werden, auch an den Aktienmärkten, sogar an der Globalisierung. Wenn dieser Aufbruch also unkontrolliert, ohne Bewusstsein der Folgen geschehen würde, könnte dieser Versuch letztlich verhängnisvoll oder richtungslos werden. Ohne Empathie und Liebe würden wir uns zu den Königen der anderen machen, nur um selbst mögliche Nachteile anderen aufzubürden. Wer einen Stein ins Rollen bringt, das lehrt uns Chirons Verletzung, ermuntert andere dasselbe zu tun.
Einer der ersten Astrologen, die sich eingehend mit Chiron befassten, Zane B. Stein, bildete die These, dass Chiron erst in das Sonnensystem kam, nachdem der Mensch auftrat und sich aus der Instinktsphäre des Tiers begann zu erheben.
Symbolisch kommt beim Kentauren - abgesehen von der oben
genannten
These -
jedenfalls etwas offensichtliches zum Ausdruck:
Die
Zweiteilung in tierischen
Unterleib und menschlichen Oberkörper. Es ist die Polarität
zwischen a)
Körper, Fleisch, irdischem
Materialismus der Verhaftung , der sich nicht für geistige
Belange
interressiert; damit auch Starrheit, Trägheit und dem anderen Teil b)
Geist, welcher stets
nach vorne
und aufwärts strebt, dem das Fleischliche zunächst nicht interessiert,
und dem das Vernachlässigen des Körpers ja auch zum Verhängnis werden
kann.
Aus dem Einbezug des Geistes wird negativ der getriebene
Wahnsinn und
positiv Evolution und Transzendenz, die aus diesem Einbezug des Geistes
folgt, wenn
auch erst aus der anfänglichen Dualität diese höherstufige Synthese
erst noch ausgebildet werden muss. Der chironische Fehler besteht auch
in dem Unmaß
eines geistigen Höhenfluges, der seine Gründe und körperlichen
Bedingtheiten vergisst.
Es ist anzunehmen, dass der Wandel des frühmenschlichen
Bewusstseins
hin zur
Kultivierung der Sprache, und damit der Abstrahierung der eigentlichen
Wirklichkeit nicht abrupt geschah. Sondern das alte Bewusstsein des
Frühmenschen - mit jenem Einklang der Wahrnehmung zwischen Innen und
Aussen - war noch
später gegenwärtig. Vielleicht war die Möglichkeit des
unmittelbaren Einheitsbewusstseins noch immer gegeben als momentweise
Möglichkeit,
und als gegebene Pforte,
die man
jederzeit durchschreiten konnte, wenn man wollte. Während der
sprachliche Ausdruck,
die Kommunikation und die Kulturleistungen nebenher zunahmen.
In einem frühzeitlichen Bewusstseinszustand in der Kulturgeschichte des Menschen, nahmen die Menschen die Welt mit archetypischer Intensität wahr, wie es M. Reinhart ausdrückt.
Es war also eigentlich eine Art Traumwelt. Innen und Aussen verschmolzen zu einer Einheit. Emotionen und Eindrücke ergaben das Netz dieser Traumwelt. Das Bewusstsein wurde wie in einem Netz aufgefangen mit einem Gefühl von Bedeutung. Später musste, weil das Denken und die Unterscheidungsfähigkeit aufkeimten, sozusagen das Denken dafür sorgen, dass das Bewusstsein und der Eindruck, jemand zu sein, aufgefangen wurde. Die Bedeutungen gab man nun mit dem Denken und der Rationalität.
Ein Einheitsbewusstsein kann nur geschehen, indem eine tiefe Verbundenheit mit der Welt der Instinkte und damit "Selbstgewahrsein" möglich wird, bei dem prinzipiell alles im Einklang ist. Andererseits mag dem auch ein Mangel an Vielfalt gegeben sein. Es gab nur den Augenblick, aber vielleicht so gut wie keine Veränderung der Umstände, keine Erweiterung - vielleicht war dieser Zustand als Sprungbrett für die Entfaltung weiteren Bewusstseins (Verstand, Ego als Zentrum der Reflektion) sogar ein Analogum für den ursächlichen Antrieb zur Schöpfung: Luzifer sollte Licht machen, ihm wurde freie Hand gewährt, weil es anders - etwa mit einem genauen Plan - nicht vollbracht werden konnte, denn das wäre wieder etwas gewesen, dem keine wirkliche Erweiterung inne gewohnt hätte: weil ein geplantes Vorgehen bereits bewusst gewesen wäre, die Folgen und Vorgehensweisen also bekannt gewesen wären. Sonst kann ja nichts geplant werden. So gesehen ist der Zufall, und das Wechselspiel zwischen Gut und Böse, vielleicht ein Prozess, um die bislang unbekannte Vielfalt zu erzeugen. Der Plan der Schöpfung beinhaltet also ein Kalkül, mehr nicht. Und immer gibt es einen Sprung zu machen, ein Überwinden eines alten Zustandes, um den Sinn der Schöpfungsordnung zu erfüllen: durch Entscheidungen die bloße Vielfalt auch in eine Richtung der Evolution zu führen, bedeutet ein Risiko einzugehen. Das Denken setzt sich darüber hinweg und die Neigung entsteht, sich auch über die animalische Natur hinweg zu setzen.
Die
wilden Kentauren können analog gesetzt werden mit dem wild wuchernden
animalischen Trieben. Chiron ist aber nicht einer dieser
Wilden,
er nimmt eine Sonderstellung ein.
Weder die wilden Kentauren noch
Chiron sind aber frei von den animalischen Urgründen. Wenn der wilde
Kentaure mit der unmittelbaren Abreaktion in Verbindung steht, und so
zur Wildheit kommt, so ist
Chiron diesbezüglich bewusster und weiser, und sucht nach einem Mittel,
um der
Ursache des Begehrens oder Schmerzes auf angemessenere Weise zu
begegnen.
Das Intervall zwischen animalischen Trieben und Weisheit wird überbrückt durch eine entsprechende Geisteshaltung und Anstrengung.
Chiron steht hier in dem Bezug zu dem Finden passender Elemente, die den Handlungsablauf weiterführen, und ob das Intervall, mit dem der Handlungsablauf entschieden wird bzw. weiter geht, mit einem entsprechenden Mittel überbrückt werden kann.
Instinkte können alles mögliche sein, es ist das Feuer in uns und auch im umfassenderen Sinne all das, was uns am Leben erhält, inklusive dem Urgrund des (niederen) Selbst.
Letztendlich sind die Triebregungen und ihre Inhalte das, was uns das Leben erst lebenswert macht, weil es uns eine Herausforderung ist. Wir fühlen uns erst dann vollkommen, wenn wir den Trieben etwas Raum zugestehen.
Die Impulse der Bewegung, des Ansporns, und auch die Impulse zur Bewegung von Gedanken und Imaginationen, all das rührt zum grossen Teil aus der instinktiven Sphäre her. Wir werden von innen her bewegt. Unsere Welt als Wille und Vorstellung ist in einem gewissen Sinne also bewegt. Dabei sind die Instinkte, das Unbewusste, massgeblich entscheidend.
Denken wir das
Leben auf
eine archaische Situation
zurück, dann sind wir ständig der Gefahr ausgesetzt. Daher berührt die
Instinktsphäre auch den Überlebenswillen.
Wir
mussten als Mensch jedenfalls die Augen und Fühler wachsam
halten.
Es ist
auch jetzt noch die unbewusste, instinktive Frage, die in uns
bereit liegt: Wo lauert Gefahr?
Geraten wir in Stress, dann wird der Impuls sich vor Gefahren zu
schützen stärker. Wir wandeln sogar oft ohne dass wir es merken, durch
die Welt in einer
Habacht-Aufmerksamkeit. Verlieren wir die vertraute
Ordnung
unserer Wahrnehmung, wird diese Aufmerksamkeit noch mehr geweckt. Es
regt sich in
bestimmten Umständen ein innerer Fühler, der sich ausstreckt nach
den leisesten Zeichen von Gefahr.
Die übrigen Kentauren neben Chiron gelten meist als Inbegriff der Wildheit, als Naturdämonen. Chiron stellt den einzigen Weisen dar, dem es durch seine Gabe der Weisheit gelungen ist, die Natur des Tieres und des Menschen in einer Person zusammenzuführen, während bei den übrigen Kentauren die tierischen Instinkte den Verstand massgeblich beeinflussen.
Der Kampf der Kentauren an vielen Stellen der Mythen kann man sogar mit dem Kampf der Götter gegen die Giganten vergleichen. Marilena Karabatea hat diesen Vergleich formuliert: "In beiden Fällen geht es um den Kampf des Guten gegen das Böse. Die Giganten hatten sich gegen Zeus erhoben, um die von ihm gegebene Ordnung der Welt zu zerstören. Auf der anderen Seite weigern sich die Kentauren, obwohl sie von einem Sterblichen abstammen (Ixion), sich den gesetzen und Normen zu unterwerfen, die die menschlichen Gemeinschaften regieren. Der Sieg über die Giganten symbolisiert demnach ebenso den Sieg der Kultur über die Anarchie wie derjenige über die Kentauren. [Anmerkung: Im Original bei Karabatea wird von einem Sieg der Zivilisation geredet, was mir persönlich jedoch nicht genau genug formuliert ist.]
Dieter Koch weist daraufhin, dass Chiron nicht nur als Heilerplanet gelten kann, sondern auch als Kriegerplanet. Tatsächlich, etliche esoterische Lehren weisen auf eine Art Kriegspfad hin, auf dem wir uns begeben, indem wir gegen das Niedere in sinnvoller Weise ankämpfen.
Chiron bietet uns die Herausforderung, an unseren eigenen Schwächen zu wachsen. Es gibt immer etwas, was dem Geist im Wege steht. Die Lösung kann nur in einer weisen Art der "noblen Kriegsführung" gegen die eigenen Schwächen bestehen. Das Ego und die Persönlichkeit, um die herum so viel wachsen kann, mag ungerne etwas aufgeben wollen. Irgendeine Verletzung wird oft als solche erfahren, obwohl sie uns nichts von dem nimmt, was zu unserem Überleben nötig wäre und was sogar erst das Überlebenwollen oder-können hemmen mag.
Im Mythos gibt es einige Varianten, in denen Chiron an Krieg teilnimmt und er selbst hat immerhin sehr viele Helden unterrichtet, die in den Krieg zogen.
Der Weg führt immer weiter. Und die Illusion muss als eine begriffen werden, die uns erst manche (eingebildee) Wunde verursacht. Wir sehen nicht die Wunde, sondern meist die Illusion. Die Wunde ist unsere eigene und doch ist es oft nur Chiron.
Der normale Fluß des Lebens lässt uns Kontinuität erwarten. Dann fehlt diese plötzlich, etwas gerät ins Stocken und wir fühlen uns hilflos - und trotzdem können wir mit entsprechender Aufmerksamkeit und Bewusstheit handeln; warum also Ärger, Ängste, Unsicherheiten, Sorgen? Sie werden uns nicht aufmerksamer machen, sondern ablenken.
Auf diese Stockung eine Lösung finden, das ist vielleicht die Aufgabe. Wir könnten vielleicht zu Umwegen gezwungen werden, oder zur Einsicht bzw. Überprüfung, ob etwas Bestimmtes wirklich notwendig ist.
So wird Chiron auch zum
Lichtbringer, und es scheint, als dass eine Stockung gar nicht mehr
nötig ist, weil wir es in uns nicht mehr zulassen, blockiert zu
werden und nach einem Ausweg suchen müssen - es ist nun das
Licht,
also der Fingerzeig Teil seiner
Symbolik geworden (das ist oft bei Chirons Transiten so zu erleben) und
führt
uns näher an uns Selbst, und an die Wahrheit, weil nur das Wahre
oftmals das
einzige ist, was hilft.
Das kann natürlich oft schwierig
sein und
uns so mancher Ohnmacht ausliefern. Aber daraus entsteht auch
Lebenserfahrung und schliesslich Wissen, wie man gewisse Probleme lösen
kann. Man muss immer darauf achten, was einem die Erfahrung mitteilt -
es geht nur sehr selten wirklich alles glatt, aber dann bleibt uns in
der Nachbetrachtung die Quintessenz einer Erfahrung, die wir begreifen
können.
Es gibt auch eine Fabel von Romulus, die zwar nicht direkt auf Chiron Bezug nimmt, aber offensichtlich Ähnlichkeit mit dem Mythos um Chiron hat.
Der Löwe ist ein Symbol für Stärke und steht mit seinem goldenen Fell und Mähne auch für die lebensspendende Sonne und das Licht. Sie ist Sinnbild für das Beherrschende, Majestätische und Unüberwindliche, das Wort oder die Tat ist somit Gesetz. Aber der Löwe steht auch für die Wildheit, wenn ein Löwe mit einem anderen Tier kämpft, drückt sich darin die ungezähmte Wildheit aus. Ausserdem verweist der Löwe in der Symbolik auf die Triebkraft des Unbewussten, in sowohl positiver wie negativer Weise. Kann man seinen Instinkten Ausdruck verleihen, wird diese Kraft des Unbewussten direkt ausgedrückt. Aber es gibt eine innere Kraft, die sich akkumuliert und zwar insofern wir die Triebkraft des Unbewussten in geordeneter Weise aushalten, ohne ihr also konkret nachzugehen, aber auch ohne sie zu verdrängen. Die Kraft findet dann einen Kanal ins Bewusste, indem wir eine Reservoir einer zusätzlichen Willensstärke finden, die sich durch den kontrollierten Umgang mit unseren Trieben ergeben hat.
Im Löwe Zeichen der Astrologie drückt sich übrigens einerseits das Spielerische und andererseits die ausstrahlende Autorität aus. Das Spielerische der Kindheit findet seinen Schatten in der elterlichen Autorität, die zur autoritären Kraft werden kann. Anders herum findet die elterliche Autorität ihre Infragestellung durch das Bedürfnis der Kindheit alles spielerisch anzugehen. Im Prozess des Heranwachsens ergeben sich dadurch auf beiden Seiten prinzipielle "Verletzungen". Gewöhnlich siegen die Eltern und umso mehr sie das tun, desto grösser ist gewöhnlich der Reiz des in die Pubertät kommenden Jugendlichen, gegen diese verinnerlichte Autorität zu rebellieren, da sie als behindernd erkannt wird.
Vielleicht
ist es nützlich, diese Fabel - ohne weitere Deutung - im
Hintergrund der Symbolik von Chiron einfach auf sich wirken zu
lassen, ohne einen Zusammenhang mit Chirons Symbolik ausdeuten zu
wollen.
In einem gewissen Sinne erinnert mich diese Geschichte
im
Zusammenhang mit Chirons Symbolik an das Karma, das mit der
(erbrachten oder fehlenden) Aufbereitung von Leiden zusammenhängt.
Die Mächtigen sollen sich den Geringen dankbar erweisen, und wenn auch lange Zeit vergangen ist, dürfen sie es nicht vergessen. Daß so etwas auch einmal geschehen ist, zeigt folgende Fabel.
Ein
Löwe hatte sich einmal im Wald verirrt, und als er hin und her eilte,
war er in einen Splitter getreten. Da die Stelle eiterte, begann er zu
lahmen. So traf er einen Hirten. Mit dem Schweif wedelnd, tat er
sehr freundlich und hob immer wieder den Fuß hoch. Der Hirt aber hatte
große Angst, und als er den Löwen auf sich zukommen sah, bot er ihm
seine Schafe an, in der Meinung der Löwe suche Nahrung. Der suchte aber
keine Nahrung, sondern wollte von ihm geheilt werden und legte ihm ohne
weiteres seinen Fuß auf den Schoß.
Als der Hirte die
verletzte und
stark eiternde Wunde sah, kam ihm - geistesgegenwärtig wie er war -
eine guter
Gedanke: er nahm eine scharfe Ahle und öffnete vorsichtig die Wunde.
Als die Geschwulst so aufgemacht war, ging der Splitter zugleich mit
dem Eiter fort. Der Löwe fühlte sich erleichtert und leckte zum Dank
für die Heilung dem Hirten mit der Zunge die Hand. Eine Zeitlang blieb
er noch neben ihm sitzen, bis er wieder den alten Mut verspürte und
heil und guter Dinge seines Weges ging.
Geraume Zeit
später wurde
der Löwe gefangen und für die Arena im Amphitheater bestimmt. Der Hirt
aber wurde in einem Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt und sollte
den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen werden, an dem gleichen Ort,
wohin man den Löwen gebracht hatte...
Der Hirt wurde in
die Arena
geführt und gleichzeitig der Löwe herausgelassen. Mit raschen
Sätzen stürzte sich dieser auf sein Opfer, bis daß er den Hirten von
damals erblickte. Er erkannte ihn und ging langsam auf ihn zu, indem er
unter mächtigem Gebrüll seinen Blick zu den Zuschauern erhob. Darauf
ging er in der Runde am Balkon entlang und und kehrte dann zu dem
Verurteilten zurück. Er setzte sich neben ihn und wich nicht mehr von
seiner Seite, indem er ihn aufforderte, zu seiner Familie
zurückzukehren. Da erst begriff der Hirte, daß der Löwe zu seinem
Schutz so lange bei ihm blieb, und es kam ihm der Gedanke, daß es der
Löwe sei, mit dem er im Wald bekannt geworden war und dem er die
Geschwulst geöffnet hatte.
Noch zwei Löwen
wurden herausgelassen
damit der erste sich zurückziehe. Der aber wich nicht von
seinem
Wohltäter, sondern schützte ihn weiter. Als das Volk das sah, wunderte
es sich und fragte nach dem Grund. Als der Verurteilte den Grund angab,
verlangte es einmütig seine Begnadigung. So wurden sie zu gleicher Zeit
freigelassen: der Löwe durfte in den Wald zurückkehren, und der Hirte
zu seinen Angehörigen.
Diese Geschichte
muß man kennen, damit alle Menschen sich einander dankbar erweisen.
Wahrscheinlich stand im Zeitalter Platons das Expansionsstreben des Menschen und die nötige Mäßigkeit noch viel mehr im Vordergrund und die spätere römische Zeit mit Romulus hatte nun andere Ausgangspunkte gewonnen als wie die griechischen Antike.
In dieser Fabel wird das Motiv der Dankbarkeit und des Edelmutes angerührt. Und es schliesst sich am Ende der Kreis.