Astrologie - eine nützliche Fiktion?

Replik und Kommentar 

Ein Astrologe beschwörte unlängst eine Neukonzeptionalisierung der Astrologie als einen kreativen Zirkel, in dem die Astrologie jene Realitäten konstruiere, die sie gleichzeitig beschreiben würde. Der Astrologe meinte, Astrologie könne nicht objektiv werden und deswegen brauche sie einen subjektiven Rahmen.

Mit jedem Lehrbuch und jeder Deutungsansammlung zu einer bestimmten Konstellation finden wir jedoch, dass es allgemeine Gesetzmässigkeiten gibt, zu denen Astrologen aller Zeiten unabhängig voneinander kommen. Dies ergibt freilich nur Sinn, wenn wir nicht auf die Worte und Formulierungen schauen, sondern auf das Prinzipielle dahinter.
Ausserdem zeugt die Astrologie von vorneherein von einer Realität, die wir vorfinden und eben nicht erzeugen. Die Deutung muss als Brücke zu dieser verborgenen aber gegebenen Realität von Prinzipien, Kräften und Archetypen verstanden werden. Es anders zu sehen zeugt meiner Ansicht nach von einem mangelnden Verständnis der Astrologie als Ausdruck oder Spiegel der Schöpfungsordnung.

Die Astrologie ist tatsächlich überprüfbar als ein Mittel, einen bestimmten Ausschnitt der Wirklichkeit zu objektivieren. Wer Astrologie zu sehr in Richtung der Deutungskunst rückt, der begeht das Risiko, mit diesen Deutungen als nachgeordnete Instanz der Astrologie die lebendige Vielfalt des Lebens einfangen zu wollen. Dies wird niemals zur vollständigen Zufriedenheit gelingen können - mit keiner Typologie, mit keiner Psychologie und keinem Messinstrument.

Eine strukturelle Deutung, die nicht so sehr auf das Konkrete von sehr konkreten Aussagen zielt - aber gleichwohl in den aufgezeigten Strukturen nicht allgemein ist - kann am ehesten zeigen, dass Astrologie nicht fiktiv sein kann. Sonst käme sie nicht zu diesen aufzeigbaren Strukturen, die von vielen Menschen, die ähnliche Konstellationen aufweisen, nachvollzogen werden kann.
Die Schöpfungsordnung ist keine Fiktion, sondern Realität!

Zweifellos hat das Konzept der Astrologie als "nützliche Fiktion" den öffentlichen Diskurs befruchtet - es wurde allerdings von anderen Astrologen kritisch aufgenommen und von Skeptikern, wie nicht anders zu erwarten, als letzter Beweis für die Widerlegung der Astrologie verstanden.

Die Astrologie kann nur von denen überprüft werden, die diese Deutungskunst lernen. Der Astrologe, der die Astrologie als nützliche Fiktion hinstellt, übersieht, dass auch die Mathematik nur für jene überprüfbar ist, die die Mathematik lernen. Öffentlich nachvollziehbar wird die Symbolkunde prinzipiell nur für andere Symbolkundler, aber tendenziell auch für Laien!
Nun besteht das Vermögen, das man als Astrologe aufweisen muss, nicht in formelhaften und starren Mustern. 

Die Bedeutung der Symbole mag sich von Fall zu Fall ändern, aber es wäre eine falsche Aussage, wenn ein und dasselbe Horoskop nicht unveränderlich auf eine darin beschriebene Realität verweist! Diese Realität des Radix, könnte man Filter nennen, und wird freilich individuell anders aufgefüllt, was mit einem Unwägbarkeitsfaktor einher geht, oder aus esoterischer Sicht durch die Seele aufgefangen wird.

Worin ich dem Astrologen Recht gebe, der über diese "Nützliche Fiktion" schrieb, ist die grundsätzliche Schwierigkeit ein Horoskop in seinen Inhalten zu messen. Es gibt nur ein subjektives Messinstrument. Andererseits kommen wir damit aber wieder zum Fachlichen, so ist dies auch zB in der Psychologie der Fall. Was die Diagnosen des Arztes sind, so stehen diese analog zu üblichen Deutungsbeschreibungen zu bestimmten Faktoren der Astrologie. Die Diagnose stellt der Arzt aufgrund von Symptomen und seinem Erfahrungswissen. Die Symptome entnimmt sozusagen der Astrologe dem Bericht oder einer Frage, oder Kenntnis des Horoskopeigners - nicht ohne Rückgriff auf das Radix, womit die beobachtbaren Symptome spezifiziert, und geradezu objektiviert werden.

Auch mancher Soziologe hatte sich die Astrologie als nützliche Fiktion gedacht. Sie würde in dieser Weise den Menschen die weiten Bereiche ihres Innenlebens vor Augen führen. Aber bei solchen Konzepten fehlt der Bezug zum Ganzen und Eigentlichen, was die Astrologie wirklich beinhaltet. Solche Konzepte verunstalten und verfremden die Wahrheit und die Tatsachen.

Es ist nicht sachgerecht, die Astrologie in dieser Weise zu reduzieren und von dem Unbekannten zu befreien, das nur deshalb entsteht, weil es keine rationalistische Antwort auf die Ursache der Astrologie gibt. 

Grundsätzlich beruht das beschriebene Konzept einer "nützlichen Fiktion" auf einer groben Verfälschung der Astrologie, und geht an der Astrologie im Totalen vorbei.
Jeder Bezug zur Schöpfungsordnung wird als fiktiv bezeichnet. 

Warum es gerade 12 Zeichen sein müssen? Ich würde dagegen halten und fragen, ob man dies nicht in der Praxis herausfinden sollte, warum die 12 Zeichen nicht nur funktionieren, sondern wie die Erfahrungen einen zureichenden Grund liefern, diese 12 nämlich als massgeblich und eindeutige Unterteilung der Ekliptik anzusehen.
Wenn auch andere Unterteilungen möglich wären, so wäre dies aber kein Beweis für die Fiktion, sondern Ausdruck einer anderen Perspektive. Ausserdem ist es längst naheliegend, die Musik und Astrologie zu vergleichen. Dort finden wir die 12 Töne vor, und sie existieren ohne dass ein Mensch sie je definiert hätte. Dies kann man auf die Astrologie übertragen, was nicht willkürlich ist, sondern naheliegend aus bestimmten Gründen der Ähnlichkeit, wie die Astrologie und Musik fundiert sind.

Wie verhält es sich mit den Häusersystemen? Koch oder Placidus Häuser: Beides widerspricht sich nicht einander, sondern stellt - nachweislich - verschiedene Perspektiven auf. Ungeachtet dessen könnten einige andere Häusersysteme womöglich aber auch ungenau sein, unscharf, weil auf falschen Annahmen gründend. Aber da wir mit Placidus und Koch mindestens zwei taugliche Systeme vorfinden, sind die Häuser eben nicht grundsätzlich fiktiv.  

Wie erkennt man das alls? Bestimmt nicht durch gedankliche Konstruktionen oder Akrobatik, um zu sagen, dieses oder jenes Haussystem klänge unlogisch. Die Erfahrung belegt es, und bei mir ist die visionäre Erfahrung und eine an Vision grenzende Intuition (Erleuchtung) ein wichtiger Teil davon, nämlich letzte Zweifel endgültig auszuräumen.

Das erkenntnistheoretische Element an der Astrologie ist für mich als Astrologe nicht an ein selbstbestätigendes System der Astrologie zu glauben, oder einzusehen, dass es fiktiv ist - sondern zu erkennen, dass der postulierte Zusammenhang zwischen Leben und Planeten real und tatsächlich besteht - in welcher genauen Weise dieser Zusammenhang besteht, das gilt es noch zu erforschen.

Es ist wenig sinnvoll, die Astrologie in den Rang eines erkenntnistheoretischen Rahmens oder Produktes der Wirklichkeitserzeugung zu stellen, wenn dies nicht gleichzeitig bedeuten sollte, grundsätzlich alle Wahrnehmung - vom vorliegenden Tisch und Kugelschreiber, der hier vor mir liegt, bis hin zur wissenschaftlichen Untersuchung der Beschaffenheit der Atome - als Fabrikation der Interpretation von Wirklichkeit zu bezeichnen.

Was sich mit dem astrologischen Weltbild ergeben kann, ist von Astrologe zu Astrologe möglicherweise und womöglich ganz sicher anders - doch kann ich die Gemeinsamkeit in einem Weg zum synthetischen und flexiblen Denken sehen, und eben nicht in einem Weltbild, das auf einer starren Logik oder unveränderlichen Mustern aufgebaut wäre, und den Zwang zur erfüllenden Ordnung bedeutet.
Das Weltbild, das von der Astrologie gewöhnlich transportiert wird, ist lebendig wie das Leben selbst. Es gibt zahlreiche Perspektiven, das Leben mittels der Astrologie zu betrachten. Und es führt alles Astrologische viel eher zur Mitte, als zur Zersplitterung.

Wenn man sich von der Schöpfungsordnung entfernt, und von der eigenen Mitte - nur dann kann ich verstehen, dass man sich aus der in der Astrologie aufgezeigten Orndnung, also seinem Platz, entfremdet fühlt.
Was der Autor vermutlich im Sinn hatte, sind vielleicht jene Mängel, die bei der Deutung entstehen können, in dem ein Deuter den Platzanwärter mimt, ohne dabei angemessen die einem Menschen zustehenden Chancen auf seine Mitte, Verwirklichung oder Möglichkeiten bzw. Wege dahin zu zeigen. Das totalitäre Muster geistiger Gesetze kann nur von aussen, also von Deutern in die Aussage gelegt werden.

Zweifellos gibt es Tendenzen, einen Menschen geistige Leitideen diktieren zu wollen - doch nur in einem regelrechten Dauerbeschuss, vielleicht wie wenn man in einer Sekte stets einem Guru ausgesetzt wäre, hätte dies irgendeine feststellbare Wirkung. Denn die meisten Menschen legen sich selbst diese starren, totalitären, geistigen Muster zu. Die angemessen verwendete Astrologie befreit doch wohl eher davon, als wie diese Muster zu nähren. 

Was die Vorherbestimmung entsprechender Konstellationen angeht, dass also bestimmte Konstellationen immer dieselben Entsprechungen zeigen würden, ist das meiner Meinung nach das erste, was ein Astrologe begreifen müsste, dass es eine oder mehrere Einflussgrößen gibt, die nicht im Radix ablesbar sind, bzw. nicht vom Radix herrühren. 

Dennoch gibt es eine strukturelle Ebene der Deutung, eine zwar in den betreffenden Lebensreignissen allgemeine, aber vom Prinzipiellen her gesehen äusserst exakte Deutung, die nämlich Lebensthemen und Lebensbereiche beschreibt - in denen sich äussert prägnante Strukturen und fest gelegte Orientierungen und Bezüge beschreiben lassen.

Überhaupt wird von C. Weidner der Begriff der Ordnung zu sehr auf feste Vorstellungen einer verwirklichten Absicht bezogen, als wie die kosmische Ordnung nur eher bedingt, wie und dass sich etwas in Erscheinung bringt
Der phasenhafte Ereigniszwang mag von den Planeten ebenso herrühren, wie unsere Art, die Erfahrungen hinsichtlich unseres angelegten Wesens zu bewerten. Die Art der Ereignisse und deren Ort mögen wir aber selbst bestimmen. Der Autor hat Recht, dass der Deuter eher sagen sollte, "was sein kann", als wie "was sein soll", dass es sich um Möglichkeiten und nicht totale Bestimmtheiten handelt - doch übersieht der Autor, dass die Astrologie sehr wohl unveränderliche Ordnungen oder Archetypen widerspiegelt, und zudem die Schöpfungsordnung, an dem der Mensch Anteil hat, objektiviert. 
Nur wie sich die archetypische Ordnung in die Wirklichkeit verkörpert, das ist offen, aber dass sie es tut, ist eindeutig. 

Die Astrologie beruht in Wahrheit auf einer zeitlosen Schöpfungsordnung, die auch in tausend Jahren noch so existieren wird. 

Die Astrologie ist für eine Anhebung synthetischen Denkens sicher nicht mehr und nicht weniger geeignet, als wie die Kunst oder Ökologiebewegung. Vielleicht aber auch ein gewaltiges Stück mehr! 

Das Essay ist sicher ein gut gemeinter Beitrag zur Besserstellung der Astrologie. Dieses vorgelegte Konzept einer Astrologie, die bloß (irrelevante) Fiktion sei, muss als Kniefall vor der unverstandenen Astrologie gelten.
Der Ansatz ist jedoch begrüßenswert, die Astrologie auf ihre Grenzen und Probleme hin zu hinterfragen. Diese bestehen in der Tat in einer gewissen Unschärfe der meisten Deutungen, für das es verschiedene Gründe gibt. 

Der Weg der Objektivierung muss nicht über den Weg von (wissenschaftlichen) Studien allein führen, sondern kann auch in der Revision des Anspruchs bestehen, nämlich was Astrologie wirklich leisten kann, und was noch in den Händen und Vermögen des Deuters liegt. Es gibt weitaus bessere Möglichkeiten, die Astrologie zu objektivieren, als sie in ihren Grundbestandteilen derart arg zu verfälschen.

Zum Artikel "Nützliche Fiktion" von Christian Weidner, existiert eine pdf-Fassung mit weiteren Kommentaren.

Zum Leitartikel: Kann man Astrologie wissenschaftlich erklären?

Juni 2009
Stefan Arens